„…. weil er uns zuerst geliebt hat.“ – Anmerkungen zu 1. Johannes 4, 19 – 21

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Anmerkungen zu 1. Johannes 4, 19 – 21 

Der Wortverkündigung für den heutigen Mittwoch liegt der Bibeltext aus 1. Johannes 4, 19 – 21 zugrunde:

“Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat. Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und seinen Bruder doch haßt, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht! Und dieses Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll.“

 

Wir lieben …. 

Einige Bibelübersetzungen geben Vers 19 als Aufforderung wieder: “Lasst uns lieben, denn …“. Andere, wortgetreuere Übersetzungen übersetzen den Vers so: „Wir lieben, denn …“  Das ist gut nachvollziehbar. In den Versen davor erklärt der uns der Apostel Johannes nämlich, dass, wenn wir Gottes Liebe vollkommen erfahren haben, wir keinerlei Furcht – weder vor Gott, noch vor Seinem Gericht –  mehr haben:

“Hierin ist die Liebe mit uns vollendet worden, damit wir Freimütigkeit haben an dem Tag des Gerichts, dass, wie er ist, auch wir sind in dieser Welt. Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die vollkommene Liebe treibt die Furcht aus, denn die Furcht hat Pein. Wer sich aber fürchtet, ist nicht vollendet in der Liebe.

(1. Johannes 4, 17 – 18)

Wer sich vor Gott und Seinem Gericht fürchtet, der ist nicht vollendet in der Liebe, d.h. er hat die vollkommene Liebe Gottes noch nicht erfahren. Gott ist vollkommene Liebe:

“(…) Gott ist Liebe.“

(1. Johannes 4, 8)

Warum sollten wir uns fürchten, wenn Gott uns in vollkommener Liebe zugewandt ist? Wer Gottes vollkommene Liebe erkannt und an sich erfahren hat, der wird das tun, was Liebe in unserem Leben immer tut: er wird Gott (zurück-)lieben. Ein solcher Mensch kann gar nicht anders. Wenn ein Mensch die Botschaft des Evangeliums Jesu Christi hört und annimmt, wenn er Buße tut, sich bekehrt und von neuem geboren wird, dann wird

“(…) die Liebe Gottes (ist) ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“

(Römer 5, 5)

Ein solcher Mensch braucht keine Aufforderung, Gott zu lieben, Ihm den ersten Platz in seinem Leben einzuräumen. Er tut es ganz einfach, weil die Liebe Gottes ihn dazu antreibt.
In diesem Sinn ist unsere Liebe zu Gott immer ein Prüfstein, ob wir wirklich neues Leben aus Gott empfangen haben. Wir mögen regelmäßig Gottesdienste besuchen oder an anderen religiösen Veranstaltungen teilnehmen, wir mögen “Sakramente“ empfangen haben und uns von anderen jeden nur möglichen Segen zusprechen lassen, wir mögen uns sozial und karitativ engagieren, aber wenn keine wirkliche Liebe zu Gott vorhanden ist, dann ist auch kein wirkliches neues Leben aus Gott vorhanden. Der Apostel Paulus macht das unmissverständlich klar:

“Wenn ich mit Menschen und Engelzungen rede, aber keine Liebe habe, so bin ich ein tönendes Erz oder eine klingende Schelle. Und wenn ich weissagen kann und alle Geheimnisse weiß und alle Erkenntnis habe, und wenn ich allen Glauben besitze, so daß ich Berge versetze, habe aber keine Liebe, so bin ich nichts. Und wenn ich alle meine Habe austeile und meinen Leib hergebe, damit ich verbrannt werde, habe aber keine Liebe, so nützt es mir nichts!“

(1. Korinther 13, 1 – 3)

Wo keine wirkliche Liebe zu Gott vorhanden ist, da ist auch kein wirkliches Leben aus Gott vorhanden und dort bleiben die von Paulus genannten Dinge nur nutzlose Werke einer menschlichen Frömmigkeit ohne Gott.
Wo aber Menschen von der Liebe Gottes entzündet wurden und neues Leben aus Gott empfangen haben, da wird ihr Leben auch Frucht in Form von guten Werken zeigen. Und diese Werke werden Gott auch angenehm sein, da sie aus Seiner Liebe heraus getan werden und nicht aus den egoistischen Motiven einer menschlichen Frömmigkeit, die sich vor anderen Menschen zeigen und von ihnen Anerkennung gewinnen möchte.

Göttliches Prüfungskriterium

In keinem menschlichen Herzen findet sich Liebe zu Gott. Liebe zu Gott wird weder vererbt, noch kann sie uns anerzogen werden. Alle Menschen werden ohne Beziehung zu Gott geboren. (Eine Beziehung kann man nicht erlernen, man kann sie nicht anerzogen bekommen, man kann sie nicht nachahmen, man kann sie nur ganz persönlich eingehen.) Das hat der Apostel Johannes schon einige Verse zuvor gesagt:

“Hierin ist die Liebe: Nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden.“

(1. Johannes 4, 10)

Aber wenn wir von neuem, aus Gott, geboren werden (Johannes 3, 1 – 6), dann erleben wir hier eine grundlegende Veränderung: unser Herz wird von der Liebe Gottes erfüllt und damit überhaupt erst fähig, Gott wieder zu lieben. Der 1. Johannesbrief nennt uns einige ganz eindeutige Prüfungskriterien, an denen wir festmachen können, ob wir Gott wirklich lieben bzw. neues Leben aus Gott empfangen haben. Es ist hier nicht möglich auf alle diese Prüfungskriterien einzugehen. Wir wollen aber das eine Kriterium, das uns in 1. Johannes 4, 20 – 21 gezeigt wird, näher betrachten:

“Wenn jemand sagt: Ich liebe Gott, und seinen Bruder doch haßt, so ist er ein Lügner; denn wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, der kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht! Und dieses Gebot haben wir von ihm, daß, wer Gott liebt, auch seinen Bruder lieben soll.“

Ein deutliches Kennzeichen dafür, dass wir Gottes Liebe empfangen haben und Gott wirklich lieben, ist die Bruderliebe. Wie ist das zu verstehen?
Wenn wir Gottes Liebe in der Heiligen Schrift betrachten, dann stellen wir fest, dass diese Liebe immer eine sich zuwendende Liebe ist. Gott wendet sich in Liebe dem Menschen zu, selbst nach dessen Ungehorsam und Fall (1. Mose 3, 21 – 23). Durch die darauf folgenden Jahrhunderte der Heilsgeschichte hindurch wandte sich Gott dem Menschen immer wieder auf unterschiedliche Weise zu. Das tat Er immer mit dem Ziel, das Werk der Erlösung vorzubereiten. Durch das Opfer Seines Sohnes sollte Seine Liebe allen Menschen geoffenbart werden sollte. Den höchsten Ausdruck der Liebe Gottes und ihrer Menschenzugewandtheit finden wir darum am Kreuz von Golgatha. Dort – und nirgendwo anders – wurde Gottes Liebe in ihrem ganzen Ausmaß deutlich:

“Denn Gott hat die Welt so geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“

(Johannes 3, 16)

Gott wartete nicht darauf, dass sich die Menschheit Ihm zuwandte, Er wandte sich in Seiner Liebe der Menschheit zu. Gott wartete auch nicht darauf, dass die Menschheit ihre feindliche Gesinnung Ihm gegenüber ablegte, ehe Er begann, sie zu lieben. Nein, der Apostel Paulus weist uns darauf hin:

“Wir sind ja mit Gott durch den Tod seines Sohnes versöhnt worden, als wir noch seine Feinde waren.“

(Römer 5, 10)

“Als wir noch Feinde waren …“ Was für eine Aussage! Hätte Gott uns nicht trotz unseres verlorenen und gottesfeindlichen Zustand geliebt, wie hätten wir je Erlösung finden können? Nein, in Seiner unendlichen Liebe überwandt Gott auch unsere Feindschaft und schenkte uns all das, was wir nie aus eigener Kraft erlangen oder verdienen konnten: Seine Liebe, Seine Gnade, Seinen einziggeborenen Sohn, Seine Erlösung, Vergebung der Sünden, Frieden mit Gott, neues, ewiges Leben.  Wer von neuem geboren wird, der empfängt – wie Paulus deutlich macht – diese Liebe Gottes:

“(…) die Liebe Gottes (ist) ausgegossen in unsere Herzen durch den Heiligen Geist, der uns gegeben worden ist.“

(Römer 5, 5)

Und wer diese Liebe empfangen hat, kann seinen Nächsten lieben und zwar unabhängig von dessen positiven und/oder negativen Eigenschaften. Wenn Gottes Liebe durch den Heiligen Geist unser Herz erfüllt, dann müssen wir unseren Nächsten, sei er ein Mitchrist oder nicht, nicht mehr aus unserer kleinen, begrenzten, menschlichen Liebe lieben. Menschliche Liebe ist immer begrenzt. Menschen lieben, wenn sie geliebt werden und sie lieben jene, von denen sie geliebt werden. Menschen lieben, was sie positiv und anziehend finden.
Gottes Liebe aber ist unendlich viel größer und stärker. Wenn Gottes Liebe in unsere Herzen ausgegossen wurde, dann befähigt sie uns, selbst unserem ärgsten Feind zu vergeben und ihn lieben. Das dies keine Theorie ohne Lebensbezug ist, zeigt das Leben zweier christlicher Frauen, die in jüngerer Zeit dafür bekannt geworden sind, dass sie diese Liebe Gottes in den schwierigsten Situationen praktizierten: Gladys Staines, die Frau des in Indien durch nächtliche Brandstiftung ermordeten Graham Staines, und Susanne Geske, die Frau von Tilman Geske, der 2007 in der Türkei ermordeten, ersten deutschen Märtyrers dieses Jahrhunderts. Diese Frauen, wie auch die Angehörigen der amischen Gemeinschaft in Lancaster County, die 2006 durch einen Mordanschlag auf die Schule mehrere Kinder im Grundschulalter verloren, sind ein lebendiges Zeugnis für die Kraft der Liebe Gottes.
Wenn Gottes Liebe uns in derartig extremen Situationen solche Kraft zu verleihen vermag, wie viel mehr wird sie uns auch die Kraft schenken, täglich unseren Bruder und unsere Schwester zu lieben  – völlig unabhängig davon, welche ihrer Eigenarten uns nicht liegen oder wie sie sich uns gegenüber verhalten. Wir lieben, weil er uns geliebt hat, nicht: weil wir liebenswert waren. Vielleicht erinnern Sie sich gerade jetzt an eine Person, von der Sie sagen, dass dieser Mensch nun wirklich nicht liebenswert ist. Vielleicht ist dies eine Person, die ihnen nur negativ begegnet, die sie enttäuscht hat und der Sie am liebsten immer aus dem Weg gehen würden.
So ähnlich erging es Paulus mit Johannes Markus. Als Barnabas vorschlug, dass Paulus diesen jungen Mann, der ein Neffe des Barnabas war (Kolosser 4, 10) mit auf eine Missionsreise nehmen sollte, lehnte der Apostel “dankend“ ab. Auf einer früheren Reise hatte sich Johannes Markus als nicht zuverlässig erwiesen und Paulus enttäuscht. Barnabas trat dafür ein, dem jungen Mann eine weitere Chance zu geben. Paulus war dagegen. Es kam zu einer scharfen Auseinandersetzung, die damit endete, dass Barnabas allein mit Johannes Markus reiste und Paulus Silas als Reisegefährten wählte (vgl. Apostelgeschichte 15, 37 – 40). Jahre später jedoch lesen wir, dass Paulus Markus als seinen „Gehilfen“ (Philemon 24) und “nützlich zum Dienst“ (2. Timotheus 4, 11)  bezeichnet. Die Liebe, mit der sein Onkel Barnabas ihm begegnet war und die zweite Chance, die dieser ihm gegeben hatte, waren nicht ohne positive Folgen geblieben.
Aus Ihrer eigenen Kraft werden Sie solche Person nie lieben können. Das stimmt. Aber mit Gottes Liebe ist das möglich. Und bedenken Sie bitte auch Folgendes: Wann begann der Prozess Ihrer inneren, geistlichen Veränderung? Einfach so? Nein, auch Ihre Veränderung begann erst in dem Moment an dem Sie Gottes Liebe empfingen. Nichts verändert uns so sehr, wie Liebe. Wenn Sie mit der Liebe Gottes beginnen, einen Menschen zu lieben, der Ihnen vielleicht als unausstehlich erscheint, dann wird damit diesem Menschen die Möglichkeit zur Veränderung gegeben. Gott möchte Ihnen dazu die Kraft und auch die Ausdauer schenken. Am Ende dieses Prozesses werden Sie nicht nur einen Mitmenschen, einen Bruder, eine Schwester gewonnen haben, sondern einen Freund.

 

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