Ermutigung zum Gebet (Lukas 18, 1 – 8)

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Anmerkungen zu Lukas 18, 1 – 18

Das “Gleichnis von der bittenden Witwe und dem ungerechten Richter“ ist sicher nach dem “Gleichnis vom verlorenen Sohn“ eines der bekanntesten Gleichnisse im Lukasevangelium  überhaupt. Dieses Gleichnis findet sich nur im Lukasevangelium (zum Hintergrund des Lukasevangeliums siehe Klick!) Da Lukas 18, 1 die Grundlage für die Wortverkündigung am kommenden Sonntag bildet, folgen hier einige Anmerkungen zum gesamten Text des Gleichnisses:

“Er sagte ihnen aber auch ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten, und sprach: Es war ein Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und vor keinem Menschen sich scheute. Es war aber eine Witwe in jener Stadt; und sie kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher! Und eine Zeit lang wollte er nicht; danach aber sprach er bei sich selbst: Wenn ich auch Gott nicht fürchte und vor keinem Menschen mich scheue, so will ich doch, weil diese Witwe mir Mühe macht, ihr Recht verschaffen, damit sie nicht am Ende komme und mir ins Gesicht fahre.  Der Herr aber sprach: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Gott aber, sollte er das Recht seiner Auserwählten nicht ausführen, die Tag und Nacht zu ihm schreien, und sollte er es bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch, dass er ihr Recht ohne Verzug ausführen wird. Doch wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?

(Lukas 18, 1 – 8)


* “Er sagte ihnen aber [auch] ein Gleichnis dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten, und sprach“: Ich nehme an, dass etliche Leser schon Predigten über diesen Abschnitt gehört oder gelesen haben. Mir geht es genauso. Dabei habe ich festgestellt, dass die überwiegende Anzahl der Predigten, die ich zu diesem Gleichnis gehört bzw. gelesen habe, appellativen Charakter hatten, d.h., von Aufforderungen oder Ermahnungen bestimmt waren. Sie trugen Überschriften wie “Durchhalten bis zum Ende!“ oder: “Nicht Nachlassen im Gebet!“ Solche Aufforderungen mögen hin und wieder angebracht sein. Aber – und das werden wir sehen, wenn wir uns eingehender mit diesem Gleichnis befassen – in unserem Text findet sich ein solcher appellativer Aufruf nicht. Er wäre, auch das werden wir noch sehen, hier auch ganz verfehlt.
Lukas berichtet uns, dass der Herr Jesus Christus seinen Jüngern ein Gleichnis sagte. Beachten wir bitte: die Aussage “dafür, dass sie allezeit beten und nicht ermatten sollten“ ist die Schlussfolgerung, die der Evangelist zieht! Wir lesen nicht, dass der Herr Jesus Christus dies so gesagt hat! Wie schnell übersehen wir einen so wichtigen Punkt und machen uns dann schuldig, indem wir dem Herrn Dinge in den Mund legen, die Er so gar nicht gesagt hat. Natürlich ist die Schlussfolgerung des Lukas richtig. Aber sie berechtigt uns nicht, aus der Gleichniserzählung des Herrn eine fordernde Predigt zu entwickeln. Damit würden wir an dem Ziel, das unser Herr mit diesem Gleichnis verfolgt, vorbei gehen.

* Die bittende Witwe: Eine der Hauptpersonen in diesem Gleichnis ist die bittende Witwe¹. Während der Zeit Jesu waren Witwen in Israel (und auch in anderen Ländern des antiken Nahen Ostens) ein Synonym für Armut und deswegen auch für Hilflosigkeit, Abhängigkeit, Verletzlichkeit. (vgl.  Matthäus 23, 14; Markus 12, 40 – 43). Ganz offensichtlich wurde diese Witwe von anderen Menschen bedrängt und litt sehr darunter, denn sie kam immer wieder zu einem Richter und bat diesen ihr zu helfen, sie zu beschützen.

* “Es war ein gewisser Richter in einer Stadt, der Gott nicht fürchtete und sich vor keinem Menschen scheute.“:  Die andere Hauptperson dieses Gleichnisses ist ein Richter. Von diesem Richter sagt der Herr Jesus Christus, dass er sich weder von  Gott noch von Menschen beeindrucken ließ. Er war eine völlig auf sich selbst konzentrierte Persönlichkeit. Seine Welt hatte nur einen Mittelpunkt und das war er. Alle andere interessierte ihn nur in dem Maß, als es seinen Wünschen und Plänen entsprach. Ob es sich bei diesem Richter um einen jüdischen Richter oder einen Richter, der zur römischen Besatzungsmacht gehörte, handelte, wird nicht gesagt. Ungerechte Richter hat es zu allen Zeiten und in allen Gesellschaften gegeben (und es wird sie bis zum Ende der Weltzeit geben). Dieses Bild war für die jüdischen Zuhörer des Herrn, aber auch später die griechischen Leser des Lukasevangeliums leicht verständlich, denn es war Teil ihrer Lebenserfahrung.
Viele Kommentatoren weisen darauf hin, dass es sich bei dem Gericht, an das sich die Witwe wandte, nicht um den höchsten Gerichtshof im damaligen Israel gehandelt haben kann, da diese Frau dort sicherlich nicht so einfach und auch nicht regelmäßig Zugang gefunden hätte. Es kann sich ihrer Meinung nach nur um ein niedrigeres Gericht gehandelt haben, in dem einzelne Richter regelmäßig Recht sprachen. In der Regel ging es bei solchen Prozessen, die Witwen betrafen, um Fragen des Eigentums bzw. des Erbes. Im Alten Testament finden wir zwei Berichte, die diesen Gedanken als nahe liegend erscheinen lassen: 2. Könige 8, 1 – 6 berichtet von der Schunemiterin, die ihren Besitz zurück erhält und in Ruth 4, 1 ff. lesen wir von Ruth, deren Erbteil dadurch gesichert wird, dass Boas im Tor der Stadt, also dem Platz, an dem auch Rechtsgeschäfte getätigt wurden, als ihr Löser auftritt. Wenn es bei einer Witwe um Fragen des Erbes bzw. des Eigentums ging, dann ging es dabei um nicht weniger als um die Lebensgrundlage dieser Frau, die den Ernährer ihrer Familie verloren hatte. Es ging also um eine existenzielle Not.

* “Es war aber eine Witwe in jener Stadt; die kam zu ihm und sprach: Schaffe mir Recht gegenüber meinem Widersacher! Und er wollte lange nicht; hernach aber sprach er bei sich selbst: Ob ich schon Gott nicht fürchte und mich vor keinem Menschen scheue, so will ich dennoch, weil mir diese Witwe Mühe macht, ihr Recht schaffen, damit sie nicht schließlich komme und mich ins Gesicht fahre.“: In ihrer Not und Bedrängnis erscheint die Witwe immer wieder vor dem ungerechten Richter und bittet darum, ihr Recht zu verschaffen gegenüber ihrem Widersacher. Schlussendlich geht der ungerechte Richter auf das Anliegen der Frau ein. Er tut dies nicht, weil er wirklich ein gerechtes Urteil in Übereinstimmung mit Gottes Gesetz (vgl. 2. Mose 22, 21 – 23) sprechen möchte oder weil er Mitleid mit dieser Frau hätte. Sein Beweggrund bestand einzig und allein in der Furcht, seine Reputation zu verlieren. Im griechischen Text wird das Wort “ὑπωπιάζω“ (“hupopiazo) gebraucht, das benutzt wird, um einen Faustschlag unter/auf ein Auge zu beschreiben. Ein Richter, dem eine Witwe “ein blaues Auge verpasst“ hätte, wäre zum Gespött der Leute geworden. Nirgendwo in diesem Gleichnis wird ausgesagt, dass die besagte Witwe auch nur daran dachte, eine solche Tat zu begehen. Der ungerechte Richter hielt aber eine solche Reaktion zumindest für möglich. Vielleicht hat er dabei von sich selbst auf andere geschlossen. Um eine solche Möglichkeit auszuschließen, also aus völlig egoistischen Gründen, gewährt der ungerechte Richter endlich der Witwe ihr Recht.

* Gott ist ganz anders.  Mehrfach macht der Herr Jesus Christus in diesem Gleichnis auf den großen Unterschied zwischen dem ungerechten Richter und unserem Gott aufmerksam und zwar Vers 2: “(…) er fürchtete weder Gott (…)“, Vers 4 “(…) wenn ich auch Gott nicht fürchte (…)“ und dann ganz konkret in Lukas 18, 6 – 8:

“Da sprach der Herr: Hört, was der ungerechte Richter sagt! Sollte Gott nicht auch Recht schaffen seinen Auserwählten, die zu ihm Tag und Nacht rufen, und sollte er’s bei ihnen lange hinziehen? Ich sage euch: Er wird ihnen Recht schaffen in Kürze. Doch wenn der Menschensohn kommen wird, meinst du, er werde Glauben finden auf Erden?

Der Herr möchte uns durch dieses Gleichnis eine wichtige Lektion lehren und zwar nicht, indem Er Appelle oder Ermahnungen an uns richtet, sondern indem Er uns – wie immer in seinem Wort – die Liebe und Güte Gottes vor Augen stellt. Gott, unser Vater, ist nicht wie dieser ungerechte Richter. Er wird nicht von egoistischen Motiven geleitet, Er ist Liebe (1. Johannes 4, 8). Er ist ein gebender Gott und Er gibt gern. Den höchsten Ausdruck hat Seine Liebe in einer Gabe an uns gefunden, in der Gabe Seines eigenen Sohnes:

“Denn Gott hat die Welt so geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“

(Johannes 3, 16)

“Denn der Lohn der Sünde ist der Tod, die Gnadengabe Gottes aber ewiges Leben in Christo Jesu, unserem  Herrn.“

(Römer 6, 23)

Diese Gabe der Liebe Gottes kann durch nichts übertroffen werden und ihr liegt die Zusage Gottes begründet, dass Er uns alles, was wir benötigen, auch schenken will. Diese Gabe ist die Quelle aller anderen Gaben, die wir von Gott erbitten und empfangen:

“Was wollen wir nun hierzu sagen? Ist Gott für uns, wer mag wider uns sein? Welcher sogar seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern ihn für uns alle dahingegeben hat, wie sollte er uns mit ihm nicht auch alles schenken?“

(Römer 8, 31 – 32)

Unser Gott ist ein Gott der gerne gibt, wenn wir Ihn bitten. Seine Liebe und Seine Gaben sind auch nicht abhängig davon, wie oft oder wie lange wir beten. Bereits im Alten Testament lesen wir, dass Gott zu wirken beginnt, wenn Gläubige zu beten beginnen (Daniel 9, 23). Was der Herr Jesus Christus uns mit diesem Gleichnis verdeutlichen möchte, ist, wie groß der Reichtum der Gnade Gottes in unserem Leben sein kann, wenn wir  das Vorrecht des Gebets beständig und unablässig wahrnehmen. Das Judentum kannte und kennt in Anlehnung an Daniel 6, 10 (Daniels tägliches, dreimaliges Gebet) die Regel, dass der Gläubige dreimal am Tag zu Gott beten kann. Einige jüdische Lehrrichtungen verbanden mit dieser Beschränkung auf drei Gebetszeiten pro Tag den Gedanken, dass man Gott mit zu vielen bzw. zu häufig vorgebrachten Anliegen nicht ermüden solle. Eine Grundlage für die Vorstellung, z.B. in Form eines Gebotes Gottes, gibt es im Alten Testament jedoch nicht. Und der Herr Jesus Christus macht mit diesem Gleichnis deutlich, dass wir Gott gar nicht oft genug mit unseren Anliegen “behelligen“ können. Das Problem ist nicht, dass wir Gott überzeugen müssten. Das Problem ist, dass wir uns der großen Einladung zum Gebet mit allen ihren Möglichkeiten viel zu wenig bewusst sind und uns lieber auf unsere begrenzten, kleinen, menschlichen Möglichkeiten selbst beschränken. Wie oft wenden wir uns erst dann im Gebet an Gott, wenn “die Karre schon tief im Dreck steckt“, anstatt schon vorher Ihn um eine “gelingende Reise“ zu bitten?
Nein, unseren Gott brauchen wir weder durch die Art noch durch die Dauer unserer Gebete beeindrucken, denn Er gibt gern. Und wenn wir ausdauernd im  Glauben beten, dann werden wir auch den Reichtum all dessen empfangen und  erleben, den Er uns geben möchte.

* Das konkrete Anliegen und der Widersacher: Auch wenn wir aus diesem Gleichnis sicherlich die Ermutigung zum Gebet ganz allgemein mitnehmen dürfen, so konzentriert sich die Lehre des Herrn in diesem Gleichnis doch auf ein ganz konkretes Anliegen: Gemäß Lukas 17, 11 waren die Zuhörer dieses Gleichnisses die Jünger des Herrn. Der Hinweis auf die Wiederkunft des Herrn in Lukas 18, 8 macht deutlich, dass der Herr Seinen Jüngern hier eine Belehrung gibt, die für die Zeit seiner Abwesenheit große Bedeutung hat. So, wie die Witwe Bedrängnissen. einem Widersacher und großer Ungerechtigkeit ausgesetzt war, so würden auch die Jünger Jesu in der Zeit zwischen Seiner Himmelfahrt und Seinem Kommen für sie immer wieder Verfolgung, Ungerechtigkeit und Bedrängnisse erleiden müssen (Johannes 15, 20; 2. Korinther 4, 9). Christliches Leben ist ein Leben in der geistlichen Auseinandersetzung (Epheser 6, 12 – 18!). Der Begriff des “Widersachers“, der in Lukas 18, 3 gebraucht wird,  ist “ἀντίδικος“ („antidikos). Dieser Ausdruck wird im Neuen Testament speziell auch für den Widersacher der Gläubigen, Satan, benutzt (vgl. 1. Petrus 5, 18). Im Gegensatz dazu wird von menschlichen Widersachern als “ἀντίκειμαι“ (“antikeimai“), Personen, die einem gegenüber Abneigung zeigen bzw. auf der anderen Seite stehen, gesprochen.
Ganz offensichtlich bereitet der Herr Seine Jünger mit diesem Gleichnis also auch auf eine Zeit vor, in der sie um ihres Glaubens willen Bedrängnisse, Not und sogar Verfolgung erleiden werden. In solchen Zeiten, in der ein Angriff auf den nächsten folgt, ist es leicht, zu ermüden und aufzugeben. Doch gerade für eine solche Situation gibt unser Herr den Hinweis, dass Gott Seine Hilfe denen senden wird, die zu Ihm rufen und dass darum ihr Gebet nicht umsonst sein wird. Der möglichen Entmutigung setzt der Herr Jesus Christus nicht einen Appell oder eine Ermahnung entgegen, sondern eine wundervolle Ermutigung, indem Er uns auf unseren himmlischen Vater, der Liebe ist, verweist. Wer wollte nicht gern und voller Freude zu einem solchen Gott mit allen seinen Anliegen kommen? Der Weg dazu ist frei, 24 Stunden am Tag³:

”Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.”

(Hebräer 4, 14 – 16)

Fußnoten:6

¹= Wie ich bereits an anderer Stelle (Klick!) dargelegt habe, werden Witwen im Evangelium des Lukas wesentlich öfter erwähnt als in den anderen Evangelien (vgl.  Lukas 2, 37 – 38; Lukas 4, 25 – 26; Lukas 7, 11 – 17; Lukas 18, 1 – 8; Lukas 20, 45 – 47; Lukas 21, 1 – 4)
²= vgl. dazu: “Die siebenfache Zusicherung der Liebe Gottes“: Klick!
³= siehe auch: “Durchgehend geöffnet!“ (Hebräer 4, 14 – 16): Klick!

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