Gebet (2): Sünde – eine Erfindung der Kirche?

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Sünde? Das ist doch eine Erfindung der Kirche!

Am Beispiel Moses wird deutlich, dass die Bibel das Gebet als eine innige, vertrauensvolle Kommunikation des Menschen mit seinem Schöpfer im Sinne einer Freundschaft versteht (vgl. z.B. 4. Mose 7, 89, 2. Mose 33, 11).

Wenn  dem so ist, dann stellt sich doch die Frage: Warum leben nicht alle Menschen in einer solchen Freundschaftsbeziehung zu Gott? Wie ich in dem ersten Artikel dieser Themenreihe aufgezeigt habe, ist es die Sünde, die uns Menschen von Gott trennt. Kein Mensch wird als ein Freund Gottes bzw. mit einer Beziehung zu Gott geboren. Seit der ersten Sünde Adams und der dadurch entstandenen Trennung des Menschen von Gott, wird jeder Mensch losgelöst von Gott geboren. Es ist die Sünde, die den  Menschen von Gott trennt.

Wenn  ich über dieses Thema spreche, so weiß ich aus Erfahrung, dass ich mich damit unbeliebt mache. Wer lässt sich schon gern sagen, dass er oder sie ein Sünder sei? Und aus Erfahrung weiß ich auch, welche Argumente gegen diese Aussage „ins Feld geführt“ werden. Da höre ich dann z.B. folgende Aussage:

„Aber ich bitte Sie! Wir sind doch aufgeklärte Menschen und wir wissen doch, dass die Kirche die Sünde erfunden hat, um Menschen klein und von ihr abhängig zu halten! Das ist doch alles nur Angst- und Geschäftemacherei!“

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„Kirchturm“

Foto: Jana Krupik/pixelio

Aha, die Kirche hat also die Sünde erfunden … Nun, wenn dem so wäre, ich hätte kein Problem damit, dies zuzugeben. Dann müsste ich über dieses Thema nicht mehr sprechen und würde mich nicht mehr unbeliebt machen 😉

Aber prüfen wir dieses Argument einmal auf seine Richtigkeit:

Wenn wir die fünf großen Weltreligionen betrachten:

  • das Judentum

  • den Hinduismus

  • den Buddhismus

  • das Christentum

  • den Islam

dann stellen wir fest, dass das Christentum – und damit auch „die Kirche“ (wenn man diesen Begriff einmal so pauschal gebrauchen will) – zu den „jüngeren“ Weltreligionen gehört. Das Christentum bzw. „die Kirche“ besteht seit rund 2000 Jahren.

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„Die Klagemauer in Jerusalem“
Foto: I. Friedrich/pixelio

Das Judentum (1) berechnet seine Geschichte „ab Adam“ und befindet sich damit im Jahr 2008 n. Chr. im jüdischen Jahr 5768 n. Adam. Aber das Judentum ist damit nicht nur fast 3000 Jahre älter als das Christentum bzw. „die Kirche“. Seine Heiligen Schriften machen auch deutlich, dass das Judentum seit seiner frühesten Zeit ein Konzept von „Sünde“ und dadurch ausgelöster Trennung des Menschen von Gott kennt. Das Alte Testament (der Tanach) bestehend aus der Thora (d.h., den fünf Büchern Mose), den Neviim (d.h., den Büchern der Propheten) und Ketubim (den „anderen Schriften“) beginnt sogar mit dem uns bekannten Bericht über den so genannten „Sündenfall“ (vgl. 1. Mose 3, 1 – 24).

Setzt man die Geschichte und damit auch den Beginn der Religion Israels erst mit der Landnahme um 1.500 v. Chr. an, dann wäre der Hinduismus (2), dessen Anfänge auf die Zeit um 2000 v. Chr. zurückgeführt werden, die älteste der Weltreligionen. Auch der Hinduismus kennt ein Konzept von Sünde. Im Hinduismus und anderen vedischen Religionen werden unter Sünde Handlungen verstanden, die Karma verursachen. Der Begriff „Karma“ bezeichnet ein spirituelles Konzept, nach dem jede Handlung – physisch wie geistig – unweigerlich eine Folge hat. Diese muss nicht unbedingt im aktuellen Leben wirksam werden, sondern kann sich möglicherweise erst in einem der nächsten Leben manifestieren. Die Qualität der Wiedergeburt oder Seelenwanderung ist abhängig von den in der/den Vorexistenz/en gewirkten Taten (d.h. dem Karma). „Wie einer handelt, wie einer wandelt, ein solcher wird er. Aus guter Handlung entsteht Gutes, aus schlechter Handlung entsteht Schlechtes“, lehren die hinduistischen Schriften, die so „Upanishaden“. Nach einiger Zeit kehrt das Individuum auf die Erde zurück, um wieder und wieder geboren zu werden – bis zur endgültigen Erlösung, Moksha. Dieser Kreislauf der Wiedergeburten gilt als Naturgesetz.


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„Das Rote Fort in New-Dehli (Indien)“
Foto: Jerzy/pixelio

Der Buddhismus (3), der dem Hinduismus in einigen Bereichen ähnelt, wird in seinen Anfängen auf das 563 v. Chr, dem Geburtsjahr Buddhas, datiert. Buddhismus und Hinduismus unterscheiden sich zwar im Punkt der Reinkarnation und Wiedergeburt, die unterschiedlich gesehen werden, gemeinsam sind beiden jedoch das Konzept des Karma: Gutes wie schlechtes Karma (gute wie schlechte Taten) erzeugt die Folge der Wiedergeburten, das Samsara. Höchstes Ziel des Buddhismus ist es, diesem Kreislauf zu entkommen, indem kein Karma mehr erzeugt wird – Handlungen hinterlassen dann keine Spuren mehr in der Welt. Im Buddhismus wird dies als Eingang ins Nirvana bezeichnet. Damit können wir festhalten, dass auch dem Buddhismus ein Wissen über Gutes und Böses und die Trennung des Menschen vom Göttlichen innewohnt.

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Foto: Elisabeth Patzal/pixelio

Dass das Christentum den Begriff der Sünde kennt, muss nicht extra erwähnt werden. Das Neue Testament stellt unzweideutig fest, dass Sünde, d.h. Unglaube und daraus folgend Ungehorsam gegen Gottes Gebot zur Trennung des Menschen von Gott führte. Die Überwindung der Sünde und ihres Fluches durch den Erlöser Jesus Christus ist die zentrale Aussage des Christentums. Das Evangelium, d.h., die „gute Nachricht“ oder „frohe Botschaft“ lautet: Jeder Mensch kann durch das Erlösungswerk Jesu Christi von der Sünde frei werden und wieder in eine vertrauensvolle Lebensbeziehung zu Gott eintreten, die, geht sie der Mensch einmal ein, von ewiger Dauer ist:

„Denn Gott hat die Welt so geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe.“

(Johannesevangelium 3, 16)

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„Der Koran in einer Moschee in Istanbul“
Foto: Achim Lueckemeyer/pixelio

Die zeitlich gesehen jüngste Weltreligion ist der Islam (4), dessen Beginn mit der Hidschra, d.h. der Auswanderung Mohammeds von Mekka nach Medina zusammengelegt und auf das Jahr 622 n. Chr. datiert wird. In den Suren 7: 19 – 25; 2: 35 – 39; 20: 117 – 124 erinnert der Koran an den Sündenfall und die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies. Der Islam versteht Sünde als Ungehorsam gegen Gott, seinen Auftrag oder sein Gesetz. Sünde ist die „absichtliche Übertretung der göttlichen Norm“ (S. Balic) in Gedanken, Worten und Taten. Der Koran beschreibt die erste Sünde der ersten Menschen (Adam und Eva) als Folge der Irreleitung des Satans (Sure 2: 36 – 38). Er lehnt aber den Gedanken ab, dass die Sünde Adams und Evas auf ihre Nachkommen vererbt wurde. Alle Sünden werden vom Menschen selbst auf Erden angesammelt. Aus dieser Selbstverschuldung erwächst auch die Selbstverantwortung für das jeweilige Tun und Lassen des einzelnen Menschen. Es ist also festzuhalten, dass auch der Islam den Begriff der „Sünde“ kennt und diese als Grund der Trennung zwischen dem Menschen und Gott ansieht.

Dieser kurze und sicherlich unvollständige Überblick über die fünf Weltreligionen macht eines deutlich: Sie alle haben ein Wissen darum, dass der Mensch, bedingt durch sein Verhalten, sich in einem Zustand befindet, der in von Gott (oder „dem Göttlichen“) trennt. Der Begriff der Sünde kann daher nicht als eine Erfindung „der Kirche“ betrachtet werden. Die Geschichte der (zum Teil sehr viel älteren) anderen Weltreligionen widerspricht einer solchen Annahme.

(1) = http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCnde, http://de.wikipedia.org/wiki/Judentum, http://de.wikipedia.org/wiki/Tanach, http://de.wikipedia.org/wiki/Tora

(2) = http://de.wikipedia.org/wiki/Hinduismus#Vedische_Zeit, http://de.wikipedia.org/wiki/Karma

(3) = http://de.wikipedia.org/wiki/Buddhismus, http://de.wikipedia.org/wiki/Buddhismus#Ursache_und_Wirkung:_Karma

(4) = http://de.wikipedia.org/wiki/Islam, http://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BCnde#Islamische_Sichtweise

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