Wahre Freiheit – Anmerkungen zu Johannes 8, 36

Anmerkungen zu Johannes 8, 36

Für den kommenden Sonntag wurde ein Bibelwort aus dem Johannesevangelium (zum Hintergrund des Johannesevangeliums siehe: Klick!) gewählt, das wir zum besseren Verständnis in seinem Zusammenhang lesen wollen:

„Als er das sagte, glaubten viele an ihn. Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten: Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen. Da antworteten sie ihm: Wir sind Abrahams Kinder und sind niemals jemandes Knecht gewesen. Wie sprichst du dann: Ihr sollt frei werden? Jesus antwortete ihnen und sprach: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht. Der Knecht bleibt nicht ewig im Haus; der Sohn bleibt ewig. Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.

(Johannes 8, 30 – 31; LUTH’84)

Kennzeichen wahrer Jünger

* “Als er das sagte, glaubten viele an ihn. Da sprach nun Jesus zu den Juden, die an ihn glaubten.“ (Johannes 8, 30) – Die Worte des Herrn Jesus Christus, die nun folgen, richten sich als an glaubende Menschen, an Menschen, die bereits zum Ausdruck gebracht hatten, dass sie in irgendeiner Weise Glauben an Ihn hatten, an Menschen, die Seine Jünger (= Schüler) sein wollten. 

* Wenn ihr bleiben werdet an meinem Wort, so seid ihr wahrhaftig meine Jünger und werdet die Wahrheit erkennen, und die Wahrheit wird euch frei machen.“ (Johannes 8, 31 – 32) – Mit diesen Worten definierte der Herr DAS (erste) Kennzeichen wahrer Jüngerschaft. Das griechische Wort, das unsere deutschen Bibeln mit dem Begriff “Jünger“ übersetzen (“μαθητής“ [mathetes]) bedeutet “Schüler“ oder “Lernender“.  Dass ein Mensch ein “Jünger Jesu“ ist, muss nicht zwangsläufig bedeuten, dass er/sie auch wahrhaftig an Ihn glaubt. Am Beispiel des Judas Iskariot wird dies deutlich. Aber ein wahrhaftig an Jesus Christus gläubiger Mensch wird auch immer (zugleich) ein Jünger sein, d.h., er/sie wird immer von Ihm lernen wollen. Das (erste) Zeichen, woran Seine wahren Jünger zu erkennen sein werden, zeigt der Herr Jesus Christus hier auf:  Wer immer an Ihn glaubt, wer immer Sein Jünger sein will, der wird daran zu erkennen sein, dass er/sie kontinuierlich, also andauernd, in den Worten, der Lehre, seines/ihres Meisters bleiben, d.h. darin leben, werden.
Jüngern, die in dem Worten, der Lehre, Jesu bleiben, darin verharren, daran festhalten, verheißt der Herr, dass sie die Wahrheit erkennen werden. An vielen anderen Stellen in seinem Evangelium hat Johannes deutlich gemacht, dass mit “Wahrheit“ die Worte des Herrn selbst gemeint sind, denn  Er – Jesus Christus – ist die Wahrheit in Person:

“Und das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns; und wir sahen seine Herrlichkeit, eine Herrlichkeit als des Eingeborenen vom Vater, voller Gnade und Wahrheit.“

(Johannes 1, 14)

“Denn das Gesetz wurde durch Mose gegeben; die Gnade und die Wahrheit ist durch Jesus Christus geworden.“

(Johannes 1, 17)

“Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“

(Johannes 14, 6)

Geistliche Freiheit

Wer daher in Ihm und in Seinen Worten bleibt, verharrt, wird die Wahrheit erkennen und diese Wahrheit wird ihn frei machen (Johannes 8, 32). Diese Worte des Herrn sind schon oft in ganz anderen Zusammenhängen zitiert worden. Man wollte damit zum Ausdruck bringen, dass Lernen und Wissen den Menschen befreien könnten. Doch in diesem Text spricht der Herr nicht von Wissen oder Kenntnissen im allgemeinen Sinn. Hier geht es geht um geistliche Wahrheit, die Er geoffenbart hat und die auf geistliche Weise befreit.

* “Sie antworteten ihm: Wir sind Abrahams Same und sind nie jemandes Knechte gewesen; wie sprichst du denn: Ihr sollt frei werden?“ (Johannes 8, 33) – Die direkten Zuhörer des Herrn scheinen diesen Sachverhalt verstanden zu haben, denn sie verweisen auf ihre Abstammung von Abraham und darauf, dass sie “nie Sklaven“ waren. Israel war immer wieder von anderen Völkern versklavt worden und zwar im buchstäblichen Sinn. Nach den Ägyptern, Assyrern und Babyloniern waren sie zur Zeit Jesu der Herrschaft der Römer unterworfen. Mit ihren Worten scheinen sie diese Tatsache nicht zu leugnen, aber sie weisen vehement den Gedanken von sich, dass sie in geistliche Sklaverei leben würden. Als Begründung dafür führen sie ihre Abstammung von Abraham an, mit dem Gott einen besonderen Bund beschlossen hatte. Das war für sie der Garant dafür, dass sie geistlich “richtig lagen“, ihre Beziehung zu Gott doch in Ordnung sein musste. Die Notwendigkeit, geistlich frei zu werden, sahen sie daher nicht. Sie glaubten zwar, dass der Herr Jesus Christus der verheißene Messias war, aber wahre Jünger des Herrn waren  sie (zu diesem Zeitpunkt) noch nicht.

* “Jesus antwortete ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, ist der Sünde Knecht.“ (Johannes 8, 34)  – Aus diesem Grund verdeutlicht der Herr noch einmal, was meint: Jeder, der sündigt, wird ein Sklave der Sünde. Dabei macht der Text deutlich, dass  es nicht um einmalige sündige Taten geht, sondern um etwas, das fortwährend, immer wieder, getan wird. Wer fortwährend sündigt, zeigt damit, dass er unter der Herrschaft der Sünde lebt, von ihr versklavt ist.  Es ist diese Herrschaft der Sünde, von der Jesus Christus Seine Jünger befreit. Menschen können buchstäblich versklavt oder gefangen und trotzdem geistlich frei sein, weil Jesus Christus sie durch Sein Wort befreit hat. Ein bekanntes Beispiel dafür ist Richard Wurmbrand. Andererseits können Menschen, die ein ganzes Leben lang ihre buchstäbliche Freiheit genießen, geistlich dauerhaft gebunden sein, weil sie nie Befreiung von der Sünde erfahren haben.
In Römer 6 zeigt der Apostel Paulus auf, dass durch die neue Geburt (Johannes 3, 1 – 6), die der Gläubige erlebt hat, die Ketten zerbrochen wurden, mit denen ihn die Sünde gefangen hielt (Römer 6, 14). Die Macht der Sünde ist gebrochen. Sie hat nicht mehr die Kraft, die sie in unserem Leben hatte, bevor wir durch den Herrn  Jesus Christus befreit wurden. Dennoch kann auch der Gläubige wieder in die Bindungen der Sünde geraten, wenn er sich bewusst auf die Sünde einlässt (Römer 6, 16). Während Sünde vor der neuen Geburt ein “Muss“ war, dem der Mensch nicht entrinnen konnte, ist sie nun etwas, von dem er frei ist, dem er sich aber auch freiwillig hingeben kann. Doch dies muss nicht so sein:

„Denn das Gesetz des Geistes des Lebens in Christus Jesus hat mich frei gemacht von dem Gesetz der Sünde und des Todes.“

(Römer 8, 2)

* “Der Knecht aber bleibt nicht ewig im Hause; der Sohn bleibt ewig.“ (Johannes 8, 35) Die Juden, die dem Herrn zuhörten, waren der Überzeugung, dass sie im Haus Gottes einen besonderen, einen sicheren Platz hatten, weil sie von Abraham abstammten. Doch der Herr sagt ihnen, dass sie nicht Söhne, sondern Knechte, Knechte der Sünde,  waren und dass die sichere Stellung, die sie bei Gott zu einzunehmen meinten, gar nicht sicher war, sondern verloren gehen konnte. Der Apostel Paulus führt in Römer 911 aus,  dass genau dies geschah. Israel verlor für eine begrenzte Zeit seine bevorrechtigte Stellung als Nation bei Gott, weil  es den verheißenen Erlöser ablehnte.
Während Sklaven der Sünde nicht im Haus des Vaters bleiben, bleibt der Sohn dort in Ewigkeit. Wer dieser Sohn ist, geht aus dem Text eindeutig hervor – es ist der Herr Jesus Christus selbst. Johannes gebraucht hier, wenn er vom “Sohn“ spricht, das Wort υἱός (huios). Mit diesem Wort bezieht er sich in seinem Evangelium durchgängig  auf den Herrn Jesus Christus. Im Gegensatz dazu gebraucht er das Wort τέκνα (tekna), wenn er von Gläubigen als den Kindern (Gottes) spricht.

* ‚‚Wenn euch nun der Sohn frei macht, so seid ihr wirklich frei.“ (Johannes 8, 36) Allein dieser Sohn, der Sohn Gottes, hat die Macht geistliche Sklaven aus der Knechtschaft der Sünde und ihren Folgen zu befreien. Es ist keine Frage, dass Er dies für jeden Menschen tun möchte (1. Timotheus 2, 4). Aber wollen wir das auch? Oder ziehen wir uns auf unsere “alten Sicherheiten“ zurück? Vielleicht auf unsere Zugehörigkeit zu einer Glaubensgemeinschaft, auf unsere Zugehörigkeit zu einer “besonders gläubigen Familie“ oder auf unsere – vermeintlich – “guten“ Werke? All‘ das sind weder Kriterien für geistliche Freiheit, noch für wahre Jüngerschaft. Wie wahre Freiheit von der Knechtschaft der Sünde aussieht, hat der Theologe und Autor Hans-Joachim Eckstein  hat sehr gut auf den Punkt gebracht, wie diese Freiheit aussieht:

Wenn ich nicht mehr unter dem Gesetz bin, sondern unter der Gnade, kann ich endlich tun und lassen – was Christus will!“¹

Christliche Freiheit bedeutet nicht, tun und lassen zu können, was man möchte. Christliche Freiheit bedeutet, in Übereinstimmung mit dem Willen Gottes leben zu können und zu wollen. Daran aber wird der Gläubige erkannt:

“(…) und die Welt vergeht mit ihrer Lust; wer aber den Willen Gottes tut, der bleibt in Ewigkeit.“

(1. Johannes 2, 17)

Diese Freiheit wird nicht aufgrund der Abstammung von Abraham, sondern nur durch das Wirken des Erlösers im Leben des Gläubigen erfahrbar. Die Voraussetzung dafür aber – und das Kennzeichen wahrer Jüngerschaft – ist das Bleiben, das Verharren in Seinem Wort.

Fußnoten:

¹= XXX

Dieser Beitrag wurde unter Glimpses/Impulse, Predigt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

2 Antworten zu Wahre Freiheit – Anmerkungen zu Johannes 8, 36

  1. konsequentegnade schreibt:

    Unter dem Gesetz dürfte man nur wollen, was das Gesetz wollte – ohne Gesetz darf man nur wollen, was Christus will? Damit ist der Heuchelei und dem frommen Gekrampfe doch weiterhin Tür und Tor geöffnet.

    Der Gläubige muss ehrlich feststellen dürfen, was er WIRKLICH will und was nicht. Sein Wollen und Begehren kann er nicht verändern – das kann nur Christus. Da das aber ein Prozess ist – was bleibt da anderes, als eben zu tun, was man (aktuell noch) will?

    Sich ein Tun zu verkneifen, kann nur aus eigener Kraft geschehen. Denn wäre die „Heiligung“ (=Veränderung) schon bis dorthin vorgedrungen, würde man gar nicht mehr wollen.

  2. JNj. schreibt:

    Liebe/r kosequentegnade,
    nicht „dürfen“, sondern „können“ – um diesen Punkt ging es mir: Wenn Jesus Christus uns befreit, dann eröffnet sich für uns damit zum ersten Mal die Möglichkeit, überhaupt den Willen Gottes tun zu können. Diese Tatsache wird leider von vielen Menschen, die für sich beanspruchen Christen zu sein, gar nicht wahrgenommen. Von solchen Menschen höre ich immer wieder: „Die Aussagen der Bibel decken sich in diesem Punkt nicht mit meinem Leben und ich glaube auch nicht, dass für mein Leben als Christ maßgebend ist.“ Während Gesetzliche aus eigener Kraft den Willen Gottes tun wollen, leugnet die christliche „Frank-Sinatra“-Fraktion („I did it my way“), dass es überthaupt einen Weg/eine Möglichkeit gibt, den Willen Gottes tun zu können. Das ist aber im Grunde die Leugnung eines wichtigen Teils des vollbrachten Werkes Christi.
    Sie haben völlig Recht, dass wir unser Wollen und Begehren nicht selbst verändern können und es eines Wachstumsprozesses bedarf, in dem Christus uns verändert. Keine Frage! Darauf bin ich (aber auch) anderer Stelle in diesem Blog eingegangen.Ich nehme diesen Hinweis aber gerne auf und werde bei einer Überarbeitung des Artikels enstprechende Verlinkungen einarbeiten.
    Freundliche Grüße, JNj.

Hier ist Platz für Ihre Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.