Einander ertragen statt gegenseitig plagen


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Friede, Freude, Eierkuchen?

Wer kennt sie nicht, die Redewendung: „Friede, Freude, Eierkuchen“? Es ist zwar unbekannt, woher sie stammt, aber fast jeder weiß, was damit gemeint ist: Ein Problem wird verdrängt, „unter den Teppich gekehrt“, aber nicht wirklich gelöst. Wer  z.B.  nach der Aussprache über einen Konflikt sagt, nun sei ja wieder „Friede, Freude, Eierkuchen“, der gibt damit zu erkennen, dass er nicht  überzeugt ist, dass der Konflikt wirklich gelöst wurde. Alles, was erreicht wurde, ist ein „Waffenstillstand“, ein Scheinfriede. Unter der Oberfläche brodelt das Problem weiter vor sich hin und der Konflikt kann jederzeit wieder aufbrechen.

Wenn der Apostel Paulus in seinem Brief an die Christen in Rom, die Aufforderung richtet:

„Also lasst uns nun dem nachstreben, was zum Frieden und was zur gegenseitigen Erbauung dient.“

(Römer 14, 19)

dann geht es ihm um echten Frieden unter den Gläubigen. Es geht um eine ehrliche Liebe, die Gegensätze aushält und sie nicht „um des lieben Friedens willen“ ausblendet. Es geht um „Friede und Freude TROTZ Eierkuchen“. Das kann man jedoch leicht übersehen, wenn man Römer 14, 19 aus dem Zusammenhang dessen reißt, was Paulus in Römer 14 insgesamt lehrt. Losgelöst vom Kontext besteht die große Gefahr, dass die Wortverkündigung eben doch zu einer „Friede, Freude, Eierkuchen“-Predigt gerät. Denn so kann man in diesen Vers alles Mögliche „hineinlegen“, um Gläubige aufzufordern,  endlich „Frieden zu halten“.

Der Römerbrief: Drei Abschnitte – ein Guss

Wenn wir den Brief an die Römer betrachten, dann können wir ihn – ganz grob gesagt – in drei Abschnitte einteilen:

In den Kapitel 1 – 8 erklärt Paulus die grundlegenden Aussagen des christlichen Glaubens: Was ist der Mensch vor Gott? Was ist Sünde? Wie wird das Problem der Sünde überwunden? Wie wird die Trennung zwischen Gott und dem Menschen aufgehoben? Was ist Erlösung? In welche Beziehung zu Gott versetzt die Erlösung den Menschen? – Bei diesen grundlegenden Glaubenslehren macht Paulus – und das ist auch für die richtige Einordnung von Römer 14, 19 später sehr wichtig – klar, dass sie für alle Menschen in gleicher Weise gültig sind. Das Heilsangebot Gottes in Jesus Christus gilt allen Menschen:

„Denn Gott hat die Welt so geliebt, daß er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren gehe, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, daß er die Welt richte, sondern daß die Welt durch ihn gerettet werde. Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet (…)

(Johannes 3, 16 – 17)

Das Volk der Juden, dem Gott sich bereits vorher in besonderer Weise geoffenbart hatte, hat – was das Heil betrifft – keinen Vorrang vor Menschen, die nicht dem Judentum angehör(t)en. Alle Menschen sind eingeladen, die Gnade Gottes zu empfangen (vgl. Römer 2, 1Römer 3, 21). Für alle Menschen gibt es seit dem Tod und der Auferstehung Jesu nur einen einzigen Weg zu Gott:

„Jesus spricht zu ihm: Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben; niemand kommt zum Vater, denn durch mich!“

(Johannes 14, 6)

Und dieser einzige Weg wird nur auf eine einzige Weise betreten, nämlich durch Buße (= innere Umkehr zu Gott):

„Und in seinem Namen wird man allen Völkern, angefangen in Jerusalem, predigen, dass sie zu Gott umkehren sollen, um Vergebung der Sünden empfangen zu können.“

(Lukas 24, 47, NeÜ)

und durch Glauben an das vollbrachte Opfer Jesu Christi (Römer 3, 21 – 26). Diese Klarstellung war nötig, weil Rom ein Schmelztiegel der verschiedensten Nationalitäten und damit auch der verschiedensten Kulturen und Religionen war. Dementsprechend kamen auch die Christen in Rom aus den unterschiedlichsten kulturellen und religiösen Hintergründen. Da gab es Menschen, die sich aus dem Judentum zu Christus bekehrt hatten und Menschen, die vor ihrer Hinwendung zu Christus römische, griechische oder andere Götter verehrt hatten. Paulus macht deutlich, dass – wenn es um das Heil geht – die Juden – trotz ihrer bisherigen Geschichte mit Gott – keinen Vorrang hatten (vgl. Römer 2, 1Römer 3, 21).

Nach diesen ersten acht Kapiteln über die Grundlehren des christlichen Glaubens scheint Paulus vom Thema „abzuschweifen“. Es folgen drei Kapitel (Römer 9 – 11), in denen er sich der Frage widmet, welche Rolle Israel gegenwärtig und zukünftig in Gottes Heilsplan spielt. Auch dieser Einschub war nötig, denn wie leicht hätten die Christen, die nicht dem Judentum entstammten, nun meinen können, Gott hätte die Juden nun grundsätzlich „abgeschrieben“. Paulus macht klar: das ist nicht der Fall.

Ab Kapitel 12 wird der Faden von Kapitel 8 wieder aufgenommen. In den weiteren Kapiteln (12 – 14) widmet sich Paulus der Praxis des christlichen Lebens: Wie sieht christliches Handeln und Verhalten aus und zwar (Kapitel 12:) im Kontext der örtlichen Versammlung (= Gemeinde/Kirche), (Kapitel 13:) gegenüber dem Staat und (Kapitel 14:) in Fragen, für die Gott uns keine verbindlichen Anweisungen gibt? Kapitel 15 und 16 befassen sich mit dem Dienst des Paulus und übermitteln Grüße von ihm und anderen Gläubigen an die Christen in Rom.

Unser Vers – Römer 14, 19 – findet sich in dem Kapitel, in dem Paulus die Frage beantwortet, wie sich Christen in Fragen verhalten sollen, für die Gott uns keine verbindlichen Anweisungen gibt. Denn genau an solchen Fragen entzündeten sich in Rom Konflikte unter den Gläubigen.

Vegetarier wider Willen

Da gabt es Gläubige, die früher zum Judentum gehörten. Ihr Gewissen war noch stark von den jüdischen Speisevorschriften geprägt. Nur bestimmte Tiere galten im Judentum als rein und auch sie durften nur dann gegessen werden, wenn sie auf rituelle Weise geschlachtet worden waren.  Die so geprägten Christen brauchten eine Weile, bis sie erkannten, dass diese Speisegebote nun nicht mehr galten. Petrus ist dafür ein gutes Beispiel (vgl. Apostelgeschichte 10, 9 – 15).  Diese Christen bezeichnet Paulus als „schwach“ – nicht als grundsätzlich „schwach“ im Glauben -, aber als „schwach“ in Bezug auf die Freiheit, die uns das Evangelium in solchen Fragen gewährt. Weil sie in diesem Sinn „schwach“ waren, aßen sie kein Fleisch, nur Gemüse. Aber es gab auch Christen, die früher zu den verschiedensten Götterkulten gehört hatten und ebenfalls zu Vegetariern wider Willen wurden: Sie aßen kein Fleisch, weil sie befürchteten, dass es sich dabei u.U. um Fleisch handeln könnte, das zuvor den heidnischen Göttern geopfert worden war und sie Angst hatten, dass sie durch den Genuss dieses Fleisches wieder mit dem Götzenkult in Kontakt kommen könnten. Auch sie waren „schwach“ in Bezug auf die Freiheit, die das Evangelium uns schenkt. Aber dann gab es dort noch eine dritte Gruppe – die „Starken“. Sie waren schon im Glauben gereift, sie wussten, dass das Evangelium ihnen bzgl, des Essens von Fleisch keine Beschränkungen auferlegte und sie lebten entsprechend. Aber dann prallten die Meinungen derer, die den Fleischgenuss aus Gewissensgründen ablehnten, mit der Überzeugung jener, die Fleisch aßen, zusammen. Beide Gruppen reagierten falsch: Die „Schwachen“ verurteilten die „Starken“ (Römer 14, 3) und die „Starken“ verhielten sich wie „Halbstarke“, in dem sie die „Schwachen“ verhöhnten und ihnen ihre Freiheit aufdrücken wollten. Aber es blieb nicht nur bei diesem einen Konfliktherd. Auch über die Fragen, ob man den Sabbath und die jüdischen Feiertage halten müsse (Römer 14, 5) und über die Frage, ob  man Wein trinken dürfe (Römer 14, 21), kam es zum Streit. Paulus weist die „Schwachen“ an, über die „Starken“ nicht zu richten. Den „Starken“ gebietet er, die „Schwachen“ weder zu verachten noch sie zu bedrängen, gegen ihr (schwaches) Gewissen zu handeln (Römer 14, 20 – 23).  Beiden Gruppen macht er deutlich, dass sie die Spannung, in die uns die Freiheit des Evangeliums in solchen Dingen stellt, aushalten müssen. Folgendes gilt es zu erkennen:

* Alle Gläubigen sind bei Gott angenommen und werden von Ihm im Glauben erhalten (Römer 14, 2 – 3). Darum sollen auch wir den Mitgläubigen so annehmen (Römer 15, 7) und bereit sein, in Fragen, in denen uns das Evangelium Freiheit gewährt, unterschiedliche Meinungen zu ertragen. Nicht die Gläubigen richten in diesen Dingen übereinander, sondern der Herr Selbst wird über sie richten und darum sollte jeder gut darauf achten, dass er dem Mitgläubigen kein Ärgernis bereitet (Römer 14, 10 – 13).

* Die Streitigkeiten um diese „Glaubenspeanuts“ sind angesichts der großen Aufgabe der Evangeliumsverkündigung, mit der Gott die Gläubigen in dieser Welt betraut hat, großer Unfug. Sie halten uns davon ab (vgl. Römer 14, 17 – 18 mit Matthäus 6, 33) und tragen Unfrieden in unsere Gemeinschaft. Das muss aufhören und darum fordert Paulus die Gläubigen auf, dieses „Kleinklein“ hinter sich zu lassen. Die Entscheidung, unwichtige Unterschiede in gegenseitiger Liebe auszuhalten und die Konzentration auf die gemeinsame Aufgabe werden zum Frieden untereinander und zu gegenseitiger Auferbauung führen. 

Nicht nur für die Christen in Rom bestand die Gefahr, dass Fragen, in denen uns Gottes Wort keine eindeutige Anweisung gibt, unnötige Konflikte produzieren und evtl. sogar zu Gemeindespaltungen führen konnten. Diese Gefahr besteht in jeder Versammlung (= Gemeinde/Kirche) zu jeder Zeit und an jedem Ort. Was ist zu tun?

1) Wir müssen unsere Bibel, insbesondere das Neue Testament kennen. Nur so können wir wissen, was Gottes Wort  zu einer bestimmten Frage sagt oder ob uns das Evangelium in einer Frage die Freiheit gibt, selbst zu entscheiden, wie wir damit umgehen. Für letzteren Fall bleibt als Grenze allein bestehen, das alles in der Liebe zum Nächsten und zur Ehre Jesu Christi geschehen soll (vgl. 1. Korinther 16, 14; Kolosser 3, 17).

2) Die Dinge, in denen wir in eigener Verantwortung vor Gott entscheiden können, dürfen nicht zu einer Quelle des Unfriedens unter uns werden. Wer die Freiheit des anderen in solchen Dingen nicht teilen kann, der soll den Mitgläubigen nicht verurteilen. Und wer die Gewissensbisse des Mitgläubigen in solchen Dingen nicht versteht, der soll ihn weder verhöhnen noch bedrängen. Es ist wichtig, dass sich die unterschiedlich Denkenden in einem Geist der gegenseitigen Achtung  austauschen. Nur so können Missverständnisse ausgeräumt und vielleicht sogar Verständnis für die unterschiedlichen Überzeugungen geschaffen werden. Die Kraft, diese Spannung auszuhalten und trotz der Spannung in echtem Frieden miteinander zu leben, finden wir in der Liebe zu Christus und in der Liebe zu unseren Mitbruder (Römer 15, 7).

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