Hier spricht das Leben – Anmerkungen zu Jakobus 2, 15 – 16

Blick auf die Altstadt von Jerusalem vom Skopusberg aus * Foto: Joe Freeman via Wikimedia Commons, mailto:wiki@joefreeman.net (Own work) [CC-BY-SA-2.5], via Wikimedia Commons

 

Jakobus 2, 15 – 16 (zum Hintergrund des Jakobusbriefes, siehe: Klick!) soll als Grundlage für die heutige Wortverkündigung dienen. Wir betrachten diese Verse in dem Textzusammenhang, in dem sie sich finden:

“Was hilft’s, liebe Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, und hat doch keine Werke? Kann denn der Glaube ihn selig machen? Wenn ein Bruder oder eine Schwester Mangel hätte an Kleidung und an der täglichen Nahrung und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was könnte ihnen das helfen? So ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, tot in sich selber. Aber es könnte jemand sagen: Du hast Glauben und ich habe Werke. Zeige mir deinen Glauben ohne die Werke, so will ich dir meinen Glauben zeigen aus meinen Werken. Du glaubst, dass nur einer Gott ist? Du tust recht daran; die Teufel glauben’s auch und zittern. Willst du nun einsehen, du törichter Mensch, dass der Glaube ohne Werke nutzlos ist? Ist nicht Abraham, unser Vater, durch Werke gerecht geworden, als er seinen Sohn Isaak auf dem Altar opferte? Da siehst du, dass der Glaube zusammengewirkt hat mit seinen Werken, und durch die Werke ist der Glaube vollkommen geworden. So ist die Schrift erfüllt, die da spricht (1.Mose 15,6): »Abraham hat Gott geglaubt und das ist ihm zur Gerechtigkeit gerechnet worden«, und er wurde »ein Freund Gottes« genannt (Jesaja 41,8). So seht ihr nun, dass der Mensch durch Werke gerecht wird, nicht durch Glauben allein. Desgleichen die Hure Rahab, ist sie nicht durch Werke gerecht geworden, als sie die Boten aufnahm und ließ sie auf einem andern Weg hinaus? Denn wie der Leib ohne Geist tot ist, so ist auch der Glaube ohne Werke tot.

(Jakobus 2, 14 – 26; LUTH’84)

Zum Verständnis von “Glaube“ und “Werke“ im Jakobusbrief

Der Jakobusbrief enthält viele Übereinstimmungen¹mit dem Matthäusevangelium, also jenem Evangelium dessen spezielle Zielgruppe ebenfalls an Christus gläubig gewordene Juden sind (vgl. „Unterscheidung: Die vier Evangelien und ihre Zielgruppen“):

a) Jakobus erwähnt viele Charaktere und Themen aus dem Alten Testament (so z.B. Abraham [Jakobus 2, 21 – 23], Rahab [Jakobus 2, 25], Elia [Jakobus 5, 17 – 18], Hiob [Jakobus 5, 11]), die zehn Gebote (Jakobus 2, 10 – 11) und das “Gesetz des Mose“ (z.B. in Jakobus 4, 11).

b) In seinem Stil ähnelt der Brief mit seiner Vielzahl an ermahnenden Worten dem Buch der Sprüche, denn er legt mehr Wert auf die Glaubenspraxis, also das praktische Ausleben des Glaubens, als auf die Glaubenslehre. Darum finden sich in diesem Brief auch nur sehr wenige  grundlegende christliche Lehren.  Der Brief ist ein klares Bekenntnis zu dem dreieinigen Gott, der durch Jesus Christus der Vater der Gläubigen ist (Jakobus 1, 1 + 27; Jakobus 2, 19), zu dem Herrn Jesus Christus (Jakobus 1, 1; Jakobus 2, 1) und zu dem Heiligen Geist (Jakobus 4, 5). Die Neugeburt durch das Wort Gottes (Jakobus 1, 18), die Innewohnung des Heiligen Geistes (Jakobus 4, 5) in dem Gläubigen und die Erwartung der Wiederkunft des Herrn Jesus Christus  (Jakobus 5, 7 – 8) werden erwähnt. Andere wichtige Lehren des christlichen Glaubens (z.B. über die Erlösung durch Christus, die Stellung, in die der Gläubige durch Christus versetzt wurde u.v.a.m.) werden nicht angesprochen.

Aus diesen Gründen – und wegen der Aussage bzgl. der “Werke des Glaubens“ in Jakobus 2, 21 – 24 – hat der Reformator Martin Luther lange Zeit daran gezweifelt, ob es sich bei dem Jakobusbrief wirklich um einen kanonischen Brief handelt und ob dieser zum Neuen Testament gehören würde. Doch der scheinbare Widerspruch zwischen der Aussage des Apostels Paulus in Römer 3, 28 (“Denn wir urteilen, daß ein Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird, ohne Gesetzeswerke.“) und der Aussagen des Apostels Jakobus in Jakobus 2, 24 (“Ihr sehet also, daß ein Mensch aus Werken gerechtfertigt wird und nicht aus Glauben allein.“) löst sich sehr schnell auf, wenn man den jeweiligen Kontext genauer betrachtet: Während der Apostel Paulus die Gläubigen in Rom über die Erlösung des Sünders belehrt, die dieser sich durch kein Werk der Welt erarbeiten, geschweigedenn erkaufen kann, belehrt der Apostel Jakobus die Empfänger seines Briefes darüber, woran sich echter, aus Gott geborener Glaube erweist: nämlich an Werken, die dem Glauben entsprechen. Die beiden Apostel widersprechen einander nicht, sie zeigen gleichsam zwei Seiten einer Medaille: Erlösung ist ein Geschenk der Gnade Gottes, die wir “mittels des Glaubens“ (Römer 5, 1 – 2) – also durch den Glauben – empfangen. Wenn Menschen auf dies Weise wirklich von neuem geboren wurden, dass wird sich dieses neue Leben aus Gott in gottgemäßen Werken erweisen, sichtbar werden.

Der Abschnitt, indem sich die Worte finden, die wir heute betrachten wollen, ist der zweite große Abschnitt des Jakobusbriefes. Er befasst sich mit der Sünde der Parteilichkeit und der Bedeutung des lebendigen Glaubens. Kapitel 2, Verse 1 – 13 zeigt die Probleme auf, die durch Parteilichkeit entstehen und wie sie durch wahre Liebe zum Nächsten überwunden werden können. Kapitel 2, Verse 14 – 26 beleuchten die heilsentscheidende Rolle, die der lebendige Glaube des Christen spielt. Wie bereits oben ausgeführt, stellen die “Werke“, die bei Jakobus betont werden, den Ausfluss des wahren, lebendigen Glaubens dar und dürfen nicht als Mittel zur Erlösung missverstanden werden.

Die christliche Glaubenspraxis – Hier spricht das Leben

Vor einigen Jahren nahm ich an einer beruflichen Weiterbildung teil. Gegenüber dem Gebäude, in dem meine Schulung statt fand, warb ein großer Markt mit dem Hinweis, dass bei ihm der Preis spräche. Heute komme ich hin und wieder an diesem großen Markt vorbei, doch das ganze Gelände ist verwaist. Die Firma hat Insolvenz angemeldet, die Filiale wurde geschlossen. Doch noch immer prangt an der Außenseite des Gebäudes das Werbebanner, das darauf hinweist, dass “hier der Preis spricht“. Das Banner kündigt etwas an, doch die Realität, der leere und verlassene Markt, spricht eine ganz andere Sprache. Die Diskrepanz zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist unübersehbar.
Mit einer ähnlichen Diskrepanz setzt sich der Apostel Jakobus im 2. Kapitel seines Briefes auseinander. Es ist die Diskrepanz, die im Leben von Menschen sichtbar wird, die behaupten Christen zu sein und an Jesus Christus zu glauben, deren Leben jedoch eine ganz andere Sprache spricht. Unter den Christen, an die Jakobus schrieb, gab es Menschen, die von sich sagten, dass sie die anderen Gläubigen lieben würden, gleichzeitig jedoch arbeiteten die Menschen daran, ihre eigenen, kleinen Gruppen innerhalb der Gemeinschaft aufzubauen. Ihr Mund sprach von Liebe, ihre Taten sprachen von Spaltung und Egoismus. Ausgehend von dieser Diskrepanz von Reden und Leben, hinterfragt der Apostel Jakobus den Glauben dieser Menschen. Er fragt, ob sie wirklich von neuem geboren waren, ob sie wirklich neues Leben aus Gott empfangen hatten. War es nicht in Wahrheit so, dass diese Menschen durch ihr Handeln das Fehlen echten Glaubens, wahrer Erlösung und wirklichen göttlichen Lebens offenbarten?

Ein Volk des Eigentums, das Gott durch gute Werke bezeugt

In Jakobus 2, 15 – 16 nun macht der Apostel dann die Unsinnigkeit eines Glaubens, der keine entsprechenden Werke hat, an einem ganz praktischen Beispiel deutlich:

“Wenn ein Bruder oder eine Schwester Mangel hätte an Kleidung und an der täglichen Nahrung und jemand unter euch spräche zu ihnen: Geht hin in Frieden, wärmt euch und sättigt euch!, ihr gäbet ihnen aber nicht, was der Leib nötig hat – was könnte ihnen das helfen?“

Eine solche Situation war unter den Gläubiger des 1. Jahrhunderts nicht unüblich. Wie wir aus anderen Briefen wissen, gab es etliche Gläubige, die materielle Not litten (vgl.  Römer 15, 25 – 31; 1. Korinther 16, 3). Die Gründe dafür konnten vielfältig sein. Zum einen fand der christliche Glaube unter den Armen eine weite Verbreitung, zum anderen hatten viele Christen durch die Verfolgungen, die sie erleiden mussten, Hab und Gut verloren. Einem solchen Bedürftigen war mit Worten, auch nicht mit Worten des Glaubens, nicht geholfen. Dieser Bruder/diese Schwester brauchte ganz praktische Hilfe. Ein Mensch, der wirklich dem Herrn Jesus Christus nachfolgt, würde diesen Bruder/diese Schwester nicht mit frommen Worten abspeisen, sondern nach  Wegen suchen, wie dem Bedürftigen geholfen werden könnte. Diese Aussage steht auch ganz in einer Linie mit dem, was der Apostel Johannes lehrt. Dieser schreibt in seinem ersten Brief:

“Wir wissen, daß wir aus dem Tode zum Leben gelangt sind; denn wir lieben die Brüder. Wer nicht liebt, bleibt im Tode. „

(1. Johannes 5, 16)

Auch der Apostel Johannes will damit keine “Werksgerechtigkeit“ verkündigen. Er weiß, dass wir aus uns heraus zu dieser Liebe gar nicht fähig sind. Erst durch die neue Geburt (Johannes 3, 1 – 6) empfangen wir diese Liebe:

“(…) die Hoffnung aber läßt nicht zuschanden werden; denn die Liebe Gottes ist ausgegossen in unsre Herzen durch den Heiligen Geist, welcher uns gegeben worden ist.“

(Römer 5, 5)

Aber wenn diese Liebe in unsere Herzen ausgegossen wurde, dann zeigt sich das auch an entsprechenden Werken:

“Solange wir also noch Gelegenheit dazu haben, wollen wir allen Menschen Gutes tun, ganz besonders denen, die wie wir durch den Glauben zur Familie Gottes gehören.“

(Galater 6, 10; NGÜ)

Und durch unsere Taten wird deutlich, ob diese Liebe wirklich in unserem Herzen lebt und regiert. Das Werke, die dem Glauben an Gott entsprechen, ein Kennzeichen echten Christseins sind, wird auch aus den Worten des Apostels Paulus an seinen Mitarbeiter Titus deutlich: In Titus 2, 13 – 14 schreibt er:

“(…) indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, der sich selbst für uns hingegeben hat, um uns von aller Gesetzlosigkeit zu erlösen und für sich selbst ein Volk zum besonderen Eigentum zu reinigen, das eifrig ist, gute Werke zu tun.“

(Titus 2, 13 – 14)

Diese Worte machen noch einmal mit aller Klarheit deutlich, dass Christen nicht durch gute Werke errettet werden, sondern dass sie errettet wurden, um gute Werke zu tun. Durch solche Werke bezeugen wir vor aller Welt die lebensverändernde Kraft des Glaubens an Jesus Christus. Und wir erfüllen damit Sein Gebot, wie es uns von Matthäus überliefert wird:

“So soll euer Licht leuchten vor den Leuten, daß sie eure guten Werke sehen und euren Vater im Himmel preisen.“

(Matthäus 5, 16)

Fußnoten:

¹= Einige Kommentatoren zählen bis zu 38 Parallelen.

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