Wenn Kranke sich für gesund halten – Anmerkungen zu Matthäus 9, 9 – 13

Kafarnaum BW 7

Die Synagoge von Kafarnaum (Kapernaum) * Foto: By Berthold Werner (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

 

Für die Wortverkündigung am heutigen Mittwoch betrachten wir Verse aus dem 9. Kapitel des Matthäusevangelium (zum Hintergrund des Matthäusevangeliums siehe: Klick!):

„Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm. Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern? Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

(Matthäus 9, 9 – 13; LUTH’84)

 

Die Frage nach der  Gemeinschaft

In dem gesamten Abschnitt von Matthäus 9, 9 – 17 (Parallelberichte finden sich in Markus 2, 13 – 17  und Lukas 5, 27 – 32) geht es um die Autorität, mit der der Herr Jesus Christus Seinen Kritikern gegenüber tritt. Bereits in Matthäus 8, 18 – 22 schildert uns der Evangelist die Autorität des Herrn gegenüber dem Volk. Dabei ging es um jene, die freiwillig zu ihm kamen und Seine Jünger sein wollten. In Matthäus 9, 9 – 17 antwortet der Herr den Pharisäern, die Ihn wegen Seiner Gemeinschaft mit “Zöllnern und Sündern“ kritisieren.

* “Und als Jesus von dort wegging, sah er einen Menschen am Zoll sitzen, der hieß Matthäus; und er sprach zu ihm: Folge mir! Und er stand auf und folgte ihm.“ – Matthäus 9, 9 –  Wahrscheinlich fand das in diesem Abschnitt berichtete Geschehen in der Nähe von Kapernaum statt. Das Haus des Zöllners können wir uns als ein Haus oder einen größeren, geschlossenen Raum in der Nähe der Grenze zwischen den Herrschaftsgebieten von Herodes Philippos und Herodes Antipas vorstellen. Kapernum lag an einer Karawanenroute, die vom Norden Israels bis nach Ägypten führte. An diesem vielfrequentierten und damit lukrativen Ort saß Matthäus und kassierte Steuern und Zölle. Wie allgemein bekannt, waren die Zöllner im Volk der Juden verachtet. Man sah in ihnen korrupte Verräter, die mit der verhassten römischen Besatzungsmacht zusammenarbeiteten und in deren Auftrag die eigene Bevölkerung auspressten (vgl. Matthäus 5, 46). Kein Rabbiner hätte einen solchen Zöllner als Schüler aufgenommen, denn er war in ihren Augen ein Sünder. Doch der Herr Jesus Christus tut das, was für das religiöse Establishment undenkbar ist und beruft gerade einen solchen Sünder in Seine Nachfolge. Denn die Lehre und Verkündigung Jesu gründet sich auf Gnade und nicht auf Verdienst. Kein Mensch, egal wie verachtet er in dieser Welt ist, ist von der Einladung Jesu ausgenommen. Seine Zuwendung und Sorge gelten jedem Menschen, mag die Gesellschaft diesen auch noch so sehr verabscheuen.
Wie wir aus Markus 2, 14 und Lukas 5, 27 erfahren, war der zweite Name des Matthäus “Levi“. Ob damit eine Abstammung vom Stamm der Leviten angedeutet werden soll ist fraglich. “Mattanja“, die hebräische Form von “Matthäus“ (vgl. z. B. 1. Chronika 9, 15) bedeutet “Gabe/Geschenk Gottes“, kann aber auch die Bedeutung “treu“ haben.
Matthäus reagierte sofort auf den Ruf Jesu. Er verließ sein gewinnbringendes und einflußreiches Geschäft und trat umgehend in die Nachfolge Jesu.

* “Und es begab sich, als er zu Tisch saß im Hause, siehe, da kamen viele Zöllner und Sünder und saßen zu Tisch mit Jesus und seinen Jüngern. Als das die Pharisäer sahen, sprachen sie zu seinen Jüngern: Warum isst euer Meister mit den Zöllnern und Sündern?“ – Matthäus 9, 10 – 11 – Offensichtlich richtete Matthäus für Jesus und Seine Jünger in seinem Haus ein Essen aus, zu dem er auch andere Zöllner und weitere Menschen einflud, die ebenfall von den Pharisäern als Sünder angesehen wurden, weil sie deren spezielles Gesetz, die so genannte “Halacha“ („Der Weg“ oder „Wie mn gehen [leben] soll“) nicht befolgten. Mit einem solchen Menschen zu essen, stellte für einen Pharisäer eine kultische Verunreinigung dar, denn in der Welt des Altertums wurde ein gemeinsames Mahl als Gemeinschaft, als Identifikation mit den anderen Essenden angesehen.
Der Herr Jesus Christus sah jedoch vorrangig die geistlichen Nöte dieser Menschen. Wenn die Pharisäer nun die Jünger des Herrn  fragen, warum dieser mit den Sündern isst, so war dies nicht eine Frage, die auf eine wirkliche Antwort wartete. Es war eine vielmehr eine versteckte Anklage. Zum einen klagen sie den Herrn dafür an, dass Er sich den Zöllnern und Sündern zuwendet, zum anderen monieren sie, dass Er damit Seinen Jüngern ein schlechtes Vorbild geben würde.
Nachdem bereits in Matthäus 9, 3 den Herrn  kritisiert und abgelehnt hatten, schließen sich jetzt also auch die Pharisäer dieser Kritik und Ablehnung an. Damit stellen sich die beiden religiösen Gruppen gegen Ihn, die im damaligen Israel den größten Einfluss hatten.

* “Als das Jesus hörte, sprach er: Die Starken bedürfen des Arztes nicht, sondern die Kranken. Geht aber hin und lernt, was das heißt (Hosea 6,6): »Ich habe Wohlgefallen an Barmherzigkeit und nicht am Opfer.« Ich bin gekommen, die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.“ – Matthäus 9, 12 – 13 – Anstatt Seine Jünger antworten zu lassen, antwortet der Herr selbst den Pharisäsern. Seine Antwort räumt mit vielen“frommen“, aber falschen Vorstellungen auf. Manchmal kann man hören, dass der Herr sich diesen Menschen zugewandt hätte, weil sie Ihn, im Gegensatz zu den Pharisäsern und Schriftgelehrten, freundlich und bereitwillig aufgenommen hätten. Doch das ist nicht der Grund, den uns der Herr hier nennt. Er vergleicht die Sünde mit einer Krankheit, die es zu heilen gilt. Darum weicht er der Gemeinschaft mit diesen Menschen nicht aus. Anstatt sich den geistlich Kranken liebevoll zuzuwenden und ihnen zu helfen, wandten sich die Pharisäer hochmütig von ihnen ab. Der Herr Jesus Christus aber wandte sich diesen Menschen zu, weil Seine Hilfe für sie lebensnotwendig war. Auf dem Hintergrund des Alten Testaments leuchtet auch hier wieder die Gottheit des Erlösers auf. Denn bereits im Alten Testament hatte sich Gott Seinem Volk als der große Arzt (“Jahwe Rapha“, der Herr ist dein Arzt) vorgestellt, der alle ihre Krankheiten heilen konnte (vgl. 2. Mose 15, 26; 5. Mose 32, 39; 2. Könige 20, 5; Psalm 103, 3 u.v.a.m.). Durch Seine Propheten hatten Gott Seinem Volk verheißen, dass der kommende Messias, der Erlöser, nicht nur Heilung für Israel, sondern auch für die Nationen der Welt bringen würde (siehe Jesaja 19, 22; Jesaja 30, 26; Jeremia 30, 17 u.v.a.m.)
Der englische Bibelkommentator Donald A. Carson erläutert in seinem Kommentar zum Matthäusevangelium¹, dass der Herr, wenn Er sagt  zu den Pharisäern sagt “Geht aber hin und lernt ….“ eine rabbinische Redeweise aufgreift,  mit der darauf hingewiesen wird, dass die so Aufgeforderten die Heilige Schrift noch einmal genauer studieren sollten. Die Pharisäer und Schriftgelehrten hatten wohl gewisse Aussagen des Alten Testaments verstanden und versuchten auch, diese im Alltag auszuleben. Was ihnen jedoch fehlte, war eine Gesamtschau des Alten Testaments. Schon in Psalm 119, 160 werden wir vor einem selektiven Gebrauch des Wortes Gottes gewarnt, wenn es dort heißt:

Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jede Bestimmung deiner Gerechtigkeit bleibt ewiglich.“

( Psalm 119, 160; SCHL’2000)

Gleichzeitig verwies der Herr die Pharisäer auf eine Aussage im Propheten Hosea. In dieser Stelle – Hosea 6, 6 –  klagt Gott Sein Volk an, dass es ihn in seinem Herzen schon lange verlassen hatte, obwohl es noch täglich alle rituellen Handlungen im Tempel vollzog. Damit hielt der Herr den Pharisäern eine Spiegel vor. Auch sie waren auf das äußerliche Einhalten der Gebote Gottes bedacht, in ihrem Herzen aber  hatten sie sich schon weit von Gott und Seinem Willen entfernt. Jemand hat sehr treffend gesagt: “Der Heuchler hat Gott auf der Zunge und die Welt im Herzen“. Genauso sah es bei den Pharisäern aus. Ihre Frömmigkeit war nicht echt, sondern nur äußerliche Show. Mit seinem Hinweis auf die Ausaage des Propheten Hosea machte der Herr Jesus deutlich, dass auch die Pharisäer geistlich krank waren und der göttlichen Heilung bedurften.
Den Abschluss dieses Abschnitts bildet die Aussage Jesu, dass er gekommen ist, Sünder zu rufen und nicht Gerechte. Wir mögen in dieser Ausage schlicht eine Zusammenfassung des Vorausgegangenen sehen, doch damit würden wir die Spengkraft dieser Aussage übersehen. Seit Seinem ersten Auftreten hatte der Herr damit begonnen, den Anbruch des Reiches Gottes zu verkündigen. Hier nun macht Er deutlich, dass in dieses Reich nur solche eingehen würden, die sich selbst als Sünder (vgl. Johanne 16, 8 – 11) erkannt hatten. Heuchler würden in diesem Reich keinen Platz haben (Matthäus 24, 51). Sehr treffend hat jemand bemerkt: „Wenn wir vor Gott unsere Schuld aufdecken, deckt er sie zu.“ Umgekehrt ist es genauso: Wenn wir unsere Schuld meinen verbergen zu können, dann deckt Er sie auf (1. Korinther 4, 5).
Der Der kurze Abschnitt von Matthäus 9, 9 – 13 enthält also zwei wichtige Aussagen für uns. Zum einen gilt es, uns selbst zu prüfen: Leben wir wirklich, was wir glauben, oder leben wir nur einen äußeren Anschein. Gehören wir mit unserem ganzen Sein Gott oder vermitteln wir nur einen “Schein von Gottseligkeit“ ohne die dazugehörige göttliche Kraft zu besitzen (vgl. 2. Timotheus 3, 5). Nur wenn unser Leben mit unserem Glauben in Einklang ist, können wir den Menschen auch so dienen, wie es der Herr Jesus Christus tat und wie Er es von uns als Seinen Jüngern erwartet: Den Bedürftigen zu dienen, völlig unabhängig davon wer sie sind, welche soziale Stellung sie haben, ob sie unseren Glauben teilen oder nicht. Diese bedingungslose Zuwendung zum Menschen zeichnete den Dienst unseres Herrn aus. Wäre der Dienst Jesu an uns nicht voller Liebe und ohne jede Bedingung gewesen, wo wären wir heute?

Fußnoten:

¹= Donald A. Carson: „Matthew –  The Expositor’s Bible Commentary“, Band 8, Zondervan Publishing House, Grand Rapids, 1984, Seite 225

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