Von offenen Türen und vielen Widersachern – Anmerkungen zu 1. Korinther 16, 5 – 12

Korinth_Muendung / Foto: Wikipedia/Don Vincenzo

Kanal von Korinth. Die Mündung von Korinth * Foto: Don Vincenzo – selbst fotographiert (während einer Schulreise) via Wikimedia Commons


Als Grundlage für die Wortverkündigung am kommenden Sonntag soll ein Vers aus dem 16. Kapitel des 1. Korintherbriefes (zum Hintergrund des 1. Korintherbriefes siehe: Klick!) dienen, den wir in seinem Sinnzusammenhang betrachten werden:

“Ich werde aber zu euch kommen, wenn ich Mazedonien durchzogen habe, denn ich ziehe durch Mazedonien.
Vielleicht aber werde ich bei euch bleiben oder auch überwintern, damit ihr mich geleitet, wohin irgend ich reise; denn ich will euch jetzt nicht auf der Durchreise sehen, denn ich hoffe, einige Zeit bei euch zu bleiben, wenn der Herr es erlaubt. Ich werde aber bis Pfingsten in Ephesus bleiben, denn eine große und wirkungsvolle Tür ist mir aufgetan, und die Widersacher sind zahlreich. Wenn aber Timotheus kommt, so seht zu, dass er ohne Furcht bei euch sei; denn er arbeitet am Werk des Herrn wie auch ich. Es verachte ihn nun niemand. Geleitet ihn aber in Frieden, damit er zu mir komme; denn ich erwarte ihn mit den Brüdern. Was aber den Bruder Apollos betrifft, so habe ich ihm viel zugeredet, dass er mit den Brüdern zu euch komme; und er war durchaus nicht gewillt, jetzt zu kommen, doch wird er kommen, wenn er eine gelegene Zeit finden wird.“

(1. Korinther 16, 5 – 12 ELBEDHÜ; z. Vgl. LUTH’84)

Zur Situation der Christen in Korinth

Korinth zur Zeit des Apostels Paulus war, wie die Geschichtsforschung vielfach bestätigt, eine Stadt, in der “alles möglich war“. Aufgrund ihrer zentralen maritimen Lage war die Stadt zu einem machtvollen Wirtschaftsknotenpunkt herangewachsen, der Menschen aus allen Teilen des römischen Reiches und von darüber hinaus anzog. So wurde die Stadt auch zu einem Schmelztiegel vieler Kulturen und Religionen. Zahllose Tempel der verschiedensten Götter prägten ihr Bild. Außerdem konnte Korinth auf eine lange Geschichte als Wirkungsstätte verschiedener griechischer Philosophen, Dichter und Redner verweisen, durch die sie geprägt worden war. Eine Philosophie, die den Menschen zum Mittelpunkt aller Dinge machte, Götzendienst und sexuelle Unmoral kennzeichneten den Lebensstil dieser einflussreichen Handelsmetropole.
Auch einige Christen in Korinth hatten sich von diesem Gedankengut anstecken lassen. In ihrem Glauben und Handeln spiegelten sie mehr die heidnischen Vorstellungen der Bürger ihres Wohnortes als die Lehre des Wortes Gottes wider. Unter anderem aus diesem Grund wendet sich der Apostel Paulus mit diesem Brief an die Gläubigen in Korinth. Im ersten Teil des Briefes stellt er den Gläubigen die großen Unterschiede zwischen dem heidnischen Lebensstil und dem Willen Gottes gegenüber (1. Korinther 3, 18 – 23: Die beschränkte menschliche Weisheit im Gegensatz zur unendlichen Weisheit Gottes; 1. Korinther 5, 1 ff.: Sexuelle Unreinheit im Gegensatz zu Gottes gutem Plan der Ehe; 1. Korinther 6, 1 – 11: Gegenseitiges Verklagen vor heidnischen Gerichten im Gegensatz zur göttlichen Kraft der Versöhnung u.a.m.) Der Apostel zeigt den Christen in Korinth in diesem Brief noch einmal die Grundlagen des christlichen Lebens auf, um dann deutlich zu machen, dass der Christ auf diesen Grundlagen durch die Gnade Gottes ein heiliges, Gottes Willen entsprechendes und Christus verherrlichendes Leben führen kann.
Im zweiten Teil des Briefes (1. Korinther 7, 11. Korinther 16, 12) beantwortet der Apostel dann eine Vielzahl von Fragen, die ihm von den Gläubigen in Korinth gestellt wurden. Dabei geht es zuerst um Fragen bzgl. der Ehe und des Verhaltens Unverheirateter (1. Korinther 7, 1 – 40). Anschließend erörtert Paulus Fragen bzgl. des Genusses von Opferfleisch, das auf den Märkten Korinths günstig angeboten wurde, zuvor aber den heidnischen Götzen als Opfer dargebracht worden war (1. Korinther 8, 11. Korinther 11, 1).  In Kapitel 11 geht es dann um das würdige Verhalten der Gläubigen und zwar im Zusammenhang mit der Anbetung (1. Korinther 11, 2 – 16)  sowie im Zusammenhang mit dem Tisch des Herrn (1. Korinther 11, 17 – 34). Die Kapitel 1214 des 1. Korintherbriefes behandeln dann Fragen der Gläubigen bzgl. der geistlichen Gaben und in Kapitel 15 geht Paulus auf Fragen bzgl. der  Auferstehung ein. Er nutzt diese Gelegenheit, um die christliche Lehre darüber ausführlich darzulegen. Das große Thema  des 16. Kapitels dieses Briefes ist die apostolische Belehrung über christliche Haushalterschaft, d.h. die Verwaltung bzw. der praktische Umgang mit Gaben, die Gott dem Christen anvertraut. Diese Belehrung erfolgt durch das persönliche Vorbild des Apostels. Paulus zeigt an drei Beispielen aus der Praxis, wie der Christ diese Gaben auf eine dem Willen Gottes entsprechende Weise verwalten bzw. einsetzen kann. Bei diesen Praxisbeispielen geht es um die finanziellen Mittel, mit denen Gott jedes seiner Kinder versorgt (1. Korinther 16, 1 – 4), dann um Gott gegebene Möglichkeiten, die der Gläubige in seinem Leben entdeckt (1. Korinther 16, 5 – 9) und schließlich um die Menschen, mit denen Gott jeden einzelnen Christen zusammenführt / zusammenstellt (1. Korinther 16, 10 – 24).

Anmerkungen zu 1. Korinther 16, 5 – 9

* “Ich werde aber zu euch kommen, wenn ich Mazedonien durchzogen habe, denn ich ziehe durch Mazedonien.“ 1. Korinther 16, 5  – Nachdem Paulus in den ersten vier Versen über die Sammlung für die Gläubigen in Jerusalem gesprochen hat, spricht er nun über seine Reisepläne, d.h. er äußert sich dazu, welche Gläubigen er in den nahen Zukunft besuchen bzw. in welchen Städten er sich länger aufhalten will. Der Apostel wollte die Korinther wissen lassen, dass er beabsichtigte, erneut nach Korinth zu kommen und dort, wenn es möglich war, einige Monate zu verweilen. Zugleich hoffte er, dass auch Timotheus und Apollos nach Korinth kommen konnten. Zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes befand sich Paulus in Ephesus, einer der größten Städte der Provinz Asia. Er plante von dort aus nach Norden in die Provinz  Mazedonien zu reisen. Von dort aus wollte er Richtung Süden nach Korinth weiterreisen. Wie wir aus dem 2. Korintherbrief wissen (vgl. 2. Korinther 2, 1; 2. Korinther 12, 14; 2. Korinther 13, 1 – 2), änderte Paulus später seine Pläne und reiste direkt von Ephesus nach Korinth, um dann nach Ephesus zurückzukehren (vgl. 2. Korinther 2, 5 – 8; 2. Korinther 7, 12). Erst später besuchte er Mazedonien, um anschließend noch einmal nach Korinth zu reisen (vgl. 2. Korinther 2, 12 – 13; 2. Korinther 7, 6 – 16).

* “Vielleicht aber werde ich bei euch bleiben oder auch überwintern, damit ihr mich geleitet, wohin irgend ich reise; denn ich will euch jetzt nicht auf der Durchreise sehen, denn ich hoffe, einige Zeit bei euch zu bleiben, wenn der Herr es erlaubt.“ 1. Korinther 16, 6 – 7 – Es war die Absicht des Apostels eine längere Zeit in Korinth zu bleiben, um den dort lebenden Gläubigen zu helfen, die unter ihnen aufgetretenen Probleme zu lösen. Allerdings konnte Paulus nicht den Winter 56/57 n. Chr. in Korinth verbringen, sondern erst den Winter 57/58 n. Chr. (vgl. Apostelgeschichte 20, 2 – 3; Römerbrief 1, 23). Indem der Apostel hier sagt, dass er diese Dinge tun möchte “wenn der Herr es erlaubt“, macht er deutlich, dass nicht seine eigenen Planungen, sondern der Wille Gottes bzw. die Leitung des Heiligen Geistes ausschlaggebend sein werden (vgl. hierzu auch: Jakobus 4, 13 – 15). (Dieser Hinweis ist wichtig, da später Gläubige in Korinth behaupteten, Paulus wäre in seinen Aussagen nicht zuverlässig.)

* “Ich werde aber bis Pfingsten in Ephesus bleiben, (…)“1. Korinther 16, 8 – Schawuot, das jüdische “Wochenfest“ bzw. “Fest der Erstlingsfrüchte“, uns Christen als “Pfingsten“ bekannt, wurde 50 Tage nach dem Passahfest gefeiert (vgl. 2. Mose 34, 22; 2. Mose 23, 16; 3. Mose 23, 15 – 21; 4. Mose 28, 26; 5. Mose 16, 1). Zur Zeit des Paulus fiel die Feier dieses Festes zeitlich in die letzten Wochen des Monats Mai bzw. in die ersten Wochen des Monats Juni. Wir können also davon ausgehen, dass Paulus diesen Brief im Frühling 57 n. Chr. verfasst hat (vgl. auch 1. Korinther 5, 7; 1. Korinther 15, 20).

* “(…) denn eine große und wirkungsvolle Tür ist mir aufgetan, und die Widersacher sind zahlreich.“ 1. Korinther 16, 9 –  In zwei weiteren Briefen benutzt Paulus den Begriff der “Tür“ als Synonym für Gott gegebene Möglichkeiten, so in 2. Korinther 2, 12 und Kolosser 4, 3 (siehe auch:  Apostelgeschichte 14, 27; Offenbarung 3, 8). Mindestens zwei Jahre blieb der Apostel in  Ephesus um die Möglichkeiten, die Gott ihm dort zum Dienst unter den Einwohnern dieser Stadt gab, zu nutzen. Es ist in diesem Zusammenhang sehr bemerkenswert, dass der Apostel die “zahlreichen Widersacher“ nicht als Beleg für eine “geschlossene Tür“ oder einen Hinweis Gottes verstand, dass er in eine andere Stadt gehen sollte, wo es weniger Widerstand gegen seinen Dienst gab. Denn Paulus praktizierte, was er lehrte und so  blieb er angesichts des Widerstandes gegen das Evangelium in Ephesus “fest, unerschütterlich und überströmend“ (vgl. “Die Gewissheit, die fest, unerschütterlich und überströmend macht – Anmerkungen zu 1. Korinther 15, 50 – 58“: Klick!).
Um zu verstehen, wie sich der von Paulus erwähnte Widerstand gegen das Evangeliums in Ephesus äußerte und um zu verstehen, welche Lehren wir aus dem Verhalten des Apostels wir für ähnliche Situationen in unserem Leben ziehen können, betrachten wir die Situation, die der Apostel in Ephesus vorfand:

Der Apostel Paulus und die Gläubigen in Ephesus

Ephesus war eine multikulturelle Stadt, ein gesellschaftlicher und religiöser “Schmelztiegel“ für Kleinasien, ähnlich wie es New York viele Jahrhunderte später für die entstehenden Vereinigten Staaten von Amerika sein sollte. Das wurde auch deutlich durch die vielen Kulte, denen neben dem Artemiskult, der oberste Priorität besaß, in Ephesus ebenfalls gehuldigt wurde. Vom phrygischen Kybelekult bis zur Verehrung des römischen Kaisers umfasste die Palette der religiösen Angebote dieser Stadt Heiligtümer für den größten Teil aller Götzen, die im damaligen Mittelmeerraum verehrt wurden. Ephesus war, wie wir aus Apostelgeschichte 19, 19 wissen, auch ein Zentrum des Aberglaubens und der okkulten Praktiken. Aber auch Menschen, die den wahren Gott als den Schöpfer und Bundesgott Israels kannten, lebten in dieser Stadt. Dr. Eckhard J. Schnabel, Professor für Neues Testament am Gordon-Conwell Theological Seminary, verweist in seinem Buch “Urchristliche Mission“ darauf, dass eine Gruppe jüdischer Einwohner in Ephesus seit der Zeit der Seleukiden, also im Zeitraum von 281 v. Chr.  – 190 v. Chr., belegt ist und dass der jüdischen Historiker Flavius Josephus davon berichtet, dass Juden von dem seleukidischen König Antiochus III. (261 v. Chr. – 246 v. Chr.) das Bürgerrecht verliehen wurde¹.

Aus dieser Gruppe jüdischer Bewohner der Stadt Ephesus kamen die ersten Menschen durch den Dienst des Apostels Paulus zum Glauben an den Herrn Jesus Christus. Paulus hatte die Stadt zum ersten Mal auf seiner zweiten Missionsreise (Apostelgeschichte 18, 19 – 21; 1. Korinther 16, 8; je nach Datierung ab 49 n. Chr. bzw. 51 n. Chr.) besucht und dort evangelisiert. Nach seinem Abschied aus Ephesus blieben seine beiden Mitarbeiter Priscilla und Aquila in der Stadt und unterwiesen u.a. Apollos, als dieser nach Ephesus kam (Apostelgeschichte 18, 24). Auch auf der dritten Missionsreise (ca. 53/54 n. Chr. – 58 n. Chr.) machte Paulus in Ephesus Station. Bei dieser Gelegenheit fand er dort eine Gruppe von Jüngern vor, die noch nicht belehrt und getauft worden waren (Apostelgeschichte 19, 1 – 41). Offensichtlich waren diese Jünger mit dem Dienst Johannes des Täufers in Kontakt gekommen, hatten aber keine darüber hinausgehende Belehrung empfangen. Und so sollte sich dann dieser zweite Besuch des Apostels in Ephesus über einen Zeitraum von zwei Jahre erstrecken (Apostelgeschichte 19, 10; 20, 31). In dieser Zeit konzentrierte sich Paulus ganz auf die gründliche Belehrung der Gläubigen, wozu er die “Schule des Tyrannus“ mietete. Parallel dazu blieb der Apostel aber auch seinem Auftrag der Evangelisation treu, so dass viele Menschen in der Region das Evangelium hörten und zum christlichen Glauben fanden (Apostelgeschichte 19, 10).

Gegen Ende seines Aufenthaltes in Ephesus kam es dann zu dem bekannten Aufruhr, angefacht durch den Goldschmied Demetrius (Apostelgeschichte 19, 23Apostelgeschichte 20, 1). Dieser Schmied, der wie viele andere, jene kleinen silbernen Götterbilder der Artemis und ihres Tempels herstellte und verkaufte, sah in der Abwendung vieler Menschen vom Artemiskult und ihrer Hinwendung zum christlichen Glauben eine Bedrohung seines Geschäftsbetriebes. In diesem Aufruhr kam vieles zusammen: Da war zum einen natürlich die Angst, das blühende Geschäft mit den heidnischen Devotionalien und damit die Grundlage für den eigenen Lebensunterhalt und Wohlstand einzubüßen. Diese Angst war ganz eindeutig die treibende Kraft hinter diesem Aufruhr. Aber in Ephesus kamen noch zwei weitere Faktoren hinzu. Die wirtschaftlichen Interessen waren hier eng mit der religiösen Überzeugung und einem daraus resultierenden Stolz auf die Zugehörigkeit zu dieser Stadt verbunden. Die Epheser waren treue Anhänger ihrer Göttin und sie waren stolz darauf, dass ihre Stadt durch deren Heiligtum in der ganzen damaligen Welt berühmt war. So strahlte auch etwas von dem Glanz der Berühmtheit ihrer Göttin auf sie ab. Diese drei Faktoren bedingten und verstärkten einander und sie verstellten den aufgebrachten Ephesern den Blick für die Erlösung in Jesus Christus. (Hier haben wir es mit einem Mechanismus zu tun, den wir auch heute noch – wenn auch in anderen religiösen Kontexten – immer wieder beobachten können: Wirtschaftliche Abhängigkeit, die an Lokalpatriotismus und an die Zugehörigkeit zu einer bestimmten religiösen Gruppe geknüpft ist, verstellt auch heute noch vielen Menschen den Blick und damit auch den Weg zur Erlösung in Jesus Christus.) Seinen Höhepunkt fand dieser Aufruhr, als zahllose aufgebrachte Menschen sich im Theater der Stadt versammelt hatten und – zwei Stunden lang! – laut “Groß ist die Diana [oder Artemis] der Epheser!“ skandierten. So reagieren Menschen, die sich gegenseitig ihrer Überzeugung vergewissern müssen. Eine Massenveranstaltung, auf der lauthals und gemeinsam der “eigene Glaube“ proklamiert wird, soll gegenüber Außenstehenden “Masse“ und “Macht“ demonstrieren und die eigene Gruppe durch “Gemeinschaft“ und “gemeinsames Bekenntnis“ nach innen hin stärken. (Auch diesen Mechanismus können wir – in anderen religiösen Kontexten – auch heute noch beobachten: religiöse Gruppen veranstalten Massenevents, um so vor dem Rest der Gesellschaft “Größe“ und “Geschlossenheit“ zu demonstrieren und um die eigenen Mitglieder durch das [emotionale] Gemeinschaftserlebnis “bei der Stange“ zu halten. Fragt man die Besucher eines solchen “Events“, so geben sie i.d.R. an, dass ihr Glaube dadurch gestärkt worden sei bzw. neue Impulse erhalten habe. Untersuchungen belegen jedoch, dass diese “Glaubensstärkung“ nur kurze Zeit anhält und “verpufft“, wenn sich dieser “Glaube“ im Alltag bewähren muss. Damit unterscheidet sich dieser “Glaube“ eindeutig von dem, was christlicher Glaube in seinem Kern ist: eine Lebensbeziehung zu Gott durch Jesus Christus, die tragfähig und stark bleibt, selbst wenn jede Gemeinschaft mit anderen Gläubigen fehlt. Das Zeugnis vieler tausender Christen, die um ihres Glaubens willen Verfolgung erlitten haben und darum zum Teil Jahrzehnte auf jede Gemeinschaft mit anderen Christen verzichten mussten, ist hierfür ein eindeutiger Beleg. Denn christlicher Glaube, die Lebensbeziehung zu Gott, wird nicht durch die Gemeinschaft mit anderen Menschen [so schön und hilfreich diese Gemeinschaft auch sein kann], sondern allein durch die Gemeinschaft mit Jesus Christus erhalten und gestärkt [vgl. Philipper 4, 10 – 13!])

Wie gesagt, diese drei Faktoren (wirtschaftlicher Wohlstand, verquickt mit religiöser Überzeugung und Stolz auf die Zugehörigkeit zu einer berühmten Stadt) verstellten den aufgebrachten Ephesern den Blick für die Erlösung in Jesus Christus. Viele andere, die durch den Verkündigungsdienst des Apostels Paulus und seiner Mitarbeiter erreicht wurden, erkannten jedoch die Wahrheit und zwar nicht nur die Wahrheit über Jesus Christus, sondern auch die Wahrheit über die “Göttin“ Artemis (oder Diana). Hier müssen wir noch einmal einen Blick in die Geschichte richten: Bevor der in der Apostelgeschichte erwähnte und in der Weltgeschichte als siebtes Weltwunder der Antike bekannt gewordene Tempel der Artemis in Ephesus errichtet wurde, stand bereits an gleicher Stelle seit mehreren Jahrhunderten ein etwas kleineres, ebenfalls der Artemis geweihtes Heiligtum. Auch dieses Heiligtum war über die Grenzen von Ephesus hinaus bekannt. Doch in der Nacht vom 20. auf den 21. Juli des Jahres 356 v. Chr. wurde dieser (ältere) Tempel der Artemis durch den Hirten Herostratos in Brand gesetzt. Herostratos wollte mit seiner Tat angeblich zu historischem Ruhm kommen, was ihm auch gelang. (Noch heute bezeichnet man Menschen, die religiöse oder kulturelle Güter aus Geltungssucht zerstören als “Herostraten“ bzw. die ihre Taten als “Herostratentum“.) Im Nachgang zum Brand des Artemistempels entstand die Sage, dass die Göttin in jener Nacht ihren Tempel in Ephesus habe nicht beschützen können, weil sie der Mutter Alexander des Großen bei dessen Geburt in der makedonischen Hauptstadt Pella habe beistehen müssen. Mit dieser Legende sicherten sich die Priester der Artemis das Wohlwollen Alexander des Großen, der das Artemision finanziell in großem Umfang unterstützte. Aber mit dieser Legende offenbarten die Priester der Artemis auch die Wahrheit über die “Göttin“, der sie dienten. Diese “Göttin“, die in einem großartigen, von Menschen erbauten Gebäude wohnte, konnte ihr eigenes Haus nicht beschützen, wenn sie sich zeitgleich an einem anderen Ort aufhielt. Was für ein Armutszeugnis über ihre angebliche “Macht“. Wie anders war da doch der allmächtige Schöpfergott, den der Apostel Paulus verkündigte. Ich bin sicher, dass vielen seiner Zuhörer der große Unterschied sogleich auffiel, ohne dass Paulus extra darauf hinweisen musste. Da, wie Apostelgeschichte 19, 11 – 12 berichtet, Gott den Dienst des Paulus durch Zeichen und Wunder bestätigte (vgl. Markus 16, 20), wurde dieser Unterschied zwischen dem wahren Gott und dem Götzen der Epheser dadurch auf eindrucksvolle Weise zusätzlich unterstrichen. Auf diesem Hintergrund verwundert es nicht, dass sich, wie uns Lukas mitteilt,  “das Wort (…) durch die Kraft des Herrn ausbreitete und (…) mächtig (wurde)“ (Apostelgeschichte 19, 20). Diese Tatsache bestätigt sogar der Goldschmied Demetrius in seinem Aufruf an die Bevölkerung von Ephesus, wenn er sagt: “(…)  ihr seht und hört, dass nicht allein in Ephesus, sondern auch fast in der ganzen Provinz Asien dieser Paulus viel Volk abspenstig macht (…)“ (Apostelgeschichte 19, 26). Keine Verblendung, auch keine “kombinierte“ Verblendung, ist auf Dauer stark genug, um der Wahrheit Gottes zu widerstehen (2. Korinther 4, 1 – 7).

Nachdem Paulus erneut Abschied von der Versammlung (= Gemeinde) in Ephesus genommen hatte, wurde diese durch seinen Mitarbeiter Timotheus weiter betreut (vgl. 1. Timotheus 1, 3; 2. Timotheus 4, 12). Zum Ende der 3. Missionsreise kam Paulus zwar noch einmal in die Nähe von Ephesus, hatte aber nur Gelegenheit, die Ältesten der Versammlung (= Gemeinde) zu sich nach Milet zu bestellen (Apostelgeschichte 20, 16). In der Apostelgeschichte ist uns seine eindringliche Abschiedsrede an diese Christen überliefert (Apostelgeschichte 20, 18 – 38). Hierin warnt er vor einer Opposition, einem Widerstand, der nicht von außen, sondern von innen, d.h. aus der Mitte der Gläubigen selbst kommen würde: Verführer / Irrlehrer, die die die Gläubigen “hinter sich selbst her“ und damit von dem Herrn Jesus Christus, dem einzigen Mittelpunkt christlichen Glaubens, abziehen würden. Das diese prophetische Warnung berechtigt war, zeigt uns das Sendschreiben an die Versammlung (= Gemeinde) in Ephesus, das wir in Offenbarung 2, 1 f. finden.
Aus diesem Sendschreiben erfahren wir, dass die Gläubigen in Ephesus Gott rund 40 Jahre lang treu gedient hatten und dafür auch gleich zu Beginn Seines Sendschreibens von Ihm gelobt werden. Treue ebenfalls ein Teil des Wesens Gottes (2. Timotheus 2, 13) und sie  hat bei Gott einen sehr hohen Stellenwert. So wird von Dienern des Herrn “nur“ verlangt, dass sie treu sind (1. Korinther 4, 2).  Nicht der Erfolg, den jemand in seinem Dienst für Gott hat,  ist also für Gott ausschlaggebend, sondern die Treue, mit der jemand seinen Dienst versieht – selbst wenn er/sie sich in diesem Dienst vielen Widersachern und großem Widerstand von außen oder innen ausgesetzt sieht.
Aus den Worten Jesu in diesem Sendschreiben wird deutlich, dass diese Gläubigen trotz großer innergemeindlicher Anfechtung (durch Irrlehrer; “falsche Apostel“) und schwerer äußere Umstände (Verfolgung durch die römischen Autoritäten im Besonderen und die heidnische Umwelt im Allgemeinen) im Glauben an Ihn ausgeharrt und Ihm die Treue gehalten hatten. Diese Treue hat Gott erfreut ((Matthäus 25, 21 ff.) und darum bzw. dafür lobt Er die Gläubigen in Ephesus. Auch wir können durch Gottes Gnade und Kraft (2. Korinther 12, 9) Ihm die Treue bewahren, in schwierigen Situationen ausharren (Kolosser 1, 11) ohne zu ermüden (Hebräer 12, 3) und auf diese Weise Gottes Herz erfreuen.
Bei den erwähnten falschen Lehrern handelte es sich offensichtlich um Männer, die von Ort zu Ort reisten und sich als “Apostel“ ausgaben, jedoch nicht zum Kreis der anerkannten Apostel des Herrn gehörten, die Augenzeugen des Auferstandenen gewesen sein mussten (Apostelgeschichte 1, 15 – 26). Vor solchen falschen Aposteln hatte bereits Paulus die  Versammlungen (= Gemeinden) warnen müssen (vgl. 2. Korinther 11, 13).
Obschon die Gläubigen in Ephesus also durch schwierige Zeiten gegangen waren und noch gingen, hatten sie den Dienst für Gott nicht aufgegeben. Sie waren nicht nachlässig geworden. Ihre Werke und ihre Arbeit für den Herrn waren offenbar. Selbst unter innerer und äußerer Bedrängnis hatten sie keine Mühe gescheut und waren nicht müde geworden. Aufgeben war für sie ganz offensichtlich nie eine Alternative. Der Grund dafür war offensichtlich, dass sie den Rat befolgt hatten, der ihnen von Paulus in 1. Korinther 15, 58 gegeben worden war.
Auch uns dürfen darum die Gläubigen in Ephesus in diesen Dingen ein Vorbild sein. Und wir dürfen wissen: Der Gott, der sie befähigte, beharrlich im Dienst für ihn zu bleiben, will auch uns zu unserem Dienst – besonders in schweren Zeiten – Seine Gnade und Kraft schenken. Auch in Zeiten innerer und äußerer Anfechtung sollen wir Seine Kraft und Gnade erleben, um beharrlich und treu bleiben.

* “Wenn aber Timotheus kommt, so seht zu, dass er ohne Furcht bei euch sei; denn er arbeitet am Werk des Herrn wie auch ich. Es verachte ihn nun niemand. Geleitet ihn aber in Frieden, damit er zu mir komme; denn ich erwarte ihn mit den Brüdern.“-  1. Korinther 16, 10 – 11 – Wahrscheinlich hatte Paulus seinen Mitarbeiter Timotheus zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Briefes bereits nach Korinth gesandt (vgl. Apostelgeschichte  19, 22; 1. Korinther 4, 17). Da dieser Mitarbeiter noch recht jung war (vgl. 1. Timotheus 4, 12), weist der Apostel die Gläubigen in Korinth an, ihn nicht zu verachten. Das griechische Wort “ἐξουθενέω“ (“exoutheneo“) kann auch mit “geringschätzen“ oder “für Nichts achten“ übersetzt werden. Doch die Christen in Korinth sollten nicht auf diese Äußerlichkeit achten. Denn trotz seines noch jungen Alters bezeugt Paulus, dass Timotheus “am Werk des Herrn arbeitet“ und zwar “wie auch ich“, d.h. wie der Apostel. Wenn die Gläubigen in Korinth den Dienst des Paulus wertschätzten und ihm Respekt erwiesen, so sollten sie ebenso den Dienst und die Person des jungen Mitbruders ebenso wertschätzen. Diese Wertschätzung sollte sich u.a. darin ausdrücken, dass die korinthischen Christen Timotheus für die Weiterreise ausrüsteten und evtl. auch eine Strecke des Weges geleiteten.
Verschiedene Kommentatoren gehen davon aus, dass es der Bericht über die Zustände unter den Gläubigen in Korinth war, den Paulus durch Timotheus empfing, der ihn dazu bewog, direkt von Ephesus nach Korinth zu reisen und die Weiterreise nach Mazedonien aufzuschieben. Im 2. Brief an die Korinther bezeichnet der Apostel diesen Besuch in Korinth als  “traurig“ bzw. “schmerzhaft“, denn er erfuhr von den Gläubigen dort viel Widerstand (vgl. 2. Korinther 2, 1 – 8; 2. Korinther 7, 12; 2. Korinther 12, 14 und 2. Korinther  13, 1 – 2).

* “Was aber den Bruder Apollos betrifft, so habe ich ihm viel zugeredet, dass er mit den Brüdern zu euch komme; und er war durchaus nicht gewillt, jetzt zu kommen, doch wird er kommen, wenn er eine gelegene Zeit finden wird.“ 1. Korinther 16, 12 –  Ein Grund, warum Apollos zum diesem Zeitpunkt nicht nach Ephesus kommen wollte, wird uns an keiner Stelle im Neuen Testament genannt. Aus 1. Korinther 1, 12 können wir jedoch ersehen, dass der Grund nicht in der Beziehung des Apostels zu seinem Mitarbeiter lag.
Bei diesem Hinweis scheint es sich jedoch um die letzte Antwort des Apostels auf die Fragen der Korinther zu handeln. Denn Paulus benutzt hier, wie verschiedene Kommentatoren hervorheben, zum sechsten und zum letzten Mal in diesem Brief die Formulierung “περί δὲ‘ (“peri de“), in deutscher Sprache ungefähr  “betreffs / betreffend“.

Fußnoten:

¹= Dr. Eckhardt J. Schnabel: “Urchristliche Mission“, Theologische Verlagsgemeinschaft SCM R. Brockhaus-Verlag Wuppertal, 1. Auflage 2002, Seite 1161

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