Aus Dankbarkeit: Vor Gott wandeln im Land der Lebendigen – Anmerkungen zu Psalm 116, 1- 19

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Gott sei Dank! * Foto: Dieter Schütz / pixelio.de

 

Für die Wortverkündigung am Mittwoch dieser Woche wurde ein Vers aus dem 116. Psalm gewählt. Zum besseren Verständnis betrachten wir diesen Vers im Zusammenhang des gesamten Psalms:

“Ich liebe den HERRN, denn er hörte meine Stimme, mein Flehen, denn er hat sein Ohr zu mir geneigt; und ich will ihn anrufen in allen meinen Tagen. Mich umfingen die Fesseln des Todes, und die Bedrängnisse des Scheols erreichten mich; ich fand Drangsal und Kummer. Und ich rief an den Namen des HERRN: Bitte, HERR, errette meine Seele! Gnädig ist der HERR und gerecht, und unser Gott ist barmherzig. Der HERR bewahrt die Einfältigen; ich war elend, und er hat mich gerettet. Kehre wieder, meine Seele, zu deiner Ruhe! Denn der HERR hat wohlgetan an dir. Denn du hast meine Seele errettet vom Tod, meine Augen von Tränen, meinen Fuß vom Sturz. Ich werde wandeln vor dem HERRN im Land der Lebendigen.
Ich glaubte, darum redete ich. Ich bin sehr gebeugt gewesen. Ich sprach in meiner Bestürzung: Alle Menschen sind Lügner! Wie soll ich dem HERRN alle seine Wohltaten an mir vergelten? Den Becher der Rettungen will ich nehmen und anrufen den Namen des HERRN. Ich will dem HERRN meine Gelübde bezahlen, ja, in der Gegenwart seines ganzen Volkes. Kostbar ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Frommen. Bitte, HERR, denn ich bin dein Knecht! Ich bin dein Knecht, der Sohn deiner Magd; gelöst hast du meine Fesseln. Dir will ich Opfer des Lobes opfern und anrufen den Namen des HERRN. Ich will dem HERRN meine Gelübde bezahlen, ja, in der Gegenwart seines ganzen Volkes, in den Vorhöfen des Hauses des HERRN, in deiner Mitte, Jerusalem. Lobt den HERRN!“

(Psalm 116, 1 – 19 ÜELBEDHÜ, z. Vgl. Luther’84)

 

Zum Hintergrund: Das 5. Buch des Psalters

Wie ich bereits in den Anmerkungen zu anderen Psalmen geschrieben habe, ist es auch an dieser Stelle nicht möglich, den Hintergrund des großen und umfangreichen biblischen Buches der Psalmen in seinen Einzelheiten zu betrachten. Aus diesem Grund folgen auch hier nur einige grundlegende Informationen zum Buch der Psalmen, insbesondere zum 5. Buch des Psalters, in dem wir den heute zu betrachtende Psalm finden:
Das Buch der Psalmen (תְּהִלִּים bzw. תהילים, “Tehillim“ = die Preisungen/Lobpreisungen) ist das erste Buch der “Ketuvim“, d.h. der “Schriften“, also des dritten und letzten Abschnitts der jüdischen Heiligen Schrift. Der Begriff “Preisungen“ bzw. “Lobpreisungen“ ist sehr treffend gewählt für dieses biblische Buch, da jeder der 150 Psalmen, mit Ausnahme von Psalm 88, Lobpreisungen Gottes enthält.
Unser deutsches Wort “Psalm“ ist die eingedeutschte Form des griechischen Wortes “ψαλμός“ (“psalmos“) bzw. der ψαλμοί“ (“psalmoi“), womit “Worte bzw. Lieder mit instrumentaler Begleitung“ bezeichnet wurden (vgl. Lukas 20, 42; Apostelgeschichte 1, 20).  Das gesamten Buches der Psalmen wurde in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta (LXX), als “ψαλτήριον“ (“psalterion“) bezeichnet. Darauf zurückgehend entwickelte sich unser Begriff “Psalter“, mit dem auch heute noch das ganze Buch bzw. die Gesamtheit der 150 Psalmen bezeichnet wird.

Traditionell wird das Buch der Psalmen in fünf große Abschnitte bzw. Bücher unterteilt:

Buch I (Psalm 1Psalm 41)

Buch II (Psalm 42Psalm 72)

Buch III (Psalm 73Psalm 89)

Buch IV (Psalm 90Psalm 106)

Buch V (Psalm 107 Psalm 150)

Auf wen diese Unterteilung zurückzuführen ist, ist genauso unbekannt, wie die Kriterien, nach denen die einzelnen Psalmen dem jeweiligen Buch zugeordnet wurden. Manche Kommentatoren sehen in dieser Aufteilung eine Parallele zu den fünf Büchern Mose, d.h. der Torah.
Im 5. und letzten Buch des Psalters befindet sich jener Psalm, den wir heute betrachten wollen. Dieses 5. Buch enthält insgesamt 44 Psalmen (Psalm 107Psalm 150), von denen 15 (Psalm 108110; Psalm 122; Psalm 124; Psalm 131; Psalm 133 und Psalm  138Psalm 145) König David als ihren Autor nennen. Ein in diesem Buch enthaltener Psalm (Psalm 127) stammt von König Salomo. Die übrigen 28  Psalmen, einschließlich Psalm 126, geben uns keine Informationen zu ihrem jeweiligen Autor.
Der große Abschnitt der Psalmen 113118 trägt in der jüdischen Tradition auch die Bezeichnung Hallel-Psalmen, Passah-Hallel oder Ägyptischer Hallel. Dieser Psalmabschnitt nimmt Bezug auf den Auszug der Israeliten aus Ägypten und das erste Passah-Fest, das dem Exodus voraus ging. Um an dieses Geschehen zu erinnern, sind diese Psalmen fester Bestandteil der Gebete/Lieder an den großen jüdischen Feiertagen, insbesondere während des Passah-Festes. In den Evangelien finden wir Belege dafür, dass der Herr Jesus Christus mit seinen Jüngern das letzte Passah-Fest ebenfalls so feierte (vgl. Matthäus 26, 30 – 35; Markus 14, 26 – 31). Bei fünfzehn Psalmen in diesem Buch (Psalm 120Psalm 134) handelt es sich um so genannte “Wallfahrtspsalmen“, die auf dem Weg zum Tempel nach Jerusalem gesungen wurden. Die letzten fünf Psalmen in diesem Buch (Psalm 146Psalm 150) werden als Halleluja-Psalmen bezeichnet, da sie sich ganz dem Lob Gottes widmen.

 

Anmerkungen zu Psalm 116, 1 – 19

* “Ich liebe den HERRN, denn er hörte meine Stimme, mein Flehen, denn er hat sein Ohr zu mir geneigt; und ich will ihn anrufen in allen meinen Tagen.“ – Psalm 116, 1 – 2 –  Der erste Vers von Psalm 116 ist eine der ungewöhnlichsten Einleitungen eines Psalms. Eine solche Aussage “Ich liebe den HERRN ….“ finden wir sonst am Anfang keines anderen Psalms. Der Psalmist drückt also seine Liebe Gott gegenüber aus. Diese Liebe ist eine Reaktion darauf, dass Gott sein Gebet erhört hat. Eine neutestamentarische Entsprechung finden wir in 1. Johannes 4, 19, wo der Apostel Johannes sagt: “Wir lieben, weil er uns zuerst geliebt hat.“ Als weitere Reaktion auf das Eingreifen Gottes verspricht der Psalmist, dass er Gott, den Herrn, auch in Zukunft anrufen will.

* “Mich umfingen die Fesseln des Todes, und die Bedrängnisse des Scheols erreichten mich; ich fand Drangsal und Kummer.“ – Psalm 116, 3 – Sehr eindrücklich beschreibt der Psalmist dann die tiefe Not, die schwierige Situation, aus der ihn der Herr errettet hat. Da wir es hier mit einem Hallel-Psalm zu tun haben und da in dem vorausgegangene Hallelpsalm, also Psalm 115, die Befreiung des gesamten Volkes durch Gott gepriesen wird, können wir Psalm 116 als individuellen Dank und Lobpreis  Gottes für die erlebte Rettung aus der Hand der Ägypter verstehen. Aber wir sollten auch bedenken, dass unser Herr Jesus Christus, in der Nacht, in der Er verraten wurde, mit seinen Jüngern diesen Psalm beim letzten Passahmahl sang. Er wusste, dass Er sterben würde und dass Er diesen Tod durchleiden musste, damit für alle, die an Ihn glauben würden, der Weg zum Leben frei werden würde.

* “Und ich rief an den Namen des HERRN: Bitte, HERR, errette meine Seele! Gnädig ist der HERR und gerecht, und unser Gott ist barmherzig. Der HERR bewahrt die Einfältigen; ich war elend, und er hat mich gerettet.“ – Psalm 116, 4 – 6 – Der Psalmist ief in seiner Not zu dem Herrn, er bat um Bewahrung vor dem Tod und Gott gewährte ihm seine Bitte. Im handeln Gottes wurden für den Psalmisten drei Charakterzüge Gottes offenbar: Gnade, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Gott ist ein heiliger und gerechter Gott (2. Mose 15, 11; 1. Johannes 1, 5).  Aber Gott ist auch gnädig und barmherzig (Psalm 103, 8; Psalm 145, 8; 2. Korinther 1, 1 – 7). Darin liegt unsere Zuversicht. Wäre Gott nur gerecht, hätte kein Mensch vor Gott eine Chance, denn “alle sind abgewichen, sie sind allesamt verderbt; da ist keiner, der Gutes tue, auch nicht einer.“ (Psalm 14, 3; Römer 3, 10 – 12). Doch Gottes Gnade und Barmherzigkeit eröffnen den Weg für jeden Sünder  zum Heil und zur Bewahrung durch Gott,
Wenn hier die Rede von dem “Einfältigen“ ist, so ist damit in diesem Zusammenhang nicht der ignorante Tor gemeitn, der uns sonst sehr häufig in den Psalmen begegnet, sondern ein mensch mit einem kindlichen Glauben, der ernsthaft und aufrichtig danach strebt, Gott zu vertrauen. Es ist ein Mensch, der glaubt, dass Gott meint, was er sagt.

* “Kehre wieder, meine Seele, zu deiner Ruhe! Denn der HERR hat wohlgetan an dir. Denn du hast meine Seele errettet vom Tod, meine Augen von Tränen, meinen Fuß vom Sturz. Ich werde wandeln vor dem HERRN im Land der Lebendigen. Ich glaubte, darum redete ich. Ich bin sehr gebeugt gewesen. Ich sprach in meiner Bestürzung: Alle Menschen sind Lügner!“ – Psalm 119, 7 – 11 – Auf welche Weise sich die Gnade und Barmherzigkeit Gottes im Leben des Geretteten auswirken, wird uns in den jetzt folgenden Versen geschildert: Der Herr  errettete den Psalmisten nicht nur vor dem physischen Tod, Er hatte ihm wohlgetan, seine Tränen getrocknet, ihn aufrecht erhalten. Gott hatte ihn zudem davor bewahrt, (wieder in Gefahr) zu fallen und Er war mit ihm gegangen, hatte ihn auf seinem Lebensweg begleitet, um ihn vor seinen Feinden zu beschützen.
Aus dem Erlebten zieht der Psalmist drei verschiedene Lehren:

  1. Weil Gott den Menschen, der Ihm vertraut, vor dem Tod zu erretten vermag, kann die Seele des Glaubende im Vertrauen auf Gott zur Ruhe kommen (Verse 7 – 8).
  2. Die Erfahrung des Eingreifens und damit der Gnade Gottes soll dazu führen, dass der Begnadigte nun sein Leben ganz nach Gottes Willen ausrichtet. Genau das ist gemeint, wenn der Psalmist bekennt: “Ich werde wandeln vor dem HERRN im Land der Lebendigen!“ – Er war aus der Gefahr des “Landes der Todesschatten“ (Psalm 23, 4) gerettet worden, er war der Gefahr des physischen Todes durch Gottes Hilfe entronnen und durfte nun wieder “im Land der Lebendigen“ weilen. Der Begriff “Land der Lebendigen“ hat nach jüdischem Verständnis die Bedeutung “das Leben auf dieser Erde / in dieser Welt“.  Dieses – ihm quasi neu geschenkte Leben – wollte der Psalmist nun nicht irgendwie, sondern bewusst vor dem Angesicht Gott, d.h. in enger Gemeinschaft mit Gott, leben.
  3. Inmitten einer von Gefahren geprägten Welt, erkennt der Psalmist aufgrund seiner Erfahrung, Gott als allein vertrauenswürdig an (vgl. Verse 10 – 11).


Der Apostel Paulus zitiert den 10. Vers dieses Psalms in 1. Korinther 4, 13 – 15 und zwar, um die Gläubigen in Korinth und zwar, um den Christen in Korinth zu versichern, dass die Auferstehung der Gläubigen gewiss ist.

* “Wie soll ich dem HERRN alle seine Wohltaten an mir vergelten? Den Becher der Rettungen will ich nehmen und anrufen den Namen des HERRN. Ich will dem HERRN meine Gelübde bezahlen, ja, in der Gegenwart seines ganzen Volkes.“ – Psalm 116, 12 – 14 – In den Psalmen wird der Begriff “Becher“ häufig symbolisch benutzt und steht für die Fülle dessen, was ein Kelch enthalten kann. Hier in Psalm 116 ist es die Rettung aus Gott, in Psalm 75, 8 ist es das Gericht Gottes. Einige Kommentatoren gehen davon aus, dass es sich bei diesem Becher der Rettung auch um einen Teil eines Friedensopfers (3. Mose 7, 16; 3. Mose 22, 18 – 23) war. Ob wir diesen Becher nun symbolisch deuten oder in ihm Teil eines Dankopfers erkennen, entscheidend ist, dass damit der Lobpreis Gottes durch den Psalmisten verbunden ist. Aus Dankbarkeit für die erlebte  Rettung hatte der Psalmist auch ein  Gelübde, ein feierliches Versprechen, Gott gegenüber abgelegt. Dieses Gelübde / Versprechen wollte er nun “bezahlen“, d.h. erfüllen. Es wird uns nicht gesagt, worin dieses Versprechen bestand. Jedoch war es das Anliegen des Psalmisten dieses Versprechen öffentlich – “in der Gegenwart seines ganzen Volkes“ erfüllen und auch auf diese Weise Gott zu ehren. Sein Handeln sollte so zum Zeugnis und zum Ansporn für alle Israeliten werden. 

Auch im Zusammenhang mit dem “Becher der Rettung“ (a. Ü. “Becher/Kelch des Heils“) wollen wir uns hier noch einmal an das letzte Passahmahl des Herrn Jesus Christus erinnern. Auch unser Herr sang diese Verse während dieses Mahles. Traditionell wurde der 116. Psalm am Ende des Passahmahles gesungen. Es ist möglich, dass der Herr während dieser Verse den dritten der vier Kelche, die während des Passahmahles getrunken werden, erhob. Dieser Kelch wird  im Judentum als “Kelch/Becher der Rettung“ bezeichnet. Wir dürfen sicher sein, dass unser Herr diesen Becher  im vollen Bewusstsein der Tatsache erhob, dass dieser Becher nur dann ein wirklicher Becher der Rettung werden würde, wenn Er Seine Gelübde (Hebräer 10, 5 – 9) Gott dem Vater bezahlen und am Kreuz das Sühnopfer für die Welt werden würde.

* “Kostbar ist in den Augen des HERRN der Tod seiner Frommen. Bitte, HERR, denn ich bin dein Knecht! Ich bin dein Knecht, der Sohn deiner Magd; gelöst hast du meine Fesseln. Dir will ich Opfer des Lobes opfern und anrufen den Namen des HERRN. Ich will dem HERRN meine Gelübde bezahlen, ja, in der Gegenwart seines ganzen Volkes, in den Vorhöfen des Hauses des HERRN, in deiner Mitte, Jerusalem. Lobt den HERRN!“ – Psalm 116, 15 – 19 – In diesen Versen wiederholt der Psalmist noch einmal seinen Dank und seine Versprechen an Gott. Er bestätigt auf diese Weise noch einmal das zuvor Gesagte, schließt aber zugleich die Aufforderung an alle Israeliten “Lobt den HERRN!“ an.
Für Gott ist der “Tod Seiner Frommen“ nicht unbedeutend, sondern kostbar. Wenn das schon bei Seinen Frommen so ist, wieviel kostbarer war da für Gott, den Vater, der Tod Seines Sohnes (1. Petrus 2, 4 – 7), durch den unzählige Menschen nicht nur Rettung vor dem leiblichen Tod, sondern ewiges Leben erhalten haben und bis heute noch erhalten.

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