Der zwielichtige Hintergrund des so genannten “Evangeliums der ‚Frau‘ Jesu“-Papyrus

Gospel of Jesus' Wife

Papyrusfragment mit dem (angeblichen) Evangelium der Frau Jesu * See page for author [Public domain], via Wikimedia Commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/3f/Gospel_of_Jesus%27_Wife.jpg


Am 18. September 2012 sorgte die amerikanische Kirchenhistorikerin Karen L. King, bei einem internationalen Kongress für koptische Studien in Rom für Aufsehen, als sie dort den so genannten “Evangelium der Frau Jesu“-Papyrus der Öffentlichkeit vorstellte. Dieser Papyrusfetzen, dessen Entstehung von Karen L. King in die zweite Hälfte des vierten Jahrhunderts nach Christus datiert wurde, sorgte weltweit für mediales Furore, da der darauf zu lesende koptische Text die Worte “Jesus spricht zu ihnen: Meine Frau … … sie wird für mich Jünger (sic) sein können und …“ enthielt.  Karen L. King ging davon aus, dass dieser koptische Text aus dem späten 4. Jahrhundert n. Chr. die Übersetzung eines griechischen Textes aus dem 2. Jahrhundert sei. Über die Herkunft, d.h. den Fundort, und insbesondere über den bisherigen Besitzer des Papyrusstücks machte sie keine Aussagen, da dieser nach ihrer Aussage anonym bleiben wolle. King teilte lediglich mit, dass dieses Papyrusstück bereits 1982 von dem damals an der Freien Universität Berlin als Professor für Ägyptologie tätigen Peter Munro geprüft und als echt bezeichnet worden sei. Professor Munro, der bereits im Jahr 2009  verstorben war, konnte sich naturgemäß diesbezüglich nicht mehr äußern.

Die Veröffentlichung des so genannten “Evangeliums der ‚Frau‘ Jesu“-Papyrus stieß bei vielen Sensationsmedien auf großes Interesse und regte zu den wildesten Spekulationen an und das, obwohl selbst Karen L. King das von ihr veröffentliche Papyrusfragment nicht als zuverlässige historische Quelle bezeichnet hatte. Wie schon bei anderen Funden, so wurden auch nun die altbekannten Fragen gestellt, die das biblische Christentum unglaubwürdig erscheinen lassen sollten:  “Muss die Geschichte des Christentums neu geschrieben werden?“ – “Wird dieser Papyrusfetzen die Kirche in ihren Grundfesten erschüttern?“ usw. usf.

Schon kurz nach der Veröffentlichung des Papyrusfragments wurden von einer Vielzahl von unabhängigen Wissenschaftlern weltweit ernste Bedenken gegen die Authentizität des Schriftstücks laut. Einige dieser Wissenschaftler wiesen auf konkrete Anzeichen hin, die nach ihrer Meinung das Papyrusfragment als eindeutige Fälschung entlarvten. (Ich habe am 4. März 2014 einen Artikel veröffentlicht (Klick!), in dem ich alle zu diesem Zeitpunkt mir zugänglichen Artikel etc. zusammengefasst und verlinkt habe, in denen die Authentizität des so genannten “Evangeliums der ‚Frau‘ Jesu“ diskutiert wurde. Die Links etc. in diesem Artikel wurden/werden von mir bis heute regelmäßig aktualisiert.)
Die Harvard Universität, an der Karen L. King lehrt, stellte eine Veröffentlichung ihrer Arbeit über diesen Papyrus im Harvard Theological Review dann auch zunächst zurück. Grund dafür waren wohl die weltweit vorgebrachten Zweifel an der Echtheit des Fragments. Im Jahr 2014 erfolgte eine Veröffentlichung des überarbeiteten Artikels von Karen L. King zum “Evangelium der ‚Frau‘ Jesu“, sowie neuerer Analysen und Untersuchungen, die die Harvard Universität an dem Papyrusstück durchgeführt hatte. Man datiert das Fragment nun nach einer Radiocarbonuntersuchung in das 8. Jahrhundert n. Chr. – Anschließend wurde es um das “Evangelium der ‚Frau‘ Jesu“ recht ruhig.

Vor wenigen Tagen nun trat das Magazin “The Atlantic“ mit einem neuen Artikel an die Öffentlichkeit. Mehrere Monate lang ging der investigative Journalist Ariel Sabar an verschiedenste Orte in den USA und in Deutschland Spuren nach, die ihn  zu dem bisher anonymen Besitzer des Papyrusfragments führten. Die Hintergründe, die sich ihm dabei auftaten waren rechte Abgründe. Es ist – aus meiner Perspektive – eine Geschichte voller geistlicher Verführung und Unmoral. Am 16. Juni 2016 veröffentlichte er seine Ergebnisse im Magazin “The Atlantic“ unter dem Titel “Did Jesus Have a Wife? The Unbelievable Tale of Jesus‘ Wife“: Klick!  Nach der Veröffentlichung des Artikels hat nun auch Karen L. King reagiert und tendiert – wie Ariel Sabar in einem weiteren Artikel (“Karen King Responds to  “The Unbelievable Tale of Jesus‘ Wife“: Klick!) schreibt – dazu, dass es sich bei diesem Papyrusfragment wahrscheinlich um eine Fälschung hält. – Eine kurze Video-Zusammenfassung der Recherche von Ariel Sabar (in englischer Sprache) kann hier angesehen werden: Klick!

Zwei abschließende Bemerkungen: Wie kann es sein, dass Karen L. King, die eine der angesehensten und ältesten Professorenstellen in den Vereinigten Staaten inne hat, niemals den Fragen nach dem Fundort und nach den Vorbesitzern des von ihr veröffentlichten Papyrusfragments nachgegangen ist. Gehört das nicht zu den grundlegenden Aufgaben eines Wissenschaftlers bevor er/sie einen Text veröffentlicht? Während ein solches Handeln mich fast sprachlos macht, verwundert es mich nicht, dass der nun aus der Anonymität herausgetretene Besitzer des Fragments, Walter Fritz, offensichtlich ein Faible für das Buch  “Der Davinci Code“ von Dan Brown besitzt. Es würde mich nicht überraschen, wenn dieses Elaborat die wahre Quelle der gefälschten “Evangeliums“ wäre. Aus diesem Grund empfehle ich an dieser Stelle noch einmal die aufklärende Seite des Wissenschaftspublizisten Alexander Schick über dieses Buch: Klick!

I'm part of Post A Day 2016

Advertisements
Dieser Beitrag wurde unter Apologetik, Glimpses/Impulse, Kirchengeschichte, Neues Testament abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hier ist Platz für Ihre Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s