Durch Glauben und Ausharren die Verheißungen ererben – Anmerkungen zu Hebräer 6, 9 – 12

Otto Wagner Steinhofkirche10

Glasfenster von Otto Wagner in der Kirche am Steinhof, Wien, das die 7 Werke der Barmherzigkeit darstellt * Foto: By Welleschik (Own work) [GFDL (http://www.gnu.org/copyleft/fdl.html), CC-BY-SA-3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/) or CC BY-SA 2.5-2.0-1.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5-2.0-1.0)%5D, via Wikimedia Commons

Für die  Wortverkündigung am Mittwoch dieser Woche wurden Verse aus dem 6. Kapitel des Briefes an die Hebräer (zum Hintergrund des Hebräerbriefes siehe: Klick!) ausgewählt, die wir  in ihrem Kontext betrachten wollen:

„Wir sind aber in Bezug auf euch, Geliebte, von besseren und mit der Errettung verbundenen Dingen überzeugt, wenn wir auch so reden. Denn Gott ist nicht ungerecht, euer Werk zu vergessen und die Liebe, die ihr für seinen Namen bewiesen habt, da ihr den Heiligen gedient habt und dient. Wir wünschen aber sehr, dass jeder von euch denselben Fleiß beweise zur vollen Gewissheit der Hoffnung bis ans Ende, damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer, die durch Glauben und Ausharren die Verheißungen erben.

(Hebräerbrief 6, 9 – 12 ELBEDHÜ; z. Vgl. LUTH’84)

 

Zum Hintergrund von Hebräer 6, 9 – 12

Anlass des Briefes war ganz offensichtlich die Tendenz der Leser, unter dem Druck der Verfolgung den Glauben an Christus zu verleugnen und zum Judentum zurückzukehren. Angesichts der vollkommenen Offenbarung Gottes in Jesus Christus (Kolosser 1, 15 – 20) war ein solcher Rückfall in die vorausgegangene und damit unvollkommene Offenbarung, ein eindeutiges Abweisen des (letzten) Redens Gottes. Wenn bereits die Abweisung des Redens Gottes unter dem Gesetz des Mose schwerwiegende Folgen hatte (Hebräer 10, 28), dann konnte die Verwerfung der letzten und vollkommenen Offenbarung Gottes nicht ohne Konsequenzen bleiben (Hebräer 10, 29). Darum warnt der Autor des Hebräerbriefes seine Leser im Verlauf des Schreibens fünfmal davor (Hebräer 2, 1 – 4; Hebräer 3, 7 – 19; Hebräer 5, 11 bis Hebräer 6, 12; Hebräer 10, 19 – 39; Hebräer 12, 14 – 29). Außerdem ist ersichtlich, dass die Gläubigen, an die dieser Brief ursprünglich gerichtet wurde, durch die äußeren Widerstände entmutigt worden waren. Das hatte zur Folge, dass sie in ihrer Glaubenszuversicht verunsichert und als Folge davon wiederum träge im Glauben geworden waren (Hebräer 5, 11 – 14; Hebräer 6, 10 – 12). (Genau hier findet sich der Text, den wir betrachten wollen.) Auch in diesem Zusammenhang ermahnt und ermutigt der Autor des Briefes seine Leser (Hebräer 10, 32; Hebräer 13, 7).
Auf diesem Hintergrund könnte man annehmen, dass Ermahnungen und Ermutigungen das zentrale Thema des Briefes seien. Dem ist jedoch nicht so. Der Autor weiß, dass nicht seine Ermahnungen und Ermutigungen – so wichtig sie auch sind – das wirkliche Heilmittel für die Probleme der Hebräer darstellen. Allein durch die Neuausrichtung auf Jesus Christus selbst – auf Seine herrliche Person und Seinen wirkungsvollen Dienst – kann den Hebräern geholfen werden. Und darum stellt der Autor seinen Lesern auf weiten Strecken seines Briefes immer wieder die überragende Offenbarung Gottes in Christus, die alle vorausgegangenen Diener Gottes überragende Person des Sohnes Gottes, Sein vollkommenes, alle Opfer des Alten Bundes “in den Schatten“ stellendes Opfer und Seine gegenwärtige, hohenpriesterliche Wirksamkeit für die Gläubigen in den Vordergrund. Ermahnungen und Ermutigungen reichen niemals aus. Zu Ihm, Jesus Christus, müssen die Gläubigen aufschauen, Ihn, den Sohn Gottes sollen sie betrachten (vgl. Hebräer 2, 9; Hebräer 3, 1; Hebräer 12, 2 und Hebräer 12, 3!), denn nur so werden sie in Sein Ebenbild verwandelt (2. Korinther 3, 18!).
Der Hebräerbrief ist verschiedentlich als “Wüstenbrief“ bezeichnet worden: Gläubige, die sich in schwierigen Lebensumständen befinden und zu hadern beginnen, werden hierin zu dem einzigen Fels geführt, aus dem Wasser quillt: Christus (vgl. 2. Mose 17, 1 – 7; 1. Korinther 10, 4). Diese grundlegenden Tatsachen sollten wir im Auge behalten, wenn wir uns nun unserem Text zuwenden.

Anmerkungen zu Hebräer 6, 9 – 12

* “Wir sind aber in Bezug auf euch, Geliebte, von besseren und mit der Errettung verbundenen Dingen überzeugt, wenn wir auch so reden.“Hebräer 6, 9  – Ab Hebräer 5, 10 hat der Schreiber des Hebräerbriefes seine Leser vor der großen Gefahr der geistlichen Unreife gewarnt. Das Glaubensleben dieser Christen befand sich in einem Stadium der Stagnation. Obwohl sie schon Väter und Mütter in Christus, ja Lehrer des Wortes Gottes hätten sein können, benahmen sie sich doch noch immer wie Kinder (Hebräer 6, 1). Doch die große Gefahr der Stagnation im Glaubensleben ist, dass wir dann nicht einfach auf diesem Level bleiben, sondern dass wir von diesem Punkt aus gesehen wieder “abbauen“. Aus diesem Grund erinnert der Schreiber des Hebräerbriefes seine Leser in Hebräer 6, 1 – 3 noch einmal an grundlegende Dinge. Danach folgt eine Warnung, die darauf abzielt, den Gläubigen zu verdeutlichen, dass ein allein äußerliches Bekenntnis keinen Nutzen hat (vgl. Jakobus 2, 14 – 20). Wo wirklich göttliches Leben in einem Gläubigen vorhanden ist, da wird dieser auch immer die Frucht desselben offenbaren und darauf kommt es an (Galater 5, 22 – 26). – Der Schreiber des Briefes ist davon überzeugt, dieses göttliche Leben bei seinen Lesern vorhanden war, denn in der Vergangenheit hatten sie bereits entsprechende Frucht in ihrem Wandel als Gläubige geoffenbart (vgl. Vers 10).

* “Denn Gott ist nicht ungerecht, euer Werk zu vergessen und die Liebe, die ihr für seinen Namen bewiesen habt, da ihr den Heiligen gedient habt und dient.“Hebräer 6, 10 – Kommentatoren weisen darauf hin, dass dies die einzige Stelle im ganzen Hebräerbrief ist, dem die Leser als “Geliebte“ angesprochen werden. Es scheint, als wolle der Schreiber seinen Lesern durch den Gebrauch dieses Wortes verdeutlichen, dass seine Ermahnungen und Warnung aus einem Herzen der Liebe für sie kommen. Er ist ein “Vater in Christus“ kein “Zuchtmeister“ (vgl. 1.  Korinther 4, 15).  Als ein solcher “Vater in Christus“ hat er auch Zuversicht für die Empfänger seines Briefes. Denn bevor die erwähnte Stagnation im Glaubensleben der Hebräer eingesetzt hatte, hatten sie eifrig unter Beweis gestellt, dass sie in Christus eine neue Kreatur geworden waren (2. Korinther 5, 17) und sie hatten ihrem Glauben entsprechende Frucht gebracht. In diesem Zusammenhang wird der Dienst an den Mitgläubigen hervorgehoben. Denn Bruderliebe ist ein eindeutiges Kennzeichen wahrhaft göttlichen Lebens im Gläubigen (vgl. 1. Johannes 4, 71. Johannes 5, 2). Darum versichert der Schreiber des Hebräerbriefes seinen Lesern auch, dass Gott “nicht ungerecht“ sein würde, indem Er ihr früheres Werk vergäße. Damit möchte der Schreiber die Empfänger seines Briefes ermutigen, in den früheren Werken fortzufahren. Es war nichts umsonst, was sie bisher getan hatten und alles, was sie in Zukunft tun würden, würde ebenfalls die Beachtung und den Lohn Gottes finden. Denn Gott sah diese Dienste für ihre Mitgläubigen als einen Beweis ihrer “Liebe, die sie Seinem Namen erwiesen“ hatten. Wir erinnern uns: Im Alten wie im Neuen Testament ist “der Name“ ein Synonym für die Person, die diesen namen trägt. Und wir erinnern uns ferner, dass Gott an zahlreichen Stellen des Neuen Testaments deutlich macht, wie sehr Er sich mit Seinen Kindern identifiziert (vgl. Matthäus 25, 40; Apostelgeschichte 9, 4). Wenn es hier also heißt, dass Gott die Liebe, die die Hebräer Seinem Namen erwiesen hatten, nicht vergisst, dann ist diese Liebe Seines Namens die Liebe zu Seiner Person. Und die Liebe zu seiner Person drückte sich u.a. in dem Dienst an den Mitgläubigen aus.

* “Wir wünschen aber sehr, dass jeder von euch denselben Fleiß beweise zur vollen Gewissheit der Hoffnung bis ans Ende, damit ihr nicht träge werdet, sondern Nachahmer derer, die durch Glauben und Ausharren die Verheißungen erben.“Hebräer 6, 11 – 12 – In diesen Versen finden wir zuerst einen Hinweis darauf, warum bei den Empfängern dieses Briefes eine Stagnation des Glaubenslebens eingetreten war. Wenn es hier heißt, dass die Hebräer  “denselben Fleiß beweisen (mögen) zur vollen Gewissheit der Hoffnung bis ans Ende“, dann heißt das im Umkehrschluss, dass sie “die Gewissheit der Hoffnung“ in der Vergangenheit irgendwann aufgegeben hatten. Sie hatten den Heiligen gedient und auch sonst offenbar zahlreiche Werke des Glaubens getan, doch irgendwann hatte ihr Elan nachgelassen, weil die sie nicht mehr in der Gewissheit Hoffnung ausgeharrt hatten. Wir müssen uns vor Augen halten, dass unser Glaubensleben kein “100-Meter-Sprint“ ist. Es st ein Langstreckenlauf (vgl. 1. Korinther 9, 24; Hebräer 12, 1 – 3). Um einen solchen Langstreckenlauf erfolgreich abschließen zu können, muss man “mit Ausharren laufen“, d.h., man muss trotz widriger Umstände durchhalten. Wenn wir den gesamten Hebräerbrief lesen, dann stellen wir fest, dass die Hebräer unter vielfältigen Bedrängnissen, ja Verfolgungen zu leiden hatte. Diese Erfahrungen hatten ihre “Gewissheit der Hoffnung“ erodieren lassen, weil sie nicht “mit Fleiß“ daran festgehalten hatten. Fragen und Zweifel hatten sich eingeschlichen: Würden sich die von Gott gegebenen Verheißungen wirklich erfüllen? Wo war inmitten der – sehr sichtbaren – Verfolgung der Beistand des – unsichtbaren – Gottes? Sollte Gott sie evtl. sogar verworfen haben?
Diese Verse zeigen uns dann aber auch eine Lösung für das Problem der Hebräer auf: Die Hebräer sollten “Nachahmer derer, die durch Glauben und Ausharren die Verheißungen erben“ werden, d.h. von diesen Menschen lernen und wie sie handeln. Ab Hebräer 6, 13 stellt der Schreiber des Hebräerbriefes den Lesern dann Abraham als einen solchen Menschen vor Augen, der ausharrte/durchhielt und die ihm von Gott gegebenen Verheißung empfing. Über die dann folgenden Kapitel (z.B. Hebräer 11, wo er eine ganze Reihe von Glaubenszeugen erwähnt), führt er seine Leser dann zur ultimativen Quelle aller Kraft – zu dem Herrn Jesus Christus selbst, der gegenwärtig unser Hoherpriester ist:

“Deshalb nun, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, lasst auch uns, indem wir jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen, mit Ausharren laufen den vor uns liegenden Wettlauf, hinschauend auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der, die Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet, indem ihr in euren Seelen ermattet.

(Hebräer 12, 1 – 3 ELBEDHÜ)

Der beständige Glaubensblick auf Ihn, den Erlöser, auf Ihn, der als der verherrlichte Menschensohn nun zur Rechten Gottes sitzt und uns vertritt, vermittelt dem Gläubigen die Kraft, die er in jeder Situation benötigt, um den “Lauf mit Ausharren“ zu laufen. Denn wer auf Ihn blickt, der folgt damit auch Seiner Einladung:

“Kommt her zu mir, alle ihr Mühseligen und Beladenen, und ich werde euch Ruhe geben. Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig, und ihr werdet Ruhe finden für eure Seelen; denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.“

(Matthäus 11, 28 – 30 ELBEDHÜ)

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2 Antworten zu Durch Glauben und Ausharren die Verheißungen ererben – Anmerkungen zu Hebräer 6, 9 – 12

  1. Jörg schreibt:

    Wieder eine sehr aufschlussreiche Erläuterung. Ich bin immer wieder begeistert. DANKE für die Mühe. Viel Segen, liebe Grüße Jörg

  2. JNj. schreibt:

    Lieber Jörg,
    hab‘ herzl. Dank für Deine Rückmeldung zu diesem Blogpost. Der Hebräerbrief ist ja kein einfaches Terrain und eigentlich hätte man hier den ganzen Abschnitt bis Vers 20 auslegen müssen, doch dazu hatte ich leider keine Zeit. So war ich selbst recht unzufrieden mit meinem Text. Umso dankbarer bin ich, wenn Du und vielleicht auch andere etwas daraus entnehmen konnten. Viele Grüße!

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