Die Frage nach der Vollmacht Jesu Christi – Anmerkungen zu Matthäus 21, 23 – 27

Modell des Jerusalemer Tempels / Foto: Juan R. Cuadra/Wikipedia

Modell des Jerusalemer Tempels / Foto: Juan R. Cuadra/Wikipedia

Der Wortverkündigung am Mittwoch dieser Woche soll ein Vers aus dem 21. Kapitel des Matthäusevangeliums (zum Hintergrund des Matthäusevangeliums: Klick!) zu Grunde liegen:

Und als er in den Tempel kam, traten, als er lehrte, die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und sprachen: In welchem Recht tust du diese Dinge, und wer hat dir dieses Recht gegeben? Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch ein Wort fragen, und wenn ihr es mir sagt, so werde auch ich euch sagen, in welchem Recht ich diese Dinge tue: Die Taufe des Johannes, woher war sie, vom Himmel oder von Menschen? Sie aber überlegten bei sich selbst und sprachen: Wenn wir sagen: Vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? Wenn wir aber sagen: Von Menschen – wir fürchten die Volksmenge, denn alle halten Johannes für einen Propheten. Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen es nicht. Da sagte auch er zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, in welchem Recht ich diese Dinge tue.“

(Matthäus 21, 23 – 27 ELBEDHÜ; z. Vgl. LUTH’84)


Zum Hintergrund von Matthäus 21, 23 – 27

Der heute von uns zu betrachtende Abschnitt aus dem Matthäusevangelium ist Teil eines größeren Abschnitts (Matthäus 21, 23 – Matthäus 22, 14), dessen großes Thema die Ablehnung Jesu durch die geistlichen Autoritäten Israels ist. Die in diesem Abschnitt berichteten Ereignisse geschahen alle im Rahmen der so genannten Passionswoche. Dem von uns heute zu betrachtenden Abschnitt gingen wichtige Ereignisse voraus: Nach dem Einzug Jesu in Jerusalem (Matthäus 21, 1 – 11) kommt es zur Tempelreinigung (Matthäus 21, 12 – 17) und zur Verfluchung des Feigenbaumes (Matthäus 21, 18 – 22).
Über die Bedeutung der Verfluchung des Feigenbaums und der Tempelreinigung habe ich bereits an anderer Stelle – dort ausgehend vom Parallelbericht im Markusevangelium  – geschrieben Klick!
Diese drei Ereignisse – der triumphale, die Prophezeiung aus Sacharja 9, 9 erfüllende Einzug in Jerusalem, die Tempelreinigung in Übereinstimmung mit Jesaja 56, 7 und die Verfluchung des Feigenbaums -, durch die der Herr Jesus Christus Seinen Anspruch der verheißene Messias zu sein, in aller Öffentlichkeit Ausdruck verlieh,  fordern die Frage nach der Vollmacht Jesu Christi heraus um die es in Matthäus 21, 23 – 27 geht.

Anmerkungen zu Matthäus 21, 23 – 27

* “Und als er in den Tempel kam, traten, als er lehrte, die Hohenpriester und die Ältesten des Volkes zu ihm und sprachen: In welchem Recht tust du diese Dinge, und wer hat dir dieses Recht gegeben?“ – Matthäus 21, 23   – Die vorausgegangenen Handlungen Jesus Christi hatten die Beachtung der religiösen Autoritäten Israels gefunden. Bei der nächsten Gelegenheit, die sich ihnen bot, stellen sie Ihn daher zur Rede. Hier sind es die “Hohenpriester und die Ältesten“, die sich an den Herrn wenden. Der ganze große Abschnitt bis Matthäus 22, 46 wird von dieser Frage umschlossen:

  • Matthäus 21, 23 – 27: Die Frage der Hohenpriester und Ältesten nach der Vollmacht Jesu
  • Matthäus 21, 28 – 32: Das Gleichnis von den ungleichen Söhnen
  • Matthäus 21, 33 – 46: Das Gleichnis von den bösen Weingärnern
  • Matthäus 22, 1 – 14: Das Gleichnis von der königlichen Hochzeit
  • Matthäus 22, 15 – 22: Die Frager der Pharisäer/Herodianer nach der Steuer
  • Matthäus 22, 23 – 33: Die Frage der Sadduzäer nach der Auferstehung
  • Matthäus 22, 34 – 40: Die Frage der Pharisäer nach dem höchsten Gebot
  • Matthäus 22, 41 – 46: Die Frage Jesu Christi nach der Autorität des Christus

Der Herr Jesus lehrte im Tempel, d.h. im Vorhof des Tempels bzw. in der Säulenhalle. Dort trafen die Hohenpriester und Ältesten auf Ihn. Bei den Hohenpriestern handelte es sich um die höchsten geistlichen Autoritäten des Judentums. Einst hatte Gott das Amt des Hohenpriesters eingesetzt (2. Mose 28, 1 ff.; 2.Mose 29, 3 – 5) und bestimmt, dass der Hohepriester immer aus der Familie Aarons kommen sollte (vgl. 3. Mose 6, 15). Im Fall, dass der Hohepriester bei seinem Tod keine Söhne haben würde, sollte der nächstälteste Bruder dieses Amt übernehmen. Doch seit der Besetzung Israels durch die Römer (und zuvor schon unter den Seleukiden), hatte sich die Besatzungsmacht das Recht angemaßt, den Hohenpriester zu bestimmen (vgl. Matthäus 2, 4).  Die Ältesten waren keine Priester, sondern Mitglieder der angesehensten bzw. einflussreichsten  Familien des Landes. Wie die Hohenpriester hatten auch die Ältesten ihren Sitz im Sanhedrin. Hier treten nun beide Gruppen, die – zumindest das religiöse – Leben in Israel kontrollierten -, auf und fragen den Herrn Jesus Christus, der zu keiner ihrer Gruppen gehörte, nach welchem Recht/in welcher Vollmacht Er das, was Er tat, tun würde. Unter Recht/Vollmacht/Autorität, grch. “ἐξουσία“ (“exousia“), verstehen wir das Recht und die mit ihm einhergehende Kraft, etwas zu tun. Ganz offensichtlich wollten sie erfahren, welche Art von Vollmacht der Herr Jesus Christus besaß und wer Ihm diese Vollmacht gegeben hatte. Denn sie konnten viele von den Dingen, die Er tat, nicht tun und das war auch vor dem Volk offenbar geworden (vgl. Matthäus 7, 28 – 29). Eindeutig sahen sie ihre eigene Stellung durch die Vollmacht Jesu gefährdet. Deshalb schwingt in ihrer “Frage“ auch bereits eine eindeutige Ablehnung Jesu Christi mit. Er gehörte zu keiner ihrer Gruppen, konnte weder eine Abstammung von Aaron vorweisen, noch war er von der Besatzungsmacht der Römer eingesetzt worden. Wie kam Er also dazu, ihren klerikalen Frieden und die sorgsam ausgehandelte Machtbalance zwischen den einzelnen Gruppen zu ignorieren?! Dass hier der von Gott verheißene Messias vor ihnen stand, kam für sie gar nicht in Betracht. Denn in ihrem herzen gab es keine Sehnsucht nach dem Kommen des Messias. Ihr Herz war erfüllt von dem Wunsch nach Macht, Einfluss und Reichtum. All‘ das geriet nun durch das Auftreten dieses Jesus von Nazareth in Gefahr (vgl. Johannes 11, 48!). Das musste unbedingt verhindert werden.
Zweimal wird uns im Matthäusevangelium von der Ablehnung Jesu durch die geistlichen Autoritäten Israels berichtet. In Matthäus 12, 22 – 34 lästern die Pharisäer dem Heiligen Geist, indem sie die Wunder des Herrn Jesus Christus dem Teufel zuschreiben. Dieses Ereignis stellt den großen Bruch im Matthäusevangelium dar. Ab diesem Zeitpunkt wächst der Widerstand gegen den Herrn Jesus Christus, der sich seinerseits nun vermehrt den nichtjüdischen Menschen zuwendet. Während sich dieses Ereignis (Matthäus 12, 22 f.) in Galiläa ereignete, erfolgt diese Ablehnung in Jerusalem, der Hauptstadt des  Landes, und trägt einen mehr offiziellen Charakter.

* “Jesus aber antwortete und sprach zu ihnen: Auch ich will euch ein Wort fragen, und wenn ihr es mir sagt, so werde auch ich euch sagen, in welchem Recht ich diese Dinge tue: Die Taufe des Johannes, woher war sie, vom Himmel oder von Menschen? Sie aber überlegten bei sich selbst und sprachen: Wenn wir sagen: Vom Himmel, so wird er zu uns sagen: Warum habt ihr ihm denn nicht geglaubt? Wenn wir aber sagen: Von Menschen – wir fürchten die Volksmenge, denn alle halten Johannes für einen Propheten.“ – Matthäus  21, 24 – 26 – Indem der Herr Jesus Christus mit einer Gegenfrage antwortet, greift Er die damals verbreitete Diskussionsmethode der Pharisäer und Schriftgelehrten auf (vgl. Matthäus 15, 3; Matthäus 22, 20). Der Herr greift dabei weit zurück und stellt den Pharisäern die Frage, wie sie die “Taufe des Johannes“ einordnen bzw. woher die Vollmacht zu dieser Taufe rührte. Wenn der Herr hier von der “Taufe des Johannes“ spricht, dann meint Er damit nicht nur die Durchführung dieser Taufe, sondern den ganzen Dienst des Johannes. Da Johannes der  Herold bzw. Vorläufer des Herrn war, hätten die Pharisäer mit der Antwort auf diese Frage auch ihre Frage nach der Vollmacht Jesu Christi beantwortet: Wenn sie gesagt hätten, dass der Dienst des Täufers “vom Himmel“, d.h. von Gott, war, dann hätten sie damit auch zugeben müssen, dass ER selbst Seine Vollmacht “vom Himmel“, d.h. von Gott, empfangen hatte. Denn ER war ja “der Kommende“, den Johannes angekündigt hatte. Wenn sie jedoch gesagt hätten, dass der Dienst des Täufers “von Menschen“, d.h. nicht von Gott gewesen wäre, dann wäre das Volk gegen sie aufgestanden, denn dieses war von der göttlichen Sendung Johannes des Täufers überzeugt. Ein solcher Volksaufstand aber hätte ihre Macht, ihren Einfluss und ihren Reichtum gefährdet. So zogen sich die geistlichen Autoritäten Israels auf eine ausweichende Antwort zurück: Wir wissen es nicht.

* “Und sie antworteten Jesus und sprachen: Wir wissen es nicht. Da sagte auch er zu ihnen: So sage auch ich euch nicht, in welchem Recht ich diese Dinge tue.“ – Matthäus 21, 27 – Die ausweichende Antwort der Hohenpriester und Ältesten gab dem Herrn die Möglichkeit, Ihnen ebenfalls nicht zu antworten. Warum, mögen wir uns fragen, weicht der Herr hier einer Antwort aus? Jede Offenbarung Gottes, die ein Mensch empfängt, geht mit der Verantwortung einher, entsprechend dieser Offenbarung zu reagieren. Da die Hohenpriester und Ältesten ganz offensichtlich die Offenbarung Johannes des Täufers nicht angenommen hatten, bestand gar keine Veranlassung, ihnen eine weitere Offenbarung über den Messias und Seine Vollmacht zu geben. Hier standen Menschen vor dem Sohn Gottes, die für sich das Recht in Anspruch nahmen, für Gott, ja an Seiner Stelle, zu den Menschen zu sprechen – und sie hatten keine Antwort!
Erst später – in Matthäus 22, 41 – 46 – würde Er diese Frage beantworten. Doch zuvor führte der Sohn Gottes diesen Männern in drei Gleichnissen vor Augen, wo sie wirklich vor Gott standen bzuw. wie Gott sie sah: als ungehorsame Söhne, als böse Weingärtner und Hochzeitsgäste ohne hochzeitliches Gewand. Ihre Autorität war ihnen nicht von Gott gegeben, sonst hätten sie den von Gott gesandten Messias und seinen Herold anerkannt und damit entsprechend der Offenbarung Gottes gehandelt. Die Frage nach der Vollmacht Jesu offenbart also die Vollmachtslosigkeit der Hohenpriester und Ältesten und damit der geistlichen Autoritäten Israels.

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