Jesus Christus, der gute Hirte – Anmerkungen zu Johannes 10, 1 ff.

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Almabtrieb der Schafe vom Schröcken nach Schoppernau im Bregenzerwald * Foto: By böhringer friedrich (Own work) [CC BY-SA 2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons

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Das Bibelwort, das der Wortverkündigung am morgigen Sonntag zugrunde liegen soll, ist eines der bekanntesten Worte Jesu aus dem Johannesevangelium (zum Hintergrund des Johannesevangeliums siehe: Klick!). Wir betrachten es in seinem Kontext:

„Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe eingeht, sondern woanders hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber. Wer aber durch die Tür eingeht, ist Hirte der Schafe. Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus. Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen. Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete. Jesus sprach nun wiederum [zu ihnen]: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie. Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden. Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben. Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe. Der Mietling [aber] und der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt sie und zerstreut [die Schafe. Der Mietling aber flieht], weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert. Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe. Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.  Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme. Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen. Wiederum entstand ein Zwiespalt unter den Juden dieser Worte wegen.
Viele aber von ihnen sagten: Er hat einen Dämon und ist von Sinnen; warum hört ihr ihn? Andere sagten: Diese Reden sind nicht die eines Besessenen; kann etwa ein Dämon der Blinden Augen auftun? Es war aber das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; und es war Winter. Und Jesus ging im Tempel, in der Säulenhalle Salomos, umher. Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Bis wann hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus. Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir; aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, [wie ich euch gesagt habe.] Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben. Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben. Ich und der Vater sind eins.“

(Johannes 10, 1 – 30 ELBEDHÜ; z. Vgl. LUTH’84)

 

Zum Hintergrund von Johannes 10 und den „Ich-bin“-Worten Jesu

Ganz offensichtlich folgte die Belehrung, von der uns der Evangelist in Johannes 10 berichtet, auf die Begebenheiten, von denen wir in Johannes 9 lesen. Ort des Geschehens ist Jerusalem (vgl. Johannes 10, 22). Auch die Thematik und die  Wortwahl des Evangelisten deuten darauf hin, dass die Belehrungen in Johannes 10 direkt auf die Ereignisse in Johannes 9 folgten. Dies wird besonders daran deutlich, dass der Blindgeborene, den der Herr in Johannes 9 geheilt hatte, aus der Synagoge ausgestoßen wurde (Johannes 9, 34) und  anschließend zum Glauben an den Herrn Jesus fand (vgl. Johannes 9, 38). In diesem Geschehen deutet sich bereits an, was der Herr Jesus Christus kurze Zeit später über die neue, die “eine Herde“, sagt, die Er schaffen würde und zu der dieser ausgestoßene Bettler bereits jetzt durch seinen Glauben an den Sohn Gottes  gehörte.

Zu der besonderen Bedeutung der “Ich-bin“-Worte des Herrn Jesus siehe: “Die Gottheit Jesu Christi, wie sie in den “Ich-bin”-Worten zum Ausdruck kommt“: Klick!

Anmerkungen zu Johannes 10, 1 – 30

“Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer nicht durch die Tür in den Hof der Schafe eingeht, sondern woanders hinübersteigt, der ist ein Dieb und ein Räuber.“Johannes 10, 1 – Schafzucht war in Israel zur Zeit Jesu weit verbreitet und daher waren die Einzelheiten, die der Herr in diesem Gleichnis ansprach, für Seine Zuhörer bekannt und gut nachvollziehbar. Bei dem “Hof der Schafe“ handelte es sich i.d.R. um eine mit Steinwällen umgebene Schafhürde, die in weiter Entfernung zur nächsten Siedlung lag und als Nachtlager für die Herde und ihren Hirten diente. Solche Schafhürden hatten i.d.R. eine einzige Tür, an der der Hirte oder ein Wächter in der Nacht  über die Herde wachten. Auf diese Weise sollte die Herde von Dieben und Räubern bewahrt werden.
Der Begriff “Dieb“, grch. “κλέπτης“ (“kleptes“), bezeichnet hier einen Menschen, etwas stiehlt und dazu Tricks einsetzt. Wohingegen unter einem Räuber, grch. “λῃστής“ (“lestes“), ein Dieb zu verstehen ist, der zur Erreichung seiner Zeile Gewalt und Waffen einsetzt.
Den israelitischen Zuhörern Jesu war das Bild der Schafherde aber nicht nur aus ihrem Alltagsleben bekannt. Bereits im Alten Testament hatte Gott Seine Beziehung zu Seinem Volk oftmals als Beziehung eines Hirten zu seiner Herde beschrieben (vgl. Psalm 80Jesaja 40, 11; Hesekiel 34, 10 – 16 und – besonders bekannt –  Psalm 23, 1 ff.). Ebenfalls im Alten Testament werden die untreuen (menschlichen) Leiter des Volkes Israel von Gott als “böse Hirten“  bezeichnet (vgl. Jesaja 56, 9 – 12; Jeremia 23, 1 – 4; Jeremia 25, 32 – 38; Hesekiel 34, 4; Sacharja 11). Auch in der alttestamentarischen Prophetie spielt das Bild des Hirten eine wichtige Rolle: Durch den Propheten Hesekiel hatte Gott ankündigen lassen, dass der Tag kommen würde, an dem ein Nachfahre Davids auf dem Thron Israels sitzen und das Volk wie ein Hirte weiden würde (vgl. Hesekiel 34, 23 – 25; Hesekiel 37, 24 – 28).
Wenn der Herr Jesus Christus in Vers 1 von “Dieben und Räubern“ spricht, so schließt Er damit eindeutig an das in Johannes 9, 39 – 41 (ELBEDHÜ) berichtete Gespräch mit einigen Pharisäern an:

“Und Jesus sprach: Zum Gericht bin ich in diese Welt gekommen, damit die Nichtsehenden sehen und die Sehenden blind werden. Einige von den Pharisäern, die bei ihm waren, hörten dies und sprachen zu ihm: Sind denn auch wir blind? Jesus sprach zu ihnen: Wenn ihr blind wäret, so hättet ihr keine Sünde; nun aber, da ihr sagt: Wir sehen, bleibt eure Sünde.“

Diese Männer, die eigentlich wahre Hirten des Volkes Gottes sein sollten, hatten sich in der Vergangenheit als “blinde Blindenleiter“ erwiesen und in der Konfrontation mit dem von Gott gesandten Hirten und Messias wurden ihre wahren Motive nun gänzlich offenbar.

“Wer aber durch die Tür eingeht, ist Hirte der Schafe.“Johannes 10, 2 – “Böse Hirten“, die zugleich “Diebe“ und “Räuber“ waren, versuchten sich auf verschiedensten Wegen an der Herde Gottes zu bereichern (Manipulation, Gewalt, Drohungen etc). Im Gegensatz dazu wählte der von Gott gesandte Hirte den legitimen Weg, um zu den Schafen zu gelangen. Offen und ehrlich begegnete der Herr dem Volk.

“Diesem öffnet der Türhüter, und die Schafe hören seine Stimme, und er ruft seine eigenen Schafe mit Namen und führt sie heraus.“Johannes 10, 3 – Türhüter waren Männer, die von den Herdenbesitzern angestellt wurden, um in einer Schafhürde die Herde zu bewachen. Nur einem Hirten, der ebenfalls von den Herdenbesitzern angestellt war, durften die Türhüter öffnen. Oft wurden Herden mehrerer Besitzer nachts in einer größeren, mit Mauern umfriedeten Schafhürde untergebracht. Wenn dann einer der  Hirten am Morgen kam, so rief er seine Schafe entweder mit einem bekannten Pfeifen oder – wie der Herr es hier sagt – mit Namen und da die Schafe seine Stimme erkannten, folgten sie ihm auf die Weide. Wie wir gesehen haben, bezeichnete Gott das Volk Israel bereits im Alten Testament als Seine Herde. Er war der Besitzer und Sein Sohn der von Ihm gesandte Hirte. In diesem Zusammenhang wird Johannes der Täufer von etlichen Kommentatoren als der Türhüter betrachtet, der dem von Gott gesandten Hirten den Weg zu den Schafen des Volkes Israel bereitete.
Der Herr Jesus Christus betont in diesem Vers, dass Er, der gute Hirte, Seine Schafe  mit Namen ruft, d.h. Sein Ruf ergeht ganz individuell an jedes Schaf (vgl. 4. Mose 27, 15 – 18; Johannes 14, 9; Johannes 20, 16 + 29; Johannes 21, 16) und jedes Schaf, das die Stimme des guten Hirten erkannte bzw. erkennt (weil der Vater es Ihm gegeben hat, vgl. Johannes 6, 37) folgte bzw. folgt ihm.

“Wenn er seine eigenen Schafe alle herausgeführt hat, geht er vor ihnen her, und die Schafe folgen ihm, weil sie seine Stimme kennen. Einem Fremden aber werden sie nicht folgen, sondern werden vor ihm fliehen, weil sie die Stimme der Fremden nicht kennen.“Johannes 10, 4 – 5 – Es gab und gibt verschiedene Möglichkeiten, eine Schafherde zu führen. Manche Hirten ließen die Schafe vor sich her laufen, andere setzten Hunde ein, um die Schafe zu lenken, wieder andere gingen vor der Herde her. Der Herr Jesus Christus ging und geht vor Seinen Schafen her. Er führt durch Sein persönliches Vorbild (vgl. Hebräer 12, 2). Seine Schafe folgen Ihm, weil sie Seine Stimme kennen. Denn sie haben Ihn als den erkannt, der Er ist: der von Gott gesandte gute Hirte. Menschen kommen zu dem Herrn Jesus Christus, weil der Herr sie ruft und sie folgen Ihm, weil sie Ihm gehören.

“Dieses Gleichnis sprach Jesus zu ihnen; sie aber verstanden nicht, was es war, das er zu ihnen redete.“Johannes 10, 6 – Die Wahrheit des Gesagten erwies sich sogleich in der Reaktion der Zuhörer: sie verstanden die Belehrung des Herrn nicht, da sie Ihn nicht erkannt hatten und folglich auch nicht zu Seinen Schafen gehörten.

“Jesus sprach nun wiederum [zu ihnen]: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ich bin die Tür der Schafe. Alle, die vor mir gekommen sind, sind Diebe und Räuber; aber die Schafe hörten nicht auf sie.“Johannes 10, 7 – 8 – Mit diesen Versen beginnt der Sohn Gottes, Seine Lehre zu vertiefen. Er ist nicht nur der gute, von Gott gesandte Hirte, Er ist auch die Tür, die in die Schafhürde führt. Verschiedene Kommentatoren haben darauf hingewiesen, dass Hirten oft auch die Rolle des Torhüters übernahmen und zum Schutz ihrer Herden in der Tür der Hürde schliefen. Wenn der Herr Jesus Christus davon spricht, dass Er die Tür zu den Schafen ist, dann ist die Bedeutung klar: Niemand kann zu der Herde Gottes gehören, der nicht von Ihm selbst dazu zugelassen wurde (Johannes 14, 6). Schon vor Ihm waren Menschen aufgetreten, die von sich behaupteten, dass sie die Autorität besäßen, Menschen zu der Herde Gottes hinzufügen zu können. Doch diese Behauptungen entsprachen nicht der Wahrheit. Die Autorität, die sich die Pharisäer zu schrieben (vgl. Vers 1), hatte Gott ihnen nicht übertragen. Dementsprechend konnten sie die Herde Gottes auch nicht führen, sondern mussten Manipulation, Druck und zeitweise sogar offene Gewalt einsetzen, um sich die Schafe gefügig zu machen.

“Ich bin die Tür; wenn jemand durch mich eingeht, so wird er errettet werden und wird ein- und ausgehen und Weide finden.“Johannes 10, 9 – Der Herr Jesus Christus  ist die einzige Tür zu der Herde Gottes. Nur durch Ihn können Menschen zu Gott gelangen und errettet werden. Wer auf diese Weise zur Herde Gottes hinzugetan wird, der wird auch erleben, wie der gute Hirte Seine Schafe jeden Tag neu auf frische Weiden führt und sie leitet.

“Der Dieb kommt nur, um zu stehlen und zu schlachten und zu verderben. Ich bin gekommen, damit sie Leben haben und es in Überfluss haben.“Johannes 10, 10 – Während so genannte geistliche Autoritäten sich als Diebe, Räuber und Betrüger erweisen, weil sie sich mittels Manipulation, verbalem Druck und/oder tatsächlicher Gewalt an der Herde Gottes gütlich tun, sie berauben und verderben, ist das Herz des guten Hirten allein darauf gerichtet, jedem, der zu dieser “Herde Gottes“ gehört, ewiges Leben zu schenken. Denn der wahre Hirte hat nicht nötig, sich an der Herde Gottes zu bereichern  (vgl. Psalm 50, 10 – 12). Im Gegenteil: Er gibt aus Seiner Fülle den Schafen, die Ihm folgen, ewiges Leben.
Das griechische Wort, dass in unseren Bibeln mit “Überfluss“ übersetzt wurde, ist “περισσός“ (“perissos“). Dieses Wort bezeichnet nicht nur einen Überfluss an Quantität, d.h. ein Leben ohne zeitliches Ende, sondern auch an Qualität, d.h. also ein Leben voll geistlichen Reichtums!
Während so genannte geistliche Autoritäten nur fordern, nehmen und wenn nötig an sich reißen, was zur Herde Gottes gehört, kommt der gute Hirte einzig in der Absicht, den Schafen Gottes alles zu geben, was immer sie brauchen und weit darüber hinaus!

“Ich bin der gute Hirte; der gute Hirte lässt sein Leben für die Schafe.“Johannes 10, 11 – Im Gegensatz zu den so genannten geistlichen Autoritäten, die sich als Diebe und Räuber erweisen und die auch nicht davor zurückschrecken, die Schafe der Herde Gottes zu schlachten, wenn es in ihren Interessen dient, erweist sich die Liebe des guten Hirten darin, dass Er bereit ist, für die Schafe zu sterben. Normalerweise ist es so, dass Hirten für ihre Herde leben, um sie zu versorgen und zu führen. Kommt ein Hirte bei seiner Aufgabe um, dann passiert dies meist aufgrund eines Unfalls. Der gute Hirte jedoch kam bereits mit der Absicht auf diese Erde, Sein Leben für die Schafe der Herde Gottes zu geben, damit diese ewiges Leben empfangen könnten (vgl. Johannes 6, 51; Johannes 11, 50 – 52). Diese Absicht des Herrn Jesus Christus wird durch die Worte, die der Evangelist Johannes hier gebraucht, unterstrichen: Der Ausdruck “das Leben lassen“ kommt so nur bei Johannes vor und beschreibt einen freiwilligen Opfertod (vgl. Johannes 10, 17 – 18; Johannes 13, 37 – 38; Johannes 15, 13; 1. Johannes 3, 16). Auch durch die Präposition “ ὑπέρ“ (“hyper“), “für“, wird in vielen Fällen ein Opfer beschrieben (vgl. Johannes 13, 37; Johannes 15, 13; Lukas 22, 19; Römer 5, 6 – 8; 1. Korinther 15, 3).
Eine größere Hingabe zum Wohl der Herde Gottes kann es nicht geben. Und indem der Herr Jesus Christus diese Hingabe bis zum Kreuz auf Golgatha vorlebte, setzte Er auch einen Maßstab für jeden Seiner Jünger, der von Gott berufen wird, diese Herde zu weiden. Wahrer Hirtendienst zeigt sich nicht in Worten, Wahrer Hirtendienst zeichnet sich dadurch aus, dass ein Hirte die Herde Gottes wohl versorgt, sie schützt und wenn nötig sein Leben für sie lässt.  Wie sehr Gottes Wohlgefallen auf der Hingabe Seines guten Hirten lag, machen drei neutestamentarische Schriftstellen deutlich:

“Der Gott des Friedens aber, der aus den Toten wiederbrachte unseren Herrn Jesus, den großen Hirten der Schafe, in dem Blut des ewigen Bundes, (…)“

(Hebräer 13, 20)

“Und wenn der Erzhirte offenbar geworden ist, (…)“

(1. Petrus 5, 4)

“(…) der, da er in Gestalt Gottes war, es nicht für einen Raub achtete, Gott gleich zu sein, sondern sich selbst zu nichts machte und Knechtsgestalt annahm, indem er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Gestalt wie ein Mensch erfunden, sich selbst erniedrigte, indem er gehorsam wurde bis zum Tod, ja, zum Tod am Kreuz. Darum hat Gott ihn auch hoch erhoben und ihm den Namen gegeben, der über jeden Namen ist, damit in dem Namen Jesu jedes Knie sich beuge, der Himmlischen und Irdischen und Unterirdischen, und jede Zunge bekenne, dass Jesus Christus Herr ist, zur Verherrlichung Gottes, des Vaters.

(Philipper 2, 5 – 11)

Weil der Sohn Gottes bereit war, für die Herde Gottes Sein Leben zu geben, gab Gott Ihn nicht nur zwei Ehrentitel (“großer Hirte“, “Erz-(Ober-)Hirte“), sondern erhob Ihn über alles (Hebräer 13, 20), so dass sich vor Ihm jedes Knie beugen wird und jede Zunge bekennen muss, dass Er der Herr ist. Aber auch allen Jüngern, die ihrem Herrn in dieser Hingabe an/für Seine Herde folgen, verheißt Gott eine besondere Anerkennung:

“Und wenn der Erzhirte offenbar geworden ist, so werdet ihr die unverwelkliche Krone der Herrlichkeit empfangen.

(1. Petrus 5, 4)

Wenn der Herr Jesus Christus sich hier als der “gute“ Hirte bezeichnet, so hat das griechische Wort “καλός“ (“kalos“) hier nicht nur die Bedeutung von “gut“ im Sinne von “gütig“,  sondern auch von “moralisch rechtschaffen“. Damit steht der “gute Hirte“ in einem scharfen Kontrast zu den “bösen Hirten“, den “Mietlingen“, die in den folgenden Versen näher beschrieben werden.

“Der Mietling [aber] und der nicht Hirte ist, dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen und verlässt die Schafe und flieht; und der Wolf raubt sie und zerstreut [die Schafe. Der Mietling aber flieht], weil er ein Mietling ist und sich nicht um die Schafe kümmert.“Johannes 10, 12 – 13 – Dass Diebe und Räuber niemals das Wohl der Herde im Auge haben, ist klar. Aber auch für Geld angestellte Wächter können sehr egoistisch sein. Sie hüten die Herde, weil sie dafür bezahlt werden und nicht, weil sie zu den Schafen eine Beziehung haben oder gar die Herde lieben. Im Ernstfall ist ihnen darum “das Hemd näher als der Rock“. Sie sind nicht bereit, ihr Leben für die Herde einzusetzen, sondern fliehen schon, wenn sie den Wolf nur kommen sehen. Während der gute Hirte Sein Leben einsetzt, um das Leben der Schafe zu retten, hat der Mietling nur die Rettung seiner eigenen Haut im Blick (vgl. Jeremia 10, 21 – 22; Jeremia 12, 10; Sacharja 11, 4 – 17). Genauso verhielten sich die geistlichen Autoritäten in Israel zur Zeit Jesu. Um ihre eigene Stellung und ihren eigenen Wohlstand zu sichern, waren sie bereit, das Volk und sogar den von Gott verheißenen und gesandten  Erlöser zu opfern (vgl. Johannes 11, 47 – 50). Doch wir sollten in diesem Zusammenhang nicht richtend mit dem Finger auf die Pharisäer und Schriftgelehrten zur Zeit Jesu zeigen. Wir sollten vielmehr fragen, wie oft so genannte geistliche Autoritäten des Christentums die biblische Wahrheiten des Evangeliums, die allein dem Menschen die ewige Errettung zu bringen vermögen, negieren, herunterspielen und oftmals ganz verschweigen, um weiterhin in dieser Welt eine angesehene Stellung und entsprechenden Wohlstand genießen zu können. Auch christliche Hirten können sich als Mietlinge erweisen, wenn sie ihre eigenen Bedürfnisse, ihren eigenen Vorteil, vor das Wohlergehen der Herde Gottes stellen (vgl. 1. Petrus 5, 2 – 3).

“Ich bin der gute Hirte; und ich kenne die Meinen und bin gekannt von den Meinen, wie der Vater mich kennt und ich den Vater kenne; und ich lasse mein Leben für die Schafe.“Johannes 10, 14 – 15 – Das Wort, dass in diesen Versen für “kennen“ gebraucht wird, ist “γινώσκω“ (“ginosko“). Es meint nicht nur “kennen“ im Sinn von “bekannt sein“, sondern wird gebraucht, um eine Beziehung von Vertrauen und tiefster Vertrautheit zu beschreiben. Das ist die Qualität der Beziehung, die zwischen dem guten Hirten und der wahren Herde Gottes besteht. Sie hat die gleiche Qualität, wie die Beziehung Gottes, des Vaters zu Seinem Sohn bzw. des Sohnes Gottes zu Seinem Vater. Es handelt sich also nicht nur um ein verstandesmäßiges Wissen, sondern um eine Beziehung der Liebe, die zwischen dem Hirten und Seiner Herde besteht und aus Liebe ist der gute Hirte auch bereit, Sein Leben für die von Ihm geliebte Herde zu lassen.

“Und ich habe andere Schafe, die nicht aus diesem Hof sind; auch diese muss ich bringen, und sie werden meine Stimme hören, und es wird eine Herde, ein Hirte sein.“ –  Johannes 10, 16 –  Die “anderen Schafe“, von denen der Herr Jesus Christus hier spricht, sind die Menschen aus den Nationen außerhalb Israels (in der Luther-Übersetzung durchgängig als “Heiden“ bezeichnet), die der Herr ebenfalls in Seine Nachfolge rufen wollte. Der Herr Jesus Christus kündigt hier an, dass Er eine neue Herde Gottes schaffen würde. Diese neue, diese “eine“ Herde besteht aus Menschen, die an Ihn glauben und Ihm folgen und zwar aus Israel und den Nationen (vgl. Johannes 17, 20; Epheser 2, 11 – 22; Epheser 3, 6). Gemeinsam bilden sie die eine, neue Herde, die Versammlung Gottes (vgl. 1. Korinther 10, 32). Unter dem einen, von Gott gesandten guten Hirten kann es nur eine Herde geben. Auch diese “anderen“ Schafe kannte der Herr, so wie Er auch jene Israeliten kannte, die an Ihn glaubten und darum zu Seiner Herde gehörten (Psalm 100, 3).

“Darum liebt mich der Vater, weil ich mein Leben lasse, damit ich es wiedernehme.“Johannes 10, 17 – Wir dürfen nicht den Fehler machen und aufgrund dieses Verses meinen, die Liebe Gottes, des Vaters, sei von dem Verhalten des Sohnes abhängig gewesen. Die gesamte Heilige Schrift bezeugt uns die ewige Liebe, die zwischen Gott, dem Vater und Gott dem Sohn, besteht. Dennoch erfüllte der Gehorsam des Sohnes den Vater mit Freude und hatte, wie wir bereits gesehen haben, Sein besonderes Wohlgefallen zur Folge. Ebenso liebt Gott, der Vater, alle Gläubigen bedingungslos. Doch wenn die Gläubigen Seinen Willen erfüllen und sich der innigen Gemeinschaft mit Gott erfreuen, dann führt das auch bei ihnen zu einem besonderen Wohlgefallen Gottes (2. Korinther 5, 9; Hebräer 11, 5).
Das Werk der Liebe des guten Hirten sollte dadurch bestätigt werden, dass Gott Ihn von den Toten auferwecken würde, wie es prophetisch angekündigt war (Psalm 16, 10) und dann auch geschah (Apostelgeschichte 2, 32).

“Niemand nimmt es von mir, sondern ich lasse es von mir selbst. Ich habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen. Dieses Gebot habe ich von meinem Vater empfangen.“Johannes 10, 18 – Wer das Leben und den Dienst des Herrn Jesus Christus auf dieser Erde nur oberflächlich betrachtet, kann schnell zu dem Schluss kommen, dass Er ein Opfer der jüdischen Autoritäten und ihres Machtanspruchs wurde. Doch hier und an vielen anderen Stellen, macht der Herr Jesus Christus deutlich, dass, wenn sein Tod auch äußerlich als Justizmord erscheinen würde, dahinter doch der Plan Gottes stand (vgl. Apostelgeschichte 4, 27 – 28; sowie den Artikel “Alles in Gottes Hand“: Klick!). Der Opfertod des Sohnes Gottes für die Sünden der Menschen und die Auferstehung aus den Toten waren kein Zufall, sondern entsprachen ganz und gar dem Ratschluss Gottes. Denn kein Mensch hätte ohne diesen Ratschluss Gottes über den Sohn Gottes Gewalt gehabt (vgl. Johannes 19, 11!). Zu diesem Ratschluss Gottes aber hatte der Sohn völlig freiwillig Seine Zustimmung gegeben.
Warum betont der Herr Jesus Christus, dass Er “Gewalt hat, Sein Leben zu lassen, und  Gewalt hat, es wiederzunehmen“? Nun, jeder Mensch kann – aus welchen Gründen auch immer – bereit sein, sein Leben für andere zu opfern. Doch nur der Sohn Gottes hatte auch Gewalt, sich dieses Leben in der Auferstehung wieder zu nehmen.

“Wiederum entstand ein Zwiespalt unter den Juden dieser Worte wegen. Viele aber von ihnen sagten: Er hat einen Dämon und ist von Sinnen; warum hört ihr ihn? Andere sagten: Diese Reden sind nicht die eines Besessenen; kann etwa ein Dämon der Blinden Augen auftun?“Johannes 10, 19 – 21 – Seit Beginn seines irdischen Dienstes schieden sich “die Geister“ an der Person Jesu. An diesem Konflikt hat sich bis heute nichts geändert (vgl. Apostelgeschichte 14, 11 + 19!) Einige Kommentatoren weisen darauf hin, dass sich die Ablehnung des Herrn in diesem Zusammenhang an Seiner Lehre über die “anderen Schafe“ und die “eine Herde“, die Er erschaffen würde, entzündete. Denn diese Lehre machte deutlich, dass damit jeder Anspruch Israels auf eine exklusive Beziehung zu Gott ein Ende gefunden hatte. Nur eines war noch exklusiv: der Zugang zu Gott, der ausschließlich über den von Ihm gesandten guten Hirten – Jesus Christus – möglich ist (Johannes 14, 6).

“Es war aber das Fest der Tempelweihe in Jerusalem; und es war Winter. Und Jesus ging im Tempel, in der Säulenhalle Salomos, umher.“Johannes 10, 22 – 23 – Zum Fest der Tempelweihe und seinem Hintergrund siehe: Klick!  Es waren diese Säulenhallen Salomos, in denen sich später auch die ersten Christen versammelte (vgl. Apostelgeschichte 3, 11; Apostelgeschichte 5, 12).

“Da umringten ihn die Juden und sprachen zu ihm: Bis wann hältst du unsere Seele hin? Wenn du der Christus bist, so sage es uns frei heraus.“Johannes 10, 24 – Immer wieder hatte der Herr Jesus Christus Menschen, die Er geheilt hatte, verboten, Ihn als Messias zu verkünden. Denn damit hätten diese Menschen Seinen Gegner zu einem falschen Zeitpunkt in die Hände  gespielt. Diese Gegner warteten nur auf eine solche Aussage, um Ihn vor dem Synedrium wegen Gotteslästerung anklagen zu können. Zum anderen hätte eine solche Proklamation eine politische Bewegung in Gang setzen können (vgl. Johannes 6, 15), was ebenfalls nicht gemäß dem Plan Gottes war.

“Jesus antwortete ihnen: Ich habe es euch gesagt, und ihr glaubt nicht. Die Werke, die ich in dem Namen meines Vaters tue, diese zeugen von mir; aber ihr glaubt nicht, denn ihr seid nicht von meinen Schafen, [wie ich euch gesagt habe.]“Johannes 10, 25 – 26 – Bedurfte es denn eines verbalen Bekenntnisses? Hatte sich der Sohn Gottes nicht in zahlreichen Zeichen und Wundern als der verheißene Messias Israels erwiesen (Johannes 5, 16 – 47; Johannes 6, 32 – 59; Johannes 7, 14 – 30). Dennoch hatten diese Israeliten nicht an Ihn geglaubt. Ihre Reaktion zeigte, dass sie Ihn nicht erkannt hatten und daher auch nicht zu seinen Schafen gehörten.

“Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir; und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie gehen nicht verloren in Ewigkeit, und niemand wird sie aus meiner Hand rauben.“Johannes 10, 27 – 28 – In diesen Versen wiederholt der Herr die Belehrung, die Er bereits zuvor gegeben hatte (vgl. Johannes 10, 3 – 5 + 14).
Das ewige Leben, dass der Sohn Gottes “Seinen Schafen“ gibt, ist Sein Leben (Kolosser 3, 4). Darum ist es auch völlig unmöglich, dass Seine Schafe jemals wieder verloren gehen. Auch die Sicherheit Seiner Schafe ist ganz und gar in Seiner Person begründet. Niemand – kein Dieb (vgl. Vers 10), kein Räuber  (vgl. Vers 8), kein Wolf (vgl. Vers 12) noch sonst irgendjemand (vgl. Römer 8, 35 – 39). Vielfach haben Kommentatoren darauf hingewiesen, dass die griechische Konstruktion, die Johannes hier verwendet “οὐ μὴ ἀπόλωνται εἰς τὸν αἰῶνα“ (“ou me apolontai eis ton aiona“) = “gehen nicht verloren in Ewigkeit“ die Unmöglichkeit des Verlorengehens deutlich herausstellt. Bereits in Johannes 6, 37 – 40 spricht der Herr Jesus Christus  davon, dass es Seine Aufgabe ist, alle zu bewahren, die der Vater Ihm gegeben hat. Wie könnten wir daran zweifeln, dass der Sohn Gottes diese Aufgabe nicht zum vollkommenen Wohlgefallen Seines Vaters erfüllen würde? Diese Verse enthalten eine der deutlichsten Verheißungen bzgl. der ewigen Sicherheit der Gläubigen.

“Mein Vater, der sie mir gegeben hat, ist größer als alles, und niemand kann sie aus der Hand meines Vaters rauben.“Johannes 10, 29 – Indem der Herr Jesus Christus für die Sicherheit Seiner Schafe sorgt, erfüllt Er den Auftrag des Vaters und wer sollte diese Schafe aus der Hand des allmächtigen Gottes rauben können?

“Ich und der Vater sind eins.“Johannes 10, 30 – Dieser Vers hat in der Kirchengeschichte zahlreiche Diskussionen ausgelöst. Es ist hier weder Zeit noch Raum ausführlicher auf alle mit diesem Vers verbundenen Fragestellungen einzugehen. Ich möchte lediglich darauf hinweisen, dass sich das Einssein des Vaters und des Sohnes hier natürlich auch auf die Bewahrung der Schafe bezieht; Beide, der Vater und der Sohn, bewahren die Schafe der einen Herde, so dass sie sicher weiden können.

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