Die Gebete im Buch der Offenbarung (4)

Praying people crossing

Praying People Crossing * Schild an der Grundstücksmauer eines Hauses in Jever * Foto: By GregorHelms (Own work) [CC BY-SA 3.0 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0)%5D, via Wikimedia Commons

 

Das vierte Gebet im Buch der Offenbarung ist ein Gebet, das sich völlig von allen anderen Gebeten im Neuen Testament unterscheidet.  Es ist das so genannte “Gebet der Märtyrer“ und findet sich in Offenbarung 6,  9 – 11 (SCHL’2000):

“Und als es das fünfte Siegel auftat, sah ich unten am Altar die Seelen derer, die umgebracht worden waren um des Wortes Gottes und um ihres Zeugnisses willen. Und sie schrien mit lauter Stimme: Herr, du Heiliger und Wahrhaftiger, wie lange richtest du nicht und rächst nicht unser Blut an denen, die auf der Erde wohnen? Und ihnen wurde gegeben einem jeden ein weißes Gewand, und ihnen wurde gesagt, dass sie ruhen müssten noch eine kleine Zeit, bis vollzählig dazukämen ihre Mitknechte und Brüder, die auch noch getötet werden sollten wie sie.

An diesem Gebet fällt auf, dass es nicht den Geist christlicher Vergebungsbereitschaft, wie wir ihn aus den Evangelien und den apostolischen Briefen  kennen, widerspiegelt. Der Grund dafür ist,  dass es sich bei diesen Betern nicht um Gläubigen, die zur Versammlung (= Gemeinde/Kirche) Gottes gehören, handelt.  Denn die Versammlung (= Gemeinde/Kirche) ist zu diesem Zeitpunkt bereits entrückt worden (vgl. 1. Thessalonicher 4, 13 – 18; 1. Thessalonicher 1, 9 – 10; 1. Thessalonicher 5, 9; Offenbarung 3, 10).
Nach der Hinwegnahme der Gläubigen, die die Versammlung (= Gemeinde/Kirche) und damit den Leib Christi bilden, werden sich weiterhin Menschen Gott zuwenden (vgl. Offenbarung 7, 1 – 17). Ihre Hinwendung zu Gott wird jedoch keine Reaktion auf das “Evangelium der Gnade und Herrlichkeit Gottes“ (Apostelgeschichte 20, 24; 1. Timotheus 1, 11) sein, das in unserer gegenwärtigen Heilsepoche verkündet wird und dessen Verkündigung mit Abschluss des Zeitalters der Gnade ein Ende finden wird. Diese Menschen werden aufgrund der Verkündigung des “Evangeliums des Reiches“ (Matthäus 24, 14) zu Gott umkehren und aufgrund ihres Zeugnisses für Ihn ihr Leben lassen. Dass wir es bei diesen Märtyrern nicht mit christlichen Märtyrern zu tun haben, wird aus folgenden Zusammenhängen deutlich:
Eines der grundlegenden Kennzeichen christlichen Lebens ist die Liebe Gottes. Diese Liebe Gottes wird durch den Heiligen Geist in das Herz eines Menschen ausgegossen, wenn dieser Buße tut und von neuem geboren wird (Römer 5, 5; Apostelgeschichte 2, 38; Johannes 3, 1 – 6; Titus 3, 5; Johannes 1, 13; Johannes 14, 16 – 31).  Es ist diese in sein Herz ausgegossene Liebe Gottes, die den Christen befähigt, selbst seinen Verfolgern und Mördern zu vergeben. Das Neue Testament (vgl. Lukas 23, 34; Apostelgeschichte 7, 54 – 60)  und die Kirchengeschichte (z.B. Klick!, Klick!, Klick!, Klick!) legen mit vielen Beispielen davon Zeugnis ab.
Doch die Sprache, in der sich die in Offenbarung 6,  9 – 11 auftretenden Märtyrer ausdrücken, ist eine ganz andere und erinnert uns vielmehr an die Rachepsalmen des Alten Testaments (vgl.  Psalm 79, 10 – 13; Psalm 137, 7 – 9 u.a.m.) Es fällt außerdem auf, dass diese Märtyrer nicht Gott als Vater anrufen oder sich mit ihrem Gebet an den Herrn Jesus Christus wenden. Beides würde ebenfalls den Besitz des Heiligen Geistes und damit neues Leben aus Gott voraussetzen (Galater 4, 6; Römer 8, 151. Korinther 12, 3). Diese Märtyrer sprechen Gott als “Herr“ (eigentlich als “Herrscher“)  an. Sie stehen demnach nicht in einem Kindschaftsverhältnis zu Gott.
Zur Zeit des Alten Testaments erlebten die Gläubigen das Wirken des Heiligen Geistes nur temporär. So bat z.B. König David darum, dass der Heilige Geist nicht von ihm genommen werden würde (vgl. Psalm 51, 13). Ein solches Gebet ist für Christen  unvorstellbar, da sie die Zusage Gottes haben, dass der Heilige Geist “in Ewigkeit“ bei ihnen bleiben wird (vgl. Johannes 14, 16). Christen können den Heiligen Geist in ihrem Leben zwar betrüben (vgl. Epheser 4, 30), sie können Ihn jedoch nicht verlieren. Das würde nämlich bedeuten, dass sie ihre Gotteskindschaft rückgängig machen könnten und das ist ein “Ding der Unmöglichkeit“. Denn dazu müssten sie mehr Macht besitzen, als der himmlische Vater, der ihnen das ewige Leben verliehen hat (vgl. Johannes 10, 27 – 30; Römer 8, 28 – 39).
Wie gesagt, in der Zeit des Alten Testaments erlebten die Gläubigen den Heiligen Geist nur in temporärer Weise. Erst nach dem der Sohn Gottes durch Seinen Tod und Seine Auferstehung das Erlösungswerk vollbracht hatte und in den Himmel aufgefahren war, sandte Er den Heiligen Geist, die dritte Person der Gottheit,  am Tag der Pfingsten auf die Gläubigen hernieder (vgl. Apostelgeschichte 2, 1 – 41). Am Ende der Gnadenzeit, wenn  die Versammlung (= Gemeinde/Kirche) entrückt wird (1. Thessalonicher 4, 13 – 18), endet damit auch diese Art der Wirksamkeit des Heiligen Geistes auf dieser Erde (vgl. 2. Thessalonicher 2, 6 – 7).
Wir können also zusammenfassend feststellen, dass es sich bei den hier erwähnten Märtyrern nicht um Christen handelt, sondern um Menschen, die – ähnlich den alttestamentarischen Gläubigen – in einer mehr allgemeinen Beziehung zu Gott stehen. Nichtsdestotrotz legen auch sie in dieser Phase der Weltgeschichte ihr Leben für Gott nieder und werden entsprechend von Ihm belohnt.
Vielleicht fragen Sie sich, warum Sie sich überhaupt mit diesem Gebet befassen sollten, wenn es sich doch bei den hier Betenden nicht um Christen handelt. Nun, auch Christen können zur Rache versucht werden (vgl. Römer 12, 19 – 21). Diese Versuchung kann sich insbesondere in einer Zeit verstärken, in der weltweit immer mehr Christen zur Zielscheibe religiös motivierter Verfolgung und Opfer von Mord und Totschlag werden. Gerade in einer solchen Zeit ist es umso wichtiger, dass wir uns daran erinnern, dass Rache durch die Liebe Gottes überwunden werden kann und kein Teil der neuen Natur des Christen ist.

 

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