Auf Gott warten – Anmerkungen zu Psalm 42, 1 ff.

Hirsch im Teich * Foto: Peter Sommerfeld (Newbie) / pixelio.de


 

Als Grundlage der Wortverkündigung am Mittwoch dieser Woche wurde ein Vers aus dem 42. Psalm gewählt, den wir – wie immer – in seinem Kontext betrachten wollen:

“Dem Vorsänger. Ein Maskil von den Söhnen Korahs. Wie ein Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott! Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott: Wann werde ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht? Meine Tränen sind mir zur Speise geworden Tag und Nacht, da man den ganzen Tag zu mir sagt: Wo ist dein Gott? Daran will ich mich erinnern und in mir ausschütten meine Seele, wie ich einherzog in der Schar, mit ihnen schritt zum Haus Gottes, mit der Stimme des Jubels und des Lobes – eine feiernde Menge. Was beugst du dich nieder, meine Seele, und bist unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen für die Rettung seines Angesichts. Mein Gott, es beugt sich nieder in mir meine Seele; darum denke ich an dich aus dem Land des Jordan und des Hermon, vom Berg Mizhar. Tiefe ruft der Tiefe beim Brausen deiner Wassergüsse; alle deine Wogen und deine Wellen sind über mich hingegangen. Am Tag wird der HERR seine Güte entbieten, und bei Nacht wird sein Lied bei mir sein, ein Gebet zu dem Gott meines Lebens. Sagen will ich zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum gehe ich trauernd umher wegen der Bedrückung des Feindes? Wie eine Zermalmung in meinen Gebeinen verhöhnen mich meine Bedränger, indem sie den ganzen Tag zu mir sagen: Wo ist dein Gott? Was beugst du dich nieder, meine Seele, und was bist du unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen, der die Rettung meines Angesichts und mein Gott ist.

(Psalm 42, 1 – 12  ÜELBEDHÜ, z. Vgl. Luther’84)

 

Zum Hintergrund: Das 2. Buch des Psalters & Psalm 42

Wie ich bereits in den Anmerkungen zu anderen Psalmen geschrieben habe, ist es auch an dieser Stelle nicht möglich, den Hintergrund des großen und umfangreichen biblischen Buches der Psalmen in seinen Einzelheiten  vorzustellen. Daher folgen auch hier nur einige grundlegende Informationen zum Buch der Psalmen, insbesondere zum 2. Buch des Psalters, in dem wir den heute zu betrachtenden Psalm finden:
Das Buch der Psalmen (תְּהִלִּים bzw. תהילים, “Tehillim“ = die Preisungen/Lobpreisungen) ist das erste Buch der “Ketuvim“, d.h. der “Schriften“, also des dritten und letzten Abschnitts der jüdischen Heiligen Schrift. Der Begriff “Preisungen“ bzw. “Lobpreisungen“ ist sehr treffend gewählt für dieses biblische Buch, da jeder der 150 Psalmen, mit Ausnahme von Psalm 88, Lobpreisungen Gottes enthält.
Unser deutsches Wort “Psalm“ ist die eingedeutschte Form des griechischen Wortes “ψαλμός“ (“psalmos“) bzw. der ψαλμοί“ (“psalmoi“), womit “Worte bzw. Lieder mit instrumentaler Begleitung“ bezeichnet wurden (vgl. Lukas 20, 42; Apostelgeschichte 1, 20).  Das gesamten Buch der Psalmen wurde in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta (LXX), als “ψαλτήριον“ (“psalterion“) bezeichnet. Darauf zurückgehend entwickelte sich unser Begriff “Psalter“, mit dem auch heute noch das ganze Buch bzw. die Gesamtheit der 150 Psalmen bezeichnet wird.

Traditionell wird das Buch der Psalmen in fünf große Abschnitte bzw. Bücher unterteilt:

Buch I (Psalm 1Psalm 41)

Buch II (Psalm 42Psalm 72)

Buch III (Psalm 73Psalm 89)

Buch IV (Psalm 90Psalm 106)

Buch V (Psalm 107 Psalm 150)

Auf wen diese Unterteilung zurückzuführen ist, ist genauso unbekannt, wie die Kriterien, nach denen die einzelnen Psalmen dem jeweiligen Buch zugeordnet wurden. Manche Kommentatoren sehen in dieser Aufteilung eine Parallele zu den fünf Büchern Mose, d.h. der Torah.
Im 2. Buch des Psalters befindet sich jener Psalm, den wir heute betrachten wollen. 18 Psalmen dieses 2. Psalmbuches bezeichnen König David als ihren Autor und zwar die Psalmen 51 bis 65, und die Psalmen 68 bis 70. Manche Kommentatoren gehen davon  aus, dass er auch der Mit-Autor jener Psalmen sein könnte, die von “den Söhnen Korahs“ stammen (Psalm 42, sowie die Psalmen 44 bis 49). Die “Söhne Korahs waren besonders ausgewählte und angesehene Sänger und Musiker (4. Mose 26, 10 – 11; 1. Chronik 6, 31 – 48). Korah ist allen Bibellesern sicherlich gut als jener Nachfahre Levis in Erinnerung, der sich gegen Mose erhob (vgl. 4. Mose 16, 1 – 2). Einige Kommentatoren nehmen an, dass David diese Psalmen geschrieben haben könnte, damit sie dann von den Kindern Korahs im Tempelgottesdienst gesungen wurden. Andere vertreten die Meinung, dass diese Psalmen von den Kindern Korahs selbst geschrieben wurden. Dass eine großen Ähnlichkeit der Psalmen Davids mit denen der Kinder Korahs besteht, ist unbestreitbar. Neben den Psalmen Davids und den  Psalmen der Kinder Korahs finden sich ein Psalm von Asaph  (Psalm 50), ein Psalm von Salomo (Psalm 72), sowie einige Psalmen (Psalm 43, Psalm 66, Psalm 67 und Psalm 71) von unbekannten Autoren in diesem 2. Psalmbuch.

Verschiedene Kommentatoren weisen darauf hin, dass die Psalmen 42 und 43 in einigen alttestamentarischen Manuskripten zusammengefasst als ein Psalm erscheinen. Dies ist nachvollziehbar, da derselbe Refrain in beiden Psalmen vorkommt (vgl. Psalm  42, 6 + 12 mit Psalm 43, 5).
Wir können Psalm 42 in zwei Abschnitte einteilen: In den Versen 1 – 5 steht das Verlangen/die Sehnsucht des Psalmisten nach Gott im Vordergrund. Die Verse 6 – 12 thematisieren die anhaltende Bedrängnis, die der Psalmist durch seine Feinde erdulden muss, sowie  sein tiefes, zuversichtliches Vertrauen in Gott und dessen Hilfe.
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Anmerkungen zu Psalm 42, 1 ff.

* “Dem Vorsänger. Ein Maskil von den Söhnen Korahs. Wie ein Hirsch lechzt nach Wasserbächen, so lechzt meine Seele nach dir, o Gott!“Psalm 42, 1 – 2 –  Wie wir aus der Lektüre des gesamten Psalms ersehen können, litt der Psalmist unter Angriffen von Feinden, die ihm fortwährend zusetzten, während er sich weit entfernt von Jerusalem und dem Tempel Gottes aufhalten musste. Franz Delitzsch überschreibt in seinem Kommentar diesen Psalm mit den treffenden Worten “Heimweh nach Zion in Feindesland“¹. Der Dichter sehnte sich nach Gott und danach, dass dieser in seine Situation eingreifen würde. Trotz der gegenwärtigen Bedrängnis sah er seiner Befreiung zuversichtlich entgegen.
Seine Sehnsucht nach Gott vergleicht er mit dem Durst eines Hirsches, der nach Wasser sucht. Wasser ist im Alten wie im Neuen Testament ein oft gebrauchtes Bild. So, wie das Wasser eines Flusses oder Sees den Hirsch körperlich am Leben erhält, so erhält Gott das geistliche Leben des Gläubigen (vgl. Johannes 4, 14; Jesaja 55, 1; Jesaja 58, 11; Offenbarung 7, 17). Ähnlich wie ein Hirsch zeitweise nach Wasser suchen muss, um seinen Durst zu stillen, so muss auch der Psalmist geduldig auf Gottes Eingreifen warten.

* “Meine Seele dürstet nach Gott, nach dem lebendigen Gott: Wann werde ich kommen und erscheinen vor Gottes Angesicht? Meine Tränen sind mir zur Speise geworden Tag und Nacht, da man den ganzen Tag zu mir sagt: Wo ist dein Gott?“   Psalm 42, 3 – 4 – Bis Gott in die Situation des bedrängten Psalmisten eingriff, musste dieser eine “Durststrecke“ überstehen. Anstatt durch das frische Wasser der Gegenwart Gottes neu belebt zu werden, kann er sich seiner Tränen nicht erwehren.
Zu seiner leidvollen Situation fügen seine Feinde weiteren Schmerz hinzu, indem sie diesen Gläubigen verspotten und zwar nicht nur einmal, sondern immer wieder. Wenn er so gläubig war, wie er behauptete, wenn sein Gott so groß und mächtig war, wie er immer sagte, warum zeigte sich dieser Gott dann nicht? Warum griff Er nicht ein? Warum befreite Er Seinen Diener nicht aus der Hand seiner Feinde? Ihre Antwort darauf war klar: Weil es diesen Gott nicht gab!

* “Daran will ich mich erinnern und in mir ausschütten meine Seele, wie ich einherzog in der Schar, mit ihnen schritt zum Haus Gottes, mit der Stimme des Jubels und des Lobes – eine feiernde Menge.“ Psalm 42, 5 –   Während er auf Gottes Hilfe wartet, erinnert sich der Psalmist mit großer Freude an die Zeiten, in denen er gemeinsam mit einer großen Schar anderer Gläubiger im Tempel in Jerusalem vor dem Angesicht Gottes geistliche Erfrischung erfuhr. 

* “Was beugst du dich nieder, meine Seele, und bist unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen für die Rettung seines Angesichts.“Psalm 42, 6 – Aus der Rückbesinnung auf die guten, bereits mit Gott gemachten Erfahrungen, gewinnt die Seele des Psalmisten neue Kraft und Zuversicht. Diese Erinnerungen ließen neues Vertrauen in die Verheißungen Gottes und ihre Erfüllung in ihm wachsen, obwohl Gottes Eingreifen noch auf sich warten ließ. Diese positiven Erinnerungen der Vergangenheit stärkten auch seine Überzeugung, dass Gott Seine Güte  ihm auch in Zukunft nicht vorenthalten werde. Diese Stärkungen erfährt seine Seele, obwohl er seine gegenwärtige Situation nicht verstand und auf die Frage, warum Gott immer noch nicht eingegriffen hatte, keine Antwort hatte.

* “Mein Gott, es beugt sich nieder in mir meine Seele; darum denke ich an dich aus dem Land des Jordan und des Hermon, vom Berg Mizhar.“Psalm 42, 7 – Jerusalem und der Tempel, die Stadt Gottes und der Ort, von dem Gott verheißen hatte, dass Seine Name dort wohnen werde, waren weit entfernt. Offensichtlich befand sich der Dichter zu diesem Zeitpunkt nahe des Hermongebirges, also nördlich des Sees Genezareth. Der Berg “Mizhar“ scheint einer der Berge  dieses Gebirgszuges gewesen zu sein. “Mizhar“  (מִצְעָר) ist jedoch kein Eigenname, denn ein Berg dieses Namens ist im Hermongebirge unbekannt. “Mizhar“  (מִצְעָר) bedeutet “klein“ bzw. “unscheinbar“. Es kann sein, dass der Dichter diesen “kleinen“ Berg in Kontrast zu dem weit entfernten, hohen Berg Zion, dem Ort der Gottesbegegnung in Jerusalem, stellte.

* “Tiefe ruft der Tiefe beim Brausen deiner Wassergüsse; alle deine Wogen und deine Wellen sind über mich hingegangen.“Psalm 42, 8 –   In diesem Vers vergleicht der Psalmist das Erleben seiner Leiden mit einem beständigen Wasserfall. Während ein großer Wasserschwall im Tal aufschlägt, strömt bereits ein weiterer aus der Höhe hernieder. Welle über Welle strömt so auf ihn herunter und ein Ende ist nicht abzusehen. Aus der Tiefe seiner Not (vgl. Psalm 130, 1) ruft er darum zu seinem Gott.

* “Am Tag wird der HERR seine Güte entbieten, und bei Nacht wird sein Lied bei mir sein, ein Gebet zu dem Gott meines Lebens. Sagen will ich zu Gott, meinem Fels: Warum hast du mich vergessen? Warum gehe ich trauernd umher wegen der Bedrückung des Feindes?“Psalm 42, 9 – 10 – Je mehr der Psalmist sich auf Gott ausrichtet, desto mehr Zuversicht und Gewissheit empfängt er. Gott ist treu. Das hatte er bereits früher erfahren und auf diese Treue konnte er auch jetzt bauen. Trotzdem bleiben seine Fragen an Gott. Sie werden nicht “unter den Teppich gekehrt“, werden nicht unter einer falsch verstandenen Frömmigkeit  versteckt. Der Psalmist geht vielmehr davon aus, dass Gott ihm diese Fragen beantworten wird, wenn Er ihm begegnet und ihn aus der gegenwärtigen Bedrängnis befreit. 

* “Wie eine Zermalmung in meinen Gebeinen verhöhnen mich meine Bedränger, indem sie den ganzen Tag zu mir sagen: Wo ist dein Gott?“ Psalm 42, 11 – Noch einmal breitet der Psalmist seine Situation vor Gott aus. Und er macht deutlich: Die Verachtung, die ihn seine Feinde spüren lassen, ist auch eine Verachtung Gottes. Gottes Eingreifen – so die Überlegung des Psalmisten – wird also nicht nur den Frieden und die Ordnung in seinem eigenen Leben wiederherstellen, sondern auch zur Verherrlichung Gottes beitragen.

* “Was beugst du dich nieder, meine Seele, und was bist du unruhig in mir? Harre auf Gott, denn ich werde ihn noch preisen, der die Rettung meines Angesichts und mein Gott ist.“Psalm 42, 12 – Zum Abschluss seines Psalms wiederholt der Dichter den Aufruf an seine Seele, der sich in ähnlicher Weise schon in Vers 6 findet: Aus der Rückbesinnung auf die guten, bereits mit Gott gemachten Erfahrungen, gewinnt die Seele des Psalmisten neue Kraft und Zuversicht. Allerdings können wir bei diesen beiden Versen einen beachtenswerten Unterschied feststellen: In Vers 6 dankt der Psalmist Gott “für die Rettung seines Angesichts“, d.h. für die Rettung, die von Gott ausgeht. In Vers 12 hingegen, spricht er dem Gott Dank aus “der die Rettung meines Angesichts und mein Gott ist.“ Der Blick des Psalmisten wendet sich also von der Hilfe, die Gott schenkt bzw. schenken wird, hin zur Person Gottes selbst. Er, Gott selbst, ist die Hilfe. Der Psalmist konzentriert sich also nicht mehr primär auf das Eingreifen Gottes, sondern auf die Begegnung mit Gott. Im Verlauf dieses Psalms hat also eine Entwicklung stattgefunden: Während der Dichter anfänglich nur Hilfe für seine Probleme, insbesondere Befreiung aus der Bedrängnis durch seine Feinde, sucht, konzentriert er sich nun auf Gott selbst. Denn er ist zu der Einsicht gekommen, dass er durch die Begegnung mit Gott jene Kraft empfangen wird, die ihn selbst inmitten fortdauernder, feindlicher Anfechtungen  bestehen lassen wird.

Fußnoten:

¹= Dr. Franz Delitzsch: “Biblischer Commentar über die Psalmen“, Dörfling & Franke, 4. Überarbeitete Auflage, Leipzig 1883, Seite 342 ff.


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