Zuflucht bei Gott – Anmerkungen zu Psalm 57, 1 ff.

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Geborgen * Foto: bardo / pixelio.de


 

Als Grundlage der Wortverkündigung am Mittwoch dieser Woche wurde ein Vers aus dem 57. Psalm gewählt. Wie immer betrachten wir diesen Vers zum besseren Verständnis im Zusammenhang des gesamten Psalms:

“Dem Vorsänger. „Verdirb nicht!“ Von David, ein Miktam, als er vor Saul in die Höhle floh. Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig! Denn zu dir nimmt Zuflucht meine Seele, und ich will Zuflucht nehmen zum Schatten deiner Flügel, bis das Verderben vorübergezogen ist. Zu Gott, dem Höchsten, will ich rufen, zu dem Gott, der es für mich vollendet. Vom Himmel wird er senden und mich retten; er macht zum Hohn den, der nach mir schnaubt. – Sela. Senden wird Gott seine Güte und seine Wahrheit. Mitten unter Löwen ist meine Seele, unter Flammensprühenden liege ich, unter Menschenkindern, deren Zähne Speere und Pfeile sind und deren Zunge ein scharfes Schwert ist. Erhebe dich über die Himmel, o Gott! Über der ganzen Erde sei deine Herrlichkeit! Ein Netz haben sie meinen Schritten bereitet, es beugte sich nieder meine Seele; eine Grube haben sie vor mir gegraben, sie sind mitten hineingefallen. – Sela. Befestigt ist mein Herz, o Gott, befestigt ist mein Herz! Ich will singen und Psalmen singen. Wache auf, meine Seele! Wacht auf, Harfe und Laute! Ich will die Morgenröte wecken. Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, will dich besingen unter den Völkerschaften; denn groß bis zu den Himmeln ist deine Güte, und bis zu den Wolken deine Wahrheit. Erhebe dich über die Himmel, o Gott! Über der ganzen Erde sei deine Herrlichkeit!“

(Psalm 57, 1 – 12  ÜELBEDHÜ, z. Vgl. Luther’84)

 

Zum Hintergrund: Das 2. Buch des Psalters & Psalm 57

Wie ich bereits in den Anmerkungen zu anderen Psalmen geschrieben habe, ist es auch an dieser Stelle nicht möglich, den Hintergrund des großen und umfangreichen biblischen Buches der Psalmen in seinen Einzelheiten  vorzustellen. Daher folgen auch hier nur einige grundlegende Informationen zum Buch der Psalmen, insbesondere zum 2. Buch des Psalters, in dem wir den heute zu betrachtenden Psalm finden:
Das Buch der Psalmen (תְּהִלִּים bzw. תהילים, “Tehillim“ = die Preisungen/Lobpreisungen) ist das erste Buch der “Ketuvim“, d.h. der “Schriften“, also des dritten und letzten Abschnitts der jüdischen Heiligen Schrift. Der Begriff “Preisungen“ bzw. “Lobpreisungen“ ist sehr treffend gewählt für dieses biblische Buch, da jeder der 150 Psalmen, mit Ausnahme von Psalm 88, Lobpreisungen Gottes enthält.
Unser deutsches Wort “Psalm“ ist die eingedeutschte Form des griechischen Wortes “ψαλμός“ (“psalmos“) bzw. der ψαλμοί“ (“psalmoi“), womit “Worte bzw. Lieder mit instrumentaler Begleitung“ bezeichnet wurden (vgl. Lukas 20, 42; Apostelgeschichte 1, 20).  Das gesamten Buch der Psalmen wurde in der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, der Septuaginta (LXX), als “ψαλτήριον“ (“psalterion“) bezeichnet. Darauf zurückgehend entwickelte sich unser Begriff “Psalter“, mit dem auch heute noch das ganze Buch bzw. die Gesamtheit der 150 Psalmen bezeichnet wird.

Traditionell wird das Buch der Psalmen in fünf große Abschnitte bzw. Bücher unterteilt:

Buch I (Psalm 1Psalm 41)

Buch II (Psalm 42Psalm 72)

Buch III (Psalm 73Psalm 89)

Buch IV (Psalm 90Psalm 106)

Buch V (Psalm 107 Psalm 150)

Auf wen diese Unterteilung zurückzuführen ist, ist genauso unbekannt, wie die Kriterien, nach denen die einzelnen Psalmen dem jeweiligen Buch zugeordnet wurden. Manche Kommentatoren sehen in dieser Aufteilung eine Parallele zu den fünf Büchern Mose, d.h. der Torah.
Im 2. Buch des Psalters befindet sich jener Psalm, den wir heute betrachten wollen. 18 Psalmen dieses 2. Psalmbuches bezeichnen König David als ihren Autor und zwar die Psalmen 51 bis 65, und die Psalmen 68 bis 70. Manche Kommentatoren gehen davon  aus, dass er auch der Mit-Autor jener Psalmen sein könnte, die von “den Söhnen Korahs“ stammen (Psalm 42, sowie die Psalmen 44 bis 49). Die “Söhne Korahs waren besonders ausgewählte und angesehene Sänger und Musiker (4. Mose 26, 10 – 11; 1. Chronik 6, 31 – 48). Korah ist allen Bibellesern sicherlich gut als jener Nachfahre Levis in Erinnerung, der sich gegen Mose erhob (vgl. 4. Mose 16, 1 – 2). Einige Kommentatoren nehmen an, dass David diese Psalmen geschrieben haben könnte, damit sie dann von den Kindern Korahs im Tempelgottesdienst gesungen wurden. Andere vertreten die Meinung, dass diese Psalmen von den Kindern Korahs selbst geschrieben wurden. Dass eine großen Ähnlichkeit zwischen den Psalmen Davids und denen der Kinder Korahs besteht, ist unbestreitbar. Neben den Psalmen Davids und den  Psalmen der Kinder Korahs finden sich ein Psalm von Asaph  (Psalm 50), ein Psalm von Salomo (Psalm 72), sowie einige Psalmen (Psalm 43, Psalm 66, Psalm 67 und Psalm 71) von unbekannten Autoren in diesem 2. Psalmbuch.

Wir können Psalm 57 grob in zwei Abschnitte unterteilen:  Psalm 57, 1 – 7 enthält  ein Gebet Davids an Gott um Hilfe und Schutz. In Psalm 57, 8 – 12 drückt David dann zum einen die Zuversicht aus, die er durch dieses Gebet empfangen hat, zum anderen lobt und preist er Gott für diese neu gewonnene Zuversicht.
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Anmerkungen zu Psalm 57, 1 ff.

* “Dem Vorsänger. „Verdirb nicht!“ Von David, ein Miktam, als er vor Saul in die Höhle floh.“ Psalm 57, 1 –   Hintergrund für das in Psalm 57 niedergeschriebene Gebet, ist die ungerechte Verfolgung Davids durch Saul. Auf seiner Flucht vor Saul musste sich David mehrfach verbergen (vgl. 1. Samuel 22 ff.) Aus dem Psalm selbst geht nicht hervor, ob es sich bei der Höhle um die in 1. Samuel 22 genannte “Höhe Adullams“ oder die in 1. Samuel 24 genannte “Höhle von Engedi“ gehandelt hat.

* “Sei mir gnädig, o Gott, sei mir gnädig! Denn zu dir nimmt Zuflucht meine Seele, und ich will Zuflucht nehmen zum Schatten deiner Flügel, bis das Verderben vorübergezogen ist. Zu Gott, dem Höchsten, will ich rufen, zu dem Gott, der es für mich vollendet.“Psalm 57, 2 – 3 –  David vergleicht sich in diesem Gebet mit einem jungen Vogel, der unter den Flügeln seiner elterlichen Vögel vor den Nachstellungen seines Feindes Zuflucht sucht und findet. Dieses Bild begegnet uns in vielen Psalmen (vgl. Psalm 17, 8; Psalm 36, 7; Psalm 61, 4; Psalm 63, 7; Psalm 91, 4). Es ist ein Bild, dass nicht nur von Schutz und von Trost spricht, sondern auch von der durch die Berührung Gottes erwachsende neue Kraft.
Vielleicht wurde David durch die Höhle, in der er sich verbarg, an ein Nest oder die schützenden Flügel eines Vogels erinnert. Aus dem Leben Davids, aber auch aus dem Zusammenhang des Psalms, wird deutlich, dass  es im zwar einen einmaligen Zeitpunkt gab, an dem sich David Gott bewusst zugewandt (Zuflucht zu Gott genommen) hatte, aber diese einmalige Hinwendung bedurfte immer wieder der Erneuerung. Zu einer solchen (erneuten) Hinwendung kommt es, als David von Saul verfolgt wird.
David spricht hier davon, dass er unter den “Flügeln Gottes“ Zuflucht suchen will, “bis das Verderben vorübergezogen“ ist. D.h. nicht, dass Davids sich danach aus dem Schutz Gottes wieder entfernen wollte. Doch zu diesem Zeitpunkt lag Davids ganzes Augenmerk darauf, die gegenwärtige Bedrohung zu überstehen.
Der Titel “der Höchste“ impliziert nicht, dass es unter oder neben Gott noch andere “Götter“ geben könnte, sondern weist uns darauf hin, dass der lebendige Gott über Seine ganze Schöpfung erhoben ist.

* “Vom Himmel wird er senden und mich retten; er macht zum Hohn den, der nach mir schnaubt. –Sela. Senden wird Gott seine Güte und seine Wahrheit.“Psalm 57, 4 –  Von Gott, dem Höchsten, erwartet David seine Hilfe. Er ist sich sicher, dass Gott der ungerechten Verfolgung durch seine Feinde nicht untätig zusehen wird, wenn er zu Ihm ruft. Und David ist überzeugt, dass Gott sogar noch mehr tun wird. Er wird Ihm nicht nur helfen, sondern sein Leben auch neu mit Seiner Güte und Wahrheit erfüllen. Die Güte Gottes bedarf in diesem Zusammenhang keiner weiteren Erläuterung, doch warum ist es David wichtig, dass Gott sein Leben auch mit Seiner Wahrheit erfüllt? Wie wir in Vers 5 ersehen können, waren Worte die gefährlichste Waffe der Feinde Davids. Sie verbreiteten böse Gerüchte, Lügen und Verleumdungen über ihn. Doch David war zuversichtlich, dass Gott, wenn Er seine Feinde besiegt hätte, auch die Wahrheit über seine Person wiederherstellen würde.

* “Mitten unter Löwen ist meine Seele, unter Flammensprühenden liege ich, unter Menschenkindern, deren Zähne Speere und Pfeile sind und deren Zunge ein scharfes Schwert ist.“ Psalm 57, 5 –  Seine Feinde beschreibt David als gefährliche Löwen, ihre Worte sind wie scharfe Schwerter. Speere, Pfeile und Schwerter sind Kriegsgeräte. In dieser Weise benutzten die Feinde Davids ihre Zungen. Es ging nicht um einen ehrlichen Zweikampf zwischen Saul und David. Nein, das Ziel der Feinde Davids war es, sein Leben zu vollkommen zu vernichten.
Wir finden in diesem Psalm also drei Bilder bzw.Umschreibungen für Personen: Sich selbst sieht David im Bild eines jungen Vogels, der vor einem übermächtigen Gegner (Löwen) fliehen muss. Doch über dem Schutz suchenden David und dem ihm überlegenen Gegner erhebt sich Gott, der “Höchste“ und Er wird zur Zuflucht Davids.
Andere Übersetzungen leiten diesen Vers mit den Worten “Ich liege mitten unter Löwen (…)“ ein. Da in Vers 9 die Rede von der Morgenröte ist, haben einige Kommentatoren daraus geschlossen, dass es sich bei Psalm 57 um  ein Abend- oder Nachtlied handelt. Obwohl David durch die Flucht von seiner natürlichen und vertrauten Umgebung abgeschnitten ist, obwohl er von Feinden umgeben ist und bedrängt wird, kann er im Vertrauen auf Gott Frieden und Ruhe finden. Damit erinnert dieser Vers an Psalm 4, 9: “In Frieden werde ich, sobald ich liege, schlafen; denn du, HERR, lässt mich, obschon allein, in Sicherheit wohnen.“

* “Erhebe dich über die Himmel, o Gott! Über der ganzen Erde sei deine Herrlichkeit!“Psalm 57, 6 – Mit diesem Ausruf wendet sich David von seiner eigenen Situation ab. Sein Wunsch geht über die Lösung seiner eigenen Probleme hinaus. Er möchte, dass Gott sich durch das Eingreifen in sein Leben aber auch darüber hinaus verherrlicht.

* “Ein Netz haben sie meinen Schritten bereitet, es beugte sich nieder meine Seele; eine Grube haben sie vor mir gegraben, sie sind mitten hineingefallen. – Sela. Befestigt ist mein Herz, o Gott, befestigt ist mein Herz! Ich will singen und Psalmen singen. Wache auf, meine Seele! Wacht auf, Harfe und Laute! Ich will die Morgenröte wecken. Ich will dich preisen, Herr, unter den Völkern, will dich besingen unter den Völkerschaften; denn groß bis zu den Himmeln ist deine Güte, und bis zu den Wolken deine Wahrheit.“Psalm 57, 7 – 11 –  Nun beginnt David zu sich selbst zu sprechen. Er warnt seine Seele vor den Feinden. Sie stellen ihm nach, wie Jäger einem Tier, das sie erbeuten wollen. Gleichzeitig ist er jedoch voller Zuversicht, dass die Fallen, die seine Gegner ihm stellen, zu ihrem eigenen Untergang beitragen werden (vgl. Psalm 7, 15; Psalm 9, 15; Psalm 35, 8). Sein Herz hingegen würde durch die Erfahrung des Eingreifens Gottes nur noch stärker in Gott verwurzelt werden.
Davids Zuversicht kann nicht in seinem Inneren verborgen bleiben, sie dringt mit Kraft nach außen, so dass er nicht anders kann, als Gott zu loben und zu preisen. Die Größe Gottes, die er in seinem Lobpreis besingt und seiner Seele so vor Augen führt, aber erfüllt ihn mit neuer Kraft und Glaubenszuversicht.
Mit der Zuversicht, die in seinem Inneren angebrochen ist, endet auch die “Nacht der Angst“ und ein neuer “Morgen der Glaubensgewissheit“ beginnt und dass, obgleich das natürliche Morgenrot noch nicht aufgegangen ist.

* “Erhebe dich über die Himmel, o Gott! Über der ganzen Erde sei deine Herrlichkeit!“Psalm 57, 12 – Zum Abschluss wendet sich David erneut von seiner eigenen Situation ab und Gottes Verherrlichung zu. Angesichts der Größe und Majestät Gottes empfindet es David als nicht angebracht, sich ausschließlich auf seine eigene Person zu konzentrieren. Er weiß, dass Gott soviel größer ist, als seine Probleme und dass es der Aufblick zu dem Allmächtigen ist, der in seiner Seele neue Glaubenszuversicht und damit auch neue Kraft wachsen lässt.
Hinter dieser Bitte steht jedoch noch ein anderer Gedanke: Dort, wo Gottes Herrlichkeit offenbar wird, hat das Böse keinen Raum mehr. Während Gottes Herrlichkeit für die Gläubigen Pracht, Schönheit und lebensspendendes, ja erleuchtendes Licht bedeuten (Matthäus 17, 2; 1. Timotheus 6, 16; Apostelgeschichte 22, 11; Offenbarung 21, 23), ist sie für die Ungerechten – wie Saul und die anderen Feinde Davids –  “ein verzehrendes Feuer“ (Hebräer 12, 29).
Der Wunsch Davids, dass Gottes Herrlichkeit sich über die gesamte Erde ausbreiten möchte, ist auch ein Wunsch danach, dass Bosheit, Feindschaft und Ungerechtigkeit auf dieser Erde keinen Platz mehr haben. Dieser Wunsch, den sicherlich jeder Gläubige mit David teilt, wird in Erfüllung gehen, wenn Gott die neue Schöpfung in ihr Dasein bringen wird (vgl. 2. Petrus 3, 13; vgl. “Gedanken zum Millennium (1)“: Klick!)

 
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