Die beiden verlorenen Söhne – Anmerkungen zu Lukas 15, 11 – 32

 

Mosaikbild des Vaters mit dem verlorenen Sohn ' Immanuelkirche Kopenhagen, oberhalb des südwestlichen Eingangs * Foto: Ib Rasmussen, via Wikimedia Commons

Mosaikbild des Vaters mit dem verlorenen Sohn ‚ Immanuelkirche Kopenhagen, oberhalb des südwestlichen Eingangs * Foto: Ib Rasmussen, via Wikimedia Commons

Für die Wortverkündigung am Mittwoch dieser Woche ist ein Vers aus dem 15. Kapitel des Lukasevangeliums (zum Hintergrund des Lukasevangeliums siehe: Klick! und Klick!) ausgewählt worden. Wir betrachten diesen Vers in seinem Kontext:

“Er sprach aber: Ein gewisser Mensch hatte zwei Söhne;
und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt. Und er teilte ihnen die Habe. Und nach nicht vielen Tagen brachte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste weg in ein fernes Land, und dort vergeudete er sein Vermögen, indem er ausschweifend lebte. Als er aber alles verschwendet hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an, Mangel zu leiden. Und er ging hin und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes; und der schickte ihn auf seine Felder, Schweine zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Futterpflanzen, die die Schweine fraßen; und niemand gab ihm. Als er aber zu sich selbst kam, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner. Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um den Hals und küsste ihn sehr. Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen. Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße; und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und lasst uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein. Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld; und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Reigen. Und er rief einen der Knechte herzu und erkundigte sich, was das wohl wäre. Der aber sprach zu ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat. Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber ging hinaus und drang in ihn. Er aber antwortete und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten; und mir hast du niemals ein Böcklein gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich wäre; da aber dieser dein Sohn gekommen ist, der deine Habe mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet. Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und all das Meine ist dein. Man musste doch fröhlich sein und sich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, und verloren und ist gefunden worden.

(Lukas 15, 11 – 32 ELBEDHÜ; z. Vgl. LUTH’84)

Anmerkungen zu Lukas 15, 11 – 32

Unser heutiger Predigttext ist Teil einer Reihe von Gleichnissen, bei denen es sich a) nicht um Gleichnisse des Himmelreichs bzw. des Reiches Gottes handelt, die aber b) alle davon sprechen, in welcher Weise Gott mit Sündern umgeht:  Das Gleichnis vom verlorenen Schaf (Lukas 15, 3 – 7), das Gleichnis von der verlorenen Münze (Lukas 15, 8 – 10) und schliesslich das Gleichnis von den beiden verlorenen Söhnen (Lukas 15, 11 – 32).
Diese Thematik hatte Lukas bereits in vorausgehenden Abschnitten seines Evangeliums angesprochen (vgl. z.B. Lukas 14, 2 – 5, Lukas 14, 13 – 24). Doch ganz offensichtlich war dieses Thema Gott so wichtig, dass Er den Evangelisten durch Seinen Heiligen Geist dazu inspirierte, weitere Reden des Herrn Jesus Christus nieder zu schreiben, in denen uns der Umgang Gottes mit dem Sünder deutlich vor Augen gestellt wird. In diesem Zusammenhang sollten wir auch bedenken, dass Lukas sein Evangelium für einen Griechen schrieb (zur Zielgruppe des Lukasevangeliums siehe: Klick!), der dem Glauben an Jesus Christus nahe stand. Ob dieser “Theophilus“ genannte Mann bereits Christ war, als er diesen Evangelienbericht erhielt, wissen wir nicht. Aber wir können festhalten, dass sich dieses Evangelium über seinen ursprünglichen Empfänger hinaus an Menschen “aus den Nationen“ richtet. D.h., damit soll sie größte Gruppe von Menschen angesprochen werden, die mit der frohen Botschaft des Evangeliums erreicht werden sollte bzw. heute noch erreicht werden soll. Es muss uns daher auch nicht überraschen, dass uns gerade in diesem Evangelium das liebende Herz Gottes und Sein Suchen nach den Verlorenen, besonders deutlich vor Augen gestellt wird.  

* “Er sprach aber: Ein gewisser Mensch hatte zwei Söhne; und der jüngere von ihnen sprach zu dem Vater: Vater, gib mir den Teil des Vermögens, der mir zufällt. Und er teilte ihnen die Habe.“ Lukas 15, 11 – 12 – Nach 5. Mose 21, 17 stand dem älteren Sohn die doppelte Summe des Erbes zu, die der jüngere Sohn empfing. Bei zwei Söhnen bedeutete dies, dass ein Drittel des Erbes an den jüngeren Sohn ging, die anderen zwei Drittel erhielt der ältere Sohn. Normalerweise wurde das Erbe eines Mannes erst nach dessen Tod verteilt. Verlangte ein Sohn sein Erbe während der Vater noch lebte, so sagte er damit also nichts anderes, als das er den Wunsch habe, sein Vater möge sterben bzw. tot sein. Dass der Vater in diesem Gleichnis seinem Sohn das ihm zustehende Erbe trotzdem gibt, “spricht Bände“! Der Vater macht dem Sohn keine Vorhaltungen und hält nichts zurück. Er lässt ihn gehen.
Da Männer in diesem Alter heirateten und in Bezug auf den jüngeren Bruder nicht die Rede von einer Frau bzw. Heirat ist, haben Kommentatoren das Alter dieses jüngeren Bruders in den letzten Teenagerjahren bzw. in seinen beginnenden Twenjahren vermutet. Über das Leben bzw. Alter des älteren Bruders und ob er ebenfalls zu diesem Zeitpunkt sein Erbe erhalten hat, trifft das Gleichnis keine Aussagen.

* “Und nach nicht vielen Tagen brachte der jüngere Sohn alles zusammen und reiste weg in ein fernes Land, und dort vergeudete er sein Vermögen, indem er ausschweifend lebte. Als er aber alles verschwendet hatte, kam eine gewaltige Hungersnot über jenes Land, und er selbst fing an, Mangel zu leiden. Und er ging hin und hängte sich an einen der Bürger jenes Landes; und der schickte ihn auf seine Felder, Schweine zu hüten. Und er begehrte seinen Bauch zu füllen mit den Futterpflanzen, die die Schweine fraßen; und niemand gab ihm.“Lukas 15, 13 – 16 – Offensichtlich machte der jüngere Sohn sein ganzes Erbe zu Geld und begab sich dann auf Reisen. Dazu brauchte er “nicht viele Tage“.  Ein solches Verhalten lässt auf Vorsatz bzw. Planung schließen. In einem “fernen Land“, dessen Name und nicht genannt wird, vergeudet der junge Mann dann alles, was sein Vater ihm vererbt hatte. Das Verhalten dieses Sohnes zeigt, dass er weder Achtung vor seinem Vater, noch vor dem von seinem Vater erarbeiteten Erbe hatte. Er hatte nicht begriffen, dass das Erbe seines Vaters, wenn er sorgsam damit umgegangen wäre, seine Zukunft hätte sichern und den Grundstock für ein eigenes Vermächtnis für seine Kinder hätte legen können. Doch dieser Mensch lebte „im hier und jetzt“, was morgen geschehen würde, das interessierte ihn nicht.
Diese Einstellung charakterisiert ihn als einen Menschen, der ohne Beziehung zu Gott durch sein Leben geht. Der Apostel Paulus beschrieb einige Jahrzehnte später diesen Charakterzug so: “Habe ich nur im Blick auf dieses Leben in Ephesus mit wilden Tieren gekämpft, was hilft’s mir? Wenn die Toten nicht auferstehen, dann »lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!«“ (1. Korinther 15, 32). Mit dem letzten Satz dieses Verses, zitiert der Apostel Worte des Propheten Jesaja, mit denen dieser schon Jahrhunderte zuvor die Gottlosigkeit der Bewohner Jerusalems beklagen musste (Jesaja 22, 13).
Doch das sorglose Treiben des jugendlichen Lebemannes nimmt ein schnelles Ende. Das Erbe ist aufgebraucht und nun kommt auch noch eine Hungersnot über das “ferne Land“, in dem er sein Erbe durchgebracht hatte. Doch sein “Gastland“ ist jetzt keineswegs mehr so “gastfreundlich“ wie zu jener zeit, als er noch einen gut gefüllten Sack Münzen besaß. Jetzt gibt ihm niemand etwas. Jetzt muss er sich einen Broterwerb suchen und den einzigen Job, den er findet, ist die Stelle als Schweine- Hüter. Aus 3. Mose 11, 7 wissen wir, dass ein Jude eine solche Arbeit nur unter den allerschlimmsten Umständen annehmen würde. Doch seine Not war zwischenzeitlich so groß, dass er  sogar diese Arbeit ausführte. Dabei wurde ihm bewusst, dass selbst die unreinen Schweine es besser hatten, als er. 

* “Als er aber zu sich selbst kam, sprach er: Wie viele Tagelöhner meines Vaters haben Überfluss an Brot, ich aber komme hier um vor Hunger. Ich will mich aufmachen und zu meinem Vater gehen und will zu ihm sagen: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen; mache mich wie einen deiner Tagelöhner.“ Lukas 15, 17 – 19 –  “Als er aber zu sich kam (…)“ – diese Worte deuten an, dass im Herzen und im Kopf dieses Menschen ein Umdenkprozess eingesetzt hatte. Die Bibel bezeichnet dieses “Umdenken“, grch. ”μετάνοια” (“metanoia“), auch als “Buße“. Der Blick auf die Schweine und die Erinnerung an die Güte des Vaters (auch gegenüber dessen Tagelöhnern) bewirkte in diesem jungen Mann eine bußfertige Gesinnung. Er erkennt, dass er gegen seinen Vater, aber auch gegen “den Himmel“, ein Synonym für Gott, gesündigt hatte. Und diese Buße, diese innere Umkehr war echt. Denn der junge Mann wusste, dass seine Umkehr sich nicht in “frommen Worten“ erschöpfen konnte (vgl. Lukas 3, 7 – 8!). Taten waren gefragt und er war willig, tätige Reue zu zeigen, indem er als Tagelöhner in das Haus seines Vaters zurückkehrte. 

* “Und er machte sich auf und ging zu seinem Vater. Als er aber noch fern war, sah ihn sein Vater und wurde innerlich bewegt und lief hin und fiel ihm um den Hals und küsste ihn sehr.“Lukas 15, 20 –  “Als er noch fern war, sah ihn sein Vater …“ – Der Vater muss also – vielleicht vom Dach seines Hauses aus – aktiv Ausschau nach seinem jüngeren Sohn gehalten haben und das nicht nur einmal, sondern immer wieder, ja regelmäßig. So etwas tut nur ein Vater, der tief in seinem Herzen immer noch die Hoffnung hegt, dass  sein jüngerer Sohn eines Tages nach Hause zurückkehren wird. Und dann geschieht etwas, das in der Kultur des Nahen Ostens verpönt war: Der Vater läuft, ja rennt, seinem Sohn entgegen. Rennen, das war etwas für Jugendliche. Für einen älteren Mann war ein solches Verhalten unehrenhaft. Doch die Liebe dieses Vaters ist so groß, dass alle Anstandsregeln auf Nanogröße schrumpfen, ihre Bedeutung verlieren. Nichts kann diesen liebenden Vater aufhalten, seinem Sohn entgegen zu rennen, ihn in die Arme zu schließen und ihn immer wieder zu küssen.
Umarmungen und Küsse sind keine neuzeitliche Erfindung, schon zur Zeit Jesu und lange davor, waren sie ein Zeichen der Freude, der Zuneigung, der Annahme (1. Mose  45, 14 – 15; 1. Mose 33, 4; 2. Samuel 14, 33; Apostelgeschichte 20, 37).  beachten wir: Noch ehe der Sohn sein Versagen bekennen konnte, begann der Vater bereits den Versöhnungsprozess.

* “Der Sohn aber sprach zu ihm: Vater, ich habe gesündigt gegen den Himmel und vor dir, ich bin nicht mehr würdig, dein Sohn zu heißen. Der Vater aber sprach zu seinen Knechten: Bringt schnell das beste Gewand her und zieht es ihm an und tut einen Ring an seine Hand und Sandalen an seine Füße; und bringt das gemästete Kalb her und schlachtet es und lasst uns essen und fröhlich sein; denn dieser mein Sohn war tot und ist wieder lebendig geworden, war verloren und ist gefunden worden. Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ Lukas 15, 21 – 24 – Und noch ehe der Sohn ein ausführliches Bekenntnis ablegen kann, wird er durch das versöhnende Handeln seines Vaters unterbrochen. Dieser lässt das beste Gewand im Haus, einen Ring und Sandalen für den Rückkehrer bringen. Er veranlasst seine Diener, ein gemästetes Kalb zu schlachten und ein Festessen vorzubereiten. Was passiert hier? Anstatt dass der Vater den Sohn mit Vorwürfen oder Anklagen konfrontiert, anstatt dass er ihn zu einem seiner Tagelöhner macht, überschüttet der Vater diesen Sohn mit Symbolen der Annahme, der Ehre und der Freiheit (1. Mose 41, 42; Esther 3, 10; Esther 8, 8) und lässt ihm noch dazu ein Festessen vorsetzen. Ein gemäßtetes Kalb konnten sich zur Zeit Jesu nur reiche Menschen leisten und auch in reichen Haushalten wurde ein solches Kalb nur zu besonderen Gelegenheiten geschlachtet. Dieser Vater behandelte seinen zurückkehrenden Sohn also nicht wie einen Tagelöhner, sondern wie einen geehrten Gast.  Seine Freude über die Rückkehr des Sohnes ist so groß, dass sie ihn alles Leid, alle Verletzungen der Vergangenheit vergessen und keine Mühen, keinen Aufwand für den Sohn scheuen lässt. Welchen tiefen Eindruck muss das Verhalten des Vaters bei seinem jüngeren Sohn gemacht haben. Er, der sein Glück und seine Erfüllung “in einem fernen Land“ suchte, musste feststellen, dass er alles, was er zur Erfüllung seines Lebens brauchte, bei diesem Vater fand.
Durch seinen Weggang aus dem Haus des Vaters, war dieser jüngere Sohn für seinen Vater wie  Sohn, der gestorben, verloren, war.  Jetzt war er jedoch zurückgekehrt und ein neues Leben hatte begonnen (vgl. Epheser 2, 1 – 5).
Beachten wir: In allen drei Gleichnissen, die uns hier in Folge vorgestellt werden, wird uns ein anderer Grund für das “Verlorensein“ gezeigt: Das Schaf war verloren gegangen, weil es sich leichtfertig verirrt hatte, die Münze war verloren gegangen, weil ihre Besitzerin unachtsam war. Aber der  jüngere Sohn ging verloren, weil er diesen – seinen – Weg bewusst gewählt hatte. Indem der Herr uns diese drei Möglichkeiten des Verlorengehens vor Augen stellt, macht Er uns auch deutlich, dass es keinen Grund der Verlorenheit gibt, der Gott daran hindern könnte, uns daraus zu erretten. Egal ob es Leichtsinn, Unachtsamkeit oder das willentliche Verlassen des Vaterhauses ist – Gottes Gnade kennt keine Grenzen. Und beachten wir außerdem:  Nachdem der Vater die Versöhnung mit dem zurückgekehrten Sohn eingeleitet hatte, heißt es: “Und sie fingen an, fröhlich zu sein.“ Nirgendwo wird uns jedoch gesagt, dass der Vater uns sein Sohn wieder aufhörten, “fröhlich zu sein“. Wer einmal in das Vaterhaus zurückgekehrt ist, der bleibt darin für alle Ewigkeit (Johannes 10, 27 – 30) und nicht nur die Engel freuen sich über seine Rückkehr und Wiederherstellung (Lukas 15, 7), sondern zuerst und vor allem Gott, der himmlische Vater.

 

* “Sein älterer Sohn aber war auf dem Feld; und als er kam und sich dem Haus näherte, hörte er Musik und Reigen. Und er rief einen der Knechte herzu und erkundigte sich, was das wohl wäre. Der aber sprach zu ihm: Dein Bruder ist gekommen, und dein Vater hat das gemästete Kalb geschlachtet, weil er ihn gesund wiedererhalten hat.“Lukas 15, 25 – 27 – Neben dem jüngeren Bruder, der sein Erbe durchgebracht hatte und der durch die Liebe des Vater wieder aufgenommen wurde, stellt der Herr Jesus Christus uns im zweiten Teil dieses Gleichnisses nun den älteren Sohn dieses Vaters  vor. Dieser Sohn ist ein Ausbund an Gehorsam, Pflichtbewusstsein und Loyalität. Es wäre ihm nie im Leben in den Sinn gekommen, mit den gesellschaftlichen Gegebenheiten zu brechen, das Erbe seines Vaters zu fordern und dieses zu verschwenden.  Ganz im Gegenteil: Er hatte hart für seinen Vater gearbeitet. Seitdem der jüngere Bruder die Familie verlassen hatte, ruhte alle Verantwortung allein auf seinen Schultern. Als er von seinem harten Tagwerk nach Hause kommt, wird er von fröhlicher Musik begrüßt. Nachdem er in Erfahrung gebracht hat, was der Grund dafür ist,  muss er erfahren, dass hier ein Fest zu Ehren seines jüngeren Bruders, eines – in seinen Augen – verkommenen Nichtsnutzes, stattfand. Was für eine herbe Enttäuschung!

 

* “Er aber wurde zornig und wollte nicht hineingehen. Sein Vater aber ging hinaus und drang in ihn.“Lukas 15, 28 – Anstatt sich mit seinem Vater und der ganzen Familie darüber zu freuen, dass sein jüngerer Bruder von seinen bösen Wegen zurückgekehrt war, wird der ältere Bruder zornig. An diesem Fest will er nicht teilnehmen. Das kann doch nicht wahr sein! Da schuftet er sich hier Tag und Nacht ab, gönnt sich keine ruhige Minute, kümmert sich um alles, damit es der Familie gut geht und jetzt kommt dieser verantwortungslose Nichtsnutz und sein Vater schmeißt eine riesige Feier! In den Augen des älteren Bruders geschah ihm hier großes Unrecht. Und auf den ersten Blick, kann man das Fühlen und Handeln dieses Mannes sicherlich nachvollziehen. Doch dann lesen wir: “Sein Vater aber ging hinaus und drang ihn.“ In diesem einfachen Satz kommt noch einmal die ganze Liebe dieses Vaters zum Ausdruck. Ihm ist keines seiner Kinder egal. Alle sollen an seiner Freude teilhaben, alle sind zu seinem Fest eingeladen. 

* “Er aber antwortete und sprach zu seinem Vater: Siehe, so viele Jahre diene ich dir, und niemals habe ich ein Gebot von dir übertreten; und mir hast du niemals ein Böcklein gegeben, damit ich mit meinen Freunden fröhlich wäre; da aber dieser dein Sohn gekommen ist, der deine Habe mit Huren verprasst hat, hast du ihm das gemästete Kalb geschlachtet.“Lukas 15, 29 – 30 – Doch der ältere Sohn ost Blind für diese Liebe des Vaters. Für ihn ist jetzt die Stunde der Abrechnung gekommen. Anstatt auf das Angebot seines Vaters einzugehen, macht der ältere Sohn diesem Vorhaltungen, ja er rechnet seinem Vater quasi vor, was er alles für ihn getan hat und auf was er alles verzichtet hat. Aus seinen Worten wird deutlich, dass er von seinem Vater erwartete, dass dieser gegenüber seinen Söhnen Gerechtigkeit, nicht Gnade, zeigen sollte. Und all‘ das zeigt: Dieser Sohn diente seinem Vater nicht aus Liebe, sondern weil er im Dienst für seinen Vater den Weg sah, das zu erhalten, was er suchte. Jetzt wurde er mit der Erkenntnis konfrontiert, dass all‘ seine Arbeit, umsonst war. Sein Vater hätte ihm auch ohne seinen aufopferungsvollen Dienst alles geschenkt, was er brauchte. Diese Erkenntnis muss den älteren Bruder doppelt getroffen haben: Zum einen, weil er nun sah, dass sein ganzer Einsatz nicht den gewünschten Erfolg gebracht hatte, zum anderen, weil er erkennen musste, dass er durch den von ihm gewählten Weg an der Liebe seines Vaters  “vorbeigelebt“ hatte. 

* “Er aber sprach zu ihm: Kind, du bist allezeit bei mir, und all das Meine ist dein. Man musste doch fröhlich sein und sich freuen; denn dieser dein Bruder war tot und ist lebendig geworden, und verloren und ist gefunden worden.“Lukas 15, 31 – 32 – Obwohl sein älterer Sohn in einer sehr respektlosen Weise zu ihm spricht, begegnet der Vater ihm weiterhin mit Freundlichkeit und Verständnis.  Das griechische Wort ”τέκνον” (“teknon“), mit dem der ältere Sohn angesprochen wird, kann mit “Kind“ oder “Sohn“ übersetzt werden. In ihm schwingt die zärtliche, väterliche Zuneigung mit. Dann weist der Vater ihn noch einmal darauf hin, dass auch er, der ältere Bruder, allezeit eine privilegierte Stellung bei ihn hatte. Nichts hätte der Vater dem älteren Sohn vorenthalten! Er hätte nur danach fragen müssen! Allezeit hätte er die Gemeinschaft mit dem Vater genießen können! Doch der ältere Bruder hatte sich in seinem gesetzlichen Denken verrannt, in dem es nur Gemeinschaft mit dem Vater gab, wenn man hart genug (an sich) arbeitete, Ihm noch mehr diente und auf keinen Fall einen Fehler machte! Was für ein Trugschluss! Wieviel Zeit der Gemeinschaft mit seinem Vater, wieviel Freude, hatte ihn dieses falsche Denken gekostet.

 

I'm part of Post A Day 2015

Dieser Beitrag wurde unter Glimpses/Impulse, Predigt abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hier ist Platz für Ihre Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s