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Foto: Peter Smola / pixelio.de

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Zum Hintergrund

Der Hebräerbrief gehört mit dem Römerbrief und den Korintherbriefen zu den “großen“, d.h. den umfangreichen Briefen des Neuen Testaments. Für viele Christen ist dieser Brief jedoch eines der neutestamentarischen Bücher, mit denen sie sich schwer tun. Ein Grund dafür mag darin liegen, dass zum Verständnis dieses Briefes eine gute Kenntnis des Alten Testaments unerlässlich ist. Kein anderer Brief greift so oft auf das Alte Testament, seine Berichte, Gebote und Zeremonien zurück, wie der Hebräerbrief. Leider haben heute viel zu wenige Christen Interesse an einem gründlichen Bibelstudium, insbesondere an einer intensiven Beschäftigung mit dem Alten Testament. Das wiederum führt dazu, dass sich ihnen auch viele Kostbarkeiten des Neuen Testaments (z.B. aus dem Hebräerbrief) nicht erschließen. Dabei betont z. B. der Apostel Paulus mehrfach welche wichtige Rolle das Alte Testament beim Verständnis des Neuen Testaments spielt (vgl. Römer 15, 41. Korinther 10, 11).
Viele Ausleger sehen im Hebräerbrief eher eine schriftlich niedergelegte Predigt als einen Brief, auch wenn zwei Verse, in denen persönliche Mitteilungen und Grüße übermittelt werden, den Abschluss bilden. Der Verfasser selbst bezeichnet seine Schrift als „Wort der Ermahnung“ (Hebräer 13, 22).
Was den Schreiber des Hebräerbriefes betrifft, so findet sich weder im Brief selbst noch an anderer Stelle im Neuen Testament ein Hinweis auf seine Person. Im Verlauf der Kirchengeschichte sind viele bekannte Personen als mögliche Autoren vorgeschlagen worden (Paulus, Barnabas, Lukas etc.). Konkrete Belege gab es für keine dieser Personen. Lediglich der Gebrauch des maskulinen Partizips “διηγουμενον“ (“diegoumenon“), d.h. “erzählen“, in Hebräer 11, 32 deutet auf einen männlichen Schreiber hin. Da der Autor jedoch wahrscheinlich ein Apostel oder zumindest der enge Mitarbeiter eines Apostels war (vgl. Hebräer 13, 23) und da der Inhalt des Briefes mit der bereits bekannten Lehre der Apostel in Übereinstimmung stand, wurde der Brief als göttlich inspiriertes Buch in der frühen Christenheit anerkannt.
Für eine Datierung in die Zeit zwischen 60 n. Chr. und 70 n. Chr. sprechen die Bezugnahme auf die Verkündigung des Evangeliums an die Empfänger durch Ohrenzeugen des Auferstandenen (Hebräer 2, 3), sowie die Erwähnung der Gefangenschaft des Timotheus (Hebräer 13, 23), der zum Zeitpunkt der Abfassung des Briefes also noch am Leben gewesen sein muss. Aus Hebräer 10, 34 und Hebräer 13, 3 ist ersichtlich, dass die Empfänger Verfolgung erlitten hatten. Da die erste Verfolgungswelle unter Nero im Jahr 64. n. Chr. einsetzte, muss der Brief während oder nach dieser Zeit geschrieben worden sein.
Obwohl die Bezeichnung „An die Hebräer“ für diesen Brief erst ab der Mitte des 2. Jahrhunderts n. Chr. belegt ist, wird aus seinem ganzen Kontext deutlich, dass er sich an Juden in Israel richtet, die sich dem christlichen Glauben zugewandt hatten (vgl. Apostelgeschichte 2, 41; 4, 4; 5, 14; 21, 20). Unter ihnen waren solche, die  klar erkannt hatten, dass der Glaube an den Herrn Jesus Christus der einzige Weg zum  Heil war (Hebräer 3, 1; 6, 1 – 3), aber auch solche, die nur äußerlich eine Hinwendung zum christlichen Glauben vollzogen hatten, innerlich aber – zumindest teilweise – noch am Gesetz und dem Tempeldienst in Jerusalem festhielten. Unter den einsetzenden Verfolgungen seitens der jüdischen und später auch der römischen Autoritäten (Apostelgeschichte 8, 1 – 3; 11, 19; 12, 1 – 3; 1. Thessalonicher 2, 14; Hebräer 10, 32 – 34, Hebräer 12, 4 – 11) erwogen Letztere wohl die Rückkehr zum Judentum.  An diese Gruppe von Lesern sind zahlreiche Ermutigungen und Ermahnungen gerichtet, mit dem Glauben an Christus (endlich) “ganze Sache“ zu machen und nicht wieder in den früheren Zustand zurückzufallen.

Die ersten vier Kapitel dieses Briefes können wir grob wie folgt einteilen:

Kapitel 1 und Kapitel 2 befassen sich mit der letzten und abschließenden, alles erfüllenden Offenbarung Gottes in Jesus Christus: a) Jesus Christus als “das letzte Wort (= Reden)“  Gottes an diese Welt (Hebräer 1, 1 – 4) , b) die alles überragende Stellung des Sohnes Gottes (Hebräer 1, 5 – 14), c) die erste Warnung: die Gefahr der Nachlässigkeit (Hebräer 2, 1 – 4), d) die Erniedrigung und die Verherrlichung des Sohnes Gottes (Hebräer 2, 5 – 9), e) das stellvertretende Leiden und Sterben des Sohnes Gottes (Hebräer 2, 10 – 18).
Die Kapitel 3, 4 und die erste Hälfte von Kapitel 5 enthalten Belehrungen, die im Zusammenhang mit dem hohenpriesterlichen Dienst des Erlösers für die Kinder Gottes stehen: a) die Treue des Sohnes Gottes (Hebräer 3, 1 – 6), b) die zweite Warnung: die Gefahr des Unglaubens (Hebräer 3, 7 – 19), c) die Ruhe Gottes, in die die Gläubigen mittels des Glaubens (ohne Werke) eingehen (Hebräer 4, 1 – 14), d) die Kraft des Wortes Gottes (Hebräer 4, 12 – 13), e) der beständig freie Zutritt zu Gott durch Christus (Hebräer 4, 14 – 16), f) Christus, unser barmherziger Hoherpriester (Hebräer 5, 1 – 10).

Unser heutiges Textwort ist dem letzten Abschnitt des 4. Kapitels entnommen. Zusammen mit zwei vorausgegangenen Versen vermittelt es uns eine wunderbare Ermutigung zum Gebet:

“Weil wir denn einen großen Hohenpriester haben, Jesus, den Sohn Gottes, der die Himmel durchschritten hat, so lasst uns festhalten an dem Bekenntnis. Denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht könnte mit leiden mit unserer Schwachheit, sondern der versucht worden ist in allem wie wir, doch ohne Sünde. Darum lasst uns hinzutreten mit Zuversicht zu dem Thron der Gnade, damit wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zu der Zeit, wenn wir Hilfe nötig haben.“

(Hebräer 4, 14 – 16)

Der wahre Hohepriester: treu und barmherzig

Nachdem uns der Schreiber des Hebräerbriefes in den vorausgegangenen Kapitel die Größe Christi und seine treue Hingabe im Dienst an Gott dargelegt hat, zeigt er uns hier eine weitere Charaktereigenschaft des Erlösers: Seine Barmherzigkeit. Diese Gedanken bauen ganz logisch aufeinander auf:

Christus ist die letzte und abschließende Heilsoffenbarung Gottes. Er ist der “wahre Hohepriester“.  Alles, was vor Ihm war, war unzureichend und alles, was nach Ihm kommt, ist überflüssig. Wir brauchen auf keine weitere, über Christus hinausgehende Offenbarung Gottes warten, denn mit Ihm ist die Offenbarung Gottes zu ihrem Höhepunkt gelangt und abgeschlossen worden. Alles, was zur Erlösung nötig ist, finden wir in Ihm und erhalten wir durch Ihn – “in ihm haben wir die Erlösung, die Vergebung der Sünden“ (Kolosser 1, 14; vgl. auch Hebräer 2, 9).

Aber die Vergebung der Sünden, die Erlösung, der Friede mit Gott – all‘ das ist nur der Anfang des neuen Lebens mit Gott. Danach gilt es, jeden Tag mit Gott zu leben und in der Gnade Gottes zu wachsen (2. Petrus 3, 18). Auf diesem neuen Lebensweg wird Christus uns begleiten. Dessen dürfen wir sicher sein. Der Sohn Gottes, der in der Vergangenheit treu war, als es darum ging, den Willen Gottes zu tun, damit wir Erlösung empfangen könnten, der ist auch jetzt und in Zukunft treu, wenn es darum geht, uns zu leiten und zu bewahren (vgl. Hebräer 3, 2 mit Johannes 6, 39; 18, 9). Christus ist heute unser treuer Hoherpriester, der uns jetzt – in diesem Augenblick und in Zukunft! – vor Gott (Hebräer 7, 25; 9, 24; 1. Johannes 2, 1 – 2; Römer 8, 34) vertritt. Es ist sehr ermutigend zu wissen, dass andere Christen für uns beten. Ihr Gebetsdienst für uns und ihre Teilnahme an unseren Sorgen und Nöten, kann uns ein großer Trost sein. Doch selbst, wenn nie ein Mensch für uns gebetet hätte oder beten würde, müsste uns das nicht entmutigen, denn der Sohn Gottes tritt allezeit vor Gott für uns ein! Er verwendet sich “rund um die Uhr“ für uns. Auch in diesem Dienst für uns ist Er treu und zuverlässig.

Aber Christus ist nicht nur der wahre und treue Hohepriester, Er ist auch der barmherzige Hohepriester. Mit dem Hinweis auf diese dritte Charaktereigenschaft möchte Gott in uns  Zuversicht und Glauben wecken. Im Gegensatz zu Mose, der mit der Aufsicht über ein irdisches Heiligtum betraut war, ist Christus auch der Hohepriester über das himmlische Heiligtum Gottes. Sein Dienst war und ist nicht beschränkt auf die Erde. Aus dieser überragenden Stellung könnten wir den falschen Schluss ziehen, dass Christus unsere irdischen Belange nicht nachempfinden kann. Doch dem ist nicht so. Der Schreiber des Hebräerbriefes erinnert uns daran, dass Gott, der Sohn, Mensch wurde und dass Er, obwohl Er ohne Sünde war, auch Versuchung erfahren und durchlebt hat. Er ist uns – mit Ausnahme der Sünde – in allem gleich geworden  (vgl. Hebräer 2, 14 mit  Philipper 2, 7!). Darum haben wir jetzt einen Hohenpriester vor Gott, der uns in jeder Situation vollkommen versteht, ja mehr noch: der uns in Seiner Barmherzigkeit zugewandt und auch fähig ist, uns zu helfen. Wenn wir zu Ihm im Gebet kommen, werden wir darum nie auf “taube Ohren“ oder Unverständnis stoßen. Er weiß, was Menschen durchmachen, erleben und erleiden, denn Er hat dasselbe “am eigenen Leib“ (und nicht nur am Leib!) erfahren. Wenn  wir im Gebet vor den Thron Gottes treten, dann dürfen wir das mit Freimut, mit Kühnheit, tun, denn wir begegnen dort nicht mehr unserem Richter, den wir mit dem Blut von Opfertieren versöhnen müssten, sondern unserem Retter, der Sein Blut zu unserer Erlösung gegeben hat! Wir können mit großer Zuversicht vor den Thron Gottes kommen, denn wir begegnen unserem Heiland, der sich schon vor 2000 Jahren ein für allemal auf unsere Seite gestellt hat. Dieser Heiland wartet nur darauf, für uns in seiner Barmherzigkeit tätig zu werden (Römer 8, 31 -39). Wie schnell vergessen wir das doch immer wieder! Wie schnell können uns äußere oder innere Bedrängnisse entmutigen und zum Aufgeben verleiten. Wie schnell können wir in ein Denken zurückfallen, das mehr dem Alten Testament als dem Evangelium Christi entspricht. Aber für jeden, der die Erlösung in Jesus Christus angenommen hat (Johannes 5, 24) ist der Thron Gottes kein Thron des Gerichts mehr. Es ist der Thron der Gnade und die Tür zum Thron der Gnade steht  rund um die Uhr für uns offen. Im Alten Testament durfte sich nur der Hohepriester der Bundeslade nahen und auch das nur einmal im Jahr, am großen Versöhnungstag. An den anderen 364 Tagen des Jahres versperrte ein armdicker Vorhang den Zutritt zu Gott. Diese Zeit ist – Gott sei Dank! – seit dem Tod Jesu am Kreuz von Golgatha, seit dem Moment, in dem der Vorhang im Tempel zerriss (Matthäus 27, 51), endgültig vorbei.  Auf der Grundlage des Opfers Christi dürfen wir uns in jeder Stunde unseres Tages Gott nahen – völlig unabhängig von einem materiellen Heiligtum, einer speziellen Priesterschaft und besonderen heiligen Tagen. Wir dürfen für jede Situation unseres Tages neue Gnade von Gott nehmen (Johannes 1, 16).   Fangen Sie noch heute (wieder) damit an!

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