Einige Gedanken zum „Gebet für Fremde“

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Nachfolgende Gedanken (hier in leicht überarbeiteter Form) gingen aus einem Austausch über das Thema „Gebet für Fremde“ hervor.

Albrecht Dürer Betende Hände

Albrecht Dürer [Public domain], via Wikimedia Commons

Der „Fremde“ in der Bibel

Das Thema „Fremdling“ oder „Fremder“ spielt schon im 1. Buch Mose in der Bibel eine Rolle. Ganz zu Beginn begegnet es uns im Zusammenhang mit Abraham, der  damals noch den Namen Abram trug (1. Mose 12, 1; Hebräer 11, 8). Er wird – auf Geheiß Gottes –  ein Fremdling, zieht aus seinem Land und von seiner Familie fort, lebt als Fremder, d.h. Nicht-Einheimischer in Kanaan (1. Mose 17, 8) und an anderen Orten. Dabei macht er positive und negative Erfahrungen, wird angenommen oder abgelehnt. Eine ähnliche Fremdlingserfahrung macht Israel als Volk – zuerst in Ägypten und später 40 Jahre lang während des Durchzugs durch die Wüste. Das hebräische Wort für Fremdling hat zum einen die Bedeutung von „Nicht-Jude“, gemeint ist also jemand, der nicht zu diesem Volk gehört, dann aber auch allgemein von „Ausländer“ im Sinne von „aus einem anderen Land stammend“.
Im Neuen Testament wird das „Fremdlingsthema“ wieder aufgenommen und zwar in zweifacher Hinsicht: 1. Die Christen, die vorher keine Juden waren, finden – obwohl sie ethnisch nicht zum irdischen Volk Gottes gehörten – bei Gott eine Heimat (Epheser 2, 19) und 2.  alle Gläubigen – unabhängig von ihrer ethnischen Herkunft –  haben nun aufgrund ihrer Zugehörigkeit zu Gott hier auf der Erde „keine bleibende Stadt“, sondern befinden sich auf dem Weg zu ihrer ewigen Heimat bei Gott (Hebräer 13, 14; übrigens die Jahreslosung 2013).

Beide Gruppen – Israeliten und Christen – sollen nach Gottes Vorstellung aus dieser „Fremdlingserfahrung“ lernen. Israel bekommt von Gott Gebote, die ihm sagen, wie es mit dem Fremdling umgehen soll – nämlich gut:

“So aber ein Fremdling bei dir wohnt und dem HERRN das Passah halten will, der beschneide alles, was männlich ist; alsdann mache er sich herzu, daß er solches tue, und sei wie ein Einheimischer des Landes; denn kein Unbeschnittener soll davon essen.“

(2. Mose 12, 48)

Jeder Fremde, der also dazu gehören will und z.B. das Passahfest zusammen mit dem Volk Israel feiern möchte, soll aufgenommen werden. Einzige Voraussetzung ist die Beschneidung. D.h. es gibt keine Forderungen an den Fremden, die über die Forderungen, die Gott an die Israeliten stellt, hinausgehen:

„Einerlei Gesetz soll dem Einheimischen und dem Fremdling gelten, der unter euch wohnt.“

(2. Mose 12, 49)

“(…) aber am siebenten Tage ist der Sabbat des HERRN, deines Gottes; da sollst du kein Werk tun noch dein Sohn noch deine Tochter noch dein Knecht noch deine Magd noch dein Vieh noch dein Fremdling, der in deinen Toren ist.“

(2. Mose 20, 10)

Der Ruhetag (Sabbat) gilt damit auch für den Fremden. (Die so genannte  Schabbes-Goi-Lösung, wie sie heute in Israel verbreitet ist [man lässt als orthodoxer Jude einfach am Sabbat einen Nicht-Juden für sich arbeiten, um selbst das Sabbat-Gebot zu halten], wird so vom Alten Testament nicht gedeckt.

“Sechs Tage sollst du deine Arbeit tun; aber des siebenten Tages sollst du feiern, auf daß dein Ochs und Esel ruhen und deiner Magd Sohn und der Fremdling sich erquicken.“

(2. Mose 23, 12)

Dem Fremden muss Erholung gegönnt werden, er darf nicht ausgebeutet werden.

Grundsätzlich gilt:

Den Fremdling sollst du nicht bedrängen noch bedrücken; denn ihr seid auch Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“

(2. Mose 22, 21)

Und bedrücke den Fremdling nicht; denn ihr wißt, wie es den Fremdlingen zumute ist; denn ihr seid Fremdlinge gewesen in Ägyptenland.“

(2. Mose 23, 9)

Man könnte hier noch viele andere Belegstellen anführen. Der grundsätzliche Gedanke hinter allen diesen Geboten ist dieser: Die eigene Fremdlingserfahrung mit ihren positiven aber auch negativen Erfahrungen soll dazu führen, dass die Israeliten die Menschen, die als Fremdlinge zu ihnen kommen, gut behandelt.

Im Neuen Testament wird dieser Gedanke in anderer, aber doch ähnlicher Weise aufgegriffen: Da der Christ sich als „Gast auf Erden“ versteht, spielt praktische Gastfreundschaft in den Briefen des Neuen Testaments eine wichtige (aber in der heutigen Verkündigung leider unterbelichtete) Rolle:

“Nehmet Anteil an den Nöten der Heiligen, befleißiget euch der Gastfreundschaft!“

(Römer 12, 13)

Gastfreundschaft soll gegenüber anderen Christen geübt werden.

“Seid gastfrei gegeneinander ohne Murren!“

(1. Petrus 4, 9)

Gastfreundlichkeit (ohne Hinweis auf eine spezielle Gruppe) soll insbesondere ein Kennzeichen bzw. Auswahlkriterium für einen Gemeindeverantwortlichen (und seiner Frau) sein:

“’Nun soll aber ein Aufseher untadelig sein, eines Weibes Mann, nüchtern, besonnen, ehrbar, gastfrei, lehrtüchtig (…)“

(1. Timotheus 3, 2)

“(…) und ein Zeugnis guter Werke hat; wenn sie Kinder auferzogen, Gastfreundschaft geübt, der Heiligen Füße gewaschen, Bedrängten ausgeholfen hat, jedem guten Werk nachgekommen ist (…)“

(1. Timotheus 5, 10)

“(…) sondern gastfrei, ein Freund des Guten, besonnen, gerecht, fromm, enthaltsam (…)“

(Titus 1, 8)

 

Hebräer 13, 2 fordert jeden Christen zur Gastfreundschaft auf (auch ohne Hinweis auf eine spezielle Gruppe) und verbindet die Gastfreundschaft mit der Möglichkeit eines  besonderen Segens:

Gastfrei zu sein vergesset nicht; denn dadurch haben etliche ohne ihr Wissen Engel beherbergt.“

Beiden – Israeliten und Christen – ist neben der “Fremdlingserfahrung“ aber auch gemeinsam: In ihrem Fremdsein/Anderssein erfahren sie, wie Gott ihnen durch Seine Freundschaft schon eine „Heimat“ gibt, ehe sie im „verheißenen Land“ ankommen. Diese Erfahrung können und sollen sie weitergeben und zwar ganz  praktisch, indem sie den Fremden aufnehmen, ihn nicht schlechter behandeln als Angehörige des eigenen Volkes, ihm Gastfreundschaft (im Teilen von Unterkunft und  Nahrung und in der Gewährung von Schutz) erweisen, ihm – wo dies möglich ist – Freund werden.

Materielle Hilfe allein reicht nicht aus

Fremdheit/Heimatlosigkeit löst oft tiefe Gefühle aus (Verlust des Alten/Gewohnten, Angst vor Neuem/Unbekannten, Trauer, Einsamkeit etc.). Auch wenn wir dem Fremden Freund werden und ihm materiell alles geben, was er braucht, seine Heimat können wir ihm nie wirklich ersetzen. Darum ist es – aus christlicher Perspektive – wichtig, auch und besonders für den Fremden zu beten. Seine tiefsten emotionalen und geistlichen Bedürfnisse kann nur Gott stillen. Gebet für Fremde kann aber auch für den Gläubigen selbst eine wichtige Auswirkung haben: Wer für Fremde betet, wird auch immer wieder daran erinnert, dass „noch nicht alles gut ist“, dass wir eben nicht „den Himmel auf Erden“ haben, dass es “nicht allen so gut geht wie uns“. In diesem Sinn kann uns Gebet für Fremde auf eine positive Weise „erden“. Gebet für Fremde kann uns immer wieder daran erinnern, dass wir in der Freundschaft zu Gott eine „Heimat“ gefunden haben, auch wenn wir uns Tausende von Kilometern entfernt von unserem irdischen Heimatland befinden. So kann uns das Gebet für Fremde auch immer wieder dankbar machen.

Für welche Fremden sollten wir beten?

Obwohl das Neue Testament an einigen Stellen auch zu einer Art „globalem Gebet“ auffordert (z.B. 1. Timotheus 2, 1), sind die meisten Hinweise zum Gebet sehr spezifisch. Meine Erfahrung ist, dass jemand, der nur allgemein betet („Herr, segne hier, segne da, segne auch ganz Afrika!“), bald aufhören wird zu beten oder es nur aus Routine tut, weil zu demjenigen, für den man betet, keine Beziehung besteht. Gebet ist ja eng mit dem Gedanken der Erhörung verbunden. Erhörung lässt sich aber umso besser nachvollziehen, je spezifischer das Gebet ist. Spezifisch kann Gebet aber nur sein, wenn ich die Personen/Umstände kenne, für die ich bete. (Das schließt natürlich auch eine allgemeine Fürbitte für Menschen und ihre Nöte z.B. in Katastrophengebieten nie aus.) Aber aus diesem Grund denke ich, geht es erst einmal um die Menschen in unserem näheren und weiteren Umfeld – ob sie nun tatsächliche Ausländer sind, neue Nachbarn, Zugezogene aus einer anderen Stadt, aber auch Menschen, die aus irgendeinem Grund als „fremd“ empfunden werden oder Menschen, die sich selbst als „fremd“ in dem Umfeld empfinden, in dem sie leben (müssen).

Können Bibelworte über Fürbitte, Liebe und Barmherzigkeit gegenüber dem Nächsten wirklich konkreten Einfluss auf unser Leben haben oder sind das alles nur Predigtworthülsen?

Ich denke, ob diese Bibelworte Einfluss auf unser Leben haben, entscheiden wir ganz allein. Letztlich ist es nicht eine Frage, ob die Predigt “gut oder miserabel“ war, sondern ob ich das Bibelwort ernst nehme. Glaube ich, dass es gut ist, sich dem Fremden zuzuwenden? Glaube ich, dass mein Gebet (neben aller praktischen Zuwendung) eine Hilfe für den Fremden sein kann? Wenn ja, dann werde ich für ihn beten.

Das Problem bei vielen Predigten ist der fast durchgängige appellative Charakter: „Auch für Fremde beten“ – das kommt daher wie ein Gebot, ein MUSS … Und der Gläubige denkt: Oh nein, nicht noch etwas, das ich tun MUSS …. Es ist leider in vielen christlichen Gemeinschaften oft der Fall, dass oft aus den einfachen Aussagen des  Neuen Testaments, die uns Zusammenhänge erläutern sollen,  Appelle/Gebote/Gesetze abgeleitet werden. Aus der Belehrung Jesu über die Entstehung geistlicher Frucht wird dann der Befehl, ja das Gebot „Du MUSST Frucht bringen!“ gemacht.  Es entstehen neue Gesetze und das MUSS schief gehen. Denn Gesetze (und Gebötlein!) bringen kein Leben hervor, auch kein Gebetsleben (siehe Galater 3, 10 ff.)

Aber Gottes Wort sagt nicht: „Du musst für Fremde beten!“, sondern: “Überlege, wo Du die Erfahrung von Fremdheit/Anderssein gemacht hast. Kannst Du nachvollziehen wie es sich anfühlt, ein Fremder zu sein? Wie war das, als ich Dich angenommen, Dir in meiner Freundschaft ‚Heimat‘ gegeben habe? Wäre das nicht auch gut für XYZ? Du kannst ihm/ihr auf dem Weg dahin helfen, indem du gastfreundlich zu ihm/ihr bist und für ihn/sie betest.“

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