Anmerkungen zu Psalm 106, 1 – 2

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Anmerkungen zu Psalm 106, 1 – 2

Der Bibeltext für den kommenden Sonntag ist dem 106. Psalm entnommen:

“Lobt den HERRN! Preist den Herrn, denn er ist gut, denn seine Güte währt ewig!
Wer wird aussprechen die Machttaten des HERRN, hören lassen all sein Lob?“

(Psalm 106, 1 – 2 ELBEH)

Psalm 106 umfasst insgesamt 48 Verse, die sich – je nach Vorgehensweise – in 3 bis 5 Abschnitte einteilen lassen. Das richtige Verständnis der Verse 1 – 2 setzt das Verständnis der anderen 46 Verse voraus, so dass man diesen Psalm zuerst im Zusammenhang lesen sollte, z.B. hier: Klick!

Hintergrund und Aufteilung des 106. Psalms

Im Gegensatz zu anderen Psalmen wird uns in Psalm 106 kein Autor genannt. In den 48 Versen dieses Psalms ruft der Psalmist dem Volk Israel seine vielfache  Rebellion gegen Gott ins Gedächtnis und stellt dem Abfall des Volkes die ewige Güte Gottes gegenüber:

In Psalm 106, 1 – 5 fordert der Psalmist seine Zuhörer auf, Gott für Seine Güte, Treue, Liebe und Seine machtvollen Taten zu preisen. In Vers 3 erinnert der Psalmist daran, dass Gott versprochen hatte, jene zu segnen, die gemäß Seinem Willen leben würden. Um ein solches Leben war der Psalmist ganz offensichtlich  bemüht, denn er hat Freimütigkeit, Gott zu bitten, ihm mit Gnade, Freude und materiellem Wohlergehen zu segnen (Verse 3 – 5).

In Psalm 106, 6 bekennt sich der Psalmist zu den Sünden Seines Volkes und zwar in Bezug auf die Sünden seiner Generation und die Generation “der Väter“. Dieser Vers stellt eine Einleitung zu einem detaillierten Bekenntnis dar, das in den Versen 7 bis 46 ausgeführt wird.

In Psalm 106, 7 – 12 erinnert der Psalmist daran, wie unbeeindruckt die Israeliten von den großen Machttaten Gottes, mit denen Er Ägypten heimsuchte, blieben. Diese Machttaten Gottes berührten ihre Herzen augenscheinlich wenig. Denn bereits kurz nach dem Auszug aus Ägypten begann das Volk sich am Schilfmeer gegen Gottes Führung aufzulehnen (vgl. 2. Mose 14, 11 – 12). In der gefahrvollen Situation, als die Streitmacht Ägyptens ihnen nachjagte, erinnerten sie sich nicht an Gottes wunderbare Bewahrung während der 10 Plagen. Nein, sie stellten die  ganze Befreiung aus der Sklaverei (für die sie viele Jahre gebetet hatten!) von einem Moment zum anderen in Frage. Trotzdem half Gott ihnen in ihrer Not (2. Mose 14, 15 – 31).  Dieses Eingreifen Gottes führte dazu, dass die Israeliten glaubten und Ihn priesen (Vers 12; vgl. 2. Mose 15, 1 ff.).

In Psalm 106, 13 – 33 finden wir die Erinnerung an weitere Begebenheiten aus der Zeit der Wüstenwanderung, bei denen das Volk gegen Gott aufbegehrte. Dabei geht der Psalmist nicht chronologisch vor, sondern schildert die Verstöße des Volkes gegen den Willen Gottes in aufsteigender Weise. Auf kleinere Übertretungen des Volkes folgen immer schwerwiegendere Sünden bis zur offenen Rebellion:
Aus Vers 13 wird deutlich, dass das Wunder der Errettung am Schilfmeer keinen lang anhaltenden Eindruck in den Herzen der Israeliten hinterließ. In den Versen 13 – 15 wird das Aufbegehren des Volkes in Kibrot-Hattaawa (4. Mose 11, 1 – 34) erwähnt.  Es folgt in den Versen 16 – 18 eine Erinnerung an den durch Korach, Dathan und Abiram initiierten Aufstand gegen Mose (4. Mose 16, 1 ff.). In den Versen 19 – 23 führt der Psalmist dem Volk noch einmal den Götzendienst, mit dem sie dem goldenen Kalb huldigten, vor Augen (2. Mose 32, 1 ff.). In diesem Zusammenhang weist der Psalmist  erneut darauf hin, dass die Herzen der Israeliten von den großen Machttaten Gottes nicht beeindruckt waren: “Sie vergaßen Gott, der sie rettete, der große Dinge getan in Ägypten, Wunder im Lande Hams, Furchtbares am Schilfmeer.“ (Vers 20 – 21). Die Verse 24 – 27 sprechen von der Weigerung des Volkes, in das verheißene Land einzuziehen. Obwohl die Israeliten beim Auszug aus Ägypten und während der vierzig Jahre dauernden Wüstenreise immer wieder die großen Machttaten Gottes erlebten, vermochte ein einziger Bericht über die im verheißenen Land lebenden Feinde ihr Herz so zu entmutigen, dass sie dieses Land, das Ziel ihrer Reise,  gar nicht mehr einnehmen wollten (4. Mose 13, 26 – 33; 4. Mose 14, 1 ff.). Die Verse 28 – 31 schildern dann, wie die Israeliten sich vom Götzendienst der Moabiter verführen ließen (4. Mose 25, 1 ff.) und so eine Sünde wiederholten, die bereits am Sinai das Gericht Gottes auf sich gezogen hatte (2. Mose 32, 1 ff.)  Die letzte Begebenheit, an die der Psalmist in diesem Abschnitt erinnert, ist die Auflehnung des Volkes in Meriba, die Mose so in Wut geraten lässt, dass er entgegen dem Willen Gottes den Felsen zweimal schlägt (4. Mose 20, 2 – 13).

In Psalm 106, 34 – 46 beschreibt der Psalmist dann Begebenheiten aus der Zeit, in der sich das Volk Israel im verheißenen Land befand und dort gegen Gott aufbegehrte: Anstatt die Altäre der Kanaaniter zu zerstören und sie zu bekämpfen, vermischten sich die Israeliten mit diesen Götzendienern, übernahmen deren Gebräuche und verehrten deren Götzen, indem sie diesen sogar ihre Kinder opferten (5. Mose 7, 1 – 2; 5. Mose 12, 2 – 23; 3. Mose 18, 21 vgl. 1. Korinther 10, 20; 5. Mose 32, 17). In diesem Zusammenhang gebraucht der Psalmist den Begriff des geistlichen Ehebruchs. (Während die Luther-Übersetzung ’84 Vers 39 so wiedergibt: “Sie machten sich unrein mit ihren Werken und wurden abtrünnig durch ihr Tun.“, übersetzt Naftali Herz Tur-Sinai: “Sie wurden unrein durch ihr Tun und buhlerisch in ihrem Treiben.“¹). Damit beschreibt der Psalmist, den Gott auch zu späteren Zeiten durch die Propheten, z.B. durch Jeremia, dem Volk vorhalten muss: “Aber wie ein Weib ihrem Geliebten untreu wird, so seid ihr mir untreu geworden, Haus Israel! spricht der HERR.“ (Jeremia 3, 20). Bei dem Volk, dem Gott in Liebe zugetan war, suchte auch Er ein Herz der Liebe zu Ihm. Doch Israel hatte sich bereits anderen Göttern zugewandt, “die doch keine Götter“ waren.

In Psalm 106, 40 – 46 werden dann Begebenheiten aus ungefähr 300 Jahren der Richterherrschaft zusammengefasst (Richter 2, 14 f.). Dies war eine Zeit des weiteren geistlichen Niedergangs Israels. Dass das Volk weiterhin Bestand hatte, verdankte es nur der Treue Gottes zu Seinem Bund, Seiner Liebe und Seiner Barmherzigkeit.

Die Verse 46 – 47, mit denen Psalm 106 endet, lassen darauf schließen, dass der Psalmist diesen Psalm während der Babylonischen Gefangenschaft verfasst hat. In Vers 45 nimmt der Psalmist Bezug auf frühere Gefangenschaften des Volkes und in Vers 46 wird eine gegenwärtige Gefangenschaft Israels (“… sammle uns aus den Heiden ….“) angesprochen. Wie wir aus der Geschichte des Volkes Israel wissen, wurde diese Bitte von Gott erhört. Unter dem Schriftgelehrten Esra und dem Statthalter Nehemia kehrte ein Überrest nach Israel zurück und baute nicht nur den Tempel Gottes, sondern auch die Stadt Jerusalem wieder auf.

Anwendungen aus der Perspektive des neuen Testaments

Psalm 106 enthält viele Parallelen zu Aussagen des Neuen Testaments. Auf einige dieser parallelen möchte ich im Folgenden eingehen:

* Gottes Gnade triumphiert: Betrachtet man die Verse 1 – 2 auf dem Hintergrund des gesamten Psalms, so kann man dem Aufruf des Psalmisten, Gott für Seine ewigwährende Güte zu preisen, nur aus ganzem Herzen zustimmen. Wieder und wieder entfernte sich das Volk Israel von dem Gott, der durch machtvolle Taten aus der Sklaverei in Ägypten befreit, in vierzig Jahren der Wüstenwanderung mittels zahlreicher Wunder versorgt und mit starker Hand in das verheißene Land  hatte einziehen lassen. Trotz all‘ dieser Wunder und Beweise der göttlichen Liebe lehnte sich das Volk immer wieder gegen Gott auf. Doch Gott verwarf Sein Volk nicht. In Seiner Treue gedachte Er des Bundes, den Er mit dem Stammvater Abraham geschlossen hatte und wandte sich Seinem Volk immer wieder neu in Gnade zu. Selbst nach der Ablehnung und Kreuzigung des Erlösers verwarf Gott das Volk Israel nicht. Der Apostel Paulus macht in den Kapiteln 911 des Römerbriefes deutlich, dass Gott Israel nur für eine Zeit beiseite gesetzt hat und dass Er sich diesem Volk zu Seiner Zeit wieder zuwenden und alle ihm gegebenen Verheißungen erfüllen wird.
In der begrenzten Zeit, in der das Volk Israel beiseite gesetzt ist, hat Gott sich ein Eigentumsvolk erwählt, dessen Bestimmung (im Gegensatz zur Bestimmung Israels) himmlisch ist (Titus 2, 14; Philipper 3, 20). Als Christen und damit als Angehörige dieses Volkes Gottes, sind wir nicht vollkommen. Auch wir können fehlen, versagen, sündigen. Das Wissen um die biblische Wahrheit, dass Gott Sein Volk Israel nicht verworfen hat,  will auch uns Zuversicht geben, wenn wir versagen und sündigen. Gottes Gnade kann von uns nie aufgebraucht, erschöpft werden, sie wird am Ende auch in unserem Leben triumphieren. Darum schreibt der Apostel Paulus:

“(…) sind wir untreu, so bleibt er treu; denn er kann sich selbst nicht verleugnen.“

(2. Timotheus 2, 13)

Ist das nicht schon Grund genug, “dem Herrn zu danken, weil er freundlich ist und seine Güte ewiglich währt“ (Psalm 106, 1)? Ist diese Gnade, die uns immer wieder annimmt und vergibt, nicht die größte Tat Gottes, die wir dieser Welt verkünden können (Psalm 106, 2)? Mit Erdmann Neumeister dürfen wir singen:

”Jesus nimmt die Sünder an;
Saget doch dies Trostwort allen,
Welche von der rechten Bahn
Auf verkehrten Weg verfallen!
Hier ist, was sie retten kann:
Jesus nimmt die Sünder an.“

Im Gegensatz zu den vielfachen Wundern, die die Israeliten in Ägypten, während der Wüstenreise und bei der Einnahme des verheißenen Landes erleben durften, vermag die Gnade im Herzen des Menschen, der Gott in Jesus Christus vertraut, wirkliche Veränderung zu bewirken. Denn Gottes Gnade ist mehr als nur unverdiente Güte, Begnadigung, d.h. Erlass ewiger oder zeitlicher Strafen. Gnade ist “ewiges Leben in Christus Jesus“ (Römer 6, 23), durch das Gläubige zu einer neuen Schöpfung werden (2. Korinther 5, 17).

* Das dreifache Wesen der Sünde erkennen: Betrachtet man die in Psalm 106, 13 – 23 geschilderten Begebenheiten, d.h. die Sünden des Volkes Israel, aus neutestamentarischer Perspektive, so wird die parallele zu 1. Johannes 2, 16 – 17 deutlich. Dort schreibt der Apostel Johannes:

“Denn nichts von dem, was diese Welt kennzeichnet, kommt vom Vater. Ob es die Gier des selbstsüchtigen Menschen ist, seine begehrlichen Blicke oder sein Prahlen mit Macht und Besitz – all das hat seinen Ursprung in dieser Welt. Und die Welt mit ihren Begierden vergeht; doch wer so handelt, wie Gott es will, wird für immer leben.“

(1. Johannes 2, 16 – 17 NGÜ)

Im Grunde genommen kann jede Sünde, die der Mensch begeht, seit dem Sündenfall einer dieser drei Kategorien zugeordnet werden: Der Gier des selbstsüchtigen Menschen (andere Übersetzungen: “Fleischeslust“), den “begehrlichen Blicken“ (andere Übersetzungen: “Lust der Augen“) und dem “Prahlen mit Macht und Besitz“ (andere Übersetzungen: “Hochmut des Lebens oder: “hoffärtiges Leben“). So war es auch bei den Israeliten: Ihr Verlangen nach den Nahrungsmitteln Ägyptens (4. Mose 11, 4 – 34) entspann der “Gier des selbstsüchtigen Menschen“. Der Aufruhr Korachs, Dathans und Abirams (4. Mose 16, 1 ff.),  hatte seine Quelle in einem Herzen voller “Hochmut des Lebens“ und bei der Verehrung des goldenen Kalbes (2. Mose 32, 1 ff.) kamen die “Lust der Augen“ und der “Hochmut des Lebens“, die sich in den Herzen der Israeliten festgesetzt hatten, gemeinsam zum Zug. Wir tun gut daran, dieses dreifache Wesen der Sünde, genau zu erkennen und entsprechend auf die Angriffspunkte in unserem Leben zu achten. 

* Aus der Vergangenheit lernen: Der Psalmist erinnert seine Zuhörer an alle diese (negativen) Begebenheiten, um an ihnen zum einen die Gnade Gottes deutlich werden zu lassen. Aber er möchte auch, dass seine Zuhörer aus dem, was  geschehen ist, lernen. Zweimal belehrt uns der Apostel Paulus in seinen Briefen dahingehend, dass wir aus der Geschichte des Volkes Israel lernen sollen:

“Dies widerfuhr ihnen als ein Vorbild. Es ist aber geschrieben uns zur Warnung, auf die das Ende der Zeiten gekommen ist.“

(1. Korinther 10, 11)

“Was aber zuvor geschrieben worden ist, das wurde zu unserer Belehrung geschrieben, damit wir durch die Geduld und durch den Trost der Schrift Hoffnung fassen.“

(Römer 15, 4)

Aus den Begebenheiten, von denen uns Psalm 106 berichtet, können wir lernen:

    • Wir müssen die Verfehlungen der Israeliten nicht wiederholen. Wenn wir dennoch in Sünde fallen, dürfen wir jedoch – genau wie die Israeliten – darauf vertrauen, dass Gott uns in Seiner Gnade aufrichtet und vergibt (2. Timotheus 2, 13).
    • Aus der Perspektive des Neuen Testaments erkennen wir das dreifache Wesen der Sünde. Ihrer Versuchung sind wir nicht ausgeliefert, denn durch die Kraft der Gnade Gottes, die in dem neuen, ewigen Leben, das Gott uns geschenkt hat, wirkt, können wir überwinden (Römer 8, 37; Römer 12, 21). In manchen Bereichen gelingt das sofort, in anderen Bereichen benötigen wir “Wachstum in der Gnade“ (2. Petrus 3, 18).
    • Auf das Wissen um die Gnade Gottes und um die Kraft, die uns aus dieser Gnade erwächst, kann der Gläubige nur mit beständigem Dank und Lob an Gott reagieren.

Fußnoten:
¹= XXX

I'm part of Post A Day 2013

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