Christus in euch (Kolosser 1, 27)


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Der heutige Ort Honaz in der Westtürkei nahe der ehemaligen Stadt Kolossä / Foto: Wikipedia, User: Blaberus

Der heutige Ort Honaz am Fuß des Berges Honaz in der Westtürkei, nahe der ehemaligen Stadt Kolossä / Foto: Wikipedia, User: Blaberus

Zum Hintergrund: Der  Brief an die Kolosser

Die Stadt Kolossä (auch Kolossai oder Colossae) war zeitweise die Hauptstadt der Region Phrygien. Diese Region gehörte zu einem – hauptsächlich das zentrale Gebiet Anatoliens beherrschenden – Großreich, das im 8. Jahrhundert v. Chr. von den Phrygern, einem indogermanischen Stamm, errichtet worden war. Die Besiedelung dieses Gebietes durch die Phryger kann heute aufgrund neuerer Keramikfunde bis in das 12. Jahrhundert v. Chr. zurückverfolgt werden.
Im Jahr 546 v. Chr. wurde das phrygischer Reich von den Persern erobert, die das Gebiet ihrem Weltreich einverleibten. 334/333 v. Chr. wurde die Region von Alexander dem Großen erobert und fiel nach dessen plötzlichem Tod an den Diadochen Lysimachos. In der Folgezeit wurde die Region Teil des Königreiches Pergamon, bis dieses im Jahr 133 v. Chr. aufgrund einer testamentarischen Verfügung des kinderlos verstorbenen Königs Attalos III. in den Besitz des römischen Reiches überging. Im Jahr 129 v. Chr. wurde das ehemalige pergamenische Königreich zur römischen Provinz Asia erklärt.
Zu diesem Zeitpunkt hatte Kolossä, im Tal des Lykos, einem Nebenfluss des Kaystros (deutsch auch als “Kleiner Mäander“ bekannt) gelegen, seine Blütezeit bereits eingebüßt. Mittlerweile war Ephesus, nur 160 km südlichwestlich gelegen, zur Hauptstadt der Provinz Asia aufgestiegen. Kolossä lag an der wichtigen Handelsroute, die die Westküste mit den Städten im Osten der Provinz verband und war für seinen Handel mit schwarz glänzender Schafwolle bekannt. Als sich jedoch in Laodizea, das mit Kolossä und Hierapolis ein Städtedreieck bildete, die pflanzliche Purpurherstellung immer mehr etablierte und die Stadt auch durch neue Straßenverbindungen Vorteile für ihre Handelsgeschäfte gewann, verlor Kolossä stark an Bedeutung.
Als der Apostel Paulus den Christen in Kolossä schrieb, bildeten Nachkommen der Phryger, Griechen und auch eine Anzahl von Juden, die unter Antiochus dem Großen (222 v. Chr. – 187 v. Chr.) aus Babylonien hierher umgesiedelt worden waren, die Einwohnerschaft der Stadt. Paulus selbst war nie in Kolossä bzw. der die Stadt umgebenden Region gewesen (vgl. Kolosser 1, 4; Kolosser 2, 1). Viele Kommentatoren gehen davon aus, dass die Versammlung (= Gemeinde) in dieser Stadt durch den Dienst des Epaphras entstanden ist. Dieser aus Kolossä stammende Mann (vgl. Kolosser 1, 7 f. und Kolosser 4, 12 – 13) war möglicherweise während des zweiten Aufenthalts desApostels Paulus in Ephesus (Apostelgeschichte 19, 10) zum Glauben an den Herrn Jesus Christus gekommen. Später war er dann mit der Botschaft des Evangeliums in seine Heimatstadt zurückgekehrt. Aus Philemon 1, 2 können wir schließen, dass die Versammlung (= Gemeinde) in ihrer Anfangsphase im Haus eines wirtschaftlich gut situierten Christen namens Philemon zusammenkam. Es wird angenommen, dass die Christen in Kolossä mehrheitlich aus dem Heidentum stammten (Kolosser 1, 21 + 27 ; Kolosser 2, 13). Aus dem Kolosserbrief erfahren wir auch, dass in den Nachbarstädten Hierapolis und Laodizea ebenfalls Versammlungen (= Gemeinden) entstanden waren (Kolosser 4, 13 + 16).  Paulus schrieb den Brief an die Kolosser während seiner ersten Gefangenschaft in Rom, also in der Zeit zwischen 60 n. Chr. – 62 n. Chr. Obwohl er eine Art Hausarrest erleiden musste, gab es zu diesem Zeitpunkt noch gewisse Freiheiten für den Apostel. So durfte er eine eigene Wohnung beziehen und in dieser auch Besuch empfangen. Darum konnten etliche seiner Mitarbeiter bei ihm sein, als er den Brief an die Kolosser verfasste (vgl. Kolosser 4, 7 – 14).  Zu den Christen, die Paulus während  seines Hausarrestes besuchten, zählte auch Epaphras, der den Apostel über das Auftreten von Irrlehrern in Kolossä informierte. Für den Umgang mit diesen falschen Lehrern, die unter den dortigen Christen für Unruhe sorgten, benötigte Epaphras Hilfe und Unterstützung. Auf diesem Hintergrund entstand ein apostolisches Schreiben, das wie kein anderes die christliche Lehre über den Herrn Jesus Christus, Seine Person und Sein Werk, darlegt. Man hat zu Recht den Epheserbrief und den Kolosserbrief als “Zwillingsbriefe“ bezeichnet. Beide Briefe enthalten sehr ähnliche Ausführungen über die Segnungen, derer sich die Gläubigen in Christus erfreuen dürfen und auch viele ähnliche Hinweise zum praktischen Leben des Gläubigen im Alltag. Während jedoch im Epheserbrief der Fokus auf der Versammlung (= Gemeinde) als dem Leib Christi gerichtet wird, liegt der Schwerpunkt des Kolosserbriefes eindeutig auf der Betrachtung des Herrn Jesus Christus als dem Haupt Seines Leibes, d.h. der Versammlung, und Seiner die ganze Schöpfung überragenden Größe. Es war diese Stellung des Herrn Jesus Christus und ihre Bedeutung für die Gläubigen, die durch die Irrlehrer in Kolossä angegriffen wurde. Wir wissen nicht viel über die Lehren, die diese Menschen unter den Christen in Phrygien einführen wollten. Jedoch können wir aufgrund Aussagen des Apostels in diesem Brief davon ausgehen, dass hier Menschen versuchten, die christliche Lehre mit heidnischer Philosophie zu vereinen und bei diesem Versuch der Religionsvermischung die Person und das Werk des Sohnes Gottes relativierten. Er, der Schöpfer und Erhalter dieses Universums (Kolosser 1, 16 – 17!), wurde auf eine Stufe mit diversen menschlichen “Weisheitslehrern“ gestellt. Es scheint, dass diese Philosophie auch Elemente jüdischer Gesetzeslehren enthielt, denn in Kolosser 2, 16 wendet sich Paulus strikt gegen fünf religiöse Vorschriften, die im Judentum eine wichtige Rolle spielten und durch die die besagten Irrlehrer die christliche Freiheit der Gläubigen in Kolossä einschränken wollten. Ganz offensichtlich beinhaltete die von diesen Menschen verbreitete falsche Lehre aber auch die mystische Verehrung von Engeln als Mittlerpersonen zwischen Gott und den Menschen (Kolosser 2, 18 – 19).  Als Beweis für die Richtigkeit dieser Engelsverehrung führten diese falschen Lehrer ihre persönlichen subjektiven Erfahrungen an. Aus diesen Erfahrungen, die absolut keinen Rückhalt in der von Gott geoffenbarten Lehre hatten, leiteten sie für sich und ihre Nachfolger (vgl. Apostelgeschichte 20, 30!) auch einen “höheren Stand des Glaubens“ ab. Während andere Christen, “die sich noch auf einen niedrigeren Glaubenslevel befanden“, sich mit dem geschriebenen Wortes Gottes “begnügten“, waren sie – so meinten sie jedenfalls – bereits in “höhere Sphären des Glaubens“ vorgedrungen. Der (Irr-)Glaube, durch “besondere geistliche Erfahrungen“, die über das geschriebene Wort Gottes hinausgehend, zu einer “geistlichen Elite“ zu gehören, ist seit jeher ein Kennzeichen von satanischer Verführung. Der sich darin ausdrückende (pseudo-geistliche) Stolz, ist ein Charakterista Luzifers, jenes Engels, dessen Stolz und Überheblichkeit ihn für immer aus Gottes Gegenwart verbannten. Es ist der dämonische Gegenentwurf zu der unbeschreiblich tiefen Demut des Sohnes Gottes, der, obwohl Er Gott Selbst war, sich um unseretwillen bis zum Tod am Kreuz erniedrigte (Philipper 2, 8)! Christen, die den Herrn Jesus Christus lieben und deren Leben darauf ausgerichtet ist, dass sie Ihm gleichgestaltet werden (Römer 8, 29), werden sowohl solche Erfahrungen als auch eine solche Herzenseinstellung strikt ablehnen. Als Mittel, um die besagten Erfahrungen zu machen und um so in diesen angeblich “höheren geistlichen Stand“ zu gelangen, propagierten diese Irrlehrer verschiedene asketische Praktiken, u.a. das Fasten. Diese vier Elemente falscher Lehren treten bis heute innerhalb der Christenheit auf und versuchen auch heute noch, den Herrn Jesus Christus aus dem Fokus der Gläubigen zu verdrängen: Noch immer gibt es “christliche“ Bewegungen, die eine, über das Wort Gottes hinausgehende “höhere Erkenntnis“ propagieren, die nur einem elitären Zirkel von “Super-Christen“ zugänglich wäre (Gnostizismus). Noch immer gibt es “christliche“ Bewegungen, die meinen, dass man sich mit der Beachtung des alttestamentarischen Gesetzes besondere Verdienste bei Gott, ja sogar die Erlösung (!) verdienen könne (Gesetzlichkeit). Noch immer gibt es “christliche“ Bewegungen, die – im völligen Widerspruch zu 1. Timotheus 2, 5 – die Ansicht vertreten, jemand anderes als Jesus Christus müsse neben oder zusätzlich zu Ihm zwischen Gott und den Menschen vermitteln (Mystizismus). Und auch heute noch gibt es “christliche“ Bewegungen, die lehren, dass man sich durch Enthaltsamkeit (z. B. von Speisen etc.) die Gunst Gottes erwerben und auf diesem Weg zu Erkenntnissen gelangen könnte, die über das geoffenbarte Wort Gottes, die Heilige Schrift, hinausgehen (Asketizismus). Darum ist es heute noch genauso wichtig, den Gläubigen immer wieder die überragende Einzigartigkeit der Person Jesu Christi und Seines Werkes vor Augen zu stellen. Jemand sagte einmal sehr treffend, dass der Kolosserbrief uns in seinem Kern eines verdeutlicht: Alles, was vor Jesus Christus war, war ungenügend und alles, was nach Ihm kam und vielleicht noch kommt, ist überflüssig. Denn in Ihm ist „die ganze  Fülle der Gottheit leibhaftig“ zu uns gekommen (Kolosser 2, 9!). Welche Blasphemie, wenn vergängliche, sündige Menschen meinen, sie könnten dieser vollkommenen Fülle Gottes noch irgendetwas hinzufügen! Die einzig richtige Reaktion eines Menschen, der zum Glauben an den Sohn Gottes gekommen ist, ist ein anbetendes Bekenntnis, wie wir es bei Thomas finden: “Mein Herr und mein Gott!“ (Johannes 20, 28).

Aufteilung und Inhaltsübersicht des Kolosserbriefes

Man kann den Kolosserbrief zweierlei Weise einteilen. Anlehnend an Dr. Norman L. Geisler, hat in seinem Kommentar zum Kolosserbrief eine auf vier Schwerpunkten basierende Einteilung vorgeschlagenhat, kann man von

1. Lehrmäßig: Das tiefere Leben des Gläubigen in Christus (Kolosser 1, 1 – 27)
2. Widerlegend: Das höhere Leben des Gläubigen in Christus (Kolosser 2, 8 – 23)
3. Geistlich: Das Innere Leben des Gläubigen in Beziehung zu Christus (Kolosser 3, 1 – 17)
4. Praktisch: Das Leben des Gläubigen in der Welt in Beziehung zu Christus (Kolosser 3, 18Kolosser 4, 18)

sprechen. Ich möchte aber auch eine detailliertere Aufteilung des Briefes vorstellen, nach der man sich wie folgt eine Übersicht über dessen Inhalt verschaffen kann:

Der erste Block (Kolosser 1, 1 – 14) stellt eine Einleitung des Briefes in drei Abschnitten dar: 1. Begrüßung (Kolosser 1, 1 – 2), 2. Danksagung des Apostels für die Gläubigen in Kolossä (Kolosser 1, 3 – 8) und 3. das Gebet des Paulus in diesem Brief – für die Gläubigen – (Kolosser 1, 8 – 14).

Ein zweiter großer Block (Kolosser 1, 15 – 29) erläutert in einem ersten Abschnitt die Person und in einem zweiten Abschnitt das Erlösungswerk des Herrn Jesus Christus. Dabei wird in Abschnitt 1 die Person Jesu Christi in Beziehung zu Gott dem Vater (Kolosser 1, 15), in Beziehung zu der gesamten Schöpfung (Kolosser 1, 15 – 17) und in Beziehung zu Seiner Versammlung (= Gemeinde) betrachtet. Abschnitt 2 geht auf das Erlösungswerk Christi ein und zwar wie es von den Kolossern in ihrem eigenen Leben erfahren (Kolosser 1, 21 – 23) und von dem Apostel Paulus verkündet wurde (Kolosser 1, 24 – 29).

Ein dritter Block (Kolosser 2, 1 – 23) setzt sich mit den menschlichen Philosophien und den Irrlehren auseinander, die versuchten, den Herrn Jesus Christus aus dem Lebenszentrum der Gläubigen zu verdrängen. Diesen Block können wir in drei Abschnitte aufteilen: Im ersten Abschnitt ruft der Apostel die Gläubigen dazu auf, in der Wahrheit über Jesus Christus fest zu verharren (Kolosser 2, 1 – 7). Dabei teilt Paulus den Gläubigen seine Besorgnisse (Kolosser 2, 1 – 5) mit und ermutigt sie (Kolosser 2, 6 – 7). In einem zweiten Abschnitt stellt der Apostel die wahre Lehre Jesu Christi (Kolosser 2, 8 – 15) den falschen Lehren der Menschen gegenüber (Kolosser 2, 16 – 23).

Ein vierter großer Block (Kolosser 3, 1Kolosser 4, 6) legt den Schwerpunkt auf das praktische Alltagsleben des Christen in vier Abschnitte unterteilt werden. Abschnitt 1 (Kolosser 3, 1 – 4) enthält die grundlegenden Prinzipien des christlichen Lebens, Abschnitt 2 (Kolosser 3, 5 – 17) beschreibt das Wachstum des Gläubigen, indem dieser Altes ablegt (Kolosser 3, 5 – 11) und den neuen (Lebens-)wandel in Christus Schritt für Schritt verwirklicht (Kolosser 3, 12 – 17). Abschnitt 3 geht auf die (ebenbfalls grundlegenden) Beziehung des Gläubigen ein (Kolosser 3, 18Kolosser 4, 1) ein und zeigt auf, wie diese Beziehungen zwischen a) Ehemännern und Ehefrauen (Kolosser 3, 18 – 19), Kindern und Eltern (Kolosser 3, 20 – 21) und Arbeitgebern und Arbeitnehmern (Kolosser 3, 22Kolosser 4, 1) gelebt werden sollen. Dabei beeindruckt die Ausgewogenheit, die Gott in diesen Beziehungen sehen möchte. Abschnitt 4 (Kolosser 4, 2 – 6) betont noch einmal die Bedeutung, die Gebet, Disziplin und Weisheit im Zusammenhang mit dem praktischen Alltagsleben des Christen haben.

Der fünfte und letzte Block (Kolosser 4, 7 – 18) enthält Mitteilungen über den Brief an sich (Kolosser 4, 7 – 9), Grüße der Mitarbeiter des Paulus an die Gläubigen in Kolossä (Kolosser 4, 10 – 14), Grüße an die Versammlung (= Gemeinde) in Laodizea (wo dieser Brief ebenfalls gelesen werden sollte), sowie Grüße an Einzelpersonen (Kolosser 4, 15 – 17)  und den persönlichen Gruß des Apostels (Kolosser 4, 18).

Christus in euch – die Hoffnung der Herrlichkeit (Kolosser 1, 27)

Als Textwort für den kommenden Sonntag ist Kolosser 1, 27 vorgesehen. Wir betrachten diesen Vers im Zusammenhang der Verse 24 – 29:

“Jetzt freue ich mich in den Leiden für euch und ergänze in meinem Fleisch das, was noch fehlt an den Drangsalen des Christus für seinen Leib, das ist die Versammlung, deren Diener ich geworden bin nach der Verwaltung Gottes, die mir in Bezug auf euch gegeben ist, um das Wort Gottes zu vollenden: das Geheimnis, das von den Zeitaltern und von den Geschlechtern her verborgen war, jetzt aber seinen Heiligen offenbart worden ist, denen Gott kundtun wollte, welches der Reichtum der Herrlichkeit dieses Geheimnisses ist unter den Nationen, das ist: Christus in euch, die Hoffnung der Herrlichkeit; den wir verkündigen, indem wir jeden Menschen ermahnen und jeden Menschen lehren in aller Weisheit, damit wir jeden Menschen vollkommen in Christus darstellen; wozu ich mich auch bemühe, indem ich kämpfend ringe gemäß seiner Wirksamkeit, die in mir wirkt in Kraft.“

(Kolosser 1, 24 – 29)

Wenn Paulus in diesen Versen davon spricht, dass er Leiden erfährt, die an den “Drangsalen Christi für seinen Leib“ noch fehlen, dannm dürfen wir hier nicht den Fehler machen und meinen, dass das Leiden und Sterben Christi am Kreuz von Golgatha für die Erlösung nicht ausreichend gewesen sei. Diesen blasphemischen Gedanken, der leider in gewissen Bereichen des Christentums Eingang gefunden hat, müssen wir weit von uns weisen. Der Herr Jesus Christus hat am Kreuz ein vollkommenes Werk vollbacht. Wie hätte Er sonst selbst sagen können: “Es ist vollbracht!“ (Johannes 19, 30)? Nein, wenn Paulus hier von den “Drangsalen Christi“ spricht, dass gebraucht er das griechische Wort “ θλίψις“ (“thlipsis“), ein Wort das nie für das erlösende Leiden und Sterben des Herrn gebraucht wird. Die Drangsale Christi, die Paulus hier anspricht, sind jene Drangsale, die Christus, der in den Gläubigen lebt (Kolosser 1, 27), mit den Gläubigen durchleidet. Erinnern wir uns an die Frage, die der Herr Paulus stellte, als dieser auf dem Weg nach Damaskus war, um dort Christen zu verfolgen:

“Und als er zur Erde fiel, hörte er eine Stimme, die zu ihm sprach: Saul, Saul, was verfolgst du mich?“

(Apostelgeschichte 9, 4)

Wenn Gläubige leiden müssen, leidet auch Christus, weil Er in den Gläubigen lebt. Nicht nur, aber besonders in den Leiden um unseres Glaubens willen, dürfen wir uns der tiefen Verbindung mit unserem Herrn Christus gewiss sein. Als Paulus an die Gläubigen in Kolossä schrieb, litt er auf zweifache Weise: Zum einen war er in Rom wegen seines Bekenntnis zu Jesus Christus inhaftiert, zum anderen litt er darunter, den Gläubigen in ihrer schwierigen Situation nicht persönlich “vor Ort“ beistehen zu können. Trotzdem war er sich sicher, dass auch dieses Leiden zum Guten, auch zum Guten der Kolosser, dienen musste.
Als treuer Haushalter Gottes hatte Paulus die ihm anvertraute Botschaft den Gläubigen übermittelt und ihnen “das Geheminis Gottes“ geoffenbart. In seinen Briefen spricht Paulus von acht verschiedenen Geheimnissen Gottes. Das griechische Wort “μυστήριον“ (“musterion“) bezeichnet ein Geheimnis, dessen Kenntnis man nur erlangt, wenn man dazu auf besondere Weise “eingeweiht“ wird. Dieses Verständnis hatten insbesondere die griechischen Mysterienkulte, die im Geheimen ihre Riten vollzogen und zu denen nur bestimmte “Auserwählte“ Zugang hatten. Im Gegensatz dazu sind die Geheimnisse Gottes durch die Verkündigung des Evangeliums vollständig geoffenbart worden. Hier geschieht nichts im Dunkeln, hier haben nicht nur begrenzte Eliten Zugang. Gottes Geheimnisse können von einem jeden empfangen und verstanden werden, der durch Jesus Christus zu Gott kommt. Eines dieser geoffenbarten Geheminisse Gottes erläutert Paulus in Kolosser 1, 26 – 27:

“In früheren Zeiten und für frühere Generationen war diese Botschaft ein Geheimnis, das Gott verborgen hielt; doch jetzt hat er es denen enthüllt, die zu seinem heiligen Volk gehören. Ihnen wollte er zu erkennen geben, welch wunderbaren Reichtum für die nichtjüdischen Völker dieses Geheimnis umschließt. Und wie lautet dieses Geheimnis? »Christus in euch – die Hoffnung auf Gottes Herrlichkeit!«

Dass Gott auch Menschen außerhalb des jüdischen Volkes in Seine Erlösung mit einschließen wollte, war bekannt (vgl. Jesaja 49, 6). Doch dass Er in ihnen wohnen wollte, wie Er in der Mitte des jüdischen Volkes gewohnt hatte, war eine neue Offenbarung. Gott handelte nun direkt mit jedem menschen, egal ob er aus dem Judentum stammte oder aus einer heidnischen Nation. Kein mensch musste mehr den “Umweg“ über das Judentum nehmen und die alttestamentarischen Gesetze halten, um in eine Lebensbeziehung zu Gott treten zu können. Hier erfüllte Gott, was Er bereits dem Propheten Hesekiel angekündigt hatte (Hesekiel 36, 27; Hesekiel 37, 14): durch den Heiligen Geist würden Menschen neues, ewiges Leben empfangen. Doch das geoffenbarte Geheimnis Gottes geht noch darüber hinaus: Menschen aus Juden und Heiden, die durch Jesus Christus Erlösung und neues Leben empfangen habe, würden zudem erleben, dass Christus Selbst in Ihnen Wohnung nimmt und in ihnen lebt. Diese untrennbare Einheit mit Christus, die der Gläubige als Folge von  Buße und Wiedergeburt (Apostelgeschichte 2, 38) erfährt, ist es, die  ihm die unumstößliche Gewissheit auf die ewige Zukunft in Gottes Gegenwart zu geben vermag. Ein Kommentator schrieb:

“Dieses Geheimnis war in der Tat ein neuer Gedanke, eine neue Wahrheit in jeder Hinsicht. Das bis dahin Bekannte war ein Messias, der unter den Juden geoffenbart werden sollte, die Entfaltung der Herrlichkeit in ihrer Mitte, woran die Heiden höchstens als dem Volke Gottes untergeordnete Wesen teilhaben sollten. Nach der Lehre von der Versammlung aber wohnt Christus unsichtbar in der Mitte derer aus den Nationen, und sogar in ihnen; und was die Herrlichkeit betrifft, so ist Er nur die Hoffnung derselben. Ein Christus, der in Herzen von Menschen wohnt, und zwar von solchen Menschen, die früher verworfen waren und außerhalb der Verheißungen standen, und der die Herzen mit Freude und Herrlichkeit erfüllt in dem Bewusstsein der Vereinigung mit Ihm – das war das wunderbare Geheimnis, das Gott zur Segnung der Nationen bereit hatte.“

Je mehr wir uns mit der herrlichen Person des Herrn Jesus Christus und Seinem Werk für uns beschäftigen, je mehr wir uns Seiner Gegenwart in uns bewusst werden, desto fester wird unsere Gewissheit. Desto größer wird auch unsere Freude an Ihm und auf die Ewigkeit in Seiner Gegenwart. Viele Dinge und Lehren wollen uns diesen Blick auf unseren Herrn verstellen und uns damit auch der Freude berauben, die wir von Ihm empfangen (Nehemia 8, 10). Wo immer wir in unserem Leben solche Tendenzen erkennen, sollten wir ihnen begegnen, indem wir mit noch größerem Fleiss unseren Herrn in Seinem Wort betend betrachten, Ihn in der Gemeinschaft der Gläubigen anbetend verherrlichen und Sein Evangelium dieser Welt verkündigen.

(Fußnoten, Korrekturen und Verlinkungen folgen später).

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Eine Antwort zu Christus in euch (Kolosser 1, 27)

  1. rehde schreibt:

    zusammengefasst sehe ich für mich:
    Christus IN uns
    Das Opfer Jesus Christus ist ausreichend gewesen für unsere Erloesung (es ist vollbracht).
    Jedoch: Christus leidet mit unseren Drangsalen weiter, weil er in uns lebt, so dass uns die unumstößliche Gewissheit auf die ewige Zukunft in Gottes Gegenwart“sicher“ ist.

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