Kurze Anmerkungen zu Johannes 1, 44 – 51


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 Kurze Anmerkungen zu Johannes 1, 44 – 51

Das Textwort für den heutigen Mittwoch ist dem 1. Kapitel des  Johannesevangeliums entnommen. Um es besser zu verstehen, wollen wir es in seinem Kontext betrachten und lesen daher Johannes 1, 44 – 51:

“Philippus aber war von Bethsaida, aus der Stadt des Andreas und Petrus.  Philippus findet den Nathanael und spricht zu ihm: Wir haben den gefunden, von welchem Moses in dem Gesetz geschrieben und die Propheten, Jesum, den Sohn des Joseph, den von Nazareth.  Und Nathanael sprach zu ihm: Kann aus Nazareth etwas Gutes kommen?  Philippus spricht zu ihm: Komm und sieh!  Jesus sah den Nathanael zu sich kommen und spricht von ihm: Siehe, wahrhaftig ein Israelit, in welchem kein Trug ist.  Nathanael spricht zu ihm: Woher kennst du mich? Jesus antwortete und sprach zu ihm: Ehe Philippus dich rief, als du unter dem Feigenbaum warst, sah ich dich.  Nathanael antwortete und sprach zu ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels.  Jesus antwortete und sprach zu ihm: Weil ich dir sagte: Ich sah dich unter dem Feigenbaum, glaubst du? Du wirst Größeres als dieses sehen. Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Von nun an werdet ihr den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.“

Worum es geht

Natürlich kann man aus Vers 48 ableiten, dass kein Mensch bei Gott unbekannt ist. Doch im Kontext betrachtet wird deutlich, dass es darum hier gar nicht geht. Wollte man den Gedanken betonen, dass kein Mensch von Gott übersehen bzw. bei Ihm unbekannt ist, dann bieten sich ganz andere biblische Texte an, z.B. die Geschichte Hagars in 1. Mose 16, 1 – 14. Dort wird uns auf eindrückliche Weise beschrieben, wie Hagar in ihrer Not erlebt, dass Gott sie sieht (d.h. dass ihr Schicksal Gott nicht unbekannt ist) und wie Gott ihr Hilfe zuteil werden lässt. Darum bezeugt sie:

“Und sie nannte den Namen des HERRN, der mit ihr redete: Du bist «der Gott, der mich sieht»!“

(1. Mose 16, 13a)

Um den Gedanken zu betonen, dass Gott jeden Menschen kennt und sieht, hätte sich auch die Geschichte des Zachäus angeboten, die wir in Lukas 19, 1 – 11 finden. Diese Begebenheit macht uns deutlich, dass, wo immer ein Mensch begehrt, Gott zu “sehen“, Gott selbst sich auf den Weg zu diesem Menschen macht, um ihm zu begegnen (vgl. das “muss“ in Lukas 19, 5).
In Johannes 1, 44 – 51 steht jedoch ein ganz anderer Gedanke im Vordergrund. Das wird aus den Worten des Herrn Jesus Christus deutlich:

“Jesus antwortete und sprach zu ihm: Du glaubst, weil ich dir sagte, daß ich dich unter dem Feigenbaum sah! Du wirst Größeres sehen als das! Und er spricht zu ihm: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, von nun an werdet ihr den Himmel offen sehen und die Engel Gottes auf und niedersteigen auf des Menschen Sohn!

(Johannes 1, 50 – 51)

Größeres sehen

Erinnern wir uns: Als Philippus zu Nathanael kommt und ihm mitteilt, dass sie den Messias, Jesus aus Nazareth, gefunden hätten, ist Nathanael zuerst sehr skeptisch. Nathanael kannte Nazareth, kam er doch aus der Nachbarstadt Kana (Johannes 22, 2). Diese Stadt Nazareth war so unbedeutend, dass sie nirgendwo im Alten Testament oder im Talmud erwähnt wurde. Neuere archäologische Funde legen nahe, dass Nazareth zur Zeit Jesu zwischen 200 und 500 Bewohner hatte (Klick!). Und so fragte sich Nathanael zu Recht, ob es wahr sein könnte, dass der Messias Gottes aus solch‘ einem “Provinznest“ käme. Philippus geht auf diese Frage nicht weiter ein, sondern fordert Nathanael heraus: “Komm und sieh!“ – “Mach‘ Dir selbst ein Bild von der Sache!“ (Johannes 1, 46). Erlösung setzt nach christlichem Verständnis immer die Begegnung des Menschen mit dem Erlöser selbst voraus. Kein Mensch kann für einen anderen glauben, kein Mensch kann für einen anderen  Erlösung in Anspruch nehmen oder für einen anderen Erlösung erwirken:

Keineswegs vermag jemand seinen Bruder zu erlösen, nicht kann er Gott sein Lösegeld  geben. Denn kostbar ist die Erlösung ihrer Seele, und er muß davon abstehen auf ewig.“

(Psalm 49, 8 – 9)

Nur in der persönlichen Begegnung mit dem Erlöser wird Erlösung möglich (vgl. Lukas 19, 9; 1. Timotheus 2, 5 u.a.m.). Darum ist die Einladung, dem Evangelium zu glauben, keine Einladung dazu, den “Verstand an der Kirchentür abzugeben“. Ganz im Gegenteil. Die Einladung, dem Evangelium zu vertrauen, beinhaltet immer auch die Einladung, die Botschaft Jesu und den Anspruch, den Er erhebt, sorgfältig zu prüfen. Viele, die diese Einladung angenommen haben, sind – wie Nathanael – zu dem Schluß gekommen, dass Jesus Christus, der Sohn Gottes und Erlöser der Welt ist:

“Nathanael antwortete und sprach zu ihm: Rabbi, du bist der Sohn Gottes, du bist der König Israels.“

(Johannes 1, 49)

Und wie Nathanael haben auch diese Menschen überrascht festgestellt, dass nicht sie den ersten Schritt auf Gott zu gemacht haben, sondern dass Gott sie schon lange zuvor „im Blick“ hatte.

Doch so erfüllend und begeisternd die Begegnung mit dem Erlöser und die Erfahrung der Erlösung selbst ist, ist sie doch nur der Beginn des Glaubenslebens. An diesem Anfang sollen wir nicht für immer stehen bleiben.
Wie ich bereits an anderer Stelle erläutert habe, sind die vier Evangelien im Blick auf verschiedene Empfänger, verschiedene Zielgruppen, geschrieben worden (vgl. Klick!). Der Leserkreis, an den sich der Apostel Johannes wendet, ist die erst gerade entstandene christliche Versammlung (= Kirche/Gemeinde). Es sind also die Gläubigen, die Johannes durch das, was er schreibt, unterweisen möchte. Er möchte, dass die Gläubigen verstehen, dass das neue Leben aus und mit Gott weit mehr umfasst. Darum erwähnt Johannes – im Gegensatz zu den anderen Evangelisten, diese Begegnung des Herrn Jesus mit Nathanael. Darum zitiert er die Worte Jesu an Nathanael so genau und gibt sich nicht mit einem allgemeinen Hinweis auf dieses Gespräch zufrieden. Gläubige sollen erkennen, dass sie nicht am Anfangspunkt ihres Glaubens, so wichtig dieser auch ist, stehen bleiben können. Es ist Gottes Wunsch, Seinen Kindern “Größeres“ zu zeigen. Auf diese Weise sollen sie Ihn immer besser kennenlernen und als Folge davon – Ihm immer mehr vertrauen können. Johannes bringt diesen Wunsch Gottes auch gegen Ende seines Evangeliums klar zum Ausdruck:

“Auch viele andere Zeichen hat nun zwar Jesus vor seinen Jüngern getan, die nicht in diesem Buche geschrieben sind.  Diese aber sind geschrieben, auf daß ihr glaubet, daß Jesus der Christus ist, der Sohn Gottes, und auf daß ihr glaubend Leben habet in seinem Namen.“

(Johannes 20, 30 – 31)

Größeres sehen, das ganz Große sehen

Der Gott, an den Christen glauben, unterscheidet sich damit deutlich von dem “Gott“, an den agnostischer Deisten glauben. Im Gegensatz zum “Gott“ des agnostischen Deismus, beginnt der Gott, den uns die Heilige Schrift des Alten und des Neuen Testaments vorstellt, nicht nur eine Sache und überlässt sie dann sich selbst. Der Gott der Bibel begleitet jedes Seiner Werke bis zu ihrer Vollendung. Er begleitet auch jeden an Ihn Glaubenden bei jedem Schritt auf seinem Lebensweg. Im Gegensatz zum “Gott“ des agnostischen Deismus lässt der Gott der Bibel uns über Sein Wesen und über Seinen Willen nicht in Unkenntnis. Indem Er uns Schritt für Schritt und Tag für Tag begleitet, schenkt Er uns die Möglichkeit, Ihn immer besser kennenzulernen, Seine Pläne und Seinen Willen besser zu verstehen. Er schenkt uns das Privileg, Seine Gedanken “nachzudenken“, wenn wir Sein Wort lesen. Die so entstehenden Vertrautheit zwischen dem Gläubigen und Gott, ist die Basis für eine fortwährende Offenbarung Gottes. Gottes Wunsch ist es, dass der Gläubige, wenn Er eines Tages Gott von Angesicht zu Angesicht sehen wird, keinem “unbekannten Gott“ begegnet.

Die Verheißung, dass die Gläubigen “Größeres als dies“ sehen sollen, leitet der Herr Jesus Christus mit den Worten “Αμην, αμην λεγω υμιν“ (“amen amen lego humin“) ein. Diese Formulierung, die wir auch mit “Ich sage euch die Wahrheit ….“ übersetzen können,  wird im Johannesevangelium an 25 Stellen benutzt und zwar immer dann, wenn der Herr Jesus eine besonders wichtige Aussage zusätzlich betonen möchte. Wir sollen also unsere ganze Aufmerksamkeit auf die nun folgende Aussage richten:

“Von nun an werdet ihr den Himmel geöffnet sehen und die Engel Gottes auf- und niedersteigen auf den Sohn des Menschen.“

(Johannes 1, 51)

Der Herr Jesus Christus greift in Seiner Verheißung auf  das Bild jenes Traumes zurück, den Gott viele Jahrhunderte zuvor Jakob, dem Stammvater Israels, geschenkt hatte, um ihm die kommende Erlösungs anzukündigen (vgl. 1. Mose 28, 1 – 19). Und Er macht deutlich, dass die Zeit der Erfüllung nun gekommen sei. Dies geschieht nur wenige Jahre später am Kreuz von Golgatha. Durch Sein Opfer schafft der Sohn Gottes aufs Neue die Möglichkeit einer ewigen Beziehung zwischen Gott und dem Menschen, wie Gott sie Jakob im Symbol der “Himmelsleiter“ angekündigt hatte. In Ihm, dem Sohn Gottes, erhält der Israelit Nathanael und mit ihm alle Menschen die Möglichkeit des Zugang zur Gnade Gottes und damit Zugang zu Gott Selbst. Während uns Johannes 1, 51 dieses Geschehen als zukünftig schildert, weil die Begegnung zwischen dem Herrn und Nathanael vor dem Kreuz stattfindet, erläutert uns der Hebräerbrief die Auswirkungen der Tat Jesu:

“Da wir nun einen großen Hohenpriester haben, der durch die Himmel gegangen ist, Jesum, den Sohn Gottes, so laßt uns das Bekenntnis festhalten;  denn wir haben nicht einen Hohenpriester, der nicht Mitleid zu haben vermag mit unseren Schwachheiten, sondern der in allem versucht worden ist in gleicher Weise wie wir, ausgenommen die Sünde. Laßt uns nun mit Freimütigkeit hinzutreten zu dem Thron der Gnade, auf daß wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden zur rechtzeitigen Hilfe.“

(Hebräer 4, 14 – 16)

Bei allem Großen, das sterbliche Menschen mit Gott erleben können und dürfen, ist dies das Größte, das größte Geschenk, das Gott dem Glaubenden macht: Jedem Menschen, der die Erlösung in Jesus Christus annimmt, wird durch das Opfer Jesu der direkte Zugang in die Gegenwart Gottes, zum Thron der Gnade, gewährt! Größeres kann es auf dieser Erde nicht geben. Mit Freimütigkeit dürfen die Gläubigen zu diesem Thron der Gnade hinzutreten. Denn dieser Thron ist kein Thron des Gerichts (vgl. im Gegensatz dazu: Offenbarung  20, 11 – 15), sondern ein  Thron der Gnade, an dem Gläubige Gnade für alle ihre Bedürfnisse empfangen können. Darum müssen wir auch nicht erst besonders “gut“ oder “besonders heilig“ werden, ehe wir in die Gegenwart Gottes eintreten dürfen. Wir müssen auch nicht erst alle unsere Probleme oder Schwächen überwinden, im Gegenteil: wir dürfen in aller unserer Schwachheit zu Ihm kommen – um neue Gnade zu empfangen.  Denn nicht durch unsere Werke, unsere Anstrengungen, ein “heiliges Leben“ zu führen, sondern allein durch das Opfer Jesu, ist uns dieser Zugang ermöglicht worden. In dem Moment, als unser Herr am Kreuz das Werk der Erlösung vollbrachte, riss der Vorhang, der im Tempel den Zugang der Menschen in Gottes Gegenwart bisher unterbunden hatte (2. Mose 26, 31 – 33), entzwei (Lukas 23, 45). Gott Selbst hatte alle Türen weit aufgestoßen – und Er hat sie seitdem nie wieder geschlossen.
Sind Sie sich dieses größten Vorrechts, des direkten Zugangs zu Gott, bewusst? Nehmen Sie dieses Vorrecht so oft wie möglich in Anspruch? Bedenken Sie: Niemand, nichts und niemand,  kann Sie daran hindern. Worauf warten Sie also noch?

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