Glaube – Kraftquelle der Liebe (Galater 5, 6)


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Gesetz oder Gnade?

Das eine große Thema des Galaterbriefes ist die Frage, welche Stellung der Christ zum jüdischen Gesetz, wie es im Alten Testament überliefert ist, einzunehmen hat. Gründet sich die Gerechtigkeit des Christen, also seine Beziehung zu Gott, auf den Glauben an Jesus Christus oder auf Gesetzeswerke? Anders ausgedrückt: Wird der Mensch durch den Glauben an Jesus Christus erlöst oder dadurch, dass er “gute Werke“ tut? Der Apostel Paulus hatte diese Frage bereits in seinem Brief an die Christen in Rom eindeutig beantwortet. In Römer 3, 21 – 31 erklärt er:

“Doch jetzt hat Gott – unabhängig vom Gesetz, aber in Übereinstimmung mit den Aussagen des Gesetzes und der Propheten – seine Gerechtigkeit sichtbar werden lassen. Es ist eine Gerechtigkeit, deren Grundlage der Glaube an Jesus Christus ist und die allen zugute kommt, die glauben. Dabei macht es keinen Unterschied, ob jemand Jude oder Nichtjude ist, denn alle haben gesündigt, und in ihrem Leben kommt Gottes Herrlichkeit nicht mehr zum Ausdruck, und dass sie für gerecht erklärt werden, beruht auf seiner Gnade. Es ist sein freies Geschenk aufgrund der Erlösung durch Jesus Christus. Ihn hat Gott vor den Augen aller Welt zum Sühneopfer für unsere Schuld gemacht. Durch sein Blut, das er vergossen hat, ist die Sühne geschehen, und durch den Glauben kommt sie uns zugute. Damit hat Gott unter Beweis gestellt, dass er gerecht gehandelt hatte, als er die bis dahin begangenen Verfehlungen der Menschen ungestraft ließ. Wenn er Nachsicht übte, geschah das im Hinblick auf das Sühneopfer Jesu. Durch dieses hat er jetzt, in unserer Zeit, seine Gerechtigkeit unter Beweis gestellt; er hat gezeigt, dass er gerecht ist, wenn er den für gerecht erklärt, der sein ganzes Vertrauen auf Jesus setzt.  Hat da noch irgendjemand einen Grund, auf etwas stolz zu sein? Nein, das ist jetzt ausgeschlossen. Folgt das etwa aus dem Gesetz? Sofern das Gesetz zu bestimmten Leistungen auffordert: nein; sofern das Gesetz jedoch zum Glauben auffordert: ja. Denn wir gehen davon aus, dass man aufgrund des Glaubens für gerecht erklärt wird und nicht, weil man bestimmte Gesetzesvorschriften einhält. Oder ist Gott etwa nur der Gott der Juden? Ist er nicht ebenso auch der Gott aller anderen Menschen? Natürlich ist er das, so wahr es nur einen Gott gibt – den Gott, der auf ein und derselben Grundlage des Glaubens Beschnittene und Unbeschnittene für gerecht erklärt. Setzen wir nun dadurch, dass wir alles vom Glauben abhängig machen, das Gesetz außer Kraft? Keineswegs! Das Gegenteil ist der Fall: Wir bringen das Gesetz dadurch erst richtig zur Geltung.“¹

In die richtige Beziehung zu Gott kommen wir nicht durch Werke – und seien sie noch so gut! -, sondern allein dadurch, dass wir unser Vertrauen auf das Opfer Jesus Christi setzen und dieses für uns ganz persönlich im Glauben annehmen. Wie sollten unsere menschlichen Werke auch jemals ausreichen, um den Ansprüchen eines absolut heiligen Gottes zu genügen? Nein, auf diesem Wege könnten wir niemals “Frieden mit Gott“ (Römer 5, 1) empfangen, denn selbst unsere edelsten Werke sind durch unser von Gott getrenntes Leben beeinträchtigt, ja verunreinigt.  Schon der Prophet Jesaja hatte das erkannt und mit klaren Worten zum Ausdruck gebracht:

“Wir alle sind wie ein Unreiner geworden und all unsere Gerechtigkeiten wie ein beflecktes Kleid. Wir alle sind verwelkt, wie das Laub welkt, und unsere Sünden trugen uns davon wie der Wind.“

(Jesaja 64, 5/6)²

In diese dunkle, verfahrene Situation des Menschen, der sich aus eigener Kraft nicht retten kann (auch nicht durch das Halten des Gesetzes), bricht der helle Schein des Evangeliums Jesu Christi, das uns verkündet: Du kannst aus Gnade erlöst werden und das geschieht, wenn Du an den Sohn Gottes und Sein Werk auf Golgatha glaubst (Römer 3, 21 ff.)!

Dieses befreiende Evangelium hatte Paulus, ein gesetzestreuer Jude, an sich selbst erfahren:

“Die wirklich Beschnittenen sind wir, denn wir dienen Gott unter der Leitung seines Geistes und vertrauen nicht auf unsere Vorrechte und auf eigene Leistungen, sondern auf Jesus Christus; er ist unser ganzer Stolz. Dabei hätte gerade ich allen Grund, mich auf Vorrechte und Leistungen zu verlassen. Wenn andere meinen, sie könnten auf solche Dinge bauen – ich könnte es noch viel mehr: Ich wurde, ´wie es das Gesetz des Mose vorschreibt,` acht Tage nach meiner Geburt beschnitten. Ich bin meiner Herkunft nach ein Israelit, ein Angehöriger des Stammes Benjamin, ein Hebräer mit rein hebräischen Vorfahren. Meine Treue zum Gesetz zeigte sich darin, dass ich zu den Pharisäern gehörte, und in meinem Eifer, ´für das Gesetz zu kämpfen,` ging ich so weit, dass ich die Gemeinde verfolgte. Ja, was die vom Gesetz geforderte Gerechtigkeit betrifft, war mein Verhalten tadellos. Doch genau die Dinge, die ich damals für einen Gewinn hielt, haben mir – wenn ich es von Christus her ansehe – nichts als Verlust gebracht. Mehr noch: Jesus Christus, meinen Herrn, zu kennen ist etwas so unüberbietbar Großes, dass ich, wenn ich mich auf irgendetwas anderes verlassen würde, nur verlieren könnte. Seinetwegen habe ich allem, was mir früher ein Gewinn zu sein schien, den Rücken gekehrt; es ist in meinen Augen nichts anderes als Müll. Denn der Gewinn, nach dem ich strebe, ist Christus; es ist mein tiefster Wunsch, mit ihm verbunden zu sein. Darum will ich nichts mehr wissen von jener Gerechtigkeit, die sich auf das Gesetz gründet und die ich mir durch eigene Leistungen erwerbe. Vielmehr geht es mir um die Gerechtigkeit, die uns durch den Glauben an Christus geschenkt wird – die Gerechtigkeit, die von Gott kommt und deren Grundlage der Glaube ist.“  

(Philipper 3, 3 – 9)¹

Aus den Berichten der Apostelgeschichte und aus den Briefen des Paulus wissen wir, dass er genau dieses befreiende Evangelium verkündet hat, auch in der römischen Provinz Galatien. Dort waren durch seinen Dienst (wahrscheinlich im Rahmen seiner ersten Missionsreise, also ca. 46 – 49 n. Chr.) Menschen zum Glauben an Jesus Christus gekommen, hatten sich Versammlungen (= Gemeinden) gebildet, war geistliches Leben entstanden.

Das falsche Evangelium: “Jesus und …

Doch schon wenige Jahre später (ca. 48/49 n. Chr.) muss Paulus den Christen in Galatien einen sehr ernsten Brief senden. Was war geschehen? “Gesetzeslehrer“ waren unter ihnen aufgetreten, die sie von dem Evangelium, das Paulus ihnen verkündet hatte, abbringen wollten. Diese “Gesetzeslehrer“ leugneten nicht den Herrn Jesus Christus und Sein Werk. Aber sie lehrten, dass der Glaube an den Sohn Gottes allein nicht ausreiche, um Erlösung zu erfahren und um in eine Lebensbeziehung zu Gott zu kommen. Neben dem Glauben an Jesus Christus, so betonten sie, müsse der aus dem Heidentum stammende Gläubige auch noch zusätzlich die mosaischen Gesetze einhalten. Nur dadurch, dass ein Nichtjude, erst durch die Beschneidung zu Judentum konvertiere, die mosaischen Gebote einhalte und dann auch an Jesus Christus glaube, könne Erlösung geschehen. Jesus Christus, der Heiland der Welt, so behaupteten sie, sei nicht genug. Das “Evangelium“, das sie verbreiteten, war ein “Jesus und das Gesetz – Evangelium“ und darum, wie Paulus in Galater 1, 6 – 9 betont, ein “anderes“, ein falsches Evangelium:

“Mich wundert, daß ihr so schnell übergehet von dem, der euch durch Christi Gnade berufen hat, zu einem anderen Evangelium, so es doch kein anderes gibt; nur sind etliche da, die euch verwirren und das Evangelium Christi verdrehen wollen. Aber wenn auch wir oder ein Engel vom Himmel euch etwas anderes als Evangelium predigen würde außer dem, was wir euch verkündigt haben, der sei verflucht! Wie wir zuvor gesagt haben, so sage ich auch jetzt wiederum: Wenn jemand euch etwas anderes als Evangelium predigt außer dem, das ihr empfangen habt, der sei verflucht!“

In keinem anderen Brief findet Paulus so drastische Worte, wie hier im Galaterbrief. Jeder Leser musste merken: Hier geht es um die Grundfesten des christlichen Glaubens. Viele Jahrhunderte nach ihrer Abfassung trafen diese Zeilen des Paulus das Herz des späteren Reformators Martin Luther. Zusammen mit der Lehre über die Rechtfertigung, die Paulus im Römerbrief niedergelegt hatte, wurden sie zu dem entscheidenden Anstoß für ihn, seine Hoffnung nicht mehr auf Ablassbriefe, Reliquien oder “gute Werke“, sondern allein auf Jesus Christus zu setzen. Die Reformation hat die Aussage des Apostels in einem der fünf “Solas“ zusammengefasst:

1. Sola gratia – Allein aus Gnade

2. Sola fide – Allein aus Glaube

3. Solus Christus – Allein Christus

4. Sola Scriptura – Allein die Heilige Schrift

5. Soli Deo gloria – Allein Gott die Ehre

Glaube, der durch Liebe tätig wird

Warum ist das Beharren, ja das Verteidigen, dieser grundlegenden Aussage des Evangeliums so wichtig? Zum einen natürlich, weil sich an dieser Frage das Heil des Menschen entscheidet. Außerhalb von Jesus Christus gibt es kein Heil (Johannes 14, 6; Johannes 11, 25; Johannes 10, 9). Wer ein “Jesus und-Evangelium“ verkündet, führt den Menschen vom rettenden Glauben weg auf einen Irrweg. Aber auch für den Gläubigen ist die Lehre, er könne allein durch Christus nicht erlöst werden, sondern bedürfe noch zusätzlicher Werke, gefährlich. Denn diese Lehre hat schwerwiegende Auswirkungen auf seine Lebensführung: Wer meint, zur Erlösung mehr als den Glauben an das vollbrachte Opfer Jesu Christi zu benötigen, der wird alles tun, um diese zusätzlichen Werke zu vollbringen. Der Einsatz seiner Kraft wird konsequent auf dieses „und“ des falschen Evangeliums fokussiert sein: “Jesus Christus und gute Werke“, “Jesus Christus und die Verehrung von Maria“, “Jesus Christus und meine allein seligmachende Kirchenzugehörigkeit“, “Jesus Christus und der Prophet XYZ“, “Jesus Christus und mein persönlicher Frömmigkeitsstil“, “Jesus Christus und mein christlicher Dienst“, “Jesus Christus und ….“ – die Möglichkeiten des falschen Evangeliums sind unzählbar. Doch all‘ das kanalisiert die Kraft des Gläubigen in eine völlig falsche Richtung. Wer meint, er bedürfe zur Erlösung mehr als den Glauben an Jesus Christus und Sein Opfer, der wird zu einem geistlichen Egozentriker, denn er wird sich primär darauf konzentrieren, das zu tun, was seiner Meinung nach zu seinem Heil noch notwendig ist. Selbst das, was er für andere, für seine Mitgläubigen oder Mitmenschen tut, wird er tun, weil er meint, dies könne sich positiv auf seine Beziehung zu Gott auswirken. Was für eine subtile Verführung! Was für ein falsches Evangelium!
Der Gläubige hingegen, der sein Vertrauen ganz auf Jesus Christus und Sein Opfer setzt, wird befreit leben und handeln können. Wer sich in Jesus Christus erlöst und geborgen weiß, der wird damit auch fähig werden, von sich weg zu seinem Nächsten zu schauen.  Der Gläubige, der im Werk des Erlösers zur Ruhe gekommen ist (Hebräer 4, 3a) kann die ganze Kraft, die er durch den Glauben an Christus empfängt (Römer 5, 5) dazu einsetzen, anderen Menschen in Liebe zu dienen. Sein Dienst am Nächsten wird nicht aus der Sorge geschehen, dass er vor Gott besser da stehen möchte. Sein Dienst am Nächsten wird ein Ausfluss der Liebe des Christus zum Nächsten sein und gleichzeitig auch der Ausdruck seiner Liebe zu Christus:

“Denn die Liebe des Christus drängt uns, indem wir also geurteilt haben, daß einer für alle gestorben ist und somit alle gestorben sind.  Und er ist für alle gestorben, auf daß die, welche leben, nicht mehr sich selbst leben, sondern dem, der für sie gestorben ist und ist auferweckt worden.

(2. Korinther 5, 14)

“(…) wieviel mehr wird das Blut Christi, der durch ewigen Geist sich selbst als ein tadelloses Opfer Gott dargebracht hat, unser Gewissen reinigen von toten Werken, zu dienen dem lebendigen Gott (…)“

(Hebräer 9, 14)

Wenn Paulus in Galater 5, 6 sagt, dass “in Christus Jesus weder Beschneidung noch Unbeschnittensein etwas gilt, sondern der Glaube, der durch die Liebe tätig ist“, dann sieht er hier die Liebe nicht als Zusatzwerk zur Erlösung die durch Glauben geschieht, sondern als Ausfluss dieses vom Gesetz befreiten Glaubens.  Die Christen in der Provinz Galatien hatten sich durch die genannten Irrlehrer von dem Evangelium Jesu Christi abbringen lassen. Ihnen musste Paulus sagen:

“Ihr kamt so gut voran! Wer hat euch nur davon abgebracht, weiterhin der Wahrheit zu folgen?“¹

(Galater 5, 7)

Seien wir auf der Hut, dass wir den Fehler der Galater nicht wiederholen. Irrlehrer hat es in jedem Jahrhundert der christlichen Geschichte gegeben und auch in Zukunft werden wir nicht von ihnen verschont sein.  Immer war und ist es ihr Ziel, Menschen von dem befreienden Evangelium Jesu Christi weg zu führen und sie zu Sklaven einer besonderen Lehre, einer besonderen Gemeinschaft oder eines besonderen “Lehrers“ zu machen. Diesen Angriffen müssen wir klar widerstehen. Denn nur der “ein für allemal den Heiligen überlieferte Glaube“ (Judas 23) an das befreiende Evangelium Jesu Christi schenkt uns die Kraft, in Liebe unserem Nächsten zu dienen und so einer von Gott losgelösten Welt in Wort und Tat ihren Erlöser zu verkündigen. Nichts anderes ist unser Auftrag.

Fußnoten:
¹= zitiert nach der Neuen Genfer Übersetzung
²= zitiert nach der Lutherübersetzung 1984

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