„… als er mit uns redete auf dem Weg …“ (Lukas 24, 30 – 32)


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Jerusalem Dome of the rock BW 14

Jerusalem/Felsendom * Foto: By Berthold Werner (Own work) [Public domain], via Wikimedia Commons

Mit Vollgas in die falsche Richtung

In 1. Mose 46, 1 ff. findet sich eine interessante Begebenheit: Nachdem sich Joseph und seine Brüder durch ein Wunder wieder versöhnt hatten, lud Joseph seine Familie ein, zu ihm nach Ägypten zu kommen. Auch Jakob zieht aus Kanaan fort, um sich im Nildelta niederzulassen. Wer seine Bibel kennt, der fragt sich an dieser Stelle verwundert, warum Jakob nach Ägypten geht, obwohl ihm und seinen Nachfahren doch Kanaan als ewiger Erbbesitz von Gott verheißen wurde. Bedeutet das nicht, dass Jakob “mit Vollgas in die falsche Richtung fährt“? Beschäftigt man sich intensiver mit dieser Begebenheit, so wird deutlich, dass Gott die Israeliten den Umweg über Ägypten führen musste, weil sie seine Worte, insbesondere seine Gebote, sich nicht mit den Kanaanitern zu vermischen, nicht ernst genommen hatten. Obwohl sich die Israeliten so auf direktem Weg von dem ihnen verheißenen Land wegbewegen, sagt Gott ihnen zu, dass Er sie begleiten wird (1. Mose 46, 4).

Fast zweitausend Jahre nach Jakob befinden sich zwei Jünger ebenfalls “mit Vollgas“ auf einem Weg, der in die falsche Richtung führt. Wir kennen nur den Namen eines dieser Jünger: Kleophas. Er und ein zweiter, ungenannter Jünger mussten miterleben, wie ihr Herr und Meister, von dem sie glaubten, er sei der verheißene Messias, von den jüdischen Autoritäten an die Römer ausgeliefert und von diesen mittels eines Kreuzes hingerichtet wurde. Am dritten Tag nach diesen Geschehnissen befinden sie sich auf einem Weg, der von Jerusalem weg nach Emmaus führt (Lukas 24, 13 – 35).

Die beiden Jünger sind aufgewühlt. Indem sie gemeinsam über das Erlebte sprechen, versuchen sie Ordnung in ihre Gedanken zu bekommen. Plötzlich – wie aus dem Nichts – tritt ein Wanderer an ihre Seite. Doch ihre Augen sind gehalten, sie erkennen ihren Herrn nicht. Es wird uns nicht gesagt, was ihre Augen „gehalten“ hat. Erkannten sie den Herrn nicht, weil Er es nicht zuließ? Oder waren sie einfach so intensiv mit ihren eigenen Angelegenheiten beschäftigt, dass sie Ihn nicht erkannten? Beides ist möglich. Als der Wanderer sich in ihr Gespräch einmischt und sich danach erkundigt, was denn der Gegenstand ihrer Unterredung sei, da antworten sie sofort. Ihre Gedanken sind so angefüllt mit ihren quälenden Fragen und ihrer Trauer, dass beide Männer die einfachsten Höflichkeitsfloskeln übergehen. Sie begrüßen den Wanderer nicht. Sie fragen weder nach seinem Namen, noch nach seinem Reiseziel. Voller Unverständnis fragt Kleophas den Unbekannten: “Bist du der Einzige unter den Fremden in Jerusalem, der nicht weiß, was in diesen Tagen dort geschehen ist?“  Wir können uns seine innere Erregung hinter dieser Frage vorstellen. Dann erzählt er dem „ahnungslosen Wanderer“, was dieser in den letzten drei Tagen verpasst hat. Seine Ausführungen verraten viel von dem, was die beiden Jünger auf ihrem Weg beschäftigte. Kleophas sagt:

“Wir aber hofften, er sei es, der Israel erlösen werde. Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.“

(Lukas 24, 21)

Ganz offensichtlich hatten er und sein Begleiter geglaubt, dass sich in Jesus von Nazareth die messianischen Prophetien des Alten Testaments erfüllt hätten. Aber so ganz sicher waren sie sich jetzt nicht mehr. Auch hatten sie wohl eine Ahnung, dass da irgendetwas Besonderes an einem “dritten Tag“ geschehen sollte, aber  auch hier gilt für sie: “Nichts Genaues weiß man nicht.“

Ein träges Herz oder ein bewegendes Herz

Kleophas schildert dann die Begebenheiten des Auferstehungsmorgens. Aus seiner Schilderung wird deutlich, dass er nichts, aber auch gar nichts von dem, was da geschehen ist, verstanden hat. Nun beginnt der Unbekannte Kleophas und seinen Mitjünger zurecht zu weisen:

“O ihr Toren, zu trägen Herzens, all dem zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht Christus dies erleiden und in seine Herrlichkeit eingehen? Und er fing an bei Mose und allen Propheten und legte ihnen aus, was in der ganzen Schrift von ihm gesagt war.“

(Lukas 24, 25 – 27)

Ein “träges Herz“ ist ein Herz, das inaktiv ist, untätig, es hat wenig Energie, ist langsam, vielleicht sogar faul. Das Gegenteil von einem “trägen Herzen“ ist das “bewegende Herz“. Wir finden ein solches Herz bei Maria. Als die Hirten kurz nach der Geburt des Kindes bei Maria und Joseph eintreffen und ihnen von der Erscheinung der Engel und deren Botschaft berichten, da schaltete Marias Herz nicht kurz darauf wieder in den “Alltagsmodus“. Nein, von ihr erfahren wir in Lukas 2, 19:

“Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen.“

Dass Maria so handelte, war keine Sache des Augenblicks. Nein, es war der Ausdruck eines Herzens voller Ehrfurcht vor Gott. Diese Ehrfurcht vor dem, was Gott sagte und tat, prägte, wie wir noch sehen werden, ihr Leben.

Maria verstand nicht gleich, was das Reden Gottes bzw. das Handeln Gottes in ihrem Leben zu bedeuten hatte. Aber sie “bewegte“ diese Dinge in ihrem Herzen. Das griechische Wort, das hier im Text für “bewegen“ benutzt wird, ist “sumballo“ (grch. „συμβάλλω“). Es kann mit  “nachdenken“, “nachsinnen“, “verbinden“, “kombinieren“, “erwägen“, “sich besprechen, sich beratschlagen“, “(sorgfältig) prüfen“ übersetzt werden.
Alle diese Worte deuten auf einen andauernden Prozess hin, der sich in Marias Herzen vollzog. Wir können sicher sein, dass sie nicht nur bei dieser einen Gelegenheit das Gehörte bzw. Erlebte in ihrem Herzen “bewegte“.

Die Voraussetzung dafür, dass ein Herz  die Dinge Gottes in sich “bewegen“ kann, ist, dass es diese Dinge überhaupt in sich “behält“ bzw. „bewahrt“. In Lukas 2, 19 heißt es darum auch zuerst, dass Maria “alle diese Worte in ihrem Herzen behielt“ und dann, dass sie diese Worte auch “bewegte“. Auf diese wichtige Voraussetzung werden wir auch in Lukas 2, 41 ff. aufmerksam gemacht. Dort wird uns berichtet, wie Maria und Joseph mit dem zwölfjährigen Jesus zum Passahfest nach Jerusalem gingen. Als sie nach dem Fest die Rückreise antreten wollen, finden sie ihn nach langem Suchen im Tempel bei den Schriftgelehrten. In Lukas 2, 49 – 51 heißt es dann:

“Und er sprach zu ihnen: Was ist’s, daß ihr mich gesucht habt? Wisset ihr nicht, daß ich sein muß in dem, das meines Vaters ist? Und sie verstanden das Wort nicht, das er mit ihnen redete. Und er ging mit ihnen hinab und kam gen Nazareth und war ihnen untertan. Und seine Mutter behielt alle diese Worte in ihrem Herzen.“

In unseren deutschen Übersetzungen geht hier leider ein wichtiger Hinweis verloren. Der Evangelist Lukas benutzt nämlich zwei verschiedene griechische Worte, um dieses „Behalten“/“Bewahren“ näher zu beschreiben. In Lukas 2, 19 ist es das Wort “suntereo“ (grch. “συντηρέω“), das wir mit „(etwas) nahe beieinander behalten, zusammenhalten“, “(etwas) vor dem Verderben/der Zerstörung/der Vernichtung bewahren“, “sich an etwas erinnern“ übersetzen können. In Lukas 2, 51 benutzt der Evangelist das Wort „diatereo“ (grch. “διατηρέω“). Dieses Wort kann mit „(etwas) sorgfältig / gründlich / vollständig beobachten/betrachten“ bzw. „(etwas) dauerhaft sorgfältig bewahren“ übersetzt werden. Alle diese Aspekte sind wichtig, wenn wir uns darüber klar werden wollen, was es heißt, Gottes Wort in unserem Herzen zu bewahren, damit wir es bewegen können:

1) Wir müssen das Gehörte/Erlebte “beieinander behalten“. Viele unnötige, ja schädliche Dinge in dieser Welt wollen unsere Aufmerksamkeit auf sich ziehen, um unsere Gedanken zu zerstreuen. Diese Dinge gaukeln uns Entspannung vor, vermögen uns aber keine wirkliche innere Ruhe zu geben. Dieser Versuchung müssen wir mit  Gottes Hilfe widerstehen (1. Timotheus 6, 6 – 12; 2. Timotheus 2, 22). In Philipper 4, 8 finden wir die Maßstäbe für unser Leben als Christen. Mit ihrer Hilfe ist es uns möglich, zu unterscheiden, ob etwas für uns schädlich oder gut ist.

2) Neben diesen alltäglichen Anforderungen und Zerstreuungen gibt es aber auch konkrete geistliche Mächte, deren Absicht es ist, das Gehörte/Erlebte in uns zu zerstören. Der Herr Jesus Christus spricht diese Mächte in dem Gleichnis vom Sämann an (vgl. Markus 4, 3 – 20, insbesondere Verse 15, 17 und 19). Damit diese Mächte ihr zerstörerisches Werk nicht vollbringen können, müssen wir das Gehörte/Erlebte in unserem Herzen bewahren, darauf achten, es hüten, es geistlich verteidigen (Epheser 6, 10 – 18).

3) Ein dritter Aspekt des „Behaltens/Bewahrens“ ist das sorgfältige / gründliche / vollständige Beobachten/Betrachten”. Menschen mit einem geistlich bewegenden Herzen sind sorgfältige, gründliche Menschen. Ganz offensichtlich hatten die Emmausjünger den Eindruck gewonnen, dass  Jesus von Nazareth der von den Propheten verheißene Messias war. Aber ihr Messias-Bild war oberflächlich, unvollständig. Kleophas sagt: “Das mit Jesus von Nazareth, der ein Prophet war, mächtig in Taten und Worten vor Gott und allem Volk …“ (Lukas 24, 19b). Es fehlt nur noch, dass er auf die Zeichen und Wunder des Herrn verweist. So stellten sich die Israeliten den kommenden Messias vor. Mehr noch – sie erwarteten von ihm, dass er sie von dem Joch der römischen Bedrückung  befreien und das Reich für Israel wiederherstellen würde. Ihr Bild des Messias war das Bild eines siegreichen Messias. Doch dieses Bild zerbrach spätestens in dem Moment, als der Herr an das Kreuz genagelt wurde und kurz darauf verstarb. Damit hatten sie nicht gerechnet, denn ihre Kenntnis der prophetischen Schriften war oberflächlich und rudimentär. Die prophetischen Ankündigungen über das Leiden, das Sterben und die Auferstehung des Messias hatten sie ganz offensichtlich überhört oder überlesen. Darum muss Christus sie auch zurecht weisen:

“Und er sprach zu ihnen: Ihr Unverständigen und im Herzen zu träge, an alles zu glauben, was die Propheten geredet haben! Musste nicht der Christus dies leiden und in seine Herrlichkeit hineingehen? Und von Mose und von allen Propheten anfangend, erklärte er ihnen in allen Schriften das, was ihn betraf.“

(Lukas 24, 25 – 27)

Die Schlüsselworte in diesen Versen sind “an alles zu glauben“. Darum geht es: wir müssen in Bezug auf Christus „an alles glauben, was die Propheten geredet haben“ und das schließt Sein erstes Kommen zum Leiden und Sterben für die Sünden der Welt genau so mit ein, wie Sein zweites, siegreiches Kommen in Macht und Herrlichkeit.
Träge Herzen, Herzen wie die der Emmausjünger, begnügen sich mit Teil-Informationen, mit oberflächlichen Kenntnissen. Sie bringen nicht die Kraft, die Energie, auf, sich tief und gründlich mit einem Thema zu beschäftigen, es zu erforschen. Darum sind träge Herzen auch immer unruhige Herzen. Weil ihr Wissen immer nur ein Halbwissen ist, werfen unvorhergesehene Geschehnisse solche Menschen geistlich schnell “aus der Bahn“.  Die Emmausjünger scheinen von Jesu Aussage, Er werde am dritten Tage auferstehen (vgl. z.B. die dreifache Ankündigung in Matthäus 16, 21; 17, 22 – 23; 20, 17 – 19) gehört zu haben, denn Kleophas sagt ja: “Und über das alles ist heute der dritte Tag, dass dies geschehen ist.“ (Lukas 24, 21). Ganz offensichtlich hatten sie aber nicht genau zugehört bzw. genau nachgeforscht, was diese Ankündigungen genau zu bedeuten hatten. Es gibt die schöne Redewendung von der “Gelassenheit durch Kompetenz“. Kompetenz kann man sich erarbeiten. Das geistlich bewegende Herz ist ein gelassenes, ruhiges Herz, weil es die Kraft aufgewendet hat, das Wort Gottes sorgfältig, gründlich, genau zu studieren. Das geistliche bewegende Herz weiß darum, worauf es sich eingelassen hat, weil es die Zusammenhänge, das “Große und Ganze“, genau kennt.

Die Bibel enthält eine weiter Palette von Themen. Aber wenn wir ein Thema nach dem anderen und zwar immer in seinem Zusammenhang mit der Person Jesu Christi, studieren, dann werden wir ein vollständiges, genaues Bild erhalten, Zusammenhänge verstehen und ein gelassenes, ein ruhiges Herz bekommen.

Gott an unserer Seite

Voll innerer Unruhe und Trauer, wandern Kleophas und sein Mitbruder nach Emmaus. Emmaus ist eine Stadt ohne Verheißung. Ihr Name kommt nur ein einziges Mal in der ganzen Bibel, nämlich hier in Lukas 24, 13 ff. vor. Damit bewegen sich diese beiden Jünger weg von der Stadt, auf die sich alle Verheißungen Gottes konzentrieren: Jerusalem. Auch das scheint ihnen nicht bewusst gewesen zu sein. Wenn sie sich genauer mit den Aussagen der Propheten über Jerusalem befasst hätten, z.B. mit Jesaja 2, 3 oder Jesaja 66, 13, dann wäre ihnen klar gewesen, dass sie in dieser Stadt hätten bleiben müssen.
Trotz ihres Versagens lässt der Herr Jesus Christus diese beiden Jünger nicht einfach laufen. Er geht selbst auf ihrem falschen Weg ein Stück mit ihnen, um sie zu belehren und um sich ihnen ganz neu zu offenbaren. Wie bei Jakob, dem Gott zusagte, ihm auf dem Weg nach Ägypten und auch in Ägypten zu begleiten, geht Er mit ihnen auf dem Weg nach Emmaus. Er hat sich nicht verändert und Er ist auch heute noch derselbe.

Ein geistlich bewegendes Herz bekommen

Vielleicht haben Sie erkannt, dass Sie sich – wie die Emmausjünger – auf einem Weg befinden, der Sie von den Verheißungen Gottes für Ihr Leben wegführt. Vielleicht wünschen Sie sich ganz neu ein Herz, wie es Maria hatte, ein Herz, das die Dinge Gottes geistlich bewegt, das Gott besser kennen lernt und so in Ihm zur Ruhe kommt. Ein solches Herz bekommen wir nur, wenn wir die Zurechtweisung des Herrn annehmen, wenn wir unseren falschen Weg bereuen und umkehren. Dann werden wir Ihn neu erkennen, dann kann Er unsere Herzen neu für sich entfachen, in Brand – und damit auch – in Bewegung setzen.  Bei den Emmausjüngern begann dieser Prozess, als sie den Herrn Jesus einluden, bei ihnen zu bleiben und mit ihnen Gemeinschaft zu haben. Sie können heute dasselbe tun, indem Sie sich im Gebet an Ihn wenden und Sie werden erleben, dass Er sich Ihrer Bitte nicht verschließen wird.

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