Erkennen, was zum Frieden dient (Lukas 19, 41 – 44)


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Byzantinische Basilika in Pella (Jodanien) - Foto: Wikipedia: Ben Churcher, Pella Project, University of Sydney, Australia

Byzantinische Basilika in Pella (Jordanien) – Foto: Wikipedia: Ben Churcher, Pella Project, University of Sydney, Australia

Unser heutiges Textwort ist einer Begebenheit entnommen, die wenige Tage vor der Kreuzigung Christi statt gefunden hat. Sehr viele Kommentatoren gehen davon aus, dass die Worte Jesu über Jerusalem zeitlich am oder kurz nach dem so genannten „Palmsonntag“, d.h. dem Sonntag vor der Kreuzigung Christi einzuordnen sind:

“Und als er sich näherte und die Stadt sah, weinte er über sie und sprach: Wenn du doch erkannt hättest [und wenigstens] an diesem [deinem] Tag, was zu [deinem] Frieden dient! Jetzt aber ist es vor deinen Augen verborgen. Denn Tage werden über dich kommen, da werden deine Feinde einen Wall gegen dich aufschütten und dich umzingeln und dich von allen Seiten bedrängen; und sie werden dich dem Erdboden gleichmachen und deine Kinder in dir zu Boden strecken und werden in dir nicht einen Stein auf dem anderen lassen, darum, dass du die Zeit deiner Heimsuchung nicht erkannt hast.“

(Lukas 19, 41 – 44)

Die Verheißung des Friedensreiches

Im Volk Israel lebte seit frühester Zeit die Sehnsucht nach dem Reich Gottes, einem Reich, das als Friedensreich verstanden wurde. Den ersten Hinweis darauf geben uns die prophetischen Worte, die der Patriarch Jakob in seinem Segen über Juda ausspricht:

“Nicht weichen wird das Zepter von Juda, noch der Herrscherstab zwischen seinen Füßen weg, bis Schilo kommt, und ihm werden die Völker gehorchen.“

(1. Mose 49, 10)

„Schilo“ ist ein hebräisches Wort und bezeichnet in diesem Zusammenhang nicht die gleichnamige Stadt, sondern bezieht sich mit seiner Bedeutung („der Ruhebringende“ oder „der Friedenschaffende“)  auf den kommenden Messias und die Errichtung Seines Friedensreiches. Vers 11 macht deutlich, dass es sich bei dem „Schilo“ nicht um einen menschlichen König aus dem Haus Juda handeln kann. Hier wird offensichtlich der Messias beschrieben¹.
Durch das ganze Alte Testament hindurch finden sich immer wieder entsprechende Hinweise auf das kommende Friedensreich Gottes. So deutet Mose z.B. an, dass Gott selbst über Sein Volk herrschen werde (vgl. 5. Mose 33, 26 – 29). Auch in den Psalmen ist diese Verheißung immer wieder ein Thema. David wie Salomo, aber auch andere Psalmisten, sprechen prophetisch von dem kommenden König und seinem Reich (vgl. z. B. Psalm 45, Psalm 72, Psalm 90106). Besonders großen Raum nimmt das Reich Gottes dann aber in den Büchern der alttestamentarischen Propheten ein (vgl. z. B. Jesaja 9, 11, 6066; Micha 5; Daniel 2; 7 + 9).

Eingehen in das Reich Gottes

Nach den Propheten des Alten Testaments war es dann erst Johannes der Täufer, der – von Gott gesandt – das Volk Israel aufrief, sich auf das kommende Reich Gottes vorzubereiten:

“Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen.“

(Matthäus 3, 2)

Auch der Herr Jesus Christus selbst begann Seinen irdischen Dienst mit dem Aufruf an das Volk,  umzukehren und  sich auf das Reich Gottes vorzubereiten:

“Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe gekommen. Tut Buße und glaubt an das Evangelium.“

(Markus 1, 15; vgl. Matthäus 4, 17)

Das Friedensreich, das im Alten Testament und auch durch den Herrn Jesus Christus angekündigt wurde, ist das Reich Gottes, d.h., es trägt alle Kennzeichen des Wesens Gottes: Heiligkeit (Psalm 99, 9; Jesaja 5, 16), Reinheit (Habakuk 1, 13), Gerechtigkeit (5. Mose 32, 4; Esra 9, 15; Psalm 145, 17), Licht (Jakobus 1, 17; 1. Johannes 1, 5), Liebe (1. Johannes 4, 8 + 16), Vollkommenheit (Matthäus 5, 48) u. v. a. m. Aus diesem Grund kann das Reich Gottes nicht “einfach so“ unter sündigen Menschen errichtet werden. Der Mensch in seinem von Gott losgelösten Zustand ist nicht passend – oder, um es zeitgemäßer auszudrücken – nicht kompatibel für das Reich Gottes. Wer immer dieses Reich empfangen bzw. in es eingehen will, muss erst „passend“ gemacht werden. Dazu ist mehr nötig, als ein bloßes Bekenntnis. Auch ein rein äußerliches, an christlichen Normen ausgerichtetes Verhalten ist dazu nicht ausreichend (vgl. Lukas 13, 25 – 29; Matthäus 7, 12 – 23; 25, 1 – 11).  Um das Reich Gottes empfangen zu können, bedarf es nichts weniger als einer neuen (inneren) Natur. Aus diesem Grund forderte der Herr Jesus während seines irdischen Dienstes seine Zuhörer immer wieder dazu auf, Buße zu tun und an das Evangelium zu glauben. Nur auf diesem Weg und durch die von Gott auf die Umkehr des Menschen hin geschenkte neue Geburt (Johannes 3, 1 – 6; Hesekiel 36, 25 – 27; 2. Korinther 5, 17) ist es einem Menschen möglich, Anteil am Reich Gottes zu haben.

Die Situation in Jerusalem 33 n. Chr.

Schon in der Zeit der Herrschaft des Königs Salomo (971 – 931 v. Chr.), dessen Name von dem hebräischen Wort „shalom“, d.h. „Friede“ oder „Wohlergehen“ abgeleitet ist und als „der Friedfertige“ oder „der Friedvolle“ übersetzt werden kann, hatte das Volk Israel einen Vorgeschmack auf das zukünftige Reich Gottes bekommen. In 1. Chronik 29, 23 heißt es, dass „Salomo auf dem Thron des Herrn“ saß, also seine Regentschaft unter der Herrschaft Gottes ausübte. Seine Regierungszeit war eine Zeit des Friedens und des Wohlstands für Israel (1. Könige 4, 20; 5, 4). Doch am Ende von Salomos Leben zeigte sich, dass auch er nur ein fehlbarer Mensch war (1. Könige 11, 6) und dass die Errichtung des Reiches Gottes erst durch den Messias Wirklichkeit werden würde. Aber nicht nur Salomos Herz war am Ende seines Lebens von den Wegen Gottes abgewichen, auch das Volk Israel hatte sich mehr und mehr von seinem Gott entfernt und anderen Göttern zugewandt. Zahlreiche Aufrufe der alttestamentarischen Propheten zur Buße und Umkehr waren jedoch ungehört verhallt, so dass jenes Gericht eintreffen musste, das Gott seinem Volk über Jahrzehnte hinweg immer wieder angekündigt hatte:  721 v. Chr. wurden die 10 Stämme des Nordreiches Israels in die Gefangenschaft nach Assyrien und 597 v. Chr. die das Südreich bildenden Stämme Juda und Benjamin in die Gefangenschaft nach Babylon geführt. Erst 538 v. Chr. dürfen die Juden unter dem Schriftgelehrten Esra und dem Statthalter Nehemia in ihr Heimatland zurückkehren.

Als der Herr Jesus Christus Seinen irdischen Dienst in Israel beginnt, liegen diese Ereignisse viele Jahrhunderte zurück und die Erinnerung daran ist verblasst. Doch Gott hatte Seine Verheißung des Friedensreiches nie zurückgenommen. In Seinem Sohn, dem von Ihm gesandten Messias und König dieses Reiches, ist dieses Reich „nahe gekommen“ (Matthäus 3, 2; 4, 17; Markus 1, 15). Einzelne hatten der Aufforderung Jesu Folge geleistet, Buße getan und die Botschaft des Evangeliums angenommen (Johannes 1, 49; Lukas 5, 8). Wäre das ganze Volk Seiner Aufforderung nachgekommen und hätte es Buße getan, so hätte das Reich Gottes in Erscheinung treten und Gott Seine Verheißung erfüllen können. Doch nur eine Minderheit war bereit, sich zu demütigen und den wahren Zustand ihrer Herzen vor Gott anzuerkennen. Die Mehrheit des Volkes blieb von Gottes liebevollem Werben unberührt. Mehr noch, sie brachten deutlich zum Ausdruck, dass sie Seine Herrschaft ablehnten. Lukas berichtet uns:

“Da wurden alle in der Synagoge voll Zorn, als sie dies hörten. Und sie standen auf und stießen ihn zur Stadt hinaus und führten ihn an den Rand des Berges, auf dem ihre Stadt gebaut war, um ihn hinabzustürzen. Er aber ging mitten durch sie hindurch und zog weiter.

(Lukas 4, 28 – 29; vgl. Johannes 5, 18; 7, 1; 8, 59; 10, 31 u.a.m.)

Der Herr selbst schildert das ablehnende Verhalten des Volkes im Gleichnis von den anvertrauten Pfunden mit den Worten: “Seine Bürger aber waren ihm feind und schickten Botschaft ihm nach und ließen sagen: Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche.“ (Lukas 19, 14; vgl. Johannes 1, 11).
Trotz der vielfachen Ablehnung unternimmt der Herr immer wieder neue Versuche, das Volk zur Umkehr zu bewegen. In Lukas 19, 41 – 42, unserem heutigen Textwort, blickt der Herr auf die Stadt Jerusalem, die hier stellvertretend für die ganze Nation steht. Er sieht ihre gegenwärtige Ablehnung des großen Gnadenangebotes Gottes und er sieht das zukünftige Gericht Gottes, das dieser Ablehnung folgt  (Lukas 21, 20 – 24).  Dieses angekündigte Gericht erfolgte nur eine Generation später, im Jahr 70 n. Chr., als die Römer ganz Israel mit einem blutigen Krieg überzogen und Jerusalem samt seines berühmten Tempels dem Erdboden gleich machten. Nur jene, die dem Evangelium Jesu glaubten und die Warnung des Herrn, wie sie uns in Lukas 21, 20 – 21 überliefert sind, befolgten, flohen aus Jerusalem und brachten sich in der Stadt Pella (heute in Jordanien) in Sicherheit².

Heute Frieden finden

Durch diese und viele andere Gläubige verbreitete sich die Botschaft des Evangeliums und damit das Friedensangebot Gottes bis heute in aller Welt. Jedem, der diese Botschaft hört oder liest, kommt das Reich Gottes nahe. Doch bei diesem „nahe kommen“ muss es nicht bleiben. Durch das Erlösungswerk Christi am Kreuz von Golgatha ist heute schon “Friede mit Gott“ möglich (Römer 5, 1). Jeder Mensch, der erkennt, dass sein von Gott losgelöstes Leben und die daraus resultierenden Folgen, dem Frieden mit Gott, dem eigenen inneren Frieden und dem Frieden mit seinem Nächsten entgegensteht, kann diesen göttlichen Frieden empfangen, wenn er Buße tut, zu Gott umkehrt und das Werk Jesu Christi im Glauben annimmt, denn:

“(…) es gefiel [Gott], in ihm alle Fülle wohnen zu lassen und durch ihn alles mit sich selbst zu versöhnen, indem er Frieden machte durch das Blut seines Kreuzes (…)“

(Kolosser 1, 20)

Wer seine Sünde ehrlich bereut und dies vor Gott bekennt, dem schenkt Gott Vergebung der Sünden (1. Johannes 1, 5 – 10), neues, göttliches Leben (2. Petrus 1, 4; Johannes 1, 12 – 13) und damit Anteil am und Zugang zum Reich Gottes (Johannes 3, 3). Dieses Friedensreich, dessen buchstäbliche Aufrichtung mit der Wiederkunft Christi einhergehen wird (Matthäus 26, 64; 24, 30; Daniel 7, 14) ist jedoch heute bereits inwendig in jenen, die dem Evangelium glauben (Lukas 17, 21), weil sie durch Christus Frieden mit Gott haben. Dieser Friede Gottes befähigt uns, im Frieden mit unserem Nächsten zu leben (Römer 12, 8; Hebräer 12, 14 a) und die mit diesem Frieden einhergehende Kraft Gottes, befähigt uns auch, dort zum Frieden beizutragen, wo kein Friede ist (Matthäus 5, 9). Wenn wir auf diese Weise heute schon das Reich Gottes ganz praktisch in unserem Leben aufleuchten lassen, sind wir auch eine lebendige Einladung an alle, die bis jetzt noch nicht erkannt haben, was – jetzt und in Zukunft – zu ihrem Frieden dient.

Fußnoten:

¹= vgl. Gerhard von Rad: “Genesis“, Westminster/John Knox Press, 1973, Seite 425, der darauf hinweist, dass jeder, der seine Kleider in Wein waschen kann in paradiesischer Fülle leben muss.

²= Eusebius von Caesarea: „Kirchengeschichte“, Herausgegeben und eingeleitet von Heinrich Kraft, Kösel-Verlag München, 3., unveränderte Auflage 1989, Seite 154 (Buch III, 5, 1 ff.), vgl. auch Seite 160 (Buch III, 7, 1 – 9), wo Eusebius Lukas 19, 41 ff. wörtlich zitiert.

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