Abraham – ein Übermensch?


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Julius Schnorr von Carolsfeld: "Die Opferung Isaaks"  [Public domain], via Wikimedia Commons

Julius Schnorr von Carolsfeld: „Die Opferung Isaaks“, via Wikimedia Commons

Von 0 auf 100: Abraham der Glaubensheld?

Welche biblische Begebenheit fällt Ihnen ein, wenn der Name “Abraham“ genannt wird? Die Mehrheit der so befragten Menschen antwortet: Die Opferung Isaaks.  Es ist sehr verständlich, dass sich die meisten Bibelleser an diesen Bericht aus dem Leben Abrahams erinnern. Kaum eine andere Begebenheit aus dem ersten Buch Mose ist so voller Dramatik und Spannung. Der Leser “fiebert mit“, wenn er liest, wie Abraham sich morgens in aller Frühe auf den Weg nach Morija macht, dann seine Knechte zurück lässt und sich allein mit Isaak auf den Berg begibt, dort seinen Sohn bindet, um ihn zu opfern und – in letzter Minute – daran gehindert wird.  Spannung – Action – Happy End.  Solche Geschichten lieben wir. Sie bringen ein wenig Spannung in unser vielleicht gar nicht so abwechslungsreiches Leben und enden trotzdem gut. Am Ende können wir uns wieder beruhigt anderen Dingen zuwenden, denn es ist “ja noch mal gut gegangen“. Doch noch ein anderer Punkt macht diese Geschichte so attraktiv für uns: Hier ist ein Mensch, der in der schwersten Stunde seines Lebens fest bleibt, durchhält, nicht aufgibt, Mut beweist, überwindet, den Sieg davon trägt.  So wären wir gern und darum lieben wir solche “Typen“. Siegertypen. Oder, um es weniger “weltlich“ auszudrücken: Glaubenshelden. Dieser Held ist so ganz anders, als wir es sind. Ob wir eine solche (Glaubens-)Probe bestehen würden? Auf diese Frage gibt es i. d. R. zwei Antworten. Diejenigen, die sich realistisch einschätzen, sagen dann: Da sind wir uns nicht sicher. Aber Abrahams Geschichte gibt uns die Hoffnung, dass “es doch klappen könnte“. Zumindest “einige von uns“ sind solche Typen, die es schaffen. – Andere, die einen weniger realistischen Blick von sich selbst haben, meinen: Klar, Abraham ist ein Vorbild, an dem wir uns ausrichten können. So können wir auch werden. So sollten wir, ja so müssen wir werden! Verstärkt wird dieses Denken noch dadurch, dass sich die Begebenheit aus 1. Mose 22 in Hebräer 11, 8 – 19 findet. Dieses Kapitel ist allgemein unter Christen als das  „Kapitel der Glaubenshelden“ bekannt. Diese Bezeichnung ist jedoch eine menschliche Erfindung. Der Begriff „Glaubensheld“ findet sich nirgendwo in der Bibel und er wäre dort auch völlig deplaziert.

Out of context. Out of life. Out of God’s will!

Haben Sie in letzter Zeit einen Kriminalroman gelesen oder einen “Krimi“ gesehen? Was haben Sie gedacht oder empfunden, als der Täter gefasst wurde? Ende gut, alles gut? Haben Sie, nachdem Sie das Buch beiseite gelegt, den Fernseher ausgeschaltet haben, noch einmal über das Opfer nachgedacht? Ohne Opfer – und in der Regel werden die Opfer ermordet – kein Krimi, kein Täter, keine Suche, keine Verfolgungsjagden, keine Spannung. Das Opfer spielt in einem Kriminalroman oft eine untergeordnete Rolle. Es tritt bei der Suche nach dem Täter und einem Motiv für die Tat  in den Hintergrund. Am Ende des Romans oder des Films ist es schon fast vergessen. Man ist froh, dass der Täter “seiner gerechten Strafe“ zugeführt  wurde und bewundert vielleicht noch den Spürsinn der Ermittler oder die literarischen Qualitäten des Erzählers.  Das echte Leben ist anders. Stirbt ein Mensch in Folge einer Straftat, dann bleiben Angehörige und Freunde mit dem Schmerz, einen geliebten Menschen verloren zu haben, zurück. Wird der Täter gefunden und überführt, dann müssen sich die Angehörigen oft einem für sie quälenden Gerichtsverfahren aussetzen, in dem noch einmal alle Umstände der grausamen Tat zur Sprache kommen. Aber selbst wenn ein Opfer die Tat überlebt, ist es oft für Jahre traumatisiert und dauerhaft geschädigt. Das sind nur einige Tatsachen, die in Kriminalromanen regelmäßig ausgeblendet werden.

Was hat das alles mit Abraham zu tun? Nun, manche Christen erinnern mich an solche Krimileser. Sie konzentrieren sich auf die spannenden Teile “der Geschichte“ und vernachlässigen, ja vergessen den Rest, den Kontext. Das kann schwerwiegende Folgen haben. Wer sich bei Abraham nur an die Opferung Isaaks erinnert, der  erinnert sich natürlich nur an den “Glaubenshelden“ Abraham. Daraus ziehen die einen den Schluss: So kann ich sowieso nie werden, naja, vielleicht ist mir Gott doch noch irgendwie gnädig. Andere schlussfolgern: So sollen wir sein und wer so nicht ist, der hat im Grunde genommen keinen wirklichen Glauben! Beide Meinungen sind falsch, denn sie reißen die Begebenheit von 1. Mose 22 aus dem Zusammenhang der biblischen Berichte über das gesamte Leben Abrahams. So ein selektiver Umgang mit biblischen Texten kann schwerwiegende Folgen haben. Im Fall von 1. Mose 22 entmutigt er entweder den Gläubigen oder er verführt ihn zu unbedachten Handlungen, deren Folgen nicht absehbar sind. Beides entspricht nicht dem Willen Gottes. Gott möchte, dass wir prüfen, was Sein Wille in einer bestimmten Situation ist:

“Und passet euch nicht diesem Weltlauf an, sondern verändert euer Wesen durch die Erneuerung eures Sinnes, um prüfen zu können, was der Wille Gottes sei, der gute und wohlgefällige und vollkommene.“

(Römer 12, 2)

Um prüfen zu können, wie mir die Lebensbeschreibung einer biblischen Person in einer bestimmten Situation eine Hilfe sein kann (um so Gottes Willen zu erfüllen), muss ich mich mit dem Bericht über das Leben dieser Person gründlich beschäftigen. Das ist eine unabdingbare Voraussetzung. Denn nur so kann ich Gottes Handeln (Seine Führung, Versorgung etc.) im Leben des/der Betreffenden nachvollziehen. Und erst wenn ich das kann, dann kann auch beurteilen, ob es in meinem Leben ähnliche Situationen gibt, auf die sich die Lektionen aus dem Leben des betreffenden biblischen Vorbilds anwenden lassen. Wenden wir uns darum jetzt noch einmal dem Leben Abrahams zu.

4 Stationen im Leben Abrahams

In 1. Mose 22, 1 lesen wir:

“Und es geschah nach diesen Dingen, dass Gott Abraham prüfte (…)“

„Und es geschah nach diesen Dingen ….“ Diese Worte deuten schon an, dass es sich bei dieser Prüfung um ein Ereignis in einer Reihe von Glaubenserfahrungen gehandelt haben muss. Wer Abrahams Leben unter diesem Vorzeichen gründlich betrachtet, der wird feststellen, dass es im Leben dieses Mannes verschiedene Stationen gab, die ihn auf die Begebenheit, die uns in 1. Mose 22 berichtet wird, vorbereitet haben:

1) Gott beruft Abraham (damals noch “Abram“), sein Heimatland und seine Verwandtschaft zu verlassen (1. Mose 12, 1) = Opfer 1.

2) Abraham muss sich von Lot, seinem engsten Verwandten trennen (1. Mose 13, 1 – 18) = Opfer 2.

3) Abraham muss seine eigenen Pläne bzgl. seines Sohnes Ismaels aufgeben und sich von ihm trennen (1. Mose 17, 15 ff.; 1. Mose 21, 12 ff.) = Opfer 3.

Bei allen diesen Glaubenserfahrungen musste Abraham sich von etwas trennen, was ihm auf natürliche Weise wertvoll war. Auf jede dieser Erfahrungen folgte eine besondere Segnung:

1) Mit dem Auszug aus seinem Heimatland und seiner Verwandtschaft wird der Segen für die verbunden, die Abraham segnen, ebenso Fluch für jene, die Abraham fluchen (1. Mose 12, 1 – 3). Abraham wird quasi zu einem Werkzeug des Segens Gottes und der Erfüllung Seiner Verheißungen in dieser Welt.

2) Nach der Trennung von Lot verheißt Gott dem Abraham und seinen (leiblichen) Nachkommen den ewigen Besitz des Landes (1. Mose 13, 14 – 17).

3) Mit der Aufgabe seiner eigenen Pläne für Ismael und der  Trennung von ihm, ist die Verheißung eines leiblichen Nachkommens mit Sara und Gottes ewiger Bundesschluss mit diesem leiblichen Nachkommen verbunden (1. Mose 17, 19).

Gottes Wille: Wachstum in der Gnade und im Glauben

Aber erst nach diesen drei vorausgegangenen Stationen kommt es zu der Prüfung Abrahams am Berg Morija, bei der Gott Abraham auffordert, seinen Sohn Isaak zu opfern (4. Opfer). Und in diesem Zusammenhang wird auch zum ersten Mal in der Heiligen Schrift das Wort „Liebe“ benutzt (1. Mose 22, 2). Bisher musste sich Abraham von Dingen oder Menschen trennen, die ihm wertvoll waren, aber hier erfahren wir, dass er sich von einer Person trennen sollte, die er liebte.  Alles, was bisher in Abrahams Leben geschah, war eine Vorbereitung auf dieses vierte Opfer. Abraham wurde nicht “von 0 auf 100″ zum “Glaubenshelden“. Die Bibel schildert uns Abraham auch nicht als fehlerlosen Übermenschen. Ganz im Gegenteil: Zweimal verleugnet er aus Mangel an Glauben seine Frau Sara. Beim Pharao von Ägypten (1. Mose 12, 10 – 20) und bei Abimelech, dem König von Gerar (1. Mose 20, 1 – 18) gibt er sie als seine Schwester aus, weil er fürchtet, der jeweilige Herrscher  könne ihn töten, um anschließend Sara selbst zur Frau zu nehmen. Nein, Abraham ist wirklich kein Übermensch, aber er wandelte über die Jahrzehnte seines Lebens mit Gott, machte Erfahrungen und wuchs so im Glauben. Darin soll er uns ein Vorbild sein, denn auch wir werden im Neuen Testament aufgefordert, im Glauben zu wachsen:

“Wachset dagegen in der Gnade und Erkenntnis unsres Herrn und Retters Jesus Christus!“

(2. Petrus 3, 17a)

Wachstum ist keine Einmalerfahrung, sondern ein lebenslanger Prozess. Manche Menschen scheuen diesen Prozess, weil er zeitweise mit schmerzlichen Erfahrungen verbunden ist. Wer im Leben und im Glauben wächst bzw. reift, der wird sich zwangsläufig auch mit Fehlern, die er macht, auseinandersetzen müssen. Das ist etwas, was wir in unserer auf Hochglanz polierten und auf Perfektion getrimmten Welt gern ausblenden. Fehler einzugestehen, sich mit den eigenen Fehlern auseinanderzusetzen, das ist gleichbedeutend mit der Anerkennung der eigenen Schwachheit. Schwachheit aber ist in unserer Welt ein Makel, ein Ausschlusskriterium. Ganz anders ist es bei Gott. Wer seine Schwachheiten vor sich selbst und vor Gott eingesteht, der erlebt, wie Gottes Kraft in ihm und durch ihn wirksam wird (2. Korinther 12, 9). Wer sich auf diesen (nicht immer schmerzfreien) Wachstumsprozess einlässt, wird – wie Petrus (vgl. Johannes 21, 15 – 21) –  feststellen, dass Gottes Liebe und Gnade ihn nie fallen lassen. Wer sich auf diesen Prozess einlässt, wird Gewinn daraus ziehen. Die bekannte Journalistin und Autorin Nina Ruge fasste es zusammen: “Schwierigkeiten, Niederlagen und Krisen bekommt jeder von uns auf seinem Lebensweg serviert. Ich sehe sie als Trainingseinheiten, die mir helfen, innerlich zu wachsen. Denn meistens erkenne ich im Nachhinein, dass ich damit stärker, klarer und reifer geworden bin.“¹ Wer sich auf diesen Prozess einlässt, der wird – wie Abraham – von Prüfung zu Prüfung wachsen, an Stärke zunehmen und darum auch schwere Lebenssituationen mit Gottes Hilfe meistern können. 

Wenn Sie den Lebenslauf biblischer Personen (vielleicht der in Hebräer 11 genannten) gründlich studieren, dann werden Sie feststellen, dass keine dieser Personen fehlerfrei, vollkommen oder gar ein Übermensch war. Bei allen biblischen Personen können wir ein Wachstum, eine Entwicklung in den Dingen des Glaubens unter der Anleitung und Führung Gottes feststellen. Auch Sie müssen als Christ nicht „von 0 auf 100“ im Glauben beschleunigen. Auch Sie dürfen wie Abraham und viele andere, im Glauben und an Glaubensstärke wachsen. Ich möchte Sie ermutigen, dass Sie sich auf diesen Wachstumsprozess bewusst einlassen und dass sie diesen Wachstumsprozess auch bewusst erleben. Die Führung eines Tagesbuches ist hier eine große Hilfe. Dabei geht es nicht darum, an jedem Abend einen langen Bericht niederzuschreiben. Notieren Sie, notfalls auch stichwortartig, einfach die Erfahrungen, die Sie an diesem Tag gemacht haben. Nehmen Sie sich in größeren, aber regelmäßigen Abständen Zeit, das Notierte nachzulesen. So werden Sie feststellen, wo und wie Sie gewachsen sind. Auf diese Weise können Sie sich nicht nur an dem Wachstum freuen, das Gott Ihnen schenkt, sondern auch Mut und Zuversicht für weitere Schritte auf Ihrem Lebens- und Glaubensweg gewinnen. Gott wird Sie auf diesem Weg begleiten und segnen.

Fußnoten:
¹= Nina Ruge im Alverde-Magazin, Juli 2008, Seite 21

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