Allein aus Gnade

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Alle “Englein“ sind schon da?

Sie begegnen uns momentan überall:  als Lichterschmuck hängen sie an Balkonen, sie lächeln uns aus Werbebroschüren an und stehen in der Fensterdekoration von Kaufhäusern: Engel. Mal in Form adipöser Putten, mal in Form kostümierter schlanker Modells. Als Christen wissen wir, dass all‘ dies Unsinn ist. Biblische Engel sehen weder so aus noch verhalten sie sich so. Engel sind keine Boten der Konsumindustrie, sondern Boten Gottes. Aber auch unter Christen scheint ein gewisses Unwissen über Engel zu herrschen. Anders lässt sich die Verbreitung von Literatur mit unbiblischen Aussagen über Engel und ihre Aufgaben, die sich in den letzten Jahren vermehrt unter Christen findet, nicht erklären. Da ist die Rede von der angeblichen „Zusammenarbeit mit Engeln“ oder von „einem Schutzengel für jeden Tag“ u. v. a. m. Vor solchen falschen Lehren warnten schon die Apostel in ihren Briefen (siehe z.B. Galater 1, 6 – 8; Kolosser 2, 18; 2. Korinther 11, 4 – 14; Hebräer 1, 4 – 13; 1. Korinther 6, 3). Engel nehmen in der Bibel bei weitem nicht den Raum ein, wie es einige Leser vielleicht vermuten könnten: Von den mehr als 31.000 Versen der Bibel befassen sich – nach Zählung meiner Konkordanz – ganze 288 Verse mit Engeln. 117 dieser Verse finden wir im Alten Testament, 171 im Neuen Testament. Das sind also weniger als 1 Prozent! Bei genauerer Betrachtung treten Engel in der Bibel immer dann auf, wenn Gott zu besonderen Zeitpunkten in der Heilsgeschichte auf außergewöhnliche Weise eingreift bzw. handelt, um Seine Pläne zu vollenden. Zu diesen besonderen Zeitpunkten überbringen Engel wichtige Botschaften. Darauf – und nicht auf den Boten – gilt es zu achten! Genau solch‘ einen heilsgeschichtlichen Hintergrund (Galater 4, 4) hat auch unser heutiges Textwort:

“Im sechsten Monat aber wurde der Engel Gabriel von Gott in eine Stadt von Galiläa gesandt, mit Namen Nazareth, zu einer Jungfrau, die mit einem Mann verlobt war, mit Namen Joseph, aus dem Haus Davids; und der Name der Jungfrau war Maria. Und er kam zu ihr herein und sprach: Sei gegrüßt, Begnadete! Der Herr ist mit dir. Sie aber wurde über das Wort bestürzt und überlegte, was für ein Gruß dies sei. Und der Engel sprach zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria, denn du hast Gnade bei Gott gefunden; und siehe, du wirst im Leib empfangen und einen Sohn gebären, und du sollst seinen Namen Jesus nennen. Dieser wird groß sein und Sohn des Höchsten genannt werden; und Gott der Herr wird ihm den Thron seines Vaters David geben; und er wird über das Haus Jakobs herrschen in Ewigkeit, und sein Reich wird kein Ende haben. Maria aber sprach zu dem Engel: Wie kann das sein, da ich ja keinen Mann kenne? Und der Engel antwortete und sprach zu ihr: Der Heilige Geist wird auf dich kommen, und Kraft des Höchsten wird dich überschatten; darum wird auch das Heilige, das geboren werden wird, Sohn Gottes genannt werden. Und siehe, Elisabeth, deine Verwandte, ist auch mit einem Sohn schwanger in ihrem Alter, und dies ist der sechste Monat bei ihr, die unfruchtbar genannt war; denn bei Gott wird kein Ding unmöglich sein. Maria aber sprach: Siehe, ich bin die Magd des Herrn; mir geschehe nach deinem Wort. Und der Engel schied von ihr.“

(Lukas 1, 26 – 38)

Der kurz nach dem Sündenfall von Gott in 1. Mose 3, 15 (vgl. “Der verheißene Erlöser“) angekündigte und von dem Volk Israel seit Jahrhunderten ersehnte Messias sollte geboren werden. Die Zeit der Erfüllung der göttlichen Verheißung war gekommen und ein Engel überbrachte diese Botschaft. Wenn wir diesen Bericht lesen und bedenken, was für ein Ereignis hier angekündigt wird, ein Ereignis, das die ganze Welt-, ja die Heilsgeschichte verändern würde, dann kann es sein, dass wir uns darüber freuen und uns das hier Geschilderte doch gleichzeitig weit entfernt erscheint. Aber die Erfahrung Marias enthält ermutigende geistliche Wahrheiten, die uns auch in unserem christlichen Alltagsleben eine Hilfe sein können.

Begnadete!

Es ist eine besondere Weise, in der der Engel Gottes Maria hier anspricht. Er bezeichnet sie als die „Begnadete“. Der im griechischen Neuen Testament gebrauchte Ausdruck “κεχαριτωμενη“ (“kecharitomene“) bezeichnet eine Person die Gnade (griech. “χαρις“; “charis“) empfangen hat, mit Gnade bekleidet wurde. Weder war Maria aus sich heraus “voll der Gnade“, wie die lateinische Vulgata-Übersetzung fälschlicher Weise vermuten lässt, noch ist Maria eine “Quelle der Gnaden“. Nein, sie selbst konnte und kann keine Gnade geben, sie ist selbst eine Begnadete, eine Empfängerin der göttlichen Gnade, genau wie der Engel in seinem Gruß es sagt. Diese Begnadigung teilt Maria mit allen Gläubigen, vgl. Epheser 1, 5 – 6:

“ (…) und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesum Christum
für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens, zum Preise der Herrlichkeit seiner Gnade, worin er uns begnadigt hat in dem Geliebten, (…)“

Das Wissen darum, dass wir von Gott Begnadigte sind, kann uns von allem falschen Druck befreien. Wir haben nichts zu bringen, aber wir müssen auch nichts bringen (Römer 3, 24). Alles was wir sind und haben, sind und haben wir aufgrund der Gnade Gottes. Das Wissen um die Gnade Gottes, die uns in Christus Jesus geschenkt ist,  setzt uns frei zu einem fröhlichen und zuversichtlichen Christenleben.

Dem Wort Gottes gehorsam

Aus Vers 38 erfahren wir, wie Maria mit der Botschaft Gottes, die der Engel ihr überbrachte, umging. Sie sagt: “Mir geschehe nach deinem Wort!“ Auch das verbindet sie mit allen Gläubigen:

“Während er noch zu dem Volke redete, siehe, da standen seine Mutter und seine Brüder draußen und suchten mit ihm zu reden. Da sprach einer zu ihm: Siehe, deine Mutter und deine Brüder stehen draußen und suchen mit dir zu reden. Er aber antwortete und sprach zu dem, der es ihm sagte: Wer ist meine Mutter, und wer sind meine Brüder? Und er streckte seine Hand aus über seine Jünger und sprach: Seht da, meine Mutter und meine Brüder!  Denn wer den Willen tut meines Vaters im Himmel, der ist mir Bruder, Schwester und Mutter!

(Matthäus 12, 46 – 48)

Gottes Gnade befähigt uns, Sein Wort zu halten und seinen Willen zu tun. Ein solches Leben ist – nach den Worten des Herrn – ein Leben in der Nähe und Gegenwart Gottes und hat eine Verheißung für die Ewigkeit (1. Johannes 2, 17).

Wenn wir den Bericht über die Begegnung des Engels mit Maria mit dem Bericht über die Begegnung des Engels mit Zacharias (Lukas 1, 5 – 22) vergleichen, dann fällt auf, dass Zacharias vor der Erscheinung des Engels erschrak, Maria aber vor seinen Worten (Vers 29). Auch das verdeutlicht, welche Ehrfurcht Maria vor dem Wort Gottes hatte.

Gnade um Gnade

Aber nicht nur Ehrfurcht, sondern auch menschliche Furcht schwingt in Marias Antwort mit und dem Engel bleibt dies nicht verborgen. Würde er sonst sagen: “Fürchte dich nicht, Maria ….“? Erneut spricht er ihr die Gnade Gottes zu: “(…) du hast Gnade bei Gott gefunden (…)“  – Selbst wenn wir einmal grundsätzlich von Gott begnadigt wurden, so haben wir doch für jede neue Aufgabe, zu der uns Gott beruft, erneut Gnade nötig. Und diese Gnade steht für uns bereit. Dabei ist es weder notwendig, dass wir auf einen Engel warten müssen, noch sind wir anderweitig zur Passivität verurteilt. Johannes sagt uns in seinem Evangelium:

„Und aus seiner Fülle haben wir alle empfangen Gnade um Gnade.“

(Johannes 1, 16)

So, wie Maria erneut Gnade empfangen durfte und dann ganz der Botschaft und Aufgabe Gottes zustimmen konnte, so dürfen wir an jedem neuen Tag aus der Fülle des Herrn “Gnade um Gnade“ nehmen.  Mit jedem Gebet eignen wir uns diese Gnade an und durch den Glauben an das Wort Gottes entfaltet die Gnade Gottes ihre wirkende Kraft in unserem Leben. Mit diesem Geschenk Gottes, das uns in Jesus Christus zuteil geworden ist, kann kein Weihnachtsgeschenk mithalten. Machen wir also reichlich Gebraucht davon, damit wir mit Paulus sprechen können:

“Aber durch Gottes Gnade bin ich, was ich bin, und seine Gnade gegen mich ist nicht vergeblich gewesen, sondern ich habe mehr gearbeitet als sie alle; nicht aber ich, sondern die Gnade Gottes, die mit mir ist.“

(1. Korinther 15, 10)

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