Hoffnung, die tätig wird


Translation here.

oder: Warum Weltflucht nicht christlich ist

In der vergangenen Woche durfte ich Ihnen den “Gott der Hoffnung“ vorstellen, diesen Gott, der so radikal anders war und ist, als die heidnischen Götzen. Ich durfte Ihnen auch die Hoffnung vorstellen, die dieser Gott zu geben vermag und die sich von dem, was wir allgemein unter dem Begriff “Hoffnung“ verstehen, radikal unterscheidet. Heute möchte ich über die Auswirkungen dieser Hoffnung sprechen, d.h., darüber, wie christliche Zukunftserwartung gelebt wird. In 1. Korinther 15, 58 lesen wir:

“Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich,
allezeit überströmend in dem Werk des Herrn,
da ihr wisst, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn.“

Dieser Vers ist der Schlusspunkt des biblischen Kapitels, das die ausführlichste Darlegung und Begründung der christlichen Lehre über die Auferstehung der Toten enthält. Der Apostel Paulus schreibt diesen Brief an aus zwei Gründen: Erstens hat er von den Gläubigen in Korinth einen Brief erhalten, in dem sie ihm zu bestimmten Themen Fragen stellten (vgl. 1. Korinther 7, 1; 8, 1; 12, 1; 16, 1), zweitens haben ihn – durch andere Gläubige – Berichte über Probleme in der dortigen Versammlung (= Gemeinde/Kirche) erreicht (1. Korinther 1, 11). Diese Fragen und Berichte nimmt er zum Anlaß, um sich zu bestimmten Themen sehr ausführlich zu äußern. Eines dieser Themen ist die christliche Lehre von der Auferstehung. Dabei scheint es sich um eines der Probleme dieser Versammlung zu handeln. Denn im Gegensatz zu den Fragenbeantwortungen leitet Paulus das Thema ganz anders ein. Offensichtlich gab es dort einige Christen, die die Auferstehung der Toten leugneten, verschiedene Verse in diesem Kapitel machen das deutlich (1. Korinther 15, 12; 16; 29; 32). Wie kam es dazu?

Die griechische “Sicht der Dinge“

Zur Zeit des Paulus bestimmten verschiedene Philosophenschulen die Gedankenwelt Griechenlands. Einige, wie z.B. die Epikureer, lehnten den Glauben an ein Weiterleben der Seele nach dem Tod grundsätzlich ab. Aber selbst für jene Philosophen, die dies in Betracht zogen, war die Erwartung einer körperlichen Auferstehung („Auferstehung des Fleisches“) ein lächerlicher Gedanke. Der Grund für diese ablehnende Haltung war die strikte Trennung von Körper und Seele. Dieser Dualismus, der insbesondere durch Platon (428 v. Chr. – 348 v. Chr.) Verbreitung fand, besagte, dass die Seele aus der Welt des Göttlichen stamme und ewigen Bestand habe. Sie war dem vergänglichen Körper übergeordnet. Platon geht soweit, dass er den Körper als „Gefängnis“, ja „Grab“ der Seele bezeichnet. Erst mit dem Tod, einem Zustand, der für viele Philosophen erstrebenswert war, würde die Seele wirklich frei. Paulus war mit dem Spott, mit dem die Philosophen der christlichen Auferstehungshoffnung begegneten, seit seiner Rede auf dem Areopag in Athen vertraut (Apostelgeschichte 17, 32) und noch dreihundert Jahre später ließen gebildete Griechen als Reaktion auf die christliche Verkündigung  Sätze wie den folgenden auf ihre Grabsteine meißeln:

“Kein Toter wird hier zu neuem Leben auferweckt.“¹

Eine andere Inschrift lautet:

“Denn so werde ich sein. Du häuf mir hier Erde und sage dann noch: ‚Was ich schon war, wurde ich wieder: ein Nichts.'“¹

Die einzige Möglichkeit, die manche Philosophen sahen, war die Wiederbelebung des Körpers eines Scheintoten. Auch der Gedanke der Reinkarnation war  verbreitet, aber eine vollkommene Überwindung des Todes lag außerhalb ihres Vorstellungsvermögens. So ließ der griechischsprachige Besitzer eines Grabes in Syrien auf seiner Grabplatte – für ihn ganz folgerichtig – mitteilen:

“Dass du wiederkehrst ist ja nicht möglich.“²

Dr. Imre Peres weist darauf hin, dass „für die Griechen der Gedanke der Auferstehung oder Wiederkehr aus der Totenwelt“ unmöglich war. „Aus Grab und Unterwelt führt kein Weg. Der Ort ist άδίαυλoς – ohne Wiederkehr.“²

Das Problem der Christen in Korinth

Es verwundert nicht, dass die Christen in Korinth, in einem Umfeld, das bis in die kleinsten Bereiche hinein von diesen Lehren geprägt war, auch von diesem Denken beeinflusst wurden. Das ist schon deshalb vorstellbar, weil der 1. Korintherbrief deutlich macht, dass die Gläubigen auch in anderen Bereichen der Lehre nicht gefestigt waren. Beachtenswert sind dabei insbesondere die Probleme im Bereich der Sexualität (1. Korinther 6) und der geistlichen Gaben (1. Korinther 12; 13; 14). Diese Probleme sind Ausfluss eines solchen dualistischen Denkens: einerseits Hochachtung geistlicher Gaben, d.h. des seelisch-geistlichen Bereichs, andererseits aber eine falsche Einstellung zur Sexualität und damit zum menschlichen Körper. Paulus zeigt in 1. Korinther 6, 19 + 20 (!), dass der Körper des Gläubigen ein Tempel des Heiligen Geistes ist. In ihm lebt der Heilige Geist und durch ihn drückt er sich aus. Darum muss der Körper als Geschenk des Schöpfers geachtet und sorgsam mit ihm umgegangen werden. Denn auch Sünde, die „nur“ den- vergänglichen – Körper zu betreffen scheint, bleibt Sünde und hat geistliche Konsequenzen (vgl. 1. Korinther 6, 18 – 20). Welchen Wert Gott dem Körper beimisst (Psalm 139, 14), wird insbesondere dadurch deutlich, dass Gott ihn – und nicht allein die Seele! – auferwecken wird. Er wird Sein Werk über den Tod hinaus bewahren bzw. wiederherstellen, wenn auch auf eine Weise, die wir uns nicht vorstellen können. Denn nach Gottes Gedanken ist beides wichtig: Leib und Seele bzw. Geist (siehe auch 1. Mose 2, 7):

“Er selbst aber, der Gott des Friedens, heilige euch durch und durch, und euer ganzes Wesen, der Geist, die Seele und der Leib, werde unsträflich bewahrt bei der Wiederkunft unsres Herrn Jesus Christus!“

(1. Thessalonicher 5, 23)

Zukunftserwartung: radikal anders gelebt

Wir könnten es uns jetzt leicht machen. Wir könnten untersuchen, wie Paulus die Auferstehung von den Toten belegt. Dann könnten wir der paulinischen Beweisführung zustimmen und uns darüber freuen, dass unser Glaube eine Hoffnung vermittelt, die weit über die Vorstellungen der griechischen Philosophen hinausreicht. Damit aber stünden wir in der Gefahr,  in den gleichen Dualismus zu verfallen wie sie: hier die böse Welt, der es möglichst schnell zu entrinnen gilt, dort das himmlische Ziel, wo alles besser wird.
Natürlich geht es in diesem Kapitel darum, die Tatsache der Auferstehung zu belegen. Natürlich geht es auch um den großen Unterschied zwischen dem christliche Auferstehungsglauben und den griechischen Mythen und natürlich geht es auch darum, dass diese Welt – mit allen ihren positiven wie negativen Seiten – nicht das endgültige Ziel christlicher Hoffnung ist. ABER: Paulus beendet dieses Kapitel eben nicht nur mit Vers 57 – der Versicherung des göttlichen Triumphes über den Tod,
sondern mit der Aufforderung an uns:

Daher, meine geliebten Brüder, seid fest, unbeweglich,
allezeit überströmend in dem Werk des Herrn,
da ihr wisst, dass eure Mühe nicht vergeblich ist im Herrn.“

(1. Korinther 15, 58)

Ziel seiner Belehrung über die Auferstehung ist also nicht nur die Gläubigen in der Erwartung einer wunderbaren Zukunft zu bestärken, sondern auch sie zum beständigen Tätigwerden für Gott im Hier und Jetzt anzuleiten. Christliche Hoffnung ist nach Paulus nur dann wirklich christliche Hoffnung, wenn sie auch tätig wird. Christen leben ihre Zukunftserwartung nicht von Sonntag zu Sonntag, weil alles, was dazwischen liegt ja „nur weltlich“ ist, sondern auch von Montag bis Samstag, weil sie alles, was sie tun, für Gott tun:

“Was immer ihr tut, das tut von Herzen, als für den Herrn (…)“

(Kolosser 3, 23)

“Und alles, was ihr tut mit Worten oder mit Werken, das tut alles in dem Namen des HERRN Jesu, und danket Gott und dem Vater durch ihn.“

(Kolosser 3, 17)

Der Christ sehnt sich danach, einmal vollkommen in Gottes Gegenwart zu leben. Aber christliche Hoffnung erwartet nicht den Tod oder die Entrückung, damit die Seele endlich frei wird. Sie weiß darum, dass der Christ schon hier und jetzt durch das Erlösungswerk Christi ein freier Mensch geworden ist (Galater 5, 1; 13). Der Christ ist sich der Vergänglichkeit dieser Welt bewusst. Aber darum zieht er sich nicht in seine Kirchenecke zurück und achtet seinen Körper gering. Nein, er geht sorgsam mit seinem Körper um, weil er weiß, dass er nur durch dieses “Werkzeug“ Gott in dieser Welt dienen kann. Und zu diesem Dienst ist der Christ berufen. Gerade angesichts der Vergänglichkeit der Welt und angesichts der wunderbaren Zukunftshoffnung, ist es aus der Sicht des Apostels umso wichtiger jetzt tätig zu werden. Der Tag wird kommen, an dem die Zeit dieser Welt zu Ende geht und an dem aus der christlichen Hoffnung Realität wird. Bis dahin aber gilt es tätig zu sein, mit aller Kraft tätig zu sein, weil wir danach nichts mehr tun können (Johannes 9, 4; Lukas 19, 13; Kolosser 4, 5; Epheser 5, 15 – 16) damit befindet sich Paulus ganz im Einklang mit Seinem Herrn, der gesagt hat: „Handelt bis ich wiederkomme!“

Das Werk des Herrn

Paulus legt im eingangs gelesenen Vers besonderen Wert darauf, dass wir im „Werk des Herrn“ nicht nachlassen. Dieser Begriff kommt im Neuen Testament neben der hier betrachteten Stelle nur noch ein einziges Mal vor:

“Wenn aber Timotheus kommt, so sehet zu, daß er ohne Furcht bei euch sei, denn er treibt des Herrn Werk, wie ich auch.“

(1. Korinther 16, 10)

Aus 2. Timotheus 4, 5 ist uns bekannt, um was für ein Werk es sich hier handelt: Timotheus versah den Dienst eines Evangelisten. Wir sind nicht alle zu Evangelisten berufen (vgl. 1. Korinther 1, 17!). Aber alle Christen haben die Aufgabe, dieses Werk des Herrn, die Verkündigung des Evangeliums (Johannes 6, 29), mit Worten und Werke zu tun und mit Gebet und Gaben zu unterstützen.

Christen haben hier keine bleibende Stadt, sie erwarten die zukünftige Stadt Gottes. Aber deswegen huschen sie nicht durch diese Welt, möglichst ohne jeden Berührungspunkt. Christen gehen durch diese Welt und hinterlassen Spuren. Spuren ganz praktischer, konkreter Hilfe, Spuren des Trostes, der Ermutigung, der Zuwendung zum Nächsten. Und natürlich auch Spuren der Evangeliumsverkündigung. Weil wir diese Hoffnung haben, wollen wir auch gern darüber Auskunft geben (1. Petrus 3, 15). Weil wir diese Hoffnung haben, möchten wir sie mit möglichst vielen Menschen teilen. Wir wünschen uns, dass viele Menschen den Gott der Hoffnung kennenlernen und ihr Leben gestärkt wird, durch eine Gewissheit, die über das Sichtbare hinaus geht. Weil wir diese Zukunftserwartung haben, möchten wir, dass so viele Menschen wie nur irgend möglich, teilhaben werden an Gottes neuer Welt. Und darum werden wir, wenn das “Amen“ zu dieser Predigt gesprochen ist, nicht hinausgehen und uns fragen, wie wir noch “geistlicher“ werden können. Nein, wir werden uns fragen, wie wir unserem Nächsten noch besser dienen und wie wir das Evangelium dieses wunderbaren Gottes, mit  noch mehr Menschen teilen können. Zu diesem Werk des Herrn schenke uns Gott viel Kraft und kreative Ideen.

Fußnoten:

¹= Imre Peres: “Griechische Grabinschriften und neutestamentliche Eschatologie“, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament Band 157, Seite 29, Mohr Siebeck, Tübingen 2003

²= Imre Peres, a.a.O., Seite 132


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