Petrus – der Fels? (1)


Translation here.

Leserfrage: Ist die Versammlung (= Gemeinde/Kirche) auf Petrus gegründet?

In Matthäus 16, 18¹ lesen wir:

“Und ich sage dir auch: Du bist Petrus, und auf diesen Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen.“

Auf den ersten Blick und ohne weitere Vorkenntnisse könnte man meinen, dass der Herr Jesus hier die Ankündigung macht, dass Er seine Versammlung (= Gemeinde/Kirche) auf die Person des Petrus bauen würde.

Die römisch-katholische Kirche ist dieser Ansicht, aber auch einige andere Glaubensgemeinschaften. Allerdings ist nur die römisch-katholische Kirche mit ihrer Überzeugung sogar so weit gegangen, dass sie über dem angeblichen Grab des Apostels Petrus einen Kirchenbau errichtet hat, der zum Zentrum dieser Konfession wurde – der Petersdom in Rom:

“Die Peterskirche in Rom, im deutschen Sprachraum meist Petersdom genannt (auch: Basilika St. Peter; Petersbasilika; Vatikanische Basilika, italienisch: San Pietro in Vaticano, lateinisch: Sancti Petri in Vaticano oder Templum Vaticanum) ist die größte der Patriarchalbasiliken in Rom, aber nicht die Bischofskathedrale des Papstes (dies ist die Lateranbasilika). Der Petersdom ist das Zentrum des unabhängigen Staates der Vatikanstadt. Den Vorgängerbau, auch „Alt St. Peter“ genannt, ließ Konstantin der Große um 324 n. Chr. als Grabeskirche über dem vermuteten Grab des Apostels Simon Petrus errichten, dem sie als Namenspatron geweiht ist.  (…)

Im 1. Jahrhundert nach Christus lag der vatikanische Hügel außerhalb des antiken Roms auf der westlichen Tiberseite gegenüber dem mit öffentlichen Bauten bestückten Marsfeld. (…)  Wie auf fast allen Seiten war das antike Rom auch auf dem ager Vaticanus von Gräbern umgeben. Nach der Überlieferung wurde der Apostel Petrus im Herbst 64 n. Chr. im Circus des Caligula mit dem Kopf nach unten gekreuzigt und fand hier seine letzte Ruhestätte. (…)

Bei Ausgrabungen im Auftrag (Papst) Pius XII. um 1950 wurde eine ganze Gräberstraße   unter   der    Basilika    St.  Peter   freigelegt.  In  dem  Anfang  des  4. Jahrhunderts zugeschütteten Friedhof wurden bei den Ausgrabungen zahlreiche Grabhäuser (Memorien) mit Stuck, Wandmalereien und Mosaiken und vereinzelten christlichen Gräbern freigelegt. Es wurden auch Gebeine in dem mutmaßlichen Petrusgrab gefunden, allerdings nicht im Boden, sondern in einer seitlichen Stützmauer, die als rote Mauer bezeichnet wird. Die Theorie, die Gebeine seien in den letzten schweren Verfolgungen in einer mit Petrusgraffiti überzogenen Loggia bei den Katakomben von San Sebastiano aufbewahrt worden und erst von Konstantin in der Mauer beigesetzt worden, mag bis heute viele Kritiker nicht überzeugen. Während die Frage nach den Gebeinen darum offen bleiben muss, kann seit den Ausgrabungen als gesichert gelten, dass zumindest Anfang des 4. Jahrhunderts die verehrte Stätte als Grab des Petrus angesehen wurde. Die heutige Kuppel des Petersdoms befindet sich genau über diesem Grab. (…)“²

“Das Grabungsteam gab diese Funde 1951 als Entdeckung des Petrusgrabes bekannt, stieß damit unter Archäologen aber wegen mangelhafter Dokumentation und methodischer Fehler beim Graben auf Ablehnung. Daraufhin erlaubte der Vatikan von 1953 bis 1958 und nochmals 1965 weitere Grabungen, deren Ergebnisse breiter als zuvor dokumentiert und diskutiert wurden. Man   fand   unter   dem   Säulenmonument   ein  schlichtes   Erdgrab   aus  dem  späten  1. Jahrhundert ohne Knochen. Nur dicht darum angeordnete Erdgräber von Christen enthielten Knochen von Personen verschiedenen Alters und Geschlechts. Die Anordnung gilt einigen Forschern als Hinweis auf eine Verehrung dieser Stelle als Petrusgrab um 150. Vermutet wird, dass die Nische seit etwa 140 einen runden Gedenkstein – cippus genannt – enthielt, der den Ort des Petrusmartyriums markieren sollte und das von Gaius erwähnte Tropaion war. Die Archäologin Margherita Guarducci deutete Inschriften in der Mauer hinter dem Säulenmonument, darunter die Buchstabenfolge PETR… EN I [= “Petrus ist hier“, JNj.], als Bezeichnung von Petrusreliquien, fand damit aber kaum wissenschaftliche Zustimmung. An anderen Ausgrabungsorten in Rom fanden sich ähnliche Graffiti, die dort ein Gedenken von Christen an Petrus und Paulus als Märtyrer belegen.“³

Neben der Tatsache, dass der Petersdom – und damit das zentrale Gebäude des römischen Katholizismus – auf dem angeblichen Grab des Apostels Petrus erbaut wurde, wird dem Glauben, diese Kirche sei auf Petrus als dem Felsen aufgebaut, noch auf eine andere Art Ausdruck verliehen:

“Die doppelschalige Kuppel der Basilika St. Peter ist das größte freitragende Ziegelbauwerk der Welt. (…) Im inneren Kuppelfries steht in zwei Meter hohen Buchstaben das Zitat aus dem Matthäus-Evangelium: Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam et tibi dabo claves regni caelorum (Du bist Petrus [latinisiert von griechisch “πετρος“, “petros“: der Fels], und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen, und Dir gebe ich die Schlüssel zum Himmelreich.).“4

Wir wollen uns nun dem griechischen Text des zitierten Verses aus Matthäus 16, 18 zuwenden, um zu sehen, ob dieser Vers wirklich aussagt, dass Petrus der Fels ist, auf dem die Versammlung (= Gemeinde/Kirche) aufgebaut ist.

Im Folgenden sehen wir Matthäus 16, 18:

“κἀγὼ  –   δέ σοι λέγω  ὅτι  – σὺ εἶ Πέτρος, καὶ ἐπὶ ταύτῃ τῇ

Und ich – auch dir sage – Du bist Petrus, und auf diesen  –

πέτρᾳ οἰκοδομήσω  –  μου τὴν ἐκκλησίαν καὶ πύλαι

Felsen werde ich bauen – meine Gemeinde, und (die) Tore 

ᾅδου    –                    οὐ κατισχύσουσιν       –         αὐτῆς:

(des) Totenreichs – nicht werden den Sieg davontragen –

über sie.“5

Zwei Worte fallen im Zusammenhang mit unserer Betrachtung sogleich ins Auge:

Πέτρος      und     πέτρᾳ

Zu diesen beiden Begriffen – PETROS bzw. PETRA – merkt Christian Briem im „Wörterbuch zum Neuen Testament“ (6) an:

4073: pétra (πετρα) = √ Femin. v. 4074 >Fels; am Meer: Klippe, Riff; Felsblock, Felsengebirge [Sinnbild der Festigkeit; kommt nie im Sinne von 4074 als eines einzelnen Steins o. Geröllblocks vor].“6

4074: pétros (πετροϛ) = Stein, (Fels-)Gesims, Riff, Klippe [Stück eines Felsens, ein losgelöster Stein (Im NT nur als Personenname gebraucht; nicht verzeichnet); größer als 3037].“7

Das griechische Neue Testament kennt noch ein weiteres Wort für Stein. Dazu führt Christian Briem aus:

3037: lithos (λιθος) = Stein (> Baustein, Edelstein, Mühlstein).“8

Aber dieses Wort – „lithos“ – wird hier in Matthäus 16, 18 nicht benutzt.

Es besteht also schon sprachlich ein großer Unterschied zwischen „petros“, dem losgelösten Stein und „petra“, dem gewachsenen Felsen.

Wir können Matthäus 16, 18 so verstehen:

„Und ich sage dir auch: Du bist Petrus (ein losgelöster Stein, JNj.), und auf diesen (gewachsenen, JNj.) Felsen will ich meine Gemeinde bauen, und die Pforten des Totenreiches  sollen sie nicht überwältigen.“

Schon dieser sprachliche Unterschied macht deutlich, dass Petrus nicht der Fels sein kann, auf den der Herr Jesus Christus Seine Versammlung (= Gemeinde/Kirche) erbaut hat. Dies wird noch deutlicher, wenn wir die Person des Petrus, wie sie uns im Neuen Testament geschildert wird, betrachten und wenn wir untersuchen, welche Person im Alten wie im Neuen Testament mit einem Felsen verglichen wird. Auf diese Punkte werde ich in einem Folgeartikel eingehen.

Fußnoten:
¹ = zitiert nach der Lutherübersetzung 1984
² = Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Petersdom
³ = Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Simon_Petrus
4 = Wikipedia: http://de.wikipedia.org/wiki/Petersdom#Kuppel
5 = Interlinearübersetzung des NT, Downloadbereich der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig, http://www.uni-leipzig.de/~nt/index.phpp

6 = Christian Briem, Wörterbuch zum Neuen Testament, CSV-Verlag Hückeswagen 1998, Seite 707, Nummer 4073 mit dem Hinweis, dass sich das Wort in folgenden Stellen findet: Matthäus 7, 24 + 25; Matthäus 16, 18; Matthäus 27, 51; Matthäus 27, 60; Markus 15, 46; Lukas 6, 48; Lukas 8, 6; Lukas 8, 13; Römer 9, 33; 1. Korinther 10, 4; 1. Petrus 2, 8; Offenbarung 6, 15; Offenbarung 6, 16
7 = Christian Briem, a.a.O., Seite 708, Nummer 4074 mit dem Hinweis, dass sich das Wort an folgenden Stellen findet: Matthäus 16, 18; Johannes 1, 42
8 = Christian Briem, a.a.O., Seite 560, Nummer 3037 mit 60 Fundtsellen

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