Die Nephilim (1)


Translation here.

Antwort auf eine Leserfrage: Waren die „Nephilim“ in 1. Mose 6, 1 – 4  Nachkommen von Engeln und Menschen?

Nein, unter den Nephilim sind m. E. keine Nachkommen von Engeln und Menschen zu verstehen, auch wenn diese Theorie sehr verbreitet ist. Es wird angenommen, dass sich die Verbreitung dieser Theorie maßgeblich auf ihre Erwähnung in der jüdischen Schrift Targum Jonathan (auch: Tagurm Jerusalem) zurückführen lässt. Das Buch Enoch, ein pseudoepigraphisches Werk aus dem 2. Jahrhundert nach Christus erwähnt sie, so auch Philo, Josephus Flavius, Justin der Märtyrer, Tertullian, Cyprian und Ambrosius. Sie scheint auf jüdische Mythen zurückzugehen, wird jedoch bis heute vom orthodoxen Judentum strikt abgelehnt. Auf jeden Fall übersieht, wer immer diese Theorie als Christ vertritt, wichtige biblische Aussagen bzw. Lehren.

Denn gemäß Matthäus 22, 30, Lukas 20, 35 – 36 und  Markus 12, 25 gehen Engel keine Beziehungen ein und pflanzen sich auch nicht fort.

In 1. Mose 6, 1 – 2 ist nun die Rede von den „Söhnen Gottes“, die  sich die „Töchtern der Menschen“ zu Frauen nahmen. Man kann hier schnell auf den Gedanken kommen, dass es sich bei den „Söhnen Gottes“ um Engel handeln könnte, da Engel im Buch Hiob auch als „Söhne Gottes“ bezeichnet werden (vgl. z. B.  Hiob 1, 6; 2, 1; 38, 7).

Der hebräische Begriff „nephilim“, mit der die in 1. Mose 6 genannten „Riesen“ bezeichnet werden,  wird von dem hebräischen Wort  „naphal“ abgeleitet (nicht von „naphil“ wie die Wikipedia schreibt!), was „gefallen“ bedeutet (vgl. Adam Clark, The Holy Bible, Old and New Testaments, A Commentary and Critical Notes,  Vol. I, New York 1837, Anmerkung zu  Genesis 6:4, Seite  66). Aus diesem Grund sind einzelne Ausleger wohl zu der Schlußfolgerung gelangt, dass aus der Liaison zwischen Menschenfrauen und gefallenen Engeln diese „Mutanten“ entstanden seien. Eine Geschichte, die einen guten Stoff für einen Horrorstreifen aus Hollywood darstellt, aber so aus der Bibel nicht zu entnehmen ist. Denn:

1) hätten diese gefallenen Engel Fleisch und Blut annehmen müssen, um mit diesen Frauen verkehren zu können. Viele Berichte des Alten  und des Neuen Testaments  lehren zwar, dass Menschen von Geistern bewohnt sein können, aber nirgendwo ist dabei von einer wirklichen Fleischwerdung/Inkarnation dieser Geister die Rede. „Das Wunder, außerhalb des natürlichen Weges einen Körper zu schaffen, ist nur dem Schöpfer selbst möglich und Gott hat dieses Wunder nur ein einziges Mal in der Menschwerdung Seines Sohnes vollbracht.“¹

2) Im Zusammenhang mit 1. Mose 6 wird gern verwiesen auf 2. Petrus 2, 4 – 5 und Judas 6 – 7, wenn man belegen will, dass es sich bei den Erzeugern der „Riesen“ um gefallene Engel gehandelt habe. Aber 2. Petrus 2, 4 – 5 und Judas 6 – 7 beschreiben lediglich den Fall der Engel, nicht ihre späteren Verhaltensweisen.

3) Aus 1. Mose 6, 4 geht nicht zwingend hervor, dass die „Riesen“ die Kinder der „Gottessöhne“ und der Menschenfrauen gewesen sein müssen. Die Lutherübersetzung 1984 gibt zwar 1. Mose 6, 4 so wieder:

„Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten.“

In dieser Übersetzung steckt aber m. E. schon eine gewisse Interpretation.

Menge übersetzt 1. Mose 6, 4:

„Zu jener Zeit waren die Riesen auf der Erde und auch später noch, solange die Gottessöhne mit den Menschentöchtern verkehrten und diese ihnen (Kinder) gebaren. Das sind die Helden (oder: Recken), die in der Urzeit lebten, die hochberühmten Männer.“²

„Zu jener Zeit“, d.h. während die Gottessöhne Beziehungen zu den Frauen der Menschenkinder pflegten, waren diese „Riesen“ auf Erden.  Dass diese „Riesen“ aus diesen Beziehungen hervorgegangen sind, wird gar nicht gesagt. Es wird lediglich  festgestellt, dass sie „zu jener Zeit“ und „auch später noch“ existierten.

Menge befindet sich damit in einer Linie mit Naftali Herz Tur-Sinai, der 1. Mose 6, 4 wie folgt wiedergibt:

„Die Riesen waren auf Erden in jenen Tagen und auch nachher noch, da die Gotteswesen zu den Töchtern der Menschen kamen, und die ihnen gebaren. Dies sind die Helden, die in Urzeiten die berühmten Männer waren.“³

Wie ich bereits schrieb, hat das orthodoxe Judentum diese Interpretation stets abgelehnt und auch ich finde sie in keiner Weise überzeugend, da sie der biblischen Lehre über die Engel widerspricht.

Wenn wir diese Interpretation als nicht stichhaltig verwerfen müssen, bleibt natürlich die Frage, wie wir diese Verse auslegen.

Die überzeugendste Antwort für mich ist, dass es sich bei den „Gottessöhnen“ um gottesfürchtige  Männer aus der Linie Seths (1. Mose 4, 26) gehandelt hat, die Beziehungen mit den Töchtern des gottlosen Kain eingingen. Für diese Auslegung spricht zum einen, dass bereits in 2. Mose 4, 22 die gläubigen Israeliten in ihrer Gesamtheit als „Sohn Gottes“ bezeichnet werden (vgl. dazu auch Psalm 73, 15 [Elberfelder Übersetzung]; Hosea 1, 10; Matthäus 8, 12; Matthäus 13, 38) und dass es bereits in den fünf Büchern Mose Warnungen bzgl. der Eheschließungen zwischen Gläubigen und Ungläubigen  bzw. Israeliten und Nicht-Israeliten gibt (vgl. insbesondere  2. Mose 23, 32; 5. Mose 7, 3 – 4; 1. Mose 24, 3 – 4; siehe später auch:  Esra 9, 1 – 2 + 6).

Auf den Begriff der „Riesen“ werde ich gesondert eingehen.

Fortsetzung folgt.

Fußnoten:
¹= Dr. René Pache: L’AU – DELÀ, Bundes-Verlag Witten, 1957, Seite 85/86.
²= „Die Heilige Schrift“ übersetzt von Herman Menge, 11. Auflage, Deutsche Bibelgesellschaft Stuttgart 1984, Seite 7
³= Naftali Herz Tur-Sinai: „Die Heilige Schrift“ Hänssler-Verlag Neuhausen-Stuttgart 1993, Seite 21

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