Alles hat seine Zeit


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In Johannes 20, 14 – 18 wird uns folgende Begebenheit im Zusammenhang mit der Auferstehung Jesu berichtet:

„Als sie dies gesagt hatte, wandte sie sich zurück und sieht Jesus dastehen; und sie wusste nicht, dass es Jesus war. Jesus spricht zu ihr: Frau, warum weinst du? Wen suchst du? Sie, in der Meinung, es sei der Gärtner, spricht zu ihm: Herr, wenn du ihn weggetragen hast, so sage mir, wo du ihn hingelegt hast, und ich werde ihn wegholen. Jesus spricht zu ihr: Maria! Sie wendet sich um und spricht zu ihm auf Hebräisch: Rabbuni! – das heißt Lehrer. Jesus spricht zu ihr: Rühre mich nicht an, denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater. Geh aber hin zu meinen Brüdern und sprich zu ihnen: Ich fahre auf zu meinem Vater und eurem Vater und meinem Gott und eurem Gott. Maria Magdalene kommt und verkündet den Jüngern, dass sie den Herrn gesehen und er dies zu ihr gesagt habe.“

Drei Dinge möchte ich aus diesem Bericht herausgreifen, die ich für sehr bemerkenswert halte:

* Maria erkennt den Herrn – ebenso wie die Emmausjünger – nicht „auf den ersten Blick“. Aber sie erkennt Ihn an Seiner Stimme! Ihr braucht Er sich nicht so offenbaren wie den Emmausjüngern oder einem Thomas. Sie glaubt Ihm „auf’s Wort“!  Man wird sogleich an die Worte Jesu aus Johannes 10, 27 – 28 erinnert, wo der Herr die an Ihn Gläubigen so beschrieben hatte:

„Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie, und sie folgen mir nach. Und ich gebe ihnen ewiges Leben, und sie werden in Ewigkeit nicht umkommen, und niemand wird sie aus meiner Hand reißen.“

* Bemerkenswert ist auch ihre Reaktion auf die Stimme des Herrn. Sie ruft: „Rabbuni!“ – Lehrer! Nach Barnes gab es eine dreigliedrige Abstufung unter den jüdischen Lehrern, die allein diese Bezeichnung tragen durften. Als „Rab“ („Meister/Lehrer“) wurden diejenigen bezeichnet, die auf der untersten Stufe dieser Hierarchie standen. Über dem „Rab“ stand der  „Rabbi“ (mein „Meister/Lehrer“) und mit dem  Titel „Rabbuni“ (mein großer „Meister/Lehrer“) durften nur die höchsten und ehrenvollsten Lehrer bezeichnet werden.¹ Mit ihrem Ausruf: „Rabbuni!“ bringt Maria nicht nur ihre große Freude, sondern auch ihre Stellung zum Herrn Jesus zum Ausdruck. Er ist ihr Meister, ihr Lehrer. Nicht irgendein Meister, nicht irgendein Lehrer, Er ist der größte Lehrer, Er ist der einzige Lehrer für sie.  Neben Ihm gibt es keinen anderen.  Sie versteht sich als Seine Jüngerin, als eine Lernende. Auch jetzt ist sie bereit Ihm zu folgen, vom Ihm zu lernen.

Wie die Emmausjünger, so befindet sich auch Maria seit dem Tod des Herrn in einem Zustand von Trauer  und Unverständnis. Auch ihre Welt ist völlig „aus den Fugen“ geraten. Aber bei ihr genügt ein Wort, bei ihr genügt es, die Stimme des guten Hirten zu hören und die Nebel lichten sich. Der Grund dafür lag in ihrer bedingungslosen Liebe dem Herrn gegenüber. Während die Mehrheit der Jünger floh und den Herrn verriet, finden wir Maria unter Seinem Kreuz (Mathäus 27, 55 – 56), sie war bei Seinem Begräbnis dabei (Markus 15,  47), d.h., sie wird den Trauerzug von Golgatha bis zum Grab begleitet haben. Und gleich nachdem der Sabbath vorüber war, kaufte sie zusammen mit anderen Frau die Gewürzsalben, um den Leichnam Jesu damit zu salben ( Markus 16, 1) und darum ist sie auch unter denen, die das leere Grab entdecken. In gewisser Weise blieb Maria immer irgendwie in Seiner Nähe.

Das Leben eines Gläubigen wird nie ohne Anfechtungen bleiben (Johannes 16, 33; 1. Petrus 1, 6;  Jakobus 1, 2 + 12; Lukas 22, 28) und es kann Zeiten geben, in denen wir meinen, dass sich alles um uns verdunkelt. Für solche Zeiten hat Gott uns eine klare Wegweisung gegeben: „Wer unter euch fürchtet den HERRN, ist gehorsam der Stimme seines Knechtes? Wenn er im Finstern wandelt und ihm kein Licht scheint, so vertraue er auf den Namen des HERRN und halte sich an seinen Gott!“ (Jesaja 50, 10 – 11). Es ist menschlich sehr  verständlich,  dass ein Mensch, wenn  er in eine schwere Lebenskrise gerät, frustriert und vielleicht sogar depressiv wird, versucht, Abstand von dieser  Situation zu gewinnen. Manchmal ist sogar ein Ortswechsel dringend angeraten. Nicht angeraten  jedoch ist Abstand von Gott zu nehmen, denn Er, der Allmächtige, ist der Einzige, der uns in allen Situationen helfen kann und  Er will es auch tun. Doch dazu müssen wir Ihm auch vertrauen. Vielleicht können wir in solchen Situationen kaum noch beten. Aber bei unserem Herrn kommt es nicht auf  die Länge eines Gebets an. Jakob sagte nur einen Satz: „Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn!“ (1. Mose 32, 27) und auch dem Zöllner begegnete Gott nach nur einem Satz: „Sei mir Sünder gnädig!“ (Lukas 18, 13). Das Entscheidende ist nicht die Länge unserer Gebete, sondern die  Herzenseinstellung mit der wir dauerhaft am Gebet anhalten  (Lukas 18, 1 – 8).  Dabei ist es wichtig, dass wir nicht aus falsch verstandener Frömmigkeit  unwahrhaftig werden. Es gibt Situationen, in denen wir Gott und Seine Führung einfach nicht verstehen. Wenn eine solche Situation  eintritt, dann dürfen und sollten wir Ihm auch das im Gebet sagen!  Das ist kein Unglaube, das ist Wahrhaftigkeit. Gott, der unser Innerstes kennt (Psalm 139, 1) weiß sowieso, wie es um uns steht. Wie viel besser ist es aber, wenn wir diese Gedanken nicht in unserem Herzen vergraben, sondern mit unserem himmlischen Vater im Gebet besprechen und so die Last unseres Herzens bei Ihm loswerden. Dann kann auch Er wieder  durch Sein Wort, die Heilige Schrift, in unser Leben und in unsere Situation hineinsprechen und sie mit Licht erfüllen.

* Wir können uns sicherlich gut vorstellen, wie sehr sich Maria gefreut hat, als sie nach all der Trauer und dem Leid der vorausgegangenen Tage nun dem Herrn begegnete. Es war nur natürlich für sie, die immer in Seiner Nähe geblieben war, nun auch gleich wieder Seine Nähe zu suchen. Am liebsten hätte sie Ihn wohl für immer festgehalten. Doch da kommt der Einwand des Herrn: „Rühre mich nicht an!“ – Wieso dürfen andere – z.B. Thomas – den Herrn berühren, Maria aber nicht?  Die Antwort liegt in den griechischen Worten, die der Apostel Johannes hier gebraucht: „μή μου ἅπτου“ („me mou haptou“), was mehr als nur eine Berührung ausdrückt. Wir können auch übersetzen: „Klette nicht an mir“ oder: „Klebe nicht an mir“². Als Grund für dieses Gebot gibt der Herr an: „(…) denn ich bin noch nicht aufgefahren zu meinem Vater ….“  Die Beziehung, in die der Herr zu Seinen Gläubigen tritt, ist ab jetzt eine andere. Er, der Auferstandene wird zu Seinem Vater zurückkehren und den Heiligen Geist, Seinen Stellvertreter auf Erden senden. (Johannes 14 + 16). Durch Ihn wird Er bei ihnen und in ihnen sein. Maria Magdalena soll das gleich jetzt lernen (2. Korinther 5, 16).  Sie soll  nicht an dem „kleben bleiben“, was sie jetzt sieht. Der Herr gibt ihr einen wichtigen Auftrag: „Gehe  hin zu meinen Brüdern und verkünde ihnen ….!“  Und sie – ganz Jüngerin und ganz Lernende – tut genau das! Die Begegnung mit dem Auferstandenen und das Wort, das Er an sie richtet, „machen ihr Beine“ – wie es auch bei den Emmausjüngern geschah.

Wenn wir – vielleicht nach einer Zeit schweren Kummers, unserem Herrn begegnen und Er neu zu uns spricht, dann müssen wir aufpassen, dass wir nicht an alten Vorstellungen „kleben bleiben“.  Leben im Glauben ist ein beständiges Wachstum, nicht immer quantitativ, aber qualitativ. Und Wachstum bedeutet immer auch Veränderung. Wir bleiben gern, bei dem, was wir kennen, denn Veränderungen gehen auch immer mit Ungewissheiten einher. Aber nicht das Festhalten an den vertrauten Umständen gibt unserem Leben Stabilität, sondern die Tatsache, dass unser auferstandener Herr durch Seinen Geist immer bei/mit und in uns ist. Allein dieses neue Leben aus Ihm befähigt uns, Seine Aufträge zu erfüllen, auch wenn das bedeutet, neue und noch völlig unbekannte Wege zu gehen. Er ist mit uns.

Fußnoten:

¹= vgl. „Notes on the New Testament – Explanatory and Practical“ by Albert Barnes, Edited by  Robert Frew, D.D., Baker Book House Grand Rapids, Michigan, Vol. 2 (Luke-John), 1949, Anmerkung zu Joh. 20;

²= vgl. Adam Clark „Commentary and critical notes on the Bible“, Thomas Nelson Inc., 1996 Anm. zu Joh. 20;

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