Eine Frage der Glaubwürdigkeit


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Eine Beobachtung aus dem letzten Jahrhundert

Ich erinnere mich noch gut an die Verwunderung, die ich empfand, als ich zum ersten Mal die deutsche Übersetzung eines Buches in die Hand bekam, das von seinem Inhalt her dem so  genannten „Hebrew-Roots-Movement“ zuzuordnen war.  Der Titel des Buches lautete ungefähr: „Was Jesus wirklich gesagt hat“.  Die Aussage des Autors ging dahin, dass das Christentum die Mehrzahl der Aussagen/Lehren Jesu missverstanden hätte und dass diese sowieso nur auf dem jüdischen Hintergrund Jesu verständlich seien. Im Verlauf der 90ger Jahre tauchten immer mehr solcher Bücher in  Katalogen für  ein vorwiegend „christliches“ Kundensegment auf und machten so die Runde in diversen christlichen Kreisen. Als Folge davon konnte ich beobachten, wie in einigen Bereichen die Rückkehr zum Sabbath, das Einhalten von Speisevorschriften etc. diskutiert und in manchen Gemeinschaften dann auch praktiziert wurde. Dass all‘ dies ein Rückfall in vorchristliche Zeiten und in nichtchristliche Praktiken ist, habe ich an anderer Stelle dargelegt (siehe hier und hier), so dass ich in diesem Artikel  nicht weiter darauf eingehen möchte. Was mich damals so verwunderte, war, dass viele Menschen von diesen Lehren so überrascht und auch sehr schnell eingenommen waren. Das Christentum besteht seit 2000 Jahren, plötzlich taucht eine Gruppierung auf und behauptet, dass die christlichen Lehren zum großen Teil falsch seien, weil sie die „jüdischen Wurzeln“ unbeachtet ließen. Anstatt diese Behauptung zu hinterfragen und einen biblischen Beleg dafür zu fordern, sprangen viele Gläubige auf diesen „Zug“ auf, liessen sich von hebräischen Vokabeln und Zitaten aus rabbinischen Schriften beeindrucken. Um nicht mißverstanden zu werden: Natürlich ist es wichtig, den historischen und kulturellen Hintergrund des Neuen Testaments zu kennen, um es richtig auslegen zu können.  Es gibt diesbezüglich gute und sehr empfehlenswerte Literatur, zum Beispiel die Bücher von Alfred Edersheim, eines Christen jüdischer Herkunft (Klick!). Aber es war ganz offensichtlich, dass viele, die den Behauptungen des  „Hebrew-Roots-Movement“ Glauben schenkten, sich über die Implikationen dieser Behauptungen/Lehren nicht im Klaren waren. Es ging nämlich dabei um nichts weniger, als um eine Frage der Glaubwürdigkeit – und zwar der Glaubwürdigkeit Gottes!

Das göttliche Versprechen

In Epheser 5, 29, sagt der Apostel Paulus, dass Christus die Versammlung (= Gemeinde/Kirche) nährt und pflegt. In Seinen Abschiedsreden hat der Herr Jesus darauf hingewiesen, wie dies geschehen sollte. Er versprach den Heiligen Geist zu senden, damit dieser die Gläubigen alles lehren und an alles erinnern würde, was Er gesagt hatte (Johannes 14, 26).  Desweiteren verhieß der Herr Jesus, dass der Heilige Geist die Gläubigen „in alle Wahrheit leiten“ würde (Johannes  16, 13).  In Epheser 4, 11 – 14 erläutert der Apostel Paulus, dass der Herr Jesus Christus  zur dauerhaften Auferbauung Seines Leibes außerdem Dienstgaben gegeben hat. Apostel und Propheten waren die Grundlage, auf der die Versammlung (= Gemeinde/Kirche)  aufgebaut wurde. Diese Dienstgaben wurden vom Herrn danach nicht erneut gegeben, denn eine Grundlage wird nur einmal gelegt (Epheser 2, 20). Aber bis heute schenkt der Herr Seinem Leib Evangelisten, Hirten und Lehrer, um die  Gläubigen  zuzurüsten zum Werk des Dienstes. Der Herr Jesus hat uns  somit ein  dreifaches Versprechen, gegeben:

  • Er nährt und pflegt seine Versammlung (= Gemeinde/Kirche).
  • Der von Ihm gesandte Heilige Geist würde die Gläubigen in alle Wahrheit führen, sie alles lehren und an alles erinnern, was der Herr Jesus gesagt hatte.
  • Der Herr Selbst gibt Seinem Leib Dienstgaben zur Erbauung, Belehrung und Zurüstung.

Wer also behauptet, dass grundlegende christliche Lehren bzw. sogar eine überwiegende Anzahl davon, von den Gläubigen nie verstanden oder aber nur zu Teilen richtig weitergegeben wurden, der stellt dieses Versprechen des Herrn Jesus und damit Seine Glaubwürdigkeit in Frage. Denn er behauptet damit ja, dass der Herr Selbst es nicht vermocht hat, dass Seine Lehre bis zum heutigen Tag treu und unverfälscht weitergegeben wurde. Was für ein absonderlicher Gedanke und was für ein merkwürdiges Gottesbild! Sollte ein allmächtiger Gott nicht in der Lage sein, Seine Worte, Seine Lehren, auch über Jahrtausende zu bewahren und treuen Menschen zur Weitergabe anzuvertrauen?

Ich kenne die Einwände. Natürlich sind wir Menschen fehlbar und natürlich hat es über die Jahrhunderte hinweg immer Zeiten gegeben, in denen wichtige Aussagen der Heiligen Schrift vernachlässigt wurden und in der Verkündigung/Lehre  in den Hintergrund traten. Um diese Zustände zu heilen hat Gott regelmäßig Reformatoren erweckt, die das  helle Licht des Wortes Gottes wieder auf den Leuchter stellten. Aber beachten wir: bei jeder geistlichen Reformation wurden Lehren neu beleuchtet, die seit Anbeginn des Christentums bekannt waren und gelehrt wurden. Niemals hat ein anerkannter Reformator behauptet, eine Lehre zu bringen, die die Versammlung (= Gemeinde/Kirche)  nie zuvor verstanden, geschweidenn gelehrt oder verkündigt hätte!  Wo solche (neuen, nie zuvor anerkannten) Lehren auftauchten, wurden sie zu recht abgelehnt, so z.B. die früheste Rückkehrbewegung zu Lehren und Praktiken des Judentums (siehe Galater 2, 11 – 17), das versuchte Eindringen der Lehren der Reinkarnation und der Allversöhnung in das Christentum durch die so genannten Kirchenväter u.a.m.

Eine gegenwärtige Beobachtung

Wir leben in einer Zeit, in der unter Christen viele, seit zwei Jahrtausenden anerkannte und geglaubte Lehren der Christenheit hinterfragt werden. Grundsätzlich habe ich kein Problem damit, dass eine junge Generation die Heilige Schrift erforscht, um sich selbst darüber klar zu werden, was Christen glauben. Daran ist nichts auszusetzen. Ganz im  Gegenteil: jeder von uns sollte „aus erster Hand“ wissen, was er glaubt und nicht nur Glaubenssätze von Eltern  oder anderen Gläubigen übernehmen. Ich habe auch kein Problem damit, wenn jemand sagt, dass er sich zu dieser oder jener Lehre nicht äußern könne, weil er dazu noch keine endgültige und umfassende Sicht aus der Heiligen Schrift hat. Das ist ehrlich und o.k. Aber ich plädiere dafür, dass wir Besonnenheit walten lassen,  wenn wir uns dazu äußern, ob eine seit 2000 Jahren vertretene christliche Lehre wahr oder unwahr sei. Bedenken wir, dass es dabei um die Frage der Glaubwürdigkeit geht und zwar nicht nur um die Glaubwürdigkeit von Menschen, sondern von Gott Selbst! Desweiteren ist es wichtig, dass wir unsere Lehren auf die Heilige Schrift gründen und sie nicht aus Büchern (oder Artikeln!) anderer Christen entnehmen. Die Frage, von der wir ausgehen müssen, ist: „Was sagt Gottes Wort?“ und nicht: „Was für eine Lehre oder was für ein Gottesbild soll am Ende meines Studiums für mich dabei herauskommen?“. Nicht immer sind die Aussagen des Wortes Gottes „leicht zu verdauen“ (vgl. Offenbarung 10, 9 – 10), selten werden sie unserem Wunsch nach Harmonie entsprechen.  Wir werden von ihnen oft in eine Spannung gestellt, die es auszuhalten gilt. Das ist gut so, handelt es sich doch  um das Wort Gottes, nicht um Menschenwort. Es ist gut, wenn wir immer wieder merken, wir haben es hier nicht mit Worten von „unseresgleichen“ zu tun, mit Worten die wir meistern  können, denn das ist immer der Ausgangspunkt dafür, dass  Gott uns weiterführen und belehren kann (Psalm 111, 10; Sprüche 1, 7; Jesaja 66, 2b).

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