Das weiße Band (4)


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Gedanken zum Film (3)

Im weiteren Nachdenken über das Band musste ich auch an die Worte Jesu denken, die dieser über die Pharisäer sagt:

“Sie binden aber schwere und unerträgliche Bürden und legen sie den Menschen auf die Schultern …“

(Matthäus 23, 4)

Der Dorfgeistliche in Hanekes Film erscheint als ein neuzeitlicher Pharisäer. Dabei darf man nicht  primär an den allgemein üblichen Gebrauch des Wortes “Pharisäer“ als Synonym für “Heuchler“ denken. Die Pharisäer waren ja ursprünglich das, was wir heute eine “Erweckungsbewegung“ oder “Heiligungsbewegung“  nennen würden. Sie waren in ihrer Zeit Träger eines geistlichen Aufbruchs im jüdischen Volk. Das wird schon aus ihrem Namen  (hebr. „פרושי“ = “perushim“ von: “פרוש“ = “parush“, d.h. die “Abgesonderten“) deutlich. Diese Menschen hatten miterlebt, wie das Volk  Israel  von den  Heeren der Babylonier besiegt und in den Jahren 605 ff. v. Chr. ins Exil nach Babylon  geführt wurde (2. Chronika 36, 17ff.) Der Grund dafür war ihnen durch die Kenntnis der Heiligen Schrift nur zu klar: Gott hatte Sein Volk in die Gefangenschaft gegeben, weil es Ihm untreu geworden war (vgl.  5. Mose 28,  25 + 36). Als Gott Seinem Volk nach  Jahrzehnten des Exils unter dem medo-persischen König Kyros II. die Rückkehr in das Land der Väter ermöglichte (vgl. Esra, Nehemia), sahen die Pharisäer dies als große und einmalige Chance an. Nie wieder wollten sie ihrem Gott untreu werden. Nie wieder sollte ihrem Volk ein solches Schicksal widerfahren. Stellt man sich die ursprünglichen Gebote Gottes wie einen Zaun vor, den der Mensch um seines eigenen Schutzes willen nicht überschreiten sollte, so begannen die Pharisäer nun, um diesen Schutzzaun Gottes noch weitere “Zäune“ zu errichten: die “Satzungen und Gebote der Alten“ (vgl. Markus 7, 3; + 5Matthäus 15,  2 – 6). Ihr Wunsch war es, dass das Volk überhaupt nicht erst in die Gefahr geraten sollte, den ursprünglichen “Schutzzaun“ zu übertreten. Ähnliches kann man sich bei dem Dorfgeistlichen in Hanekes Film vorstellen. Vielleicht war es sein Wunsch, dass seine Kinder erst gar nicht in die Gefahr kamen, etwas zu tun, das ihnen oder ihrer Familie schadete. Doch gut gemeint, ist nicht automatisch auch gut gemacht. Die neuen und zusätzlichen “Zäune“, welche die Pharisäer errichteten, waren menschlich erdachte, bis ins kleinste Detail ausgefeilte Regeln und Gebote. Ihr Motiv war gut, aber der Lösungsweg, den sie beschritten, verfehlte das Ziel. Sie hatten nicht erkannt, dass das äußere Verlassen der Gebote Gottes immer  nur die Folge einer inneren Abwendung des menschlichen Herzens von Gott war bzw. ist (Markus 7, 21 – 23). Sie setzten bei äußerlichen Veränderungen an und vergaßen, ja übersahen, dass nur ein mit Gott verbundenes Herz auch Gottes Gebote halten kann und halten will. Genau darauf wies sie der Herr Jesus immer wieder hin:

“Und es versammelten sich bei ihm die Pharisäer und etliche Schriftgelehrte, die von Jerusalem gekommen waren,  und als sie etliche seiner Jünger mit gemeinen, das heißt mit ungewaschenen Händen Brot essen sahen  (denn die Pharisäer und alle Juden essen nicht, sie haben denn zuvor gründlich die Hände gewaschen, weil sie die Überlieferung der Alten halten.  Und wenn sie vom Markte kommen, essen sie nicht, ohne sich zu baden. Und noch viel anderes haben sie zu halten angenommen, nämlich das Untertauchen von Bechern und Krügen und ehernen Geschirren und Stühlen),  da fragten ihn die Pharisäer und Schriftgelehrten: Warum wandeln deine Jünger nicht nach der Überlieferung der Alten, sondern essen das Brot mit ungewaschenen Händen?  Er aber antwortete und sprach zu ihnen: Trefflich hat Jesaja von euch Heuchlern geweissagt, wie geschrieben steht: «Dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, doch ihr Herz ist ferne von mir;  aber vergeblich verehren sie mich, weil sie Lehren vortragen, welche Gebote der Menschen sind.» Ihr verlasset das Gebot Gottes und haltet die Überlieferung der Menschen fest, das Untertauchen von Krügen und Bechern, und viel anderes dergleichen tut ihr. Und er sprach zu ihnen: Wohl fein verwerfet ihr das Gebot Gottes, um eure Überlieferung festzuhalten. Denn Mose hat gesagt: «Ehre deinen Vater und deine Mutter» und: «Wer Vater oder Mutter flucht, der soll des Todes sterben.» Ihr aber sagt: Wenn jemand zum Vater oder zur Mutter spricht: «Korban», das heißt zum Opfer ist vergabt, was dir von mir zugute kommen sollte,  so muß er für seinen Vater oder seine Mutter nichts mehr tun. Also hebet ihr mit eurer Überlieferung, die ihr weitergegeben habt, das Wort Gottes auf; und dergleichen tut ihr viel.  Und er rief alles Volk zu sich und sprach zu ihnen: Höret mir alle zu und merket!  Es ist nichts außerhalb des Menschen, das, wenn es in ihn hineingeht, ihn verunreinigen kann; sondern was aus dem Menschen herauskommt, das ist es, was den Menschen verunreinigt.“

(Markus 7, 1 – 15)

Wir würden einen großen Fehler machen, wenn wir nun mit dem Finger auf die Pharisäer zeigen und meinen würden, dieses Wort Jesu gelte uns nicht. Auch Christen – und da ist die Konfession des jeweiligen “Dorfgeistlichen“ völlig unerheblich – können der Gefahr erliegen, dass sich ihr Herz von Gott abwendet und sich in menschlichen Geboten, Dogmen, Formen etc.  verliert. Doch jede Form der Heiligung, alles Halten göttlicher (und/oder menschlicher) Gebote ist zum Scheitern verurteilt, wenn das menschliche Herz nicht erneuert ist  und in einer lebendigen Beziehung zu Gott steht. Das hätten die Pharisäer aufgrund ihrer Kenntnis der Heiligen Schrift wissen müssen, denn die alttestamentarischen Propheten haben klar davon gesprochen (vgl. Hesekiel 36, 22 – 38). Auch das Neuen Testament lehrt eindeutig, dass die Erneuerung des Menschen durch den Heiligen Geist die Grundlage eines Gott wohlgefälligen Lebens ist, ja sein muss (vgl. Titus 3, 5 – 8). Der Dorfgeistliche in Hanekes Film hätte dies wissen müssen und es hätte ihm aufgrund dieser Kenntnis eigentlich klar sein müssen, dass all‘ seine auf Äußerlichkeiten beschränkten Erziehungsversuche keine Menschen hervorbringen konnten, die Gott und ihre Mitmenschen aus einem befreiten Herzen lieben würden. Wissen wir es?


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