Notizen zum Buch des Propheten Jesaja (1)

Notizen zum Buch es Propheten Jesaja

Mit diesem Beitrag beginne ich eine Reihe, die genau das ist, was ihr Titel aussagt: „Notizen zum Buch des Propheten Jesaja“, keine „Artikel“ oder “Kommentare zum Buch des Propheten Jesaja“. Diese Notizen entstanden als Ergebnis meiner persönlichen Beschäftigung mit diesem alttestamentarischen Prophetenbuch. Der Vollständigkeit halber beginnen sie mit dem Überblick über das Buch des Propheten Jesaja, der bereits unter dem Titel “Hintergrund 19: Das Buch des Propheten Jesaja“  erschienen ist.

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Great Isaiah Scroll

Photographische Reproduktion der großen Jesaja-Rolle, der am besten erhaltenen biblischen Schriftrolle, die in Qumran gefunden wurde. Sie enthält das gesamte Buch des Propheten Jesaja in hebräischer Schrift (mit Ausnahme einiger weniger beschädigter kleiner Teile). * Photographs by Ardon Bar Hama, author of original document is unknown. (Website of The Israel Museum, Jerusalem, see link.) [Public domain], via Wikimedia Commons

Zum Hintergrund des Buches Jesaja

Name und Kanonizität des Buches

Der Autor des Buches, der Prophet Jesaja, gibt sich an vielen Stellen in seiner Schrift namentlich zu erkennen (Jesaja 1, 1; Jesaja 2, 1; Jesaja 7, 3; Jesaja 13, 1; Jesaja 20, 2; Jesaja 37, 2 + 6 + 21; Jesaja 38, 1 + 4 + 21; Jesaja 39, 3 + 5 + 8). In 21 Stellen, in denen die Apostel und der Herr Jesus Christus selbst aus diesem Buch zitieren, benennen auch sie immer Jesaja als Verfasser desselben (Matthäus 3, 3; Matthäus 8, 17; Matthäus 4, 14; Matthäus 12, 17, Matthäus 13, 14; Matthäus 15, 7; Markus 1, 2; Markus 7, 6; Lukas 3, 4; Lukas 4, 17; Johannes 1, 23; Johannes 12, 38 – 39 + 41; Apostelgeschichte 8, 28 + 30; Apostelgeschichte 28, 25; Römer 9, 27 + 29; Römer 10, 16 + 20; Römer 15, 12). Jesaja ist der am meisten im Neuen Testament zitierte alttestamentarische Prophet. Nach Angaben einiger Kommentatoren wird er mehr als 400mal im Neuen Testament zitiert. Von der Gesamtheit der Bücher des Alten Testaments, die im Neuen Testament zitiert werden, steht das Buch Jesaja damit an zweiter Stelle und zwar nach dem Buch der Psalmen.
In seinem Buch “Jüdische Altertümer“ führt der jüdische Historiker Josephus Flavius Folgendes über den Propheten Jesaja aus:

“Im ersten Jahre der Regierung des Cyrus, dem siebzigsten seit der Überführung unseres Volkes nach Babylon, erbarmte sich Gott der Gefangenschaft und der Drangsal, welche jene Unglücklichen ertragen mussten, wie er ihnen durch den Seher Jeremias vorhergesagt hatte, ehe die Stadt zerstört wurde: nachdem sie Nabuchodonosor [Nebukadnezar, JNj.] und seinen Nachfolgern als Knechte gedient und diese Sklaverei siebzig Jahre lang erduldet hatten, werde er sie wieder in ihr Heimatland zurückführen, damit sie den Tempel aufbauen und ihr früheres Glück wiedergewinnen könnten. Dieser Verheißung getreu bewog Gott den Cyrus, in ganz Asien ein Rundschreiben zu erlassen, folgenden Inhalts: ‚Also spricht der König Cyrus: Da mich der allmächtige Gott zum König des Erdkreises gemacht hat, glaube ich, dass er es ist, den das Volk der Israeliten anbetet. Er hat durch die Propheten meinen Namen vorhersagen und verkünden lassen, dass ich seinen Tempel zu Jerusalem im Lande Judea wieder aufbauen würde.‘ – Das hatte der König erfahren bei der Lesung des Buches der Weissagungen, welche Esaïas zweihundertzehn Jahre früher geschrieben hatte. Dieser verkündete nämlich, Gott habe ihm insgeheim offenbart: ‚Ich will das Cyrus, den ich zum König über viele und große Völkerschaften gemacht habe, mein Volk in sein Heimatland zurücksende und meinen Tempel wieder aufrichte.‘ – So prophezeite Esaïas einhundertvierzig Jahre vor der Zerstörung des Tempels. Als Cyrus es gelesen hatte, bewunderte er Gottes Vorsehung und ward von regem Eifer erfüllt, dasjenige auszuführen, was geschrieben stand. (…)“¹.

Es ist offensichtlich, das Josephus der Überzeugung war, dass die Propheten Jeremia und Jesaja auch die Verfasser der gleichnamigen Bücher und Empfänger der darin aufgezeichneten Offenbarungen Gottes waren. In dieser Überzeugung war sich das Judentum bis zum 12. Jahrhundert einig.

Leben und Dienst des Propheten Jesaja

Jesaja, dessen Name “Jahwe ist Heil (bzw. Rettung/Hilfe)“ bedeutet wurde im Todesjahr (ca. 736/740 v. Chr., Jesaja 6, 1 ff.) des Königs Usija (od. Ussija, auch als Asarja bekannt) von Gott zum Propheten berufen. Als Sohn des Amoz² lebte Jesaja in Jerusalem. (Auf diese Stadt beziehen sich auch seine 30 wichtigsten prophetischen Äußerungen.) Er war sich der Heiligkeit seiner Aufgabe, der damit verbundenen Verantwortung und den daraus resultierenden Problemen bewusst (Jesaja 6, 5 + 9 – 13). Trotzdem verweigerte er sich dem Ruf Gottes nicht. Aus seinem Buch geht hervor, dass er Zugang zu den Königen Judas und zu wichtigen Verwaltungsbehörden hatte (Jesaja 7, 3 – 4; Jesaja 8, 2; Jesaja 30, 1 – 7; Jesaja 36, 1Jesaja 38, 8; vgl. 2. Könige 18, 32. Könige 20, 1; Jesaja 39, 3). Kommentatoren haben aus diesen Angaben geschlossen, dass der Prophet u.U. von königlicher Abstammung war oder aber zumindest zum weiteren familiären Umfeld des Königshofes gehörte. In der jüdischen Tradition gibt es die Überlieferung, dass Amoz, der Vater Jesajas, ein Bruder des Königs Amazja gewesen sei. Demnach wäre Jesaja ein Cousin des Königs Usija gewesen. Sicher ist dies jedoch nicht. Unabhängig von allen eventuellen verwandtschaftlichen Beziehungen ist jedoch festzuhalten, dass der Prophet die Möglichkeit besaß, das ganze Südreich Juda und Benjamin mit seiner Botschaft zu erreichen. Aufgrund von 2. Chronik 26, 22 wird angenommen, dass Jesaja auch der offizielle Chronist des Königs Usija war.
Er war mit einer Prophetin (Jesaja 8, 3) verheiratet, von der wir jedoch nicht wissen, ob sie ebenfalls zu einem prophetischen Dienst berufen war oder ob ihr diese Bezeichnung nur im Sinn von “Frau des Propheten“ gegeben wurde. Eigene prophetische Äußerungen sind von ihr nicht überliefert. Das Ehepaar hatte mindestens zwei Söhne. Diese beiden im Buch Jesaja genannten Söhne trugen (wie auch einige Kinder des Propheten Hosea) Namen, die im Zusammenhang mit Verheißungen standen, die Gott dem Propheten gegeben hatte (Jesaja 8, 18): Shear-Jashub (“ein Überrest soll zurückkehren [od. umkehren]“, Jesaja 7, 3) und Maher-Shalal-Chash-Bas (“der Raub eilt, die Beute kommt bald“, Jesaja 8, 3). Aus Jesaja 8, 16 wissen wir, dass der Prophet auch eine Gruppe von Schülern anleitete, die sich um ihn geschart hatte. Sein Dienst erstreckte sich über die Regierungszeit der Könige Usija, Jotham, Ahas und Hiskia, also über die Zeit von ca. 736/740 v. Chr. bis ca. 686 v. Chr. Da Jesaja den Tod Sanheribs, des Königs von Assyrien, in seinem Buch erwähnt (Jesaja 37, 38) und dieser im Jahr 681 v. Chr. verstarb, muss Jesaja mindestens bis dahin gelebt haben. Das machte Jesaja zu einem Zeitgenossen der Propheten Amos, Hosea und Micha. Zu seinem Tod finden sich weder im Buch des Propheten, noch in einer anderen Schrift des Alten Testaments, Hinweise. Außerbiblische jüdische Quellen berichten davon, dass der Prophet unter dem König Manasse (ca. 697 v. Chr. – 642 v. Chr.) verfolgt und ermordet wurde. Grund dafür sei die Aussage des Propheten gewesen, er habe Gott gesehen (Jesaja 6, 1; 2. Könige 21, 16). Auch sollen seine Bußrufe, in denen er Jerusalem mit Sodom und Gomorrah verglich (Jesaja 1, 10; Jesaja 3, 9), den Zorn des Königs über ihn herauf beschworen haben. Die Legende besagt, Jesaja habe sich in einen hohlen Baum geflüchtet, der von seinen Verfolgern durchgesägt wurde, so dass der Prophet auf diese Weise zu Tode kam. Manche Kommentatoren sehen in Hebräer 11, 37 eine Anspielung auf Jesajas gewaltsamen Tod.

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Das Buch des Propheten Jesaja – Inhalt und Aufteilung

Das Buch des Propheten Jesaja ist das umfangreichste Buch des Alten Testaments. Es umfasst 66 Kapitel. Wir können diese Kapitel grob in fünf große Blöcke gliedern:

Block I (Jesaja 1Jesaja 5) stellt eine Einleitung zum Buch dar und kann in drei größere Abschnitte unterteilt werden: Der erste Abschnitt (Jesaja 1) zeigt den religiösen und moralischen Zustand Israels und Gottes Erlösungsangebot auf. Dabei werden nach der Nennung des Buchtitels (Jesaja 1, 1) die Zustände in Israel (Jesaja 1, 2 – 9), Gottes Erlösungsangebot (Jesaja 1, 10 – 20) und Israels Reaktion darauf (Jesaja 1, 21 – 31) beschrieben.
Abschnitt 2 (Jesaja 2Jesaja 4) schildert Gottes Wunsch für Israel (Jesaja 2, 1 – 4), das göttliche Gericht über Israel (Jesaja 2, 5Jesaja 4, 1) und Gottes Bestimmung für Israel (Jesaja 4, 2 – 6).
Im dritten Abschnitt (Jesaja 5) wird Israels Zustand und Gottes Handeln noch einmal in Form des “Liedes vom unfruchtbaren Weinberg“ aufgegriffen: Nach dem eigentlichen Lied (Jesaja 5, 1 – 7) folgt die Ankündigung des Gerichts über die Sünden der Verantwortlichen (Jesaja 5, 8 – 25) und die Ankündigung des Gerichts über das ganze Land (Jesaja 5, 26 – 30).

Block II (Jesaja 6) enthält den unter den alttestamentarischen Propheten einzigartigen Berufungsbericht: Abschnitt 1 dieses Blocks (Jesaja 6, 1 – 8) beschreibt Jesajas Begegnung mit der Heiligkeit Gottes und seine Reinigung. In Abschnitt 2 (Jesaja 6, 9 – 13) wird uns Jesajas Berufung durch Gott und seine Einwilligung in diese Berufung berichtet.

Im dritten Block dieses Buches (Jesaja 7Jesaja 39) geht es um die große Glaubenskrise Israels, das – von Feinden umgeben und bedrängt – sich entscheiden muss, ob es seinen menschlichen Verbündeten oder dem allmächtigen Gott vertraut. In drei großen Abschnitten wird uns Gottes Ringen um Sein Volk aufgezeigt:
In Abschnitt 1 (Jesaja 7Jesaja 12) geht es darum, dass Israel sich entscheiden muss, wen es mehr fürchtet: Gott oder Assyrien. Die Zeichen der Gegenwart Gottes (Jesaja 7, 1Jesaja 9, 7), sollen dem Volk neues Vertrauen in Gottes Macht vermitteln. Der Hinweis Gottes, dass Er auch an Assur Seinen Maßstab anlegen und dieses Reich richten wird (Jesaja 9, 8Jesaja 10, 4) macht deutlich, wie töricht die Furcht vor Assyrien ist. Diese Aussage wird durch die Ankündigung der göttlichen Rettung und der Aufrichtung Seines Reiches (Jesaja 10, 5Jesaja 11, 16) unterstrichen. Der Abschnitt schließt mit Verheißungen für die Menschen, die ihr Leben auf Gott ausrichten und ihr Vertrauen in Ihn setzen (Jesaja 12).
Der zweite Abschnitt (Jesaja 13Jesaja 35) verdeutlicht Gottes souveräne Herrschaft über die Nationen der Erde: Der Prophet kündigt zuerst Gottes Gericht (Jesaja 13Jesaja 23) und Gottes Sieg (Jesaja 24Jesaja 27) über verschiedene heidnische Nationen an. In den Kapiteln 2833 geht es dann erneut darum, dem Volk aufzuzeigen, wie töricht es ist (auf dem Hintergrund der Allmacht Gottes), wenn es sein Vertrauen in menschliche Mächte setzt. Abschließend (Jesaja 34Jesaja 35) stellt Gott Seinem Volk die Konsequenzen vor, die das Vertrauen in Ihm bzw. das Vertrauen in die menschlichen Mächte haben wird.
Der dritte und letzte Abschnitt dieses Blocks (Jesaja 36Jesaja 39) zeigt uns, wie Gott das Vertrauen Seines Volkes durch zwei Bedrohungen auf die Probe stellt: a) die Bedrohung durch die Assyrer (Jesaja 36Jesaja 37) und b) die Bedrohung durch die Babylonier (Jesaja 38Jesaja 39).

In Block 4 (Jesaja 40Jesaja 55) geht es um die Berufung Israels in der Welt. Abschnitt 1 (Jesaja 40Jesaja 48) handelt von der Gnade Gottes für Sein Volk und in Abschnitt 2 (Jesaja 49Jesaja 55) wird die zukünftige Erlösung und Wiederherstellung Israels verheißen und geschildert.

Das große Thema des fünften und letzte Blocks (Jesaja 56Jesaja 66) ist Israels künftige Wiederherstellung und Umgestaltung durch Gott. Dabei können wir drei größere Abschnitte unterscheiden:
Abschnitt 1 (Jesaja 56Jesaja 59) zeigt die Notwendigkeit der Demut und Heiligkeit für ein Leben mit Gott (Jesaja 56Jesaja 57) und die richtige Beziehung zwischen persönlicher Gerechtigkeit und Kultus (Jesaja 58Jesaja 59) auf.
Abschnitt 2 (Jesaja 60Jesaja 62) offenbart Israels zukünftige Herrlichkeit und zwar einmal Israels Herrlichkeit unter den Nationen (Jesaja 60) und zum anderen Israels Herrlichkeit vor Gott (Jesaja 61Jesaja 62). Das Buch schließt mit dem dritten Abschnitt dieses Blocks (Jesaja 63Jesaja 66). Darin wird an zwei Themen noch einmal die Allmacht Gottes aufgezeigt: a) Gottes Treue zu Seinem Volk selbst angesichts der Untreue Israels (Jesaja 63, 1Jesaja 65, 16) und b) ihr Höhepunkt in der zukünftigen Wiederherstellung des Volkes (Jesaja 65, 17Jesaja 66, 24).

Fußnoten

¹= Flavius Josephus: “Jüdische Altertümer“ (Elftes Buch, I. Kapitel, Abschnitt 1 – 2) – Übersetzt und mit Einleitung und Anmerkungen versehen von Dr. Heinrich Clementz, Fourier Verlag Wiesbaden, 12. Auflage 1994

²= nicht zu verwechseln mit dem Propheten Amos

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