Offene Türen ungenutzt lassen?

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Bryan Lilly macht hier auf seinem Blog auf eine Stelle aus dem 2. Korintherbrief aufmerksam, die ein erstaunliches geistliches Geschehen beschreibt und interessante Fragen aufwirft:

„Als ich aber zur Verkündigung des Evangeliums Christi nach Troas kam und mir eine Tür geöffnet wurde im Herrn, hatte ich keine Ruhe in meinem Geist, weil ich Titus, meinen Bruder, nicht fand, sondern ich nahm Abschied von ihnen und zog fort nach Mazedonien.“

(2. Korinther 2, 12 – 13)

Man mag es sich fast nicht vorstellen: Da hat der Apostel,  eine – vom Herrn Selbst – geöffnete Tür vor sich, eine Möglichkeit das Evangelium frei zu verkündigen und dennoch nutzt er sie nicht! Was kann ihn zu einem solchen Schritt veranlasst haben? Fordert er doch die Gläubigen im Kolosserbrief auf, für genau solche Gelegenheiten („offene Türen“) zu beten:

„… und betet zugleich auch für uns, auf daß Gott uns eine Tür des Wortes auftue, um das Geheimnis des Christus zu reden, um deswillen ich auch gebunden bin, auf daß ich es offenbare, wie ich reden soll.

(Kolosser 4, 3 – 4)

Auch an anderen Stellen berichtet das Neue Testament von solchen Gelegenheiten zur Verkündigung des Evangeliums, die von jenen, die solche „offenen Türen“ vorfanden, gern und dankbar genutzt wurden:

„Als sie aber angekommen waren und die Versammlung zusammengebracht hatten, erzählten sie alles, was Gott mit ihnen getan, und daß er den Nationen eine Tür des Glaubens aufgetan habe.“

(Apostelgeschichte 14, 27)

„Ich werde aber bis Pfingsten in Ephesus bleiben, denn eine große und wirkungsvolle Tür ist mir aufgetan, und der Widersacher sind viele.“

(1. Korinther 16, 8 – 9)

„Gute Stube“
© pixelio/Holger Bär

Um die Diskrepanz zwischen dem Wunsch des Apostels Paulus nach „offenen Türen“ für das Evangelium und seinem Verhalten, wie er es in 2. Korinther 2, 12 – 13 beschreibt, verstehen zu können, müssen wir den Hintergrund des 2. Korintherbriefes etwas eingehender betrachten:

„Als Paulus von Athen nach Korinth kam (Apostelgeschichte 18, 1), traf er Aquila und Priscilla, das Ehepaar, das zu seinen engsten Mitarbeitern wurde (vgl. Apostelgeschichte 18, 18; Römer  16, 3; 1. Korinther 16, 19; 2. Timotheus 4, 19). Sie waren erst vor Kurzem aus Rom gekommen, als Kaiser Claudius allen Juden befohlen hatte, Rom zu verlassen (Apostelgeschichte 18, 2). Da sie wie er selbst Zeltmacher waren, lebte und arbeitete Paulus mit ihnen (Vers 3). Wie es seine Art war, begann der Apostel seine evangelistische Arbeit in Korinth in der jüdischen Synagoge der Stadt. Silas und Timotheus, die gerade aus Mazedonien gekommen waren, halfen ihm bei der Arbeit (Vers 5). So, wie es oft der Fall war, lehnten die meisten Juden auch jetzt das Evangelium ab und verhielten sich feindselig. Dies führte dazu, dass der Apostel die Synagoge verließ und »sich in das Haus eines gottesfürchtigen Mannes mit Namen Justus begab« [d.h. er war ein Heide, der sich für den Gott Israels interessierte] (Vers 7). Die Feindseligkeit der ungläubigen Juden verstärkte sich noch, als »Krispus, der Synagogenvorsteher, samt seinem ganzen Haus an den Herrn gläubig wurde« – ebenso wie viele andere Korinther (Vers 8 ). In der Hoffnung, von der Unerfahrenheit des neuen Prokonsuls (Statthalters) Gallion zu profitieren, zerrten die Juden Paulus vor ihn und beschuldigten den Apostel einer Gottesverehrung, die im Gegensatz zum jüdischen Gesetz stand (Verse 12 – 13). Gallion jedoch lehnte eine Einmischung ab, da es in seinen Augen eine interne Auseinandersetzung innerhalb des Judaismus war, und wies die Klage gegen Paulus ab (Verse 14 – 16). Nachdem Paulus »noch viele Tage« geblieben war (Vers 18 ), verließ der Apostel Korinth.

Der Anlass des 2. Korintherbriefes

Nach seinem Abschied von Korinth erreichten Paulus beunruhigende Nachrichten über Probleme, die in der korinthischen Gemeinde aufgekommen waren. Als Antwort schrieb er einen nicht kanonischen Brief (nicht mehr existent), in dem er diese Angelegenheiten aufgriff (1. Korinther 5, 9). Während er auf seiner dritten Missionsreise in Ephesus diente, hörte er von weiteren Schwierigkeiten in Korinth (1. Korinther 1, 11; 1. Korinther 16, 17) . Zusätzlich schrieben ihm die Korinther einen Brief, in dem sie um die Klärung einiger Fragen baten (1. Korinther 7, 1). Darauf reagierte Paulus mit der Abfassung des Briefes, der als 1. Korintherbrief bekannt ist. Da der Apostel seine Arbeit in Ephesus nicht unterbrechen konnte (1. Korinther  16, 8 ), sandte er Timotheus (möglicherweise mit dem ersten Korintherbrief) nach Korinth. Obwohl 1. Korinther anscheinend einige der Probleme in Korinth löste, tauchte schon bald eine neue und potenziell gefährlichere Bedrohung auf: Irrlehrer, die behaupteten, von der Jerusalemer Gemeinde als Apostel ausgesandt worden zu sein, trafen in Korinth ein und brachten in kurzer Zeit viele aus der Gemeinde von ihrer Treue gegenüber Paulus und der Wahrheit ab. (…) Als Paulus von dieser Bedrohung erfuhr (möglicherweise durch Timotheus), verließ er Ephesus und ging nach Korinth. Der Besuch (der »traurige« oder »schmerzhafte« Besuch; vgl. 2. Korinther 2, 1) verlief nicht gut und erreichte seinen Tiefpunkt, als sich jemand Paulus widersetzte (vielleicht einer von den falschen Aposteln) und ihn öffentlich beleidigte (2. Korinther 2, 5 – 8 + 10; 7, 12). Zu seiner großen Trauer gingen die Korinther nicht gegen den Übeltäter vor. Paulus kehrte nach Ephesus zurück, schrieb ihnen einen deutlichen Brief (der ebenfalls nicht erhalten geblieben ist), der als der »Tränenbrief« bekannt wurde (s. 2. Korinther 2, 4), und sandte ihn durch Titus nach Korinth (2. Korinther 7, 5 – 16). Von Ephesus ging Paulus nach Troas, wo er hoffte, Titus zu treffen. Obschon es dort eine offene Tür für den Dienst gab, hielt ihn die Sorge um die Situation in Korinth davon ab, die Gelegenheit zu nutzen (2. Korinther 2, 12 – 13). Ruhelos und unfähig, länger auf Titus zu warten, zog Paulus weiter nach Mazedonien, wo er ihm schließlich begegnete. Titus’ Bericht, dass die meisten Korinther Buße getan und ihre Treue zu Paulus neu bekräftigt hatten (2. Korinther 7, 7), bescherte dem Apostel große Freude und Erleichterung. Doch er war klug genug zu wissen, dass, obwohl sich die Situation in Korinth dramatisch verbessert hatte, die Gemeinde noch nicht außer Gefahr war. Die falschen Apostel waren noch immer dort, und eine Minderheit der Korinther war nach wie vor verwirrt oder ihnen treu. Während er sich auf seinen bevorstehenden Besuch in Korinth vorbereitete (2. Korinther 12, 14; 2. Korinther 13, 1), schrieb Paulus  in Mazedonien (möglicherweise in Philippi, wie einige alte Manuskripte erkennen lassen). In diesem Brief verteidigte er seine Apostelschaft energisch gegen die Angriffe der Irrlehrer, gab den Korinthern Anweisungen bezüglich der Sammlung für die armen Gläubigen in Jerusalem und stellte sich auf direkte Weise gegen die falschen Apostel und ihre Anhänger.“¹

Der Apostel Paulus war also so sehr über die Situation der Christen in Korinth beunruhigt, dass er  keine innere Ruhe hatte („keine Ruhe in meinem Geist“). So gern er auch die Gelegenheit der Evangeliumsverkündigung in Troas genutzt hätte, es war nicht möglich. Erst musste er seinen Mitarbeiter Titus  finden und von ihm erfahren, wie es um die Christen in Korinth stand. Aus diesen Worten erfahren wir nicht, ob sich für den Apostel Paulus später noch einmal eine solche „Tür“ zur Evangeliumsverkündigung in Troas auftat. Aber eines ist klar: Das Verhalten der Christen in Korinth hatte ganz eindeutig einen (leider negativen) Einfluss auf das Werk, das Gott in Troas tun wollte, es hinderte den Apostel Paulus daran, eine von Gott gegebene Gelegenheit zu nutzen. Bryan Lilly zitiert in seinen Ausführungen David E. Garlands Anmerkungen zu 2. Korinther 2, 1 2 – 13. Dieser schreibt in „2 Corinthians (New American Commentary)“:

“This sad account reveals how interconnected Christians are. We cannot hurt one another without also hurting the work of God in the world. Paul does not discuss whether it was the right thing to do to abandon a place where God had made an opportunity. His uneasiness over the Corinthians, however, made it impossible for him to continue his work there.”¹

bzw. in deutscher Sprache:

„Dieser traurige Bericht offenbart, wie sehr Christen miteinander verbunden sind. Wir können einander nicht verletzen, ohne nicht auch dem Werk Gottes in dieser Welt Schaden zuzufügen. Paulus erörtert an dieser Stelle nicht, ob es richtig war, den Ort, an dem Gott ihm eine Gelegenheit [zur Evangeliumsverkündigung, JNj.] gegeben hatte, zu verlassen. Seine Sorge um die Korinther machte es für ihm jedoch unmöglich, das Werk dort [in Troas, JNj.] fortzuführen.“

In diesem Zusammenhang bekommt auch die Aussage des Apostels Paulus über die Abhängigkeit der Glieder des Leibes Christi (d. h., der Christen untereinander)  in 1. Korinther 12, 26 ein noch schwereres Gewicht:

„Und so ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und so ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit.“

(1. Korinther 12, 26)

Oft wird dieser Vers so kommentiert, dass, wenn ein Christ leidet, alle anderen Christen mit leiden (im Sinne von traurig sein, Mitleid empfinden). Das ist ganz bestimmt richtig. Aber ebenso richtig ist doch auch, dass da, wo ein oder mehrere Glieder  (geistlichen Mangel) leiden, wie dies bei den Korinthern der Fall war (Spaltungen [1. Korinther 1, 10; 1. Korinther 11, 18]  Überlegenheitsgefühle und Stolz [Stichwort Geistesgaben; 1. Korinther 12; 13; 14], unmoralisches Verhalten [1. Korinther 5], geistliche Unreife in Lehrfragen [2. Korinther 11 u.a.]),  dieses Verhalten auf das ganze Werk Gottes einen negativen Einfluss ausübt. Man muss das Verhalten der Korinther eindeutig mit dem Begriff  „fleischlich“ (vgl. 1. Korinther 3, 3; Galater 5, 19 – 20) bezeichnen. Ein fleischliches Verhalten entspringt gemäß Römer 8, 5 – 7 aus einer fleischlichen Gesinnung und ist geistlich gesehen „tot“. Eine solche Gesinnung ist selbstbezogen, egoistisch, hat nur sich selbst und nicht den bzw. die anderen im Blick. Sie bringt nie Neues, geistlich Lebendiges hervor. Ganz im Gegenteil, sie hindert – wie wir aus 2. Korinther 2, 12 – 13 sehen –  den Fortgang geistlichen Wirkens. Sind wir uns dieser Konsequenzen unserer Gesinnung, unseres Verhaltens, für Gottes Werk auf Erden bewusst? Und welche Folgen hat dies für unser (geistliches) Leben?

¹= David E. Garaldn, 2 Corinthians New American Commentary, (NAC, Vol. 29)
²= John MacArthur, Kommentar zum Neuen Testament, Band: „2. Korintherbrief“, Seite 12 – 13, CLV Bielefeld, 1. Auflage 2008

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3 Antworten zu Offene Türen ungenutzt lassen?

  1. Dirk schreibt:

    Echt interessant.
    D.h. also:
    Paulus nutzte eine evangelistische Chance nicht zugunsten der „Gesundheit“ der Gemeinde…!?

    Viel Segen!
    Dirk

  2. JNj. schreibt:

    Sieht ganz so aus, Dirk.
    Er muss in einer recht großen inneren Spannung gesteckt haben. Aber der Gedanke, erst der Gemeinde wieder aufzuhelfen und sich dann neu der Mission/Evangelisation zu widmen, ist auch logisch: Nehmen wir mal hypothetisch an, die Gemeinde in Korinth hatte 200 Glieder – wer weiß, wie viele davon durch die Probleme vor Ort „Schachmatt“ gesetzt waren? 50, 100, 150, ? Einer, der in Troas evangelisiert mag „Erfolg“ haben, wenn aber gleichzeitig 50/10/XYZ in Korinth Mist bauen und ein Anti-Zeugnis und damit auch eine Anti-Evangelisation darstellen, ist es wohl besser, sich erst um diese Jungs (& Mädels) zu kümmern.
    Ebenso: Viel Segen!
    JNj.

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