Hintergrund 27: Der 1. Johannesbrief (Teil 1)

Beginn des Johannesevangeliums im Papyrus P 75, ca. Ende 2. Jahrhundert

Beginn des Johannesevangeliums im Papyrus P 75, ca. Ende 2. Jahrhundert * By onbekend (http://www.earlham.edu/~seidti/iam/tc_pap75.html) [Public domain], via Wikimedia Commons

Zum Hintergrund:

Autor, Empfänger, Entstehungszeit und Entstehungsort des  1. Johannes-briefes

Wie in einigen anderen Briefen des Neuen Testaments, so wird uns auch im 1. Johannesbrief der Name des Verfassers nicht genannt. Doch seit den frühen Tagen der Kirchengeschichte finden sich Zeugnisse für die Autorenschaft des Jüngers und Apostels Johannes:
Irenäus von Lyon (zwischen 135 n. Chr. – 202 n. Chr.) zitiert das Johannesevangelium und den 1. Johannesbrief als Werke des Jüngers Johannes. Clemens von Alexandria (zwischen 150 n. Chr. bis 215 n. Chr.) zitiert diesen Brief und weist ebenfalls daraufhin, dass er von dem Jünger Johannes geschrieben wurde. Tertullian (zwischen 150 n. Chr. und 220 n. Chr.) und Cyprian von Karthago (200/210 n. Chr. bis 258 n. Chr.) zitieren den Brief als Brief des Apostels Johannes. Auch im  Kanon Muratori (ca. 180 n. Chr.) ist dieser Brief enthalten und wird dort als Schrift des Jüngers Johannes bezeichnet.¹.
Das Neue Testament gibt uns zahlreiche Hinweise zur Person und zum Dienst des Johannes: Aus Markus 1, 19 – 21 erfahren wir, dass Johannes und sein Bruder Jakobus kurz nach den ersten Jüngern (Andreas und Simon Petrus, vgl. Johannes 1, 40 – 41; Markus 1, 16 – 17) in die Nachfolge des Herrn Jesus Christus berufen wurden. Aus diesem Abschnitt geht auch hervor, dass Johannes und Jakobus Söhne des Zebedäus² waren. Bei diesem Mann handelte es sich offensichtlich um einen wohlhabenden Fischer mit einem größeren Gewerbe am See Genezareth, denn er war in der Lage, mehrere Tagelöhner zu beschäftigen. Auf diesem Hintergrund wird deutlich, dass Johannes und Jakobus, als sie dem Ruf Jesu Folge leisteten, ein gut gehendes Familienunternehmen verließen. Fortan wurden sie unter die zwölf Jünger des Herrn gerechnet (Matthäus 10, 2; Lukas 6, 12 – 16). Dieser gab ihnen auch den Namen “Donnersöhne“ (Markus 3, 16 – 19), was von Auslegern häufig als Hinweis auf ihren leidenschaftlichen und vielleicht auch impulsiven Charakter (vgl. auch Lukas 9, 49 + 54; Markus 9, 38) gedeutet wird. Johannes gehörte mit Petrus und Jakobus zu jenem kleineren Jüngerkreis, dem der Herr eine besondere Offenbarung zuteil werden ließ, indem er sie auf den Berg Tabor mitnahm, wo sie Seine Verklärung miterleben durften (Matthäus 17, 1 ff.; Markus 9, 2 ff). Auch bei anderen wichtigen Gelegenheiten finden wir Johannes in diesem Dreierkreis (vgl. Markus 13, 3; Markus 14, 33 f.; Lukas 8, 51). Später bildeten die drei Apostel dieses Kreises die “Säulen“ der Versammlung (= Gemeinde/Kirche) in Jerusalem. Paulus bezeichnet sie als solche und nennt sie namentlich, darunter auch Johannes:

“(…) und als sie die Gnade erkannten, die mir gegeben ist, gaben Jakobus und Kephas und Johannes, die als Säulen angesehen wurden, mir und Barnabas die Rechte der Gemeinschaft (…)“

(Galater 2, 9)

Gemeinsam mit Petrus hatte Johannes den Auftrag bekommen, das Passahmahl vorzubereiten (Lukas 22, 8) und gemeinsam mit Petrus und den Frauen wurde er einer der ersten Auferstehungszeugen (Johannes 20, 2 – 6). Zwischen diesen beiden Ereignissen finden wir Johannes als einzigen Jünger, der am Kreuz seines Herrn ausharrt (Johannes 13, 23 – 25; Johannes 19, 26 – 27), während die anderen Jünger geflohen waren. Später begegnen uns Johannes und Petrus im Tempel bei der Heilung des Gelähmten (Apostelgeschichte 3, 1 – 11), für die sie von den jüdischen Autoritäten verhaftet und verwarnt wurden (Apostelgeschichte 4, 1 – 14). Kurz darauf folgte eine weitere Verhaftung (Apostelgeschichte 5, 17 ff.) und daran anschließend ein gemeinsamer Dienst in Samaria (Apostelgeschichte 8, 14 – 25). Dies ist der bis dahin letzte Hinweis auf den Dienst Apostels Johannes.
Über sein weiteres Leben geben uns verschiedene kirchengeschichtliche Quellen Auskunft: So erfahren wir durch Justin den Märtyrer davon, dass Johannes, nachdem er Israel verlassen hatte, über einen längeren Zeitraum einen Dienst in der Versammlung (= Gemeinde) in Ephesus, der Hauptstadt der römischen Provinz Asia, versah. Diese Aussage wird auch durch Irenäus von Lyon und Eusebius von Caesarea bestätigt. Die sogenannten Kirchenväter bezeugen auch die spätere Gefangennahme und Verbannung des Johannes nach Patmos, sowie seine Verfasserschaft der dort empfangenen Offenbarung: Unter der Herrschaft des römischen Kaisers Domitian wurden politische Oppositionelle, aber auch Juden und Christen, die die Anbetung von Kaiserstandbildern und anderen Götterbildern ablehnten, verfolgt. Im Verlauf dieser staatlichen Repressalien wurde der Apostel Johannes im Jahr 94 n. Chr. von Ephesus aus auf die Insel Patmos verbannt. Dort empfing er die Offenbarung, das letzte Buch des Neuen Testaments (Offenbarung 1, 9). Mit der Ermordung Domitians im Jahr 96 n. Chr. endet auch die Linie der römischen Herrscher aus dem Geschlecht der Flavier. Sein Nachfolger Nerva (96 – 98 n. Chr.) gewährte dem Volk – und damit auch den Juden und Christen – größere Freiheiten. Es wird angenommen, dass Johannes unter Nerva nach 18 Monaten Verbannung entlassen wurde und er wieder nach Ephesus zurückkehren konnte.
In der Vergangenheit wurde immer wieder ein angeblicher Ältester aus Ephesus, der ebenfalls den Namen Johannes getragen habe, als Autor des Johannesevangeliums und vereinzelt auch als Autor der drei Johannesbriefe ins Gespräch gebracht. Es gibt jedoch für diese These keine wirklich überzeugenden Beweise. Dieser (nicht zum Zwölferkreis der Jünger gehörende) unbekannte Mann hätte sich wohl kaum als Augenzeuge (vgl. Johannes 1, 14; Johannes 19, 35) ausweisen noch als “Jünger, den Jesus lieb hatte“ bezeichnen können, ohne dass dieser Betrug den frühen Christen (insbesondere einer so großen und bedeutenden Gemeinde wie Ephesus) aufgefallen wäre.³ Hinzu kommt die nicht zu leugnende, große sprachliche Übereinstimmung zwischen dem Johannesevangelium und den Johannesbriefen, die kaum einem Leser entgehen dürfte, der beide Schriften nacheinander liest4.
I
n diesem Brief finden wir keinen Hinweis, der uns Aufschluss über die genauen Empfänger dieses Briefes gibt. Wir erfahren lediglich, dass es Christen waren (vgl. 1. Johannes 2, 12 -14; 1. Johannes 2, 21; 1. Johannes 5, 13).  Einige Ausleger vertreten die Meinung, dass es sich bei den Empfängern um Gläubige gehandelt hat, die für einzelne Versammlungen (= Gemeinden) Verantwortung trugen. Sie begründen diese Sicht mit 1. Johannes 2, 20 + 27.  Andere Kommentatoren gehen aufgrund der an die Versammlungen (= Gemeinden) in dieser Provinz gerichteten Sendschreiben in Offenbarung 2 und 3 davon aus, dass Johannes die Versammlungen (= Gemeinden) in dieser Provinz gut kannte und sie die Empfänger seines Briefes waren.
Was die Abfassungszeit des 1. Johannesbriefes betrifft, so vertreten viele konservative Ausleger die Ansicht, dass Johannes diesen Brief in den Jahren zwischen 85 n. Chr. und 95/97 n. Chr. schrieb, also in einem Zeitraum in dem er auch sein Evangelium und die Offenbarung verfasste. Dabei muss das Evangelium vor dem 1. Johannesbrief geschrieben worden sein, denn der Brief greift Gedanken aus dem Evangelium auf, wohingegen sich das Buch der Offenbarung mit ganz anderen Themen befasst.
Mit großer Wahrscheinlichkeit war Ephesus der Ort der Abfassung dieses Briefes, da Johannes vor und nach seiner Verbannung dort lebte und tätig war.

Aufteilung und Inhaltsübersicht 

Der 1. Johannesbrief umfasst 5 Kapitel, die wir in sechs größere Blöcke unterteilen können:

Die Einleitung in den Brief (1. Johannes 1, 1 – 4) enthält den Grund für seine Abfassung und stellt den ersten Block dar.

Block II umfasst 1. Johannes 1, 5 – 1. Johannes 2, 11. Das Thema dieses Blocks ist das Leben im Licht Gottes und daraus folgend in der Gemeinschaft mit Gott. Wir können diesen Block in zwei Abschnitte unterteilen:

A) Wer im Licht Gottes wandelt, bleibt auf dem Weg Gottes (1. Johannes 1, 5 – 1. Johannes 2, 2) und

B) Das göttliche Leben im Gläubigen und seine Kennzeichen (1. Johannes 2, 3 – 11).

Der dritte Block befasst sich mit den geistlichen Feinden des Glaubens (1. Johannes 2, 12 – 17) und kann ebenfalls in zwei Abschnitte unterteilt werden:

A) Den Wert geistlichen Wachstums schätzen (1. Johannes 2, 12 – 14) und

B) Geistliche Gegner beachten (1. Johannes 2, 15 – 27). Dabei geht es in Abschnitt B) um den Widerstand der Welt (1. Johannes 2, 15 – 17) und um den Widerstand gegenüber dem Geist des Antichristen (1. Johannes 2, 15 – 27).

Block IV steht ganz im Zeichen der Erwartung des Gerichts vor dem Richterstuhl Christi (1. Johannes 2, 28 – 1. Johannes 4, 19). Diesen Block können wir in fünf Abschnitte unterteilen:

A) Wer in Christus bleibt, kann den Herrn mit großer Sicherheit erwarten (1. Johannes 2, 28),

B) Kennzeichen der Kinder Gottes (1. Johannes 2, 29 – 1. Johannes 3, 10) und

C) Kennzeichen christlicher Liebe (1. Johannes 3, 10 – 23). Dieser Abschnitt hat drei Schwerpunkte: Zuerst geht es um die Frage, was christliche Liebe nicht ist (1. Johannes 3, 10 – 15), dann um die Frage, was  christliche Liebe ist (1. Johannes 3, 16 – 18) und  anschließend um die Freimütigkeit, die Gläubige im gebet haben dürfen (1. Johannes 3, 19 – 23). Im vierten Abschnitt

D), der von 1. Johannes 3, 24 bis 1. Johannes 4, 16 verläuft,  richtet Johannes unseren Blick auf die Liebe Gottes, die der Gläubige immer besser kennen lernen soll. Auch dieser Abschnitt hat drei Schwerpunkte: Zuerst erläutert uns der Apostel, dass Gott in uns, den Gläubigen, wohnt (1. Johannes 3, 24). Danach zeigt er uns die Kennzeichen des Geistes der Wahrheit und der Geistes des Irrtums auf (1. Johannes 4, 1 – 6). Dieser Abschnitt schließt mit einer Belehrung über die Kennzeichen der Innewohnung Gottes in dem bzw. den Gläubigen (1. Johannes 4, 7 – 16).  der fünfte Abschnitt

E) umfasst 1. Johannes 4, 17 – 19 und zeigt uns, wie wir unserer Beurteilung vor dem Richterstuhl Christi mit Zuversicht entgegen sehen können.

Im fünften Block (1. Johannes 4, 20 – 1. Johannes 5, 17) liegt der Fokus der Belehrungen auf dem Leben, das der Gläubige aus Liebe zu Gott im Gehorsam gegenüber Gott führt. Wir unterteilen auch diesen Block in drei Abschnitte:

A) Die Bedeutung  der Bruderliebe (1. Johannes 4, 20 – 1. Johannes 5, 3).

B)  Die Verantwortung, die mit der Bruderliebe verbunden ist (1. Johannes 5, 3 – 15) und

C) die Konsequenzen der Bruderliebe (1. Johannes 4, 16 – 17).

Der sechste und letzte Block (1. Johannes 5, 18 – 21) bekräftigt noch einmal die Dinge, die für den Gläubigen absolut sicher sind.

Fußnoten:

¹= Für weiterführende Angaben siehe Prof. Dr. Erich Mauerhofer: “Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments”, Band II, Seite 266 – 268, Verlag für Theologie und Religionswissenschaft Nürnberg und Reformatorischer Verlag Beese, 3. Auflage 2004, (Gesamtausgabe)

²= Viele Kommentatoren sehen in Salome die Mutter von Johannes und Jakobus (vgl. Matthäus 27, 56; Matthäus 20, 20; Markus 15, 40; Markus 16, 1; Johannes 19, 25).

³= Zum Leben und Dienst des Johannes in Ephesus siehe: Justin der Märtyrer: “Dialog mit dem Juden Trypho“ in: Justinus, Dialog; Pseudo-Justinus, Mahnrede. Aus dem Griechischen übersetzt von Philipp Hauser. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 33) Kempten & München 1917), Kapitel 81, 4; sowie: Irenäus von Lyon: “Gegen die Häresien“ in “Des heiligen Irenäus fünf Bücher gegen die Häresien. Aus dem Griechischen übersetzt von E. Klebba. (Bibliothek der Kirchenväter, 1. Reihe, Band 3) München 1912, III. Buch, Kapitel 1;  II. Buch, Kapitel 22, Abschnitt 5 und Eusebius von Cäsarea “Kirchengeschichte“ in: Eusebius, Ausgewählte Schriften Band II: Kirchengeschichte. Aus dem Griechischen übersetzt von Phil. Häuser. (Bibliothek der Kirchenväter, 2. Reihe, Band 1) München 1932, 3. Buch, Kapitel 31. Zum Empfang der Offenbarung, der Rückkehr nach Ephesus und seinem Tod daselbst, siehe: Justin der Märtyrer, a.a.O.,  Kapitel 81, 4; Irenäus von Lyon, a.a.O.,  III. Buch, Kapitel 1;  V. Buch, Kapitel 30, 3; und Eusebius von Cäsarea, a.a.O., III. Buch, Kapitel 23.

4= Für weiterführende Angaben siehe Prof. Dr. Erich Mauerhofer: “Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments”, Band II, Seite 268 – 269, Verlag für Theologie und Religionswissenschaft Nürnberg und Reformatorischer Verlag Beese, 3. Auflage 2004, (Gesamtausgabe).

 

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