Hintergrund 26: Der Judasbrief (Teil 1)

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Wellen im Sturm * Foto: By Office of NOAA Corps Operations. (NOAA Photo Library: wea00820) [Public domain], via Wikimedia Commons

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Autor, Empfänger und Abfassungszeitraum des Judasbriefes

Als Autor des Judasbriefes wird traditionell Judas, der Halbbruder des Herrn (Matthäus 13, 55; Markus 6, 3) angesehen¹. Er war auch ein Bruder des Jakobus, der eine verantwortliche Stellung unter den ersten Christen in Jerusalem einnahm (Judas 1; Apostelgeschichte 15, 13).
Der Autor des Judasbriefes muss von dem in Lukas 6, 16 und Apostelgeschichte 1, 13 genannten “Judas, Sohn des Jakobus“ unterschieden werden. Das manchmal angeführte Argument, die Aussage “Bruder des Jakobus“ könne auch als “Sohn des Jakobus“ gelesen werden und unter dem Autor sei daher ein Sohn des Jakobus zu verstehen, wird durch keine bekannte Handschrift belegt². Gegen die Autorenschaft des Judas wurde angeführt, dass das Griechisch dieses Briefes für einen Juden aus Galiläa “zu gut sei“. Hierbei ist jedoch zu beachten, dass sich das Griechisch des Judas vorrangig in dem Umfang des Vokabulars und weniger im grammatikalischen Stil auszeichnet, so dass dieses Argument gegen seine Autorenschaft nicht wirklich stichhaltig ist³.
Die Halbbrüder des Herrn – also auch Judas –  glaubten während Seines irdischen Dienstes nicht an Ihn (Johannes 7, 5; Markus 3, 21). Erst nach Seiner Auferstehung finden wir sie – einschließlich Judas – unter den Gläubigen in Jerusalem (Apostelgeschichte 1, 14; 1. Korinther 15, 7; 1. Korinther 9, 5).

Der Judasbrief enthält viele Bezüge zum Alten Testament, was bei dem jüdischen Hintergrund des Autors zu erwarten ist. Diese Tatsache lässt aber auch darauf schließen, dass die Empfänger des Judasbriefes mit dem Alten Testament gut vertraut waren. Wir können also davon ausgehen, dass die ersten Empfänger Christen waren, die aus dem Judentum zum Glauben an Jesus Christus als dem von Gott verheißenen Messias gekommen waren. Selbstverständlich ist der Brief für alle Christen von Bedeutung, insbesondere auch, weil Judas die in seinem Brief angesprochenen Entwicklungen als dauerhaft (“am Ende der Zeit“, Vers 18) bezeichnet. Die primäre Empfängerschaft sollten wir jedoch nicht außer Acht lassen.

Viele Kommentatoren weisen darauf hin, dass der Judasbrief schwer zu datieren ist. Die Erwähnung falscher Lehrer (Judas 3 – 5) und die Bezugnahme auf den “ein für allemal den Heiligen überlieferten Glauben“ (Judas 1 – 3) und die Apostel (Judas 17) lassen darauf schließen, dass der Brief zu einem Zeitpunkt geschrieben wurde, an dem diese Zustände in den Versammlungen (= Gemeinden) akut und zumindest einige Apostel bereits verstorben waren. Der Judasbrief enthält viele Übereinstimmungen mit dem 2. Petrusbrief4. Es ist wahrscheinlich, dass die Empfänger des Judasbriefes auch den 2. Petrusbrief kannten und Judas sie an das, was ihnen bereits gelehrt worden war (Judas 1 – 3) erinnern wollte. Für denselben Empfängerkreis spricht, dass Petrus in Galater 2, 7 – 8 als “Apostel der Beschneidung“ bezeichnet wird. Sein primärer Auftrag war es also, unter Juden bzw. aus dem Judentum zum Glauben gekommenen Christen zu dienen. Wir können davon ausgehen, dass Judas den 2. Petrusbrief kannte. Da der Tod des Petrus auf 64 n. Chr. datiert wird, muss der Judasbrief danach geschrieben worden sein. Dafür spricht u.a., dass der Apostel Petrus in 2. Petrus 3, 2 das Kommen falscher Lehrer ankündigt, Judas 17 das Auftreten falscher Lehrer als erfüllt ansieht. Außerdem scheinen, wie gesagt, Judas 3 und 17 anzudeuten, dass zumindest einige Apostel bereits verstorben waren und so die apostolische Zeit (zumindest fast) vorüber war. Während Petrus in 2. Petrus 3, 2 spezifisch von „euren Aposteln“ spricht, also von Menschen, die den Empfängern des 2. Petrusbriefes noch persönlich bekannt waren, heißt es in Judas 17 mehr allgemein “die Apostel“. Der Apostel Petrus warnt in seinem zweiten Brief die Gläubigen vor dem Auftreten von falschen Lehrern, die die Wiederkunft des Herrn Jesus Christus leugnen. Im Judasbrief wird ebenfalls das Auftreten falscher Lehrer erwähnt, jedoch ohne den Hinweis, dass diese die Wiederkunft des Herrn leugnen würden. Geht man davon aus, dass Judas seinen Brief nach dem Tod des Petrus schrieb, dann bietet sich die Zeit zwischen 66 n. Chr. und 67 n. Chr. an. Denn in dieser Zeit liegt der Beginn des jüdisch-römischen Krieges, mit dessen Ende manche Christen die Wiederkunft des Herrn erwarteten. Erst nach 70 n. Chr. und dem Ausbleiben der Wiederkunft Jesu im Zusammenhang mit diesen Ereignissen, finden wir verstärkt das Auftreten solcher “Lehrer“, die Seine Wiederkunft leugneten.

Anlass, Inhalt und Aufteilung des Judasbriefes

Der Brief wurde im Stil einer geschriebenen Predigt verfasst. Dieser Stil wurde oft gewählt, wenn es dem Autor nicht möglich war, die Leser persönlich zu besuchen. Ursprünglich wollte Judas seinen Lesern einen Brief schreiben, mit dem er ihre Kenntnisse über das gemeinsame Heil vertiefen wollte. Doch dann erreichten ihn Mitteilungen über das Auftreten der erwähnten Irrlehrer. Vor ihren Lehren und dem, was sie unter den Gläubigen anrichten, will Judas seine Leser nun mit seinem Brief warnen: Die Lehren dieser Männer waren davon gekennzeichnet, dass sie die Herrschaft Christi (Vers 4) leugneten und auch sonst jede von Gott eingesetzte Herrschaft lästerten (Vers 8). Diese Irrlehrer vertraten einen unmoralischen Lebensstil (Verse 4 – 8; 17 – 18). Ganz offensichtlich lehrten sie – wie andere gnostische Irrlehrer jener Zeit -, dass moralische Sünden nur den vergänglichen Körper beträfen, die Seele und den Geist des Gläubigen jedoch nicht beschmutzen würden. Gegen diese Irrlehre hatte sich der Apostel Paulus bereits in 1. Korinther 6, 15 ausgesprochen. Die Erwähnung des falschen Propheten Bileams (Vers 11) in diesem Zusammenhang ist ein eindeutiger Hinweis, dass die Irrlehrer aus dieser Richtung kamen. Damit offenbaren diese Menschen auch, dass sie “irdisch gesinnt“ sind (Vers 19), d.h., dass ihr Denken von völlig anderen Dingen erfüllt ist, als es das Denken eines Christen sein sollte (vgl. auch Philipper 3, 20 – 21). Diesen unmoralischen Lebensstil verteidigen sie dann auch noch rechthaberisch als Ausdruck “christlicher Freiheit“.

Wir können den Judasbrief, der nur 25 Verse in einem einzigen Kapitel umfasst, grob wie folgt einteilen:

Der erste Abschnitt: Nach einer kurzen Einleitung, in der sich der Autor vorstellt und seine Leser grüßt (Verse 1 – 2), folgt der Hinweis auf den Grund des Schreibens (Verse 3 – 4).

In einem zweiten Abschnitt (Verse 5 – 16) warnt Judas vor den Irrlehren und ihren Konsequenzen, in dem er in einem ersten Teil auf Beispiele der Geschichte verweist: Das Beispiel bestimmter Israeliten (Vers 5), das Beispiel bestimmter Engel (Vers 6) und das Beispiel bestimmter Nichtjuden (Vers 7). In einem zweiten Teil zeigt er die Natur des Irrtums (Vers 8 – 9), die ernste Bedeutung des Irrtums (Verse 10 – 13) und die ebenfalls ernsthaften Konsequenzen dieses Irrtums (Verse 14 – 16) auf.

Ein dritter Abschnitt (Verse 17 – 23) enthält Ermahnungen für die Gläubigen, wobei Judas zuerst an die Warnungen der Apostel erinnert (Verse 17 – 19) und anschließend Hinweise gibt (Verse 20 – 23), wie die Gläubigen ganz praktisch mit den Situation in den Versammlungen (= Gemeinden) und den damit verbundenen Herausforderungen umgehen können.

Den Abschluss des Briefes bilden der Segen für die Leser sowie der Lobpreis Gottes und des Erlösers Jesus Christus (Verse 24 – 25).

 

Fußnoten:

¹= zur ausführlichen Diskussion der Frage nach dem Autor des Judasbriefes siehe: Prof. Dr. Erich Mauerhofer: „Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments“, Band II, Seite 255 – 258, Verlag für Theologie und Religionswissenschaft Nürnberg und Reformatorischer Verlag Beese, 3. Auflage 2004, (Gesamtausgabe)

²= siehe Dr. Daniel B. Wallace: „New Testament Introductions and Outlines“, The-Word-Bible-Software, Modul „Introductions and Outlines to each book of the New Testament. By Daniel B. Wallace, Ph.D. Professor of New Testament Studies“, Abschnitt „Jude“, ohne Seitenangabe, o. Jg.

³= siehe Dr. Daniel B. Wallace, a.a.O.

4= Prof. Dr. Erich Mauerhofer führt 14 Übereinstimmungen auf; siehe Mauerhofer, a.a.O., Seite 259

5= David DeGraaf: „Some doubts about doubt: the New Testament use of Διακρινω.“ Journal of the Evangelical Theological Society, Ausgabe Nr. 48, 2005/4, Seite 733 – 755

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