Notizen zur Offenbarung (29)


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Ephesos: Blick vom Theater auf die Hafenstraße Foto: Hans Weingartz/Wikipedia

Ephesos: Blick vom Theater auf die Hafenstraße Foto: Hans Weingartz/Wikipedia

Im letzten Artikel dieser  Betrachtung der sieben Sendschreiben (Offenbarung 2, 1 bis Offenbarung 3, 22) ging es um den dritten Abschnitt (Ermahnung bzw. Zurechtweisung) der seelsorgerisch korrektiven und auferbauenden Hinweise, die der Herr Jesus Christus den Gläubigen in Ephesus gibt. Die Diagnose des geistlichen Zustands der Adressaten dieses Briefes war eindeutig: sie hatten zwar viele gute Werke vorzuweisen, gleichzeitig aber hatten sie die “erste Liebe“ zu ihrem Erlöser verlassen. In diesem und dem folgenden Artikel möchte ich mögliche Gründe untersuchen, die zum Verlassen der “ersten Liebe“ führen können.

Das Sendschreiben an Ephesus

“Dem Engel der Versammlung in Ephesus schreibe: Dieses sagt, der die sieben Sterne in seiner Rechten hält, der da wandelt inmitten der sieben goldenen Leuchter: Ich kenne deine Werke und deine Arbeit und dein Ausharren, und daß du Böse nicht ertragen kannst; und du hast die geprüft, welche sich Apostel nennen, und sind es nicht, und hast sie als Lügner erfunden; und du hast Ausharren und hast getragen um meines Namens willen, und bist nicht müde geworden. Aber ich habe wider dich, daß du deine erste Liebe verlassen hast. Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tue Buße und tue die ersten Werke; wenn aber nicht, so komme ich dir und werde deinen Leuchter aus seiner Stelle wegrücken, wenn du nicht Buße tust. Aber dieses hast du, daß du die Werke der Nikolaiten hassest, die auch ich hasse. Wer ein Ohr hat, höre, was der Geist den Versammlungen sagt! Dem, der überwindet, dem werde ich zu essen geben von dem Baume des Lebens, welcher in dem Paradiese Gottes ist.“

(Offenbarung 2, 1 – 7)


Ephesus – der seelsorgerisch korrektive und auferbauende Aspekt (III)

3) Ermahnung / Zurechtweisung (II)

Gründe, warum Gläubige die “erste Liebe“ verlassen (I)

Es gibt verschiedene Gründe dafür, dass Gläubige die “erste Liebe“ zu ihrem Herrn und Erlöser verlassen. Auf zwei von diesen Gründen möchte ich in diesem und im folgenden Artikel eingehen:

Grund 1: Der verschobene Fokus

Wo wirklich brennende Liebe für eine Person vorhanden ist, da wird dieser Liebe alles andere untergeordnet. Wenn es um diese geliebte Person geht, dann wird alles andere unwichtig. Jede Mitteilung dieser Person, sei es mündlich oder schriftlich, hat einen hohen Stellenwert. Manche Liebespaare bewahren ihren ersten Briefwechsel über Jahrzehnte hinweg auf. Andere können sich auch bei der goldenen Hochzeit noch immer an ihr erstes Gespräch erinnern. Für Verliebte vergeht die Zeit, die sie miteinander verbringen können, immer viel zu schnell. Dabei hätten sie sich doch so unendlich viel zu sagen, würden sie einander doch noch viel besser kennen lernen wollen. In der Zeit der “ersten Liebe“ ist alles andere zweitrangig. Darum wünschen sich auch viele Menschen, dass dieser Zustand nie endet. Das ist verständlich. Friedrich Schiller hat diesem Wunsch in seinem Gedicht “Lied von der Glocke“ Ausdruck verliehen und geschrieben: “Oh dass sie ewig grünen bliebe, die schöne Zeit der jungen Liebe!“ Doch wir alle wissen nur zu gut, dass diese “erste Liebe“ uns nicht “einfach so“ erhalten bleibt. Das Berufs- und Familienleben mit seinen vielen Ansprüchen verlangt unsere Aufmerksamkeit und zehrt unserer Kraft auf. Sehr schnell kann es so dazu kommen, dass die Liebe zu unserem Ehepartner aus dem Fokus gerät. Andere Dinge drängen in unser Leben, beanspruchen Zeit und Kraft – und werden wichtiger. Das kann als schleichender, subtiler Prozess ablaufen. Wenn wir hier nicht achtsam sind und nicht aktiv an der Erhaltung dieser Liebe arbeiten, dann kann sie schnell erkalten. Das Zusammenleben wird dann zur Routine. Man tut noch die „richtigen Dinge“ und sagt auch noch die „richtigen Worte“, aber das Herz ist nicht mehr in der Art und Weise dabei, wie es am Anfang war. Dann besteht die Gefahr, dass man immer mehr auseinander driftet. Man ist zwar noch verheiratet, sorgt auch füreinander, aber der sehnliche Wunsch nach Kommunikation und Gemeinschaft ist erloschen.

Ähnlich kann es uns auch in unserem Glaubensleben ergehen. Erinnern wir uns noch an die erste Zeit, nachdem wir zum Glauben an den Herrn Jesus Christus gekommen waren? Gebet, das Reden mit Gott, war keine Pflicht, es war ein Vorrecht und eine Freude! Auch das Lesen Seines Wortes, durch das Er zu uns redet, war kein Punkt auf unserer “To-Do-Liste“, sondern entsprang einem tiefen inneren Verlangen, die Person unseres Erlösers besser kennenzulernen. Aber auch unser Glaubensleben ist täglich vielen Anforderungen und Belastungen ausgesetzt. Viele Dinge beanspruchen unsere Aufmerksamkeit, Kraft und Zeit. Auch hier gilt: Wenn wir nicht achtsam sind und nicht aktiv daran arbeiten, uns täglich Zeit für die Gemeinschaft mit unserem Herrn zu nehmen, dann kann unser Glaubensleben schnell zu einer Routineangelegenheit werden. Wir mögen dann noch aktiv sein und die “richtigen Dinge“ für Gott tun oder die “richtigen Worte“ sagen, aber die Liebe zu Gott ist abgekühlt und als Folge davon ist auch die Freude nicht mehr vorhanden. In dem Gleichnis vom Licht, das jemand unter ein Bett bzw. unter ein Gefäß / einen Scheffel stellt, weist der Herr Jesus Christus auf diese Gefahr hin:

“Weiter sagte Jesus zu ihnen: »Bringt man etwa eine Lampe in einen Raum, um sie unter ein Gefäß (a.Ü.: “Scheffel“) oder unter das Bett zu stellen? Nein, man stellt sie auf den Lampenständer.“

(Markus 4, 21 NGÜ, vgl. Lukas 8, 16)

Das hier im Text des griechischen Neuen Testaments für “Gefäß“ bzw. “Scheffel“ benutzte Wort ist “μόδιος“ (= “modios“) und bezeichnet ein (Trocken-)Maß bzw. ein Meßgefäß. In der Heiligen Schrift ist der “Scheffel“ ein Symbol für Handel, menschliche Aktivität oder Geschäftigkeit (Lukas 13, 21; Matthäus 13, 33; vgl. auch Offenbarung 6, 6, wo allerdings eine andere Maßeinheit erwähnt wird). Das Bett ist in der Bibel häufig ein Symbol für Faulheit oder Trägheit (siehe z.B. Sprüche 26, 14; Sprüche 6, 9 – 11). Beides – übermäßige menschliche Geschäftigkeit oder geistliche Trägheit – kann unser Glaubensleben nachhaltig beeinträchtigen. Durch rein menschlichen Aktivismus bzw. rein auf das Sichtbare gerichtete Geschäftigkeit kann es sehr schnell dazu kommen, dass wir  die für unser Glaubensleben so wichtige Zeit in der Stille mit Gott vernachlässigen. Geistliche Trägkeit führt immer zu einer Reduktion unserer geistlichen Wachsamkeit. Das aber kann zur Folge haben, dass wir uns nicht mehr der Tatsache bewusst sind, dass zum Erhalt der “ersten Liebe“ unsere aktiven Mitarbeit unabdingbar ist (vgl. Sprüche 4, 23).   Beides – der “Scheffel“ bzw. das “Bett“ – kann unser geistliches “Licht“ also verdunkeln. Darum sollten wir uns diese Warnung des Herrn zu Herzen nehmen. Was wir dringend benötigen, ist geistliche Ausgewogenheit und das Wissen darum, dass wir nach aktiven Zeiten immer wieder Zeiten der Ruhe, d.h. Zeiten in der Gemeinschaft mit Gott, brauchen. Bei unserem Herrn kommt das “bei Ihm sein“   vor jedem geistlichen Dienst bzw. jeder anderweitigen Aktivität:

“(…) und er berief zwölf, damit sie bei ihm seien und damit er sie aussende, zu predigen (…)“

(Markus 3, 14)

In diesem Zusammenhang muss leider darauf hingewiesen werden, dass es heute Lehren gibt, die in einem sehr frommen, ja scheinbar “christlichen“ Gewand auftreten, gleichzeitig aber die persönliche Gemeinschaft des Christen mit seinem Erlöser in der Stille. So schreibt z.B. der reformierte Theologe Sebastian Heck: “Drei Faktoren haben dazu geführt, dass wir heute die sichtbare Kirche [Gemeinde] mit ihren Institutionen für weitestgehend überflüssig halten, zumindest nicht für notwendig für unser Heil. Erstens, mystisch-schwärmerische Strömungen, die zum Teil dem Pietismus nicht fernstanden; zweitens, die Aufklärung; drittens die Romantik. Dazu im Einzelnen: Es gab in der frühen Neuzeit mystisch-schwärmerische Strömungen, die Christen wegführten von einem kollektiven,  wahrhaft , “katholischen“ Glauben, der im kirchlichen Bekenntnis sowie in festen kirchlichen äußerlichen Formen Ausdruck findet. Diese Christen pflegten eine privatisierte, individualistisch-religiöse Erfahrungs-frömmigkeit.“¹ Derselbe Autor schreibt: “Hätte uns Gott Botschafter, Prediger, Pastoren gegeben (…) wenn Gott genauso gut auch direkt im  stillen Kämmerchen in unser Hirn und Herz hätte flüstern können und wollen?“² Nach der Ansicht von Pfarrer Heck benötigt der Gläubige also ganz offensichtlich keinen persönlichen Umgang mit Gott, es reicht wenn er einmal wöchentlich in “die Kirche“ geht und dort den Pfarrer hört. Darum kann Pfarrer Heck auch schreiben: “So schließen wir mit Calvin: ‚Die Kirche wird nicht anders als durch die äußerliche Predigt erbaut, und die Heiligen sind durch kein anderes Band miteinander zusammengehalten, als wenn sie einhellig lernend und weiterschreitend die Ordnung der Kirche [Gemeinde] wahren, die Gott vorgeschrieben hat“.³ In seinem Faible für den “großen Reformator“ Calvin, scheint Pfarrer Heck – wie viele andere Anhänger der neocalvinistischen Strömung – gar nicht zu bemerken, wie weit dessen Aussagen von der Heiligen Schrift entfernt sind. Nicht die “Ordnung der Kirche“ ist das Band, das die Gläubigen zusammenhält, sondern der Heilige Geist hat die Gläubigen zu einem Leib getauft (1. Korinther 12, 13). Nicht das Hören einer wöchentlichen Predigt ernährt das geistliche Leben des Gläubigen. So, wie die Israeliten in der Wüste täglich das Manna vom Himmel sammeln und sich davon ernähren mussten (2. Mose 16, 1 ff.), genauso müssen wir uns als Christen täglich von dem “wahren Brot, das aus dem Himmel gekommen ist“ – Jesus Christus – nähren:

“Wahrlich, wahrlich, ich sage euch, wer an mich glaubt, hat ewiges Leben. Ich bin das Brot des Lebens. Eure Väter haben das Manna gegessen in der Wüste und sind gestorben; dies ist das Brot, das vom Himmel herabkommt, auf daß, wer davon ißt, nicht sterbe.“

(Johannes 6, 47 – 50)

Ähnlich wie Sebastian Heck spricht sich ein anderer reformierter Theologe, Ronald Senk, gegen die persönliche Gemeinschaft mit Gott in der Stille aus. Er bezeichnet die “Stille Zeit“  sogar als “Irrtum christlicher Frömmigkeit“. Hört man seinen gleichnamigen Vortrag4, so wird deutlich, dass er das Thema weder gründlich biblisch untersucht, noch wirkliche Alternativen anführen kann. Wie bei den Ausführungen von Sebastian Heck kann man hier zu dem Fazit kommen: “Komm sonntags in unsere Kirche, höre, was wir zu sagen haben und das reicht für dein Christenleben.“ Es ist eine tragische Verführung, durch die solche Christen dazu beitragen, dass das geistliche Leben jener verflacht, die auf ihr Wort hören. Auch auf diese Weise geraten Gläubige in die Gefahr, die “erste Liebe“ zu verlassen.

Auf einen weiteren Grund, der zum Verlassen der “ersten Liebe“ führen kann, werde ich im kommenden Artikel dieser Betrachtungen eingehen und anschließend aufzeigen, wie wir uns in der ersten Liebe erhalten können.

Fußnoten:

¹= siehe den Artikel “Die (Heils-)Notwendigkeit der Kirche [Gemeinde]: römisch oder reformatorisch?“ von Pfarrer Sebastian Heck in „Bekennende Kirche. Zeitschrift für den Aufbau rechtlich eigenständiger biblisch-reformatorischer Gemeinden“ Nr. 44, April 2011, herausgegeben vom Verein für Reformatorische Publizistik Biedenkopf, abrufbar unter: http://www.bekennende-kirche.de/hefte/Bekennende_Kirche_44.pdf, Seite 24

²= Sebastian Heck, a.a.O., Seite 25

³= Sebastian Heck, a.a.O., Seite 26

4= Ronald Senk, Predigt vom 16.08.2009, Biblisch-Evangelische Gemeinde OWL, war abrufbar unter http://www.begowl.de/wp-uploads/20090816_Stille_Zeit.mp3, wurde dort aber zwischenzeitlich entfernt.

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