Hintergrund 12: Der 1. Thessalonicherbrief


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Via Egnatia-en

Via Egnatia * By Eric Gaba (Sting – fr:Sting) [CC-BY-SA-2.5 (http://creativecommons.org/licenses/by-sa/2.5)%5D, via Wikimedia Commons

Zum Hintergrund

Thessalonich (das heutige Thessaloniki) entstand ca. 315 v. Chr. an der Stelle der ehemaligen Thrakersiedlung Therme, die dem thermaischen Golf, einem Meeresgebiet in der nordwestlichen Ägäis seinen Namen gab. Der makedonische König Kassandros nannte die neue Stadt nach seiner Halbschwester Thessalonike. Nachdem das makedonische Reich 146 v. Chr. an die Römer fiel, erklärten diese das Gebiet zur römischen Provinz Macedonia mit Thessalonich als Hauptstadt. An der Via Egnatia, die die Adriaküste mit dem Bosporus und damit auch die Metropolen Rom und Byzanz (Konstantinopel) verband, und am thermaischen Golf gelegen, wurde Thessalonich bald zu einer blühenden Handelsstadt. Das moderne Thessaloniki profitiert noch immer von dieser Lage und ist dadurch heute nach Athen die zweitgrößte Stadt Griechenlands.
Man könnte meinen, die strategische Lage der Stadt und die Tatsache, dass dort bereits eine jüdische Synagoge bestand (Apostelgeschichte 17, 1), wären Gründe dafür gewesen sein, dass der Apostel Paulus Thessalonich auf seiner zweiten Missionsreise ansteuerte. Aus Apostelgeschichte 16, 9 – 10 wissen wir jedoch, dass der Apostel auf ein direktes Reden Gottes hin die Stadt aufsuchte. Ganz offensichtlich gab es in Thessalonich Menschen, deren Herzen für den Empfang des Evangeliums vorbereitet waren.
Von Philippi, der ersten Missionsstation auf europäischen Boden, kommend, reiste Paulus mit Silas und Timotheus über die Städte Amphipolis und Apollonia Richtung Süden nach Thessalonich. Gemäß Apostelgeschichte 17, 2 sprach er dort an mindestens drei Sabbaten mit jüdischen Gläubigen in der lokalen Synagoge. Aus 1. Thessalonicher 2, 9 und Philipper 4, 15 – 16 können wir jedoch schließen, dass der Apostel dort länger als drei Wochen wirkte. Apostelgeschichte 17, 3 – 7 berichtet davon, dass durch die Evangeliumsverkündigung Juden, zum Judentum konvertierte Heiden, sowie einige angesehene Frauen der Stadt zum Glauben an den Auferstandenen (Apostelgeschichte 17, 3) kamen. Einige Juden widerstanden jedoch dem Wirken Gottes und zettelten einen Aufruhr an, der sich insbesondere gegen Jason richtete. Im Haus dieses Mannes hatte Paulus mit seinen Mitarbeitern Unterkunft gefunden. Von den “Aufrührern“, wie Paulus diese Menschen nannte, wurden die Gläubigen beschuldigt, eine politische Revolution zu planen. Als Beleg für diese Anschuldigung wurde angeführt, die Christen würden einem anderen König – Jesus – folgen (Apostelgeschichte 17, 7). Diese Anklage blieb bei den politischen Autoritäten der Stadt nicht ohne Wirkung (Apostelgeschichte 17, 8) und sie entließen Jason und seine Gäste erst aus der Haft, nachdem diese eine Bürgschaft hinterlegt hatten. Angesichts der Gefahr, die durch die aufgeheizte Stimmung in der Stadt entstanden war, sandten die jungen Gläubigen Paulus und seine Mitarbeiter noch in der Nacht aus Thessalonich fort (Apostelgeschichte 17, 9 – 10). Die nächste Stadt, die sie erreichten, war Beröa, wo sie von den dort lebenden Juden freundlicher aufgenommen wurden (Apostelgeschichte 17, 11). Bereits kurze Zeit später erschienen jedoch in Beröa Abgesandte der Juden aus Thessalonich und versuchten auch dort gegen Paulus “Stimmung“ zu machen, so dass er diese Stadt ebenfalls verlassen musste. Silas und Timotheus blieben bei den jungen Gläubigen in Beröa (Apostelgeschichte 17, 15). Erst einige Zeit später traf der Apostel mit seinen Mitarbeitern für kurze Zeit wieder in Athen zusammen, von wo aus er Silas nach Philippi und Timotheus nach Thessalonich zurück sandte (vgl. 1. Thessalonicher 3, 1 – 3; Apostelgeschichte 17, 15). Aus den dortigen Versammlungen (= Gemeinden) brachten sie Gaben für die Gläubigen nach Korinth, als sich Paulus später dort aufhielt (vgl. 2. Korinther 11, 9 mit Philipper 4, 15). Von Korinth aus schrieb der Apostel dann seinen ersten Brief an die Gläubigen in Thessalonich.
Der Grund für diesen Brief war primär der Bericht des Timotheus über die Situation der jungen Christen in dieser Stadt. Aufgrund der starken jüdischen Opposition konnte der Apostel nur kurze Zeit bei den gerade zum Glauben an Jesus Christus gekommenen Thessalonichern verweilen. Diese Zeit hatte nicht ausgereicht, sie mit allen Lehren des christlichen Glaubens bekannt zu machen. So hatten einige die Lehre über die unmittelbare Erwartung der Wiederkunft des Herrn dahingehend missverstanden, dass sie jede Arbeit zum Erwerb ihres Lebensunterhalts aufgaben, was in der Folge auch zu einem unordentlichen Lebenswandel geführt hatte (1. Thessalonicher 4, 11; 1. Thessalonicher 5, 14). Andere wiederum waren in großer Sorge um ihre geliebten Mitgläubigen, die vor dem Kommen des Herrn für die Versammlung (= Gemeinde/Kirche) verstorben waren (1. Thessalonicher 4, 13 – 18). Die Gläubigen in Thessalonich bedurften auch der Ermutigung, denn die Verfolgung, sowohl durch jüdische wie auch heidnische Kräfte, dauerte an (1. Thessalonicher 2, 171. Thessalonicher 3, 10). Auch scheint es Missbrauch der geistlichen Gaben (1. Thessalonicher 4, 1 – 8) und Fälle moralischer Unreinheit (1. Thessalonicher 5, 19 – 21) gegeben zu haben.
Sollte der Galaterbrief vor dem Konzil in Jerusalem (Apostelgeschichte 15, 1 ff.) geschrieben worden sein¹, wofür m. E. alle Indizien sprechen, dann wäre der 1. Thessalonicherbrief der zweite Brief des Apostels Paulus an eine Versammlung (= Gemeinde). Unter diesen Voraussetzungen könnten wir seine Entstehung auf das Jahr 51 n. Chr. datieren.

Themen und Einteilung

Wie bereits angesprochen waren Missverständnisse und Glaubensfragen Mit- Auslöser dieses Paulusbriefes. Bei der Lektüre des 1. Thessalonicherbriefes finden wir jedoch noch weitere Punkte, die den Apostel zum Schreiben bewogen haben: Zum einen war es das Anliegen des Paulus, die jungen Gläubigen in dem Fortschritt, den sie bei allen Missverständnissen und Fragen doch machten, zu ermutigen (1. Thessalonicher 1, 2 – 10). Dann nimmt er auch Stellung zu einigen falschen Informationen, die Gegner des christlichen Glaubens über ihn und seine Mitarbeiter verbreiteten (1. Thessalonicher 2, 1 ff.) und letztlich wollte er sie in wichtigen Glaubenslehren unterweisen, so dass ihr geistliches Wachstum noch weiter gefördert werden konnte (1. Thessalonicher 4, 15, 24). Wie kaum ein anderer Brief offenbart uns der 1. Thessalonicherbrief das Herz des Paulus. Es ist das Herz eines wahren Hirten. Wir können den 1. Thessalonicherbrief grob wie folgt einteilen:

Anrede und den Gruß finden wir in 1. Thessalonicher 1, 1. Danach folgt ein erster Abschnitt, den wir von 1. Thessalonicher 1, 2 bis 1. Thessalonicher 3, 13 fassen können. In ihm finden sich drei Teile, in denen der Apostel die Thessalonicher lobt und sie an wichtige Ereignisse erinnert: In Teil 1 (1. Thessalonicher 1, 2 – 10) legt Paulus die Gründe für das Schreiben dar und drückt seinen tiefen Dank für die Gläubigen in Thessalonich aus. Teil 2 (1. Thessalonicher 2, 1 – 16) enthält zwei Erinnerungen und zwar erstens daran, wie der Apostel das Evangelium in Thessalonich verkündet hat (1. Thessalonicher 2, 1 – 12) und zweitens, wie die Thessalonicher dieses Evangelium aufgenommen haben (1. Thessalonicher 2, 13 – 16). Teil 3 (1. Thessalonicher 2, 173, 13) zeigt das Interesse, aber auch die Sorge des Apostels bzgl. der Thessalonicher. Er wünscht sich, sie bald wieder zu sehen (1. Thessalonicher 2, 173, 5) und freut sich, von ihnen zu hören (1. Thessalonicher 3, 6 – 13).
Der zweite große Abschnitt umfasst 1. Thessalonicher 4, 15, 24 und kann in fünf Teile gegliedert werden: Teil 1 (1. Thessalonicher 4, 1 – 12) enthält Belehrungen über Themen des christliche Lebens: Wachstum im Glauben (1. Thessalonicher 4, 1 – 2), sexuelle Reinheit (1. Thessalonicher 4, 3 – 8) und die Bruderliebe (1. Thessalonicher 4, 9 – 12). In einem zweiten Teil (1. Thessalonicher 4, 13 – 18) belehrt der Apostel die Gläubigen über das Kommen des Herrn für Seine Versammlung (= Gemeinde/Kirche), ein Geschehen, dass wir auch unter dem Begriff “Entrückung“ kennen und das wir von Seinem Kommen zum Gericht (vgl. z.B. Matthäus 24, 27 – 51) unterscheiden müssen. In einem engen Zusammenhang damit steht der darauf folgende, dritte Teil (1. Thessalonicher 5, 1 – 11), in dem Paulus die Gläubigen zur persönlichen geistlichen Wachsamkeit aufruft. Der vierte Teil (1. Thessalonicher 5, 12 – 15) behandelt Themen des Versammlungslebens. Der Umgang mit den Brüdern, die Verantwortung tragen (1. Thessalonicher 5, 12 – 13) und die Beziehungen der Gläubigen untereinander (1. Thessalonicher 5, 14 – 15) werden hier von Paulus angesprochen. Der fünfte (und letzte) Teil dieses zweiten Abschnitts (1. Thessalonicher 5, 16 – 24) befasst sich noch einmal mit Themen des persönlichen Glaubenslebens. Dabei geht es in 1. Thessalonicher 5, 16 – 18 zuerst um die Haltungen/Einstellungen und dann um das praktische Verhalten des einzelnen Gläubigen. Diesen Gedanken erweitert der Apostel dann und zeigt in 1. Thessalonicher 5, 19 – 22 die Haltungen/Einstellungen und das praktische Verhalten auf, das für die Gläubigen als Gemeinschaft kennzeichnend sein soll. Dieser Teil endet mit der Versicherung, dass Gott den Gläubigen zu einem solchen Lebensstil und Zeugnis auch die Kraft verleihen wird (1. Thessalonicher 5, 23 – 24). Der Brief schließt mit einer Bitte um Gebet, der Aufforderung, die Brüder zu grüßen und den Brief allen Gläubigen vorzulesen, sowie dem Segen (1. Thessalonicher 5, 25 – 28).


Fußnoten:

¹= vgl. hierzu: “Hintergrund 11: Der Galaterbrief“

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