Vom Beurteilen und/oder Verurteilen

Translation here.

1. Beurteilen!

Nachdem ich in verschiedenen Artikeln (hier und hier) über den Umgang mit falschen Lehren und unsere christliche Verpflichtung, alles zu prüfen, eingegangen bin, möchte ich heute die Frage beantworten,  welche Stellung wir zu der Person einnehmen sollten, die eine falsche Lehre, eine Irrlehre, überbringt bzw. vertritt.

„Trennung?!“
Foto: Michael Hirschka/pixelio

Wie an anderer Stelle deutlich ausgeführt, müssen wir die betreffende Lehre zuerst anhand des Wortes Gottes, der Bibel,  gründlich prüfen (vgl. 1. Thessalonicher 5, 21 – 22; Apostelgeschichte 17, 10 – 11). Stellt sich bei einer gründlichen Prüfung der überbrachten Lehre heraus, dass diese nicht dem Wort Gottes, der Heiligen Schrift, entspricht oder ihr sogar widerspricht, so ist klar, dass wir uns von dieser Lehre eindeutig distanzieren müssen. Dasselbe gilt auch für den Menschen, der diese Lehre vertritt/verbreitet, wenn er/sie sich diesbezügliche Ermahnungen nicht zu Herzen nimmt und die falsche Lehre nicht öffentlich widerruft/darüber Buße tut. Die Heilige Schrift lehrt uns eindeutig, dass wir uns von Personen, die falsche Lehren verkündigen, trennen müssen. Christliche Gemeinschaft mit ihnen ist aus mehreren Gründen nicht möglich:

„Jeder, der weitergeht und nicht bleibt in der Lehre des Christus, hat Gott nicht; wer in der Lehre bleibt, dieser hat sowohl den Vater als auch den Sohn.
Wenn jemand zu euch kommt und diese Lehre nicht bringt, so nehmet ihn nicht ins Haus auf und grüßet ihn nicht. Denn wer ihn grüßt, nimmt teil an seinen bösen Werken.

(2. Johannes 9 – 11)

Identifikation mit der falschen Lehre, schuldig durch „stille Mitverbreitung“

Wie ich bereits schrieb: Einen Irrlehrer zu grüßen (und ihn dann auch noch in das Haus aufzunehmen), bedeutet ja, dass man öffentlich bekundet: Diese Person ist mir willkommen. Mit dieser Person (und ihren Lehren) stimme ich überein. – Man identifiziert sich mit dieser Person. Aber mehr noch! Gottes Wort sagt: Wer solches tut, „nimmt teil an seinen bösen Werken“. Man wird – aus Gottes Sicht – zum Teilhaber am Bösen, weil man sich nicht eindeutig davon distanziert, weil man das Böse nicht eindeutig zurückweist und somit zu seiner Ausbreitung beiträgt. Das ist eine ernste Wahrheit und nicht jeder mag sie hören wollen. Doch das ist die klare Aussage des Wortes Gottes.

Besonders schwerwiegend ist dies, wenn Menschen in Verantwortung für andere Christen diese göttlichen Warnungen missachten. Als „Vorbilder der Herde“ (1. Petrus 5, 3)  geben sie den  Gläubigen eine gewisse Orientierung und besonders junge, im Wort Gottes nur wenig gegründete Gläubige, werden so schnell Gefahr laufen, falsche Lehren aufzunehmen. Da reicht es auch nicht, wenn das „Vorbild“ hier und da mal sagt: „Naja, ich heiße nicht alles gut, was XYZ sagt/lehrt/macht, aber ….“ Man kann auch schuldig werden durch „stillschweigende Mitverbreitung“ falscher Lehren! Eine öffentliche, klare Distanzierung ist darum der einzige Weg.

„Gewitter“
Foto: Ochrasy/pixelio

2. Verurteilen?

Vielfach wird Christen, die sich auf die oben beschriebene, biblische Weise von Irrlehren und Irrlehrern distanzieren, von anderen Christen vorgeworfen, sie seien „lieblos“ und würden die besagten Menschen „verurteilen“. Letzteres würde gegen das Gebot des Herrn Jesus, nicht zu urteilen, verstoßen. In der Regel wird hier auf Matthäus 7, 1 verwiesen, wo es heißt:

„Richtet nicht, auf daß ihr nicht gerichtet werdet;“

Aus diesem Vers aber allein zu schließen, der Christ dürfe falsche Lehren nicht öffentlichen verurteilen, erweist sich als falsch, wenn man die Belehrung des Herrn Jesus in ihrem Zusammenhang liest, denn in Vers 16 heißt es:

„An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen eine Traube, oder von Diesteln Feigen?“

Und auch die in Matthäus 7, 16 beschriebene Unterscheidung zwischen „Hunden“, „Schweinen“ und jenen, denen man die Perlen gibt, wäre ohne Unterscheidung bzw. Beurteilung gar nicht möglich.

„Gebet nicht das Heilige den Hunden; werfet auch nicht eure Perlen vor die Schweine, damit sie dieselben nicht etwa mit ihren Füßen zertreten und sich umwenden und euch zerreißen.“

Diese Aussage des Herrn spricht also keinesfalls gegen das Beurteilen einer falschen Lehre bzw. eines Menschen, der eine solche Lehre überbringt. Ganz im Gegenteil, die Verse 15 und 16 verbinden ja gerade die Warnung vor falschen Propheten mit dem Auftrag zur Prüfung derselben:

„Hütet euch aber vor den falschen Propheten, die in Schafskleidern zu euch kommen, inwendig aber sind sie reißende Wölfe. An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen. Liest man etwa von Dornen eine Traube, oder von Disteln Feigen?“

Es wäre also ganz im Gegenteil lieblos – und zwar Gott und Menschen gegenüber – wenn wir Personen, die ihre Lehren in die Gemeinde einführen wollen, nicht anhand des göttlichen Maßstabes, der Heiligen Schrift, prüfen und ihre Lehren beurteilen würden. Denn damit würden wir zum einen Gottes Gebot missachten und zum anderen die uns anvertrauten Gläubigen falschen Lehren aussetzen. Haben wir also die Lehren eines Menschen eingehend an der Heiligen Schrift geprüft und mussten wir sie  unbiblisch verwerfen, so müssen wir dies auch deutlich und klar (öffentlich) vertreten und entsprechend vor dieser Lehre warnen. Das ist die eine Sache. Eine andere Sache ist m. E. die Person des „falschen Propheten“. Hier muss man aus meiner Sicht sehr deutlich unterscheiden und ich halte es nicht für angebracht, den Menschen mit seiner Lehre zusammen zu verwerfen. Unser Herr Jesus hat z. B. den Ehebruch der Ehebrecherin, die von den Pharisäern vor Ihn gebracht wurde, klar als Sünde gebrandmarkt und sie ganz deutlich vor weiterem Sündigen gewarnt. Aber Er hat die Person als solche nicht verworfen, sondern ihr eine neue Chance gegeben (vgl. Johannes 8).

„Betende Hände“
Foto: Hans-Jörg F. Karrenbrock/pixelio

3. Liebe üben durch Gebet

Wenn jemand also der Meinung sei, Lehren eines Menschen seien falschen bzw. dämonischen Ursprungs, dann ist es unzweifelhaft angebracht, davor zu warnen. Genauso angebracht und wichtig ist es aber, für diesen Menschen zu beten. Zum einen, damit nicht weitere Menschen durch seine Lehren verführt werden, zum anderen, damit er selbst von seinen falschen Lehren frei wird. Denn: was braucht ein verführter Mensch mehr, als dass Christen für ihn beten, damit er frei wird (und falls er nicht errettet ist, errettet wird)? Nur vor solchen Lehren zu warnen, heißt m. E. auf halben Weg stehen zu bleiben. Wenn jemand durch falsche Lehre/Irrlehre ein „Feind des Evangeliums“ ist, dann gilt für mich hier das Gebot der Feindesliebe (Römer 12, 20; Matthäus 5, 43 – 44) und das drückt sich meiner Meinung nach am Besten im Gebet für solche Menschen aus. Die Frage, die ich mir (und allen anderen) in diesem Zusammenhang stelle, ist: Warne ich nur oder bete ich auch? In welcher Relation steht mein Gebet zu meinen Warnungen?

Kann es einen größeren Triumph der Gnade Gottes geben, als dass Gott das Gebet seiner Kinder für einen Verführer erhört, diesen zur Umkehr bringt und ein wirkliches Werkzeug Gottes aus ihm macht?

Für mich steht fest, dass man die falschen Lehren eines Menschen verwerfen und davor warnen kann, ohne gleichzeitig den Menschen als Menschen/als Person verwerfen zu müssen.

„Letter“
Foto:
Angela Parszyk/pixelio

Vorbildhaft ist mir in diesem Zusammenhang das Verhalten John N. Darbys. Ab 1847 musste er sich mit einem anderen Christen auseinandersetzen, der eindeutig falsche und gefährliche Lehren über die Person des Herrn Jesus Christus verbreitete: Benjamin Willis Newton. Trotz vielfacher Versuche, ihn zur Umkehr von seinen Irrtümern zu bewegen, tat Newton nie angemessen Buße über  diese Lehren. Gemäß dem biblischen Gebot musste Darby sich von  Newton trennen und vor seinen gefährlichen Irrlehren warnen. Wie schmerzlich diese Trennung für Darby war zeigt ein Brief, den  er an Newtons Frau schrieb, als dieser durch eine schwere Krankheitszeit ging:

„Liebe Frau Newton,

Mein Name, dessen bin ich sicher, kann für Sie jetzt gewiß nichts als Schmerzen hervorrufen, obwohl ich die vielen von Ihnen empfangenen Gütigkeiten nicht vergessen habe – aber ich schreibe, da ich gehört habe, daß Newton sehr krank ist, um Ihnen zu versichern, daß – wie sehr ich es auch für meine Pflicht gehalten haben mag, in öffentlichen Dingen ihm nach langem Zögern auf seinem Weg mit kompromißlosem Widerstand entgegenzutreten – ich allein ungeheucheltes Mitgefühl mit Ihnen habe in seiner Krankheit und ich habe keinen anderen Wunsch als Segen für ihn. Die Situation, in der ich stand, ermöglichte keine Gelegenheit für den Ausdruck irgendwelcher Gefühle – es wäre fehl am Platz gewesen – aber seine Krankheit bietet sie, und ich ergreife sie frohen Herzens, und es würde mich dabei auch sehr freuen – falls sich die Gelegenheit bei ihnen bietet und ihm dabei kein Schaden zugefügt wird – wenn Sie ihn das mitteilen könnten. Mag auch mein Urteil, was meine Pflicht betrifft, unverändert sein, so habe ich nie aufgehört, um ihn persönlich Leid zu tragen. Ich vertraue, daß ihm und Ihnen in dieser Krankheit die Barmherzigkeit des Herrn widerfahren möge. Es ist mein inniger Wunsch. Ich habe oft für ihn gebetet, da ich so entschieden gehandelt habe, was – ich verheimliche es vor mir nicht – für Sie alle persönlich leidvoll gewesen sein muß. Ich versichere Ihnen, daß ich kein Gefühl hege als den innigen Wunsch für seinen Segen in jeder Beziehung. Ich wage es nicht, jetzt mehr zu sagen, um nicht Gefühle zu verletzen, anstatt sie zu lindern, aber ich bitte Sie zu glauben, daß ich ohne Heuchelei und im Gedenken an ihn und mit meinen Gebeten für seinen Segen, und daß er die Barmherzigkeit vollkommen erfahren haben möge, der Ihre bin ich im Herrn J.N.D.“

(zitiert nach Max S. Weremchuk: „John Nelson Darby und die Anfänge einer Bewegung“, CLV 1998, Anhang L, Seite 249)

Dieser Brief zeigt m. E. sehr deutlich, dass man zwischen der falschen Lehre und der Person dessen, der sie vertritt unterscheiden kann, dass man die falsche Lehre be- und verurteilen kann, ohne den Menschen zu verwerfen. Ganz im Gegenteil; Je schwerwiegender eine falsche Lehre ist, desto mehr muss uns die Umkehr des Betroffenen am Herzen liegen, desto mehr sollten wir dafür im Gebet einstehen.

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