Hintergrund 6: Der Römerbrief


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Kreuz im Kolosseum / Foto: Marc Poyer / pixelio.de

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Zum Hintergrund

Viele Ausleger sind sich darin einig, dass der Römerbrief nicht der erste Brief war, den der Apostel Paulus verfasste. (Dass dieser Brief von Paulus stammt, geht zum einen aus dem Absender hervor [Römer 1, 1], zum anderen deckt sich die in diesem Brief entwickelte Lehre in großen Bereichen mit der Lehre, die uns in anderen Paulusbriefen überliefert wurde¹. Hinzu kommt die Anerkennung des Römerbriefes als Paulusbrief durch die frühe Christenheit. So zitiert u. a. bereits der Kirchenvater Irenäus [135 – 202 n. Chr.] aus diesem Brief².)
Es wird angenommen, dass die Briefe an die Thessalonicher und die Briefe an die Korinther vor dem Römerbrief entstanden sind. Verschiedene Anhaltspunkte deuten darauf hin, dass er in der Zeit zwischen 56 – 58 n. Chr. in Korinth geschrieben wurde. Als Überbringerin des apostolischen Schreibens fungierte Phöbe aus Kenchreä (einer nahe Korinth gelegenen Hafenstadt)³.  Trotz der späten Abfassungszeit  findet sich dieser Brief ganz zu Recht als erster Brief in der Sammlung der neutestamentarischen Briefe. Denn in keinem anderen Brief werden die grundlegenden Glaubenslehren des Christentums so ausführlich entfaltet. Nachfolgend möchte ich aufzeigen, wie wir den Römerbrief grob einteilen können, wobei ich auf die Kapitel 7 und 8 ausführlicher eingehe, da sie einige schwierige Fragen aufwerfen:

Ein kurzer Überblick

Nach der einleitenden Begrüßung (Kapitel 1, 1 – 15) und einer grundsätzlichen Bemerkung über den Inhalt des Evangeliums (Kapitel 1, 16 – 17) belehrt der Apostel die Versammlung (= Gemeinde) über die Notwendigkeit der Erlösung, d.h. der Rechtfertigung, für alle Menschen (Kapitel 1, 18 – Kapitel 3, 20).

In den Kapiteln 3, 215, 11 erläutert Paulus wie der Mensch Erlösung empfängt („allein aus Gnade, mittels des Glaubens“) und welche Folgen die Erlösung für den Menschen hat („Frieden mit Gott“).

In Kapitel 5, 127, 13 wird dann die Stellung beschrieben, in die der Gläubige durch die Erlösung/Rechtfertigung versetzt wurde: Früher war er „in Adam“, jetzt ist er „in Christus“, früher war er „unter dem Gesetz“, jetzt aber ist er „begnadigt in Christus“, früher war er ein „Sklave der Sünde“, heute ist er ein „Sklave Gottes“.

Römer 7: Das Leben des Begnadigten unter dem Gesetz: Kapitel 7, 14 – 25 beschreibt das Leben eines Gläubigen, der zwar die Gnade Gottes an sich erfahren hat, aber immer noch der Meinung ist, die Grundlage seiner Beziehung zu Gott sei das Gesetz. Dieser Mensch lebt nach dem Grundsatz: „Wenn ich Gott in der rechten Weise diene, wird Er mir gnädig sein.“ Er erkennt zwar das Erlösungswerk in Christus an und ist dankbar dafür, bezieht sie aber nur auf seine Vergangenheit. Er kennt keinen wirklichen Frieden mit Gott in der Gegenwart und ist sich seines Heils nicht sicher. Er glaubt sich solange bei Gott angenommen, wie er entsprechend den Geboten Gottes handelt. Aber er ist sich nicht gewiss, dass er das Ziel des Glaubens auch wirklich erreicht. Kern seines Problems ist, dass er immer noch aus eigener Kraft erreichen will, was Gott schon für ihn getan hat.

Römer 8: Keine Verdammnis mehr! Diesem Denken tritt der Apostel Paulus im Römer 8 mit dem Evangelium entgegen. Von Vers 1 – 30 erklärt Paulus dem unter dem Gesetz verharrenden Gläubigen noch einmal ausführlich seine neue Stellung „in Christus“. Wer das Erlösungswerk angenommen hat, ist gerechtfertigt, ist nicht mehr „unter dem Gesetz“, muss keine Furcht vor dem Gericht mehr haben, sondern ist „begnadigt in Ihm“, ist „in Christus“ und hat deswegen „keine Verdammnis“ mehr zu erwarten (Römer 8, 1). Er darf sich am Frieden mit Gott und an der ewigen Sicherheit seines Heils erfreuen, denn seine Sicherheit ist nicht in seinen eigenen Werken begründet, sondern in dem Gott, der sich dem Sünder zuwendet („Gott für uns“, Vers 31). Wie der verlorene Sohn aus Lukas 15, 11 – 24, der seinen falschen Weg bereut, zu seinem Vater umkehrt und von diesem mit „offenen Armen“ wieder aufgenommen wird, so darf jeder, der seine Sünde bereut und die Erlösung in Christus angenommen hat, sich seiner ewigen Annahme bei Gott gewiss sein.

Auch dem Erlösten ist es noch möglich zu sündigen und Sünde ist auch für ihn ist Sünde kein „Kavaliersdelikt“, denn sie verunehrt Gott und trübt das Verhältnis des Gläubigen zu Seinem himmlischen Vater. Diese getrübte Gemeinschaft muss durch Sündenbekenntnis und Vergebung wiederhergestellt werden. Aber die Sünde bewirkt keinen Verlust des Kindschaftsverhältnisses. Denn auch für diese Sünden hat Gott Sorge getragen (1. Johannes 2, 1 – 2)

Wenn der Gläubige strauchelt (Jakobus 3, 1 – 2), von einem Fehltritt übereilt wird (Galater 6, 1) oder in Sünde fällt (1. Johannes 2, 1), dann kann er wiederhergestellt werden. Diese Gnade Gottes wird der wahrhaft Gläubige nicht mit einem „Freifahrtschein für Sünde“ verwechseln, sondern sie dankbar und demütig annehmen. Denn er weiß, dass ein dauerhaftes Verharren in der Sünde ihn von einem Leben der Freude und des Friedens in Christus trennt. Der Gläubige wird bestrebt sein, dem Heiligen Geist immer mehr Raum in seinem Leben zu geben und er wird sich immer mehr mit dem verherrlichten Herrn Jesus Christus beschäftigen, damit er so verwandelt wird in Sein Ebenbild (Römer 8, 29; 2. Timotheus 2, 19b). Das alles ist dem Gläubigen, der meint, immer noch auf der Grundlage des Gesetzes zu stehen, fremd. Darum erläutert der Apostel Paulus diese Dinge hier so ausführlich. Und um keinen Zweifel an der Liebe und Gnade Gottes aufkommen zu lassen fügt er die wunderbaren Verse aus Römer 8, 31 – 39 an, in denen uns eine siebenfache Zusicherung der Liebe Gottes gegeben wird.

Die Kapitel Römer 9, 10 und 11 befassen sich dann mit dem Handeln Gottes an Israel: In Römer 9 erläutert der Apostel die Segnungen, die Gott Israel geschenkt hat (Römer 9, 1 – 5), die göttliche Erwählung Israels (Römer 9, 6 – 18), Gottes Barmherzigkeit gegenüber Israel (Römer 9, 19 – 29) und gegenüber den anderen (Luther: heidnischen) Nationen (Römer 9, 30 – 33).
Römer 10 behandelt die zeitlich begrenzte Beiseitesetzung Israels: der Grund, warum Gott Israel für eine Zeit beiseite gesetzt hat (Römer 10, 1- 7), das Mittel, um die Beiseitesetzung rückgängig zu machen (Römer 10, 8 – 15), der gegenwärtige Unglaube Israels (Römer 10, 16 – 21).
In Römer 11 geht es dann um die zukünftige Wiederherstellung Israels: Israel ist nicht ganz verworfen (Römer 11, 1 – 10), Israel ist nicht für immer verworfen (Römer 11, 11 – 24), Israels zukünftige Wiederherstellung ist sicher (Römer 11, 25 – 32). Das Kapitel schließt mit einem Lobpreis der Weisheit Gottes (Römer 11, 33 – 36).

Die Kapitel Römer 12, 13 und 14 belehren die Gläubigen über seinen Umgang und zwar a) mit Gott (Römer 12, 1 – 2), b) mit anderen Gläubigen und „allen Menschen“  (Römer 12, 3 – 21), c) gegenüber der Regierung (Römer 13, 1 – 7), gegenüber Nichtchristen (Römer 13, 8 – 10). Das Kapitel schließt mit Hinweisen darüber, wie die Hoffnung des Gläubigen seinen Wandel beeinflussen soll (Römer 13, 11 – 14).
In Römer 14, 1  bis Römer 15, 13 geht der Apostel noch einmal auf dem Umgang der Gläubigen miteinander ein und weist auf vier wichtige Dinge hin: a) als Christen sollen wir einander nicht wegen solcher Dinge richten, über die Gottes Wort uns kein eindeutiges Gebot gibt (Römer 14, 1 – 12), b) einander wegen solcher Dinge zu beleidigen/verletzten, ist in Gottes Augen böse (Römer 14, 13 – 23), c) “starke Christen“ sollen “schwache Christen“ im Glauben tragen und fördern (Römer 15, 1 – 6), d) jeder Gläubige soll jeden anderen Gläubigen annehmen, weil und wie Christus jedes Seiner Kinder angenommen hat (Römer 15, 7 – 13).

In Römer 15, 14Römer 16, 27 informiert Paulus die Leser über seinen Dienst [a) seine Arbeit (Römer 15, 14 – 21), b) seine gegenwärtigen Tätigkeiten (Römer 15, 22 – 29) und seine Pläne für die Zukunft (Römer 15, 30 – 33)] und andere Dinge, die ihn in Bezug auf die Gläubigen in Rom bewegten [a) Empfehlung der Phöbe, (Römer 16, 1 – 2), b) Grüße an namentlich genannte Gläubige  (Römer 16, 3 – 16), c) Warnung vor Irrlehrern (Römer 16, 17 – 20), d) Grüße von Mitarbeitern des Paulus an die Gläubigen in Rom (Römer 16, 21 – 24)]. Der Brief schließt mit einem Lobpreis Gottes (Römer 16, 25 – 27).

Fußnoten:

¹= z. B.  Galater  2, 1. Korinther 12, 2. Korinther 8 + 9

²= Erich Mauerhofer: “Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments“, Band 2, Verlag für Theologie und Religionswissenschaft, Nürnberg, 3. Auflage 2004, Seite 105. Mauerhofer nennt a.a.O. neun weitere frühchristliche Überlieferungen. Zur Behauptung, es habe erst später eine “Paulinisierung“ des Christentums statt gefunden, siehe z. B. auch Rolf Noorman, der in seiner Dissertation die Interpretation von Paulusstellen durch den frühen Kirchenvater Irenäus (135 – 202 n. Chr.) untersucht hat: “Paulus ist für weite Teile der christlichen Kirche des zweiten Jahrhunderts der Apostel schlechthin. Nicht erst Augustin oder die lutherische Reformation haben Paulus für sich entdeckt, die Kirche hat vielmehr von frühester Zeit an eine herausragende Stellung zugemessen.“ (Rolf Noorman: “Irenäus als Paulusinterpret“, Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament, J.C.B. Mohr, Tübingen 1994, Seite 1)

³= Der griechische Text liest: “διακονον“ (von “diakonos“ = Diakon).  In diesem Zusammenhang wird diskutiert, ob es sich im Fall der Phöbe um ein offizielles Amt (im Sinne eines Diakons/einer Diakonin) gehandelt hat oder lediglich um einen allgemeinen “Dienst“. Der Hinweis in Römer 16, 1, dass sie ein(e) Diakon(in) der Versammlung (= Gemeinde) von Kenchreä war, kann als Argument für ein offizielles Amt angeführt werden. Allerdings muss beachtet werden, dass der Begriff „Diakon“ im NT auch im Sinne eines “Dieners“ gebraucht wird. So bezeichnet Paulus z.B. Timotheus, der mit der Versammlung (= Gemeinde) in Ephesus verbunden war, in 1. Timotheus 4, 6 als “diakonos“, was wir im Sinn eines “Dieners“ verstehen müssen, da Timotheus gemäß 2. Timotheus 4, 5 den Dienst eines Evangelisten versah. Die Frage nach dem Amt bzw. dem Dienst der Phöbe lässt sich daher nicht abschließend klären. Eindeutig fest steht jedoch, dass Phöbe mit der sicheren Überbringung des apostolischen Schreibens nicht nur den Gläubigen in Rom einen unschätzbaren Dienst erwiesen hat.

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