Gleichnisse des Reiches der Himmel

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Die Gleichnisse vom Reich der Himmel, die wir insbesondere im Matthäusevangelium finden, sind wohl mit die am häufigsten in Predigten, Kindergottesdiensten und der Sonntagsschule gebrauchten Texte des Evangeliums. Sie sind eingängig und man kann sie sich aufgrund ihres Erzählungscharakters gut merken. Aber diese Gleichnisse vom Reich der Himmel sind auch diejenigen Evangeliumstexte, die m. E. sehr oft missverstanden und dementsprechend auch missinterpretiert werden. In den folgenden Monaten möchte ich daher immer wieder einmal eines der Gleichnisse betrachten und anhand der Symbolik, wie sie die Heiligen Schrift auslegt, erläutern. Ein kleiner Anfang wurde bereits mit einer Betrachtung über das Wort „Sauerteig“ in der Bibel gemacht, die hier nachgelesen werden kann.


„Kaiserkrone“

Foto: Andri Peter/pixelio

Sind Gleichnisse vom „Reich der Himmel“ eine Beschreibung des Himmels bei Gott oder haben sie auch mit den Gläubigen hier auf Erden zu tun? Ist das „Reich der Himmel“ gleichzusetzen mit der Versammlung (Gemeinde/Kirche)? Wer ist der Herrscher dieses Reiches? Oder ist das „Reich der Himmel“ gleichbedeutend mit dem „Reich Gottes“? Wer gehört zum „Reich der Himmel“? Alle diese Fragen müssen und werden in den später folgenden Artikeln geklärt und erläutert. Beginnen möchte ich mit einer Definition des Begriffs „Reich der Himmel“. Wenn wir diesen Begriff nicht richtig verstehen, werden wir die damit in Zusammenhang stehenden Gleichnisse auch nicht richtig auslegen können.

William MacDonald bringt in seinem Kommentar zum Neuen Testament einen kurzen Exkurs, in dem er den Begriff des „Reiches der Himmel“ recht gut definiert¹ (Einfügungen in eckigen Klammern von mir):

„Exkurs zum Reich der Himmel
In Vers 2 [von Matthäus 3, d.Verf.] finden wir das erste Mal den Ausdruck Reich der Himmel, der in diesem Evangelium 32mal verwendet wird. Weil man Matthäus nicht richtig versteht, wenn man diesen Begriff nicht verstanden hat, sollten wir hier eine Begriffsdefinition und -erklärung geben.
Das Reich der Himmel ist ein Gebiet, in dem die Herrschaft Gottes anerkannt wird. Das Wort „Himmel“ bezieht sich auf Gott. Das sieht man in Daniel 4, 22, wo Daniel sagt, >>daß der Höchste über das Königtum der Menschen herrschscht<<. Im nächsten Vers betont er, daß >>die Himmel<< herrschen. Wo immer sich Menschen der Herrschaft Gottes unterstellen, besteht das Reich der Himmel.
Es gibt zwei Bereiche des Reiches der Himmel. Im weiteren Bereich beinhaltet es jeden, der von sich sagt, daß er Gott als den höchsten Herrscher anerkennt. Im engeren Bereich umfaßt es nur diejenigen, die wirklich bekehrt sind. Wir können das durch zwei konzentrische Kreise darstellen. Der große Kreis ist der Bereich des Bekenntnisses. Er enthält alle, die wirkliche Untertanen des Königs sind, und auch die, die nur behaupten, daß sie mit ihn verbunden sind. Das kann man in den Gleichnissen vom Säman (Matthäus 13, 3 – 9), vom Senfkorn (Matthäus 13, 31 – 32) und vom Sauerteig (Matthäus 13, 33) sehen. Der kleine Kreis in der Mitte umfaßt diejenigen, die durch den Glauben an den Herrn Jesus Christus wiedergeboren sind. Das Reich der Himmel in seinem inneren Bereich kann nur von Bekehrten erreicht werden (Matthäus 18, 3).
Wenn wir alle Erwähnungen des Reiches der Himmel in der Bibel zusammen sehen, können wir seine historische Entwicklung in fünf Phasen darstellen:
Erstens wurde es im A[lten] T[estament] vorausgesagt. Daniel sagte voraus, daß Gott ein Königreich errichten würde, das niemals zerstört oder von einer anderen Herrschaft abhängig werden würde (Daniel 2, 44). Er sah auch die Ankunft Christi voraus, um dieses universelle und ewige Reich zu regieren (Daniel 7, 13 – 14; Jeremia 23, 5 – 6).
Zweitens wurde das Reich von Johannes dem Täufer und auch von Jesus und den zwölf Jüngern als nahe oder gegenwärtig beschrieben (Matthäus 3, 2; Matthäus 4, 7; Matthäus 10, 7). In Matthäus 12, 28 sagte Jesus: >>Wenn ich aber durch den Geist Gottes die Dämonen austreibe, ist also das Reich Gottes zu euch gekommen.<< In Lukas 17, 21 sagt er: >>Denn siehe, das Reich Gottes ist inwendig in euch.<< (Lutherübersetzung 1912, Fußnote) oder >>mitten unter euch<< (Elberfelder Bibel). Das Königreich war in der Person des Königs anwesend. Wie wir später zeigen werden, sind die Ausdrücke „Reich der Himmel“ und „Reich Gottes“ oft untereinander austauschbar.
Drittens wird das Reich in einer Zwischenform beschrieben. Nachdem Jesus vom Volk Israel abgelehnt worden war, kehrte er in den Himmel zurück. Das Reich existiert heute, während der König abwesend ist, in den Herzen aller, die sein Königtum anerkennen. Die ethischen und moralischen Prinzipien dieses Reiches, einschließlich der Bergpredigt, sind auf uns heute anwendbar. Diese Zwischenzeit des Reiches wird in den Gleichnissen in Matthäus 13 beschrieben.
Die vierte Phase des Reiches können wir mit dem Wort Verwirklichung beschreiben. Die verwirklichte Form des Reiches ist die tausendjährige Herrschaft Christi auf Erden, die durch die Verklärung Jesu dargestellt wurde, als er in der Herrlichkeit seiner zukünftigen Herrschaft erschien (Matthäus 17, 1 – 8 ). Jesus bezog sich auf diese Phase in Matthäus 8, 11, als er sagte: >>Ich sage euch aber, daß viele von Osten und Westen kommen und mit Abraham und Isaak und Jakob zu Tisch liegen werden in dem Reich der Himmel.<<
Die endgültige Form wird das ewige Reich sein. Es wird in 2. Petrus 1, 11 als >>das ewige Reich unseres Herrn und Heilandes Jesus Christus<< beschrieben.
Der Ausdruck >>Reich der Himmel<< findet sich nur im Matthäusevangelium, >>Reich Gottes<< dagegen wird in allen vier Evangelien benutzt. Praktisch gesehen besteht zwischen beiden kein Unterschied, denn über beide werden die gleichen Aussagen gemacht. In Matthäus 19, 23 sagt Jesus z. B., daß es für einen Reichen schwer sei, in das Reich der Himmel zu gelangen. Markus 10, 23 und Lukas 18, 24 schreiben, daß Jesus dasselbe über das >>Reich Gottes“ sagte (s.a. Matthäus 19, 24, wo der Ausdruck >>Reich Gottes<< im gleichen Zusammenhang verwendet wird.)
Wir haben bereits oben erwähnt, daß das Reich der Himmel einen äußeren und einen inneren Bereich hat. Da das gleiche für das Reich Gottes gilt, ist das ein weiterer Hinweis, daß die beiden Ausdrücke dasselbe bedeuten. Das Reich Gottes enthält ebenfalls die Echten und die Falschen. Das kann man in den Gleichnissen vom Sämann (Lukas 8, 4 – 10), vom Senfkorn (Lukas 13, 18 -19) und vom Sauerteig (Lukas 13, 20 – 21) sehen. Auch sein innerer Bereich kann nur von denen erreicht werden, die wiedergeboren sind (Johannes 3, 3 – 5).
Zum Schluß noch ein Punkt: Das Reich ist nicht mit der Kirche oder Gemeinde Gottes identisch. Das Reich begann, als Christus seinen öffentlichen Dienst begann, die Gemeinde entstand erst an Pfingsten (Apostelgeschichte 2). Das Reich wird fortbestehen, bis die Erde zerstört werden wird, die Gemeinde wird nur bis zur Entrückung (die Aufnahme oder Wegnahme der Gemeinde von der Erde, wenn Christus vom Himmel herabsteigt und alle Gläubigen zu sich nach Hause nimmt: 1. Thessalonicher 4, 13 – 18) auf der Erde bleiben. Die Gemeinde wird mit Christus bei seiner zweiten Wiederkunft wiederkehren und mit ihm als seine Braut regieren. Gegenwärtig sind diejenigen, die im inneren Bereich des Königreichs sind, gleichzeitig Glieder der Gemeinde.“


„Die Bibel – Die vier Evangelisten“

Foto: Elisabeth Patzal/pixelio

Diese Ausführungen zum Begriff des Reiches der Himmel sind, wie gesagt, schon recht gut. Ich möchte sie allerdings noch an einigen Punkten ergänzen:

1. Das Reich der Himmel bzw. das Reich Gottes und Israel:

Wenn William MacDonald davon spricht, dass das Reich der Himmel bereits im Alten Testament prophetisch vorhergesagt wurde, so müssen wir feststellen, dass dies nicht erst zur Zeit des Propheten Daniel geschah. Den ersten Hinweis auf das kommende Reich Gottes finden wir in 1. Mose 49, 10. Dort wird es in den Segenssprüchen Jakobs an seine Söhne, die Häupter der 12 Stämme Israels, verheißen. Daraus wird auch deutlich, dass die Verheißung des Reiches zuerst dem Volk Israel – und hier besonders dem Stamm Juda – galt. Nachdem der Widerstand der Israeliten in Form der  religiösen Führer gegen den von Gott gesandten Messias immer größer wurde, kündigte dieser prophetisch an, dass das Reich Gottes von ihnen genommen werden würde. Jesus Christus sagte in Matthäus 21,43:

    „Darum sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch genommen und einem Volke gegeben werden, das dessen Früchte bringt.“

Das Reich sollte also von ihnen genommen und einem anderen Volk gegeben werden. Wen haben wir unter diesem „anderen Volk“ zu verstehen? In Titus 2, 14 wird die Versammlung (Gemeinde/Kirche) als ein Volk beschrieben, dass durch Jesus Christus von aller Ungerechtigkeit erlöst und gereinigt wurde, damit es ein Volk sei, dass allein  ihm gehören und sich durch gute Werke auszeichnen würde. Dieses andere oder neue Volk besteht gemäß Epheser 2, 14 – 16 aus den Menschen, die aus dem Judentum  und aus den anderen Nationen zum Glauben an Jesus Christus gekommen sind. In 1. Petrus 2, 9 wird dieses andere Volk als ein „auserwähltes Geschlecht“, ein königliches Priestertum, ein heiliges Volk, das die Tugenden dessen verkündet, der es erlöst hat, bezeichnet. Für die Zeit, die dieses andere Volk, die Versammlung (Gemeinde/Kirche) existiert ist Israel „beiseite“ gesetzt. Aber – und das müssen wir mit aller deutlichkeit sagen – Israel ist nicht verworfen (vgl. Römer 9, 27 – 29; Römer 11, 1 – 15; Römer 11, 25 – 34)! Es wird, nachdem es in der Zukunft zu Gott umkehren und seinen Messias anerkennen wird (vgl. Hosea 3, 4 – 5; Sacharja 12, 1 – 4; Sacharja 13, 1; Sacharja 13, 8 – 9) von Gott erneut angenommen und im Tausendjährigen Reich eine bedeutende Rolle spielen (vgl. Jesaja 1, 25; Jesaja 2, 3; Jesaja 33, 20 – 24; Jesaja 44, 22 – 24; Jesaja 45, 17 – 25; Jesaja 11, 13; Jeremia 3,18; Jeremia 24, 6; Jesaja 29, 17; Jesaja 29, 23; Jesaja 30, 23 – 25; Jesaja 2, 2 – 3; Jesaja 9, 9; Jesaja 12, 4 – 6; Jesaja 62,3; insbesondere auch: Jesaja 11, 13 – 14; Jesaja 14, 1 – 2; Jesaja 49, 22 – 23;  u.v.a.m.) In Apostelgeschichte 1, 6 fragten die Jünger den Herrn Jesus Christus, wann er „das Reich für Israel“ wiederherstellen würde. Er verwies in seiner Antwort (Apostelgeschichte 1, 7) auf die „Zeiten und Zeitpunkte“, die von Gott dem Vater, festgelegt wurden. Mit dem Beginn des Tausendjährigen Reiches wird auch die Wiederherstellung des Reiches für Israel, d.h. den dann an den Messias glaubenden Überrest, einhergehen.

2. Das Reich der Himmel bzw. Reich Gottes und die Bergpredigt

Eine weitere Anmerkung gilt der Bergpredigt. Es ist sicherlich richtig, dass die ethischen Prinzipien der so genannten Bergpredigt – eigentlich ist es ja mehr eine Berg-Lehre, denn gemäß Matthäus 5, 2 predigte Jesus dort nicht, sondern er lehrte – auch uns Christen gilt. Dennoch kann man nicht pauschal sagen, dass die Bergpredigt gänzlich für Christen gilt. Zum einen lehrte der Herr Jesus hier seine Jünger, die als erste Gläubige aus dem Judentum auch den Kern des kommenden, gläubigen Überrestes Israels darstellten. Zum anderen gibt es viele Kennzeichen, die verdeutlichen, dass diese Lehre nicht als eine Art Verhaltenskodex oder Leitlinie für die Gläubigen des Gnadenzeitalters gegeben wurde:

1. In Matthäus 5, 5 wird gesagt, dass die Sanftmütigen das „Land ererben“ werden. Eine solche Verheißung kann nicht den Gläubigen des Gnadenzeitalters gelten, denn ihnen ist kein irdisches, sondern ein himmlisches Reich verheißen (vgl. Philipper 3, 20). Dem Volk Israel hingegen hat eine Verheißung für ein irdisches Reich bzw. Land

2. In Matthäus 6, 12 finden wir die Bitte „Vergib‘ uns, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern.“ Hier wird die Vergebung Gottes abhängig gemacht von dem Maß, wie wir den Menschen vergeben, die an uns schuldig geworden sind. D.h., Vergebung wird hier an eine Vorleistung unsererseits gebunden. Dies ist aber nicht in Übereinstimmung mit dem, was die Schrift – z.B. in 1. Johannes 1, 7 – 9 und Römer 3, 20 – 24 – für die Gläubigen des Gnadenzeitalters lehrt.

3. Wir müssen bedenken, dass die Bergpredigt zeitlich vor dem Beginn der Versammlung (Gemeinde/Kirche) gegeben wurde. Wir finden nach der Entstehung der Versammlung (Gemeinde/Kirche) keine erneute Erwähnung der so genannten Bergpredigt bzw. ihres Inhaltes. Es gäbe noch einige weitere Dinge hierzu zu erwähnen, ich möchte es jedoch bei diesen wenigen belassen, damit nicht der Rahmen dieser Ausarbeitung gesprengt wird.

Wir können zusammenfassend feststellen:

Der Begriff „Reich der Himmel“ ist mit dem Begriff „Reich Gottes“ in gewisser Weise identisch. Der Begriff „Reich der Himmel“ bezeichnet eine bestimmte Phase des Reiches Gottes, nämlich die Zeit, in der die Herrschaft über das Reich Gottes von seinem König (Jesus Christus) vom Himmel her ausgeübt wird. Zum Reich Gottes (und damit auch zum Reich der Himmel) gehören sowohl Menschen, die nur nach ihrem äußerlichen Bekenntnis nach Gott als ihren Herrscher anerkennen, als auch Gläubige, die wirklich wiedergeboren sind. Darin unterscheidet sich das Reich der Himmel (und damit auch das Reich Gottes) von der Versammlung (Gemeinde/Kirche), weil zu dieser nur wirkliche Gläubige gehören, denn nur wirkliche Gläubige werden durch den Geist Gottes als Glieder in den Leib Christi eingefügt (1. Korinther 12, 13).

(Fortsetzung folgt)

¹= zitiert nach William McDonald: „Kommentar zum Neuen Testament“, CLV Bielefeld, 2. Auflage (Gesamtausgabe, Band 1 und Band 2) , Kommentar zu Matthäus 3, Exkurs zum Reich der Himmel, Seite 29 – 30.

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