Schlangen auf dem Jakobsweg


Translation here
Text als PDF downloaden

Mitte März 2008 hatte ich Gelegenheit einen Dia-Vortrag zu besuchen. Thema war der so genannte Jakobsweg bzw. die Kirchen an diesem Weg aus kunsthistorischer Sicht. Herr S., der (schwäbische 😉 ) Referent, verstand es bei den Zuhörern durch seine kurzweilige und komprimierte Vortragsweise Interesse zu wecken. Parallel dazu zeigte er eindrucksvolle Dia-Bilder von seiner fast 100 Tage dauernden Wanderung durch Deutschland, die Schweiz, Frankreich und Spanien. Unter den gezeigten Dia-Bildern war auch eines, auf dem das Tympanon einer Kirche zu sehen war. Dazu erläuterte der Herr S., dass er, als er dieses Dia machte, gar nicht gesehen habe, dass an dem Rundbogen der Tür, einem Halbbogen ähnlich (vgl. z.B. hier), zwei Schlangen eingemeißelt waren. Beim genaueren Betrachten erkannte er (und nun auch wir, die wir dieses Dia jetzt auf der Leinwand vor uns sahen) eine Schlange, die etwas mehr als die Hälfte des Rundbogens einnahm und darunter, der ersten Schlange entgegenkommend, eine weitere, etwas kürzere Schlange. Herr S. erklärte weiter, er habe sich gefragt, welche Bedeutung diese beiden Schlangen an dem Rundbogen über der Kirchentür wohl haben könnten. Ihm sei (natürlich) die Schlage aus dem Paradies eingefallen (vgl. 1. Mose 3, 1 – 14) und auch die Aufforderung von Jesus Christus an seine Jünger aus dem Matthäus-Evangelium (vgl. Matthäus 10, 16), wo es heißt: „Siehe, ich sende euch wie Schafe inmitten von Wölfen, so seid klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben.“ Eine Geschichte mit oder eine Erwähnung von zwei Schlangen sei ihm jedoch nicht bekannt.

Neben den beiden, sehr bekannten, biblischen Erwähnungen der Schlange in 1. Mose 3 und Matthäus 10, 16, gibt es noch (mindestens) zwei weitere theologisch wichtige Erwähnungen dieses Tieres in der Heiligen Schrift: So werden Schlangen einmal im Zusammenhang mit den Gesprächen erwähnt, die Moses bzgl. der Befreiung des Volkes Israel mit dem ägyptischen Pharao führte (vgl. 2. Mose 7, 1 – 12). Bei einem dieser Gespräche kommt es zu einem Kräftemessen zwischen den Zauberern des Pharaos und den Boten Gottes (Mose und Aaron): Aaron wirft seinen Stab auf den Boden und dieser wird zu einer lebendigen Schlange. Auch die ägyptischen Zauberer werfen ihre Stäbe zu Boden und auch diese werden zu lebendigen Schlangen. Hier zeigt sich, dass auch der Okkultismus über gewisse Kräfte verfügt und in einem gewissen begrenzten Umfang Zeichen und Wunder vollbringen kann. Damit ist es schnell jedoch vorbei. Denn dann verschlingt der Stab Aarons (in Gestalt einer lebendigen Schlange) die Stäbe der ägyptischen Zauberer (ebenfalls in Gestalt lebendiger Schlangen). Der Stab ist in der Heiligen Schrift ein Symbol der Autorität. So war der Hirtenstab z. B. ein Werkzeug, mit dem der Hirte seine Herde leitete und, wenn nötig, auch wieder auf den rechten Weg zurück brachte (vgl. Psalm 23, 4). Die Aussage in 2. Mose 7, 1 – 12 ist also sehr deutlich: Gottes Autorität triumphiert über die Macht der Zauberer und damit letztlich über die Macht Satans.

Schon bei seiner Berufung (vgl. 2. Mose 4, 1 – 17) machte Mose eine ähnliche Erfahrung: Gott hatte ihn aufgefordert, seinen Stab auf die Erde zu werfen und dieser Stab wurde zu einer lebendigen Schlange. Gott ließ Mose diese Schlange am Schwanz fassen und sie wurde wieder zu seinem Stab. Damit machte Gott seinem Diener Mose die Macht deutlich, die Er ihm angesichts der Macht des Satans zu geben vermochte.

Viele Theologen, wie z. B. auch Dr. Thomas L. Constable¹, kommentieren hierzu, dass Gott in diesem Geschehen zeichenhaft ankündigt, dass er die satanischen Mächte, die über Ägypten herrschten und vor denen Mose geflohen war, seiner Kontrolle unterwerfen würde. Der Stab des Mose  wird von ihnen als ein Symbol der Autorität Gottes in seiner Hand,  die Schlange als Symbol der tödliche Macht Ägyptens interpretiert. Diese satanische Macht hatte ein Ziel: die Israeliten und unter ihnen besonders Mose, zu töten.  Viele Leser werden das Bild ägyptischer Pharaonen, d.h. Könige, kennen: Sie trugen auf ihrem Haupt eine Krone mit einer aus Metall gefertigten Schlange. Die Schlange  war ein Symbol für Unterägypten, der auf anderen Abbildungen von Pharaonen neben der Schlange dargestellte Horusfalke symbolisierte den anderen Teil des ägyptischen Reiches, nämlich Oberägypten. In der Heiligen Schrift ist die Schlange das bekannteste  Symbol für den Satan (oder: Teufel), den  Feind Gottes und der Menschen (vgl. 1. Mose 3, 15). Die Tatsache, dass Mose in der Auseinandersetzung mit den ägyptischen Magiern dann die Fähigkeit, hat, die lebendige Schlange wieder in einen Stab zu verwandeln, war ein Erweis der Macht Gottes und machte den Irsaeliten deutlich, dass  Gott mit ihnen war. Wenn ein Gesandter Gottes es mit der  gefährlichsten Macht Ägyptens aufnehmen konnte, so war die Befreiung aus der Sklaverei Ägyptens nur noch eine Frage der Zeit.

In der christlichen Theologie wurde dieser Bericht schon immer auch typologisch² verstanden. So heißt es z.B. in der Anmerkung zu 2. Mose 7, 12 von Scofield³: „Vergleiche 2. Mose 4, 2. Wie hier die Schlangen, die Symbole Satans, der die Gewalt des Todes hatte (Hebräer 2, 14; Offenbarung 12,9) verschlungen werden, so wird in der Auferstehung (Jesu Christi) der Tod ‚verschlungen in Sieg‘ (1. Korinther 15, 54 – 55). Vgl. 4. Mose 17, 23. Der Sieg wurde durch unseren Herrn Jesus Christus gewonnen durch seinen Tod auf Golgatha für die Sünden und durch seine Auferstehung.“

Eine zweite Erwähnung der Schlange in der Bibel ist theologisch ebenfalls von großer Bedeutung. Wir finden sie in 4. Mose 21, 4 – 9: Hier wird uns berichtet, dass das Volk Israel während der Wüstenreise gegen Gott aufbegehrte und Seinen Charakter in Frage stellte. Obwohl Gott die Israeliten auf jedem ihrer Schritte durch die Wüste begleitete, sie mit Manna (Brot) aus dem Himmel und Wasser aus dem Felsen versorgte, meinten sie, Gott habe sie aus Ägypten in die Wüste geführt, damit sie dort sterben sollten. So verneinten sie nicht nur Gottes Liebe und Güte, sondern auch all‘ die Wunder, die Er für sie an den Ägyptern getan hatte. Gott bestrafte das Volk für diesen Ungehorsam, indem Er „feurige Schlangen“ sandte, die die Israeliten bissen. Durch diese Schlangenbisse starben viele Israeliten und das Volk begann umzudenken. Die Israeliten taten Buße, d.h., sie bekannten ihre Schuld und baten Mose, dass er für sie bei Gott Fürsprache einlegen sollte. Mose kam dieser Bitte nach. Sehr interessant ist nun Gottes Reaktion auf die Fürbitte des Moses: Gott wies ihn an, eine eherne (andere Übersetzungen sagen: “bronzene“) Schlange zu machen und diese als ein Zeichen unter dem Volk aufzurichten. Dann verhieß Gott, dass jeder Israelit, der zu dieser Schlange aufblicken würde, geheilt und gerettet werden würde. Genauso kam es dann auch. Die eherne Schlange wurde aufgerichtet und alle, die im Glauben auf dieses Zeichen blickten, wurden geheilt und gerettet.

Mehr als eintausend Jahre später greift der Herr Jesus Christus in einem Gespräch mit dem Pharisäer Nikodemus diese Begebenheit auf (vgl. Johannes 3, 14 – 18): “Und wie Mose in der Wüste eine Schlange erhöht hat, also muss des Menschen Sohn erhöht werden, auf das alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben. Also hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, auf dass alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben (vgl. Römer 5, 8; Römer 8, 32; Johannes 4, 9-10). Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass er die Welt richte, sondern dass die Welt durch ihn gerettet werde (vgl. Lukas 19, 10). Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet, wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, denn er glaubt nicht an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes (Johannes 5, 24).“

Die typologische Anwendung ist deutlich: So, wie der Blick auf die Schlange den verwundeten Israeliten Heilung und Rettung brachte und sie vor dem gerechten Zorn Gottes bewahrte, so bringt der Blick auf den gekreuzigten Jesus Christus dem glaubenden Menschen Heil und Rettung und bewahrt vor Gottes gerechtem Gericht. In den Schlangen verkörperte sich Gottes Fluch über die Sünder. Die Heilige Schrift lehrt uns, dass nicht nur die Israeliten gesündigt haben, sondern dass jeder Mensch unter dem Fluch der Sünde steht und das gerechte Gericht Gottes verdient hat (vgl. Römer 5, 12 – 21; Römer 6, 23). Doch Gott in Seiner Gnade will nicht den (ewigen) Tod des Sünders, sondern dass er sich bekehre, d. h. umkehre zu Gott, und lebe (vgl. Hesekiel 18, 23; 1. Timotheus 2, 3 – 4). Darum sandte Er Seinen Sohn auf diese Erde. Jesus Christus brachte am Kreuz von Golgatha das stellvertretende Opfer für alle Menschen. Gottes gerechter Zorn über die Sünde, der mich und Sie hätte treffen sollen, traf Ihn. Jeder Mensch, der gläubig zu diesem Kreuz aufsieht, erfährt Heil und Rettung, Befreiung und Erlösung, Frieden mit Gott und neues Leben in Christus.

Wer die dargelegten Gedanken verfolgt hat, mag vielleicht sagen: “Sicher, die Schlange in 4. Mose 21, 4 – 9 ist ein Bild des Fluches. Aber das trifft doch auf Christus nicht zu.“ Doch, genau so drückt es der Apostel Paulus in Galater 3, 13 aus: “Christus hat uns losgekauft von dem Fluch des Gesetzes, indem er ein Fluch für uns wurde, denn es steht geschrieben: ‚Verflucht ist jeder, der am Holz hängt‘ (5. Mose 21, 23).“ Am Kreuz wurde mit der Sünde des Menschen und mit Gottes Fluch über die Sünde ein für allemal gehandelt. Der Sohn Gottes trug all das, was uns hätte treffen müssen – den Fluch der Sünde und das Gericht Gottes – stellvertretend für uns. Darum kann der Apostel Paulus auch ausrufen: “Der Tod ist verschlungen in Sieg! Tod, wo ist dein Stachel? Totenreich, wo ist dein Sieg?“ (1. Korinther 15, 55) Haben Sie schon glaubend zu diesem Kreuz aufgeblickt?

Zusammenfassung:

Auf dem Hintergrund der biblischen Typologie, die im Mittelalter allgemein noch wesentlich bekannter und gebräuchlicher war als heute, bin ich der Überzeugung, dass diese Zusammenhänge – der Sieg Gottes über den Satan und die Sünde (im Bild der Schlange) – insbesondere anlehnend an das Bild aus 2. Mose 7, 1 – 12, wo Aarons Stab in Form einer Schlange, die Stäbe der ägyptischen Zauberer (ebenfalls in Gestalt von Schlangen) verschlingt, durch den erwähnten Tympanon, ausgedrückt werden sollte.

Anmerkungen/Quellenverweise:

¹= Dr. T. Constable: “Notes on Exodus“, 2005 Edition, Seite 22 – 23; http://bookcenter.dts.edu/p/23601/?utm_source=&utm_medium=

²= Prof. Dr. G. Riedl erklärt den Begriff “Typologie“ in “Hermeneutische Grundstrukturen frühchristlicher Bekenntnisbildung“ Verlag W. d. Gruyter, 2004, Seite 32, Fußnote 60 wie folgt: “Biblische Typologie – meist kurz Typologie genannt – ist eine Interpretationsmethode biblischer Geschichte. Aufgrund inhaltlicher Gemeinsamkeiten werden konkrete alttestamentliche Vorgänge oder Personen mit neutestamentlichen Begebenheiten oder Christus in Beziehung gesetzt und dabei der alttestamentliche Teil dieser Gegenüberstellung als Vorankündigung (Präfiguration, Typos) des neutestamentlichen Vorgangs oder Christus verstanden, dieser als Erfüllung (Antitypos der alttestamentlichen Vorankündigung). Voraussetzung für typologische Exegese ist der Glaube an die Zusammengehörigkeit der Testamente (…)“

³= “Scofield Bibel“ (Revidierte Elberfelder Übersetzung) mit Einleitungen, Erklärungen und Ketten-Angaben, R. Brockhaus Verlag Wuppertal, 6. Auflage 2001, Seite 82;

Dieser Beitrag wurde unter Glimpses/Impulse abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Hier ist Platz für Ihre Meinung

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.