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Der Hintergrund des Briefes
Die Mehrheit der konservativen Kommentatoren ist davon überzeugt, dass dieser Brief von dem Apostels Paulus stammt, so wie es der Absender angibt (Epheser 1, 1; 3, 1). Dafür spricht zum einen das Zeugnis vieler früher Kirchenväter, sein Vorkommen im Kanon Muratori und im Kanon des Marcion. Für die paulinische Autorenschaft sprechen außerdem die Struktur des Briefes, seine theologischen Aussagen, die mit der Theologie der anerkannten Paulusbriefe in Einklang steht (allein im Kolosserbrief gibt es 73 praktisch identische Verse) und das Selbstzeugnis des Autors (vgl. Epheser 3, 8 mit 1. Korinther 15, 9!).¹
In diesem Brief macht Paulus verschiedene Aussagen über seine Gefangenschaft (Epheser 3, 1; 3, 13; 4, 1; 6, 20). Aufgrund der bereits erwähnten Zeugnisse der Kirchenväter können wir davon ausgehen, dass es sich hier um die erste Gefangenschaft des Apostels handelt, die er zwei Jahre lang in Rom erdulden musste (vgl. Apostelgeschichte 28, 16 – 31, Philipper 1, 13; Philipper 4, 22) und die in die Zeit zwischen 60 und 62 n. Chr. datiert wird. (Für diese erste Gefangenschaft, aus der Paulus noch einmal frei kam, spricht die Schilderung der Umstände in Apostelgeschichte 28, 16 – 31: Paulus stand zu dieser Zeit unter “Hausarrest”, wurde von einem römischen Soldaten bewacht, konnte jedoch Gäste empfangen und in diesem Rahmen auch das Evangelium verkünden. Solche Freiheiten wurden dem Apostel bei seiner späteren Gefangenschaft nicht mehr zugestanden, wie wir aus 2. Timotheus 1, 16 entnehmen können.) Der Epheserbrief wird deshalb auch zu den Gefangenschaftsbriefen gerechnet, zu denen außerdem der Kolosserbrief, der Philipperbrief und der Brief an Philemon gehören (vgl. z.B. Epheser 6, 23 mit Kolosser 4, 8; sowie Kolosser 1, 7 und Kolosser 4, 10 ff. mit Philemon 23 – 25).
Der Epheserbrief enthält sehr wenige Aussagen des Apostels über seine Person oder die gegenwärtigen Umstände seines Dienstes. Auch deswegen wurde die Authentizität des Briefes angezweifelt. Das Fehlen solcher persönlichen Mitteilungen ist jedoch verständlich, wenn man sich die enge Beziehung des Apostels zu der Versammlung (= Gemeinde) in Ephesus vor Augen führt: Paulus besuchte die Stadt zum ersten Mal auf seiner zweiten Missionsreise (Apostelgeschichte 18, 19; je nach Datierung ab 49 bzw. 51 n. Chr.). Seine Mitarbeiter Priscilla und Aquila blieben dort und unterwiesen Apollos, als dieser nach Ephesus kam (Apostelgeschichte 18, 24). Auch auf der dritten Missionsreise macht Paulus in Ephesus Station. Bei dieser Gelegenheit findet er dort Jünger vor, die noch nicht belehrt und getauft sind (Apostelgeschichte 19, 1 – 41). Er bleibt dann über zwei Jahre dort (Apostelgeschichte 19, 10; 20, 31). In dieser Zeit konzentrierte er sich auf die gründliche Belehrung der Jünger, wozu er die “Schule des Tyrannus” mietete. Parallel dazu bleibt Paulus aber auch seinem Auftrag der Evangelisation treu, so dass viele Menschen in der Region das Evangelium hören und zum Glauben finden (Apostelgeschichte 19, 10). Nach dem Abschied des Apostels von der Versammlung (= Gemeinde) in Ephesus wird diese durch seinen Mitarbeiter Timotheus weiter betreut (vgl. 1. Timotheus 1, 3; 2. Timotheus 4, 12). Zum Ende der 3. Missionsreise kommt Paulus zwar noch einmal in die Nähe von Ephesus, hat aber nur Gelegenheit, die Ältesten der Versammlung (= Gemeinde) zu sich nach Milet zu bestellen (Apostelgeschichte 20, 16). In der Apostelgeschichte ist uns seine eindringliche Abschiedsrede an diese Christen überliefert (Apostelgeschichte 20, 18 – 38). Diese “Wegmarken” der “Gemeindechronik” der Epheser machen deutlich, dass sie nicht nur eine enge Beziehung zu Paulus pflegten, sondern auch zu dessen Mitarbeitern. Aufgrund dieser engen Bindung war ihnen vieles aus dem Leben und Dienst des Apostels bekannt. Hinzu kommt, dass der Epheserbrief durch einen Mitarbeiter des Apostels überbracht wurde. Der Name des Boten war Tychikus. Gemäß Epheser 6, 21 können wir sicher sein, dass Tychikus den Gläubigen in Ephesus Auskunft über die Lebensumstände und das Befinden des Apostels geben konnte und dies auch getan hat.
Wie eng die Beziehung zu den Gläubigen in Ephesus war, zeigt sich m. E. auch in den zwei Gebeten des Apostels für sie, die wir in diesem Brief finden und zwar in Epheser 1, 15 – 22 und Epheser 3, 14 – 21.
Thema und Einteilung des Epheserbriefes
Schon bei einem einmaligen Lesen des Briefes in seiner Gesamtheit wird deutlich, dass es in allen Belehrungen um die Versammlung (= Gemeinde) geht. Sie (gesehen in den drei Bildern: als Leib des Christus [Epheser 1, 22 - 23; 4, 11 - 16], als Tempel des Heiligen Geistes [Epheser 2, 19 - 22] und als Braut Christi [Epheser 5, 22 - 33]), und die Stellung, die sie in den Gedanken und Plänen Gottes einnimmt, sind d a s Thema dieses apostolischen Schreibens. Wir können den Epheserbrief grob in zwei Bereiche einteilen:
In Teil 1 (Epheser 1, 1 – 3, 21) erläutert Paulus nach einem Lobpreis Gottes die geistlichen Segnungen, die wir durch die Liebe des Vaters in Seinem Sohn Jesus Christus jetzt schon empfangen haben (Epheser 1, 4 – 8; 1, 11 – 14) und in Zukunft noch empfangen werden (Epheser 1, 9 – 10). Danach folgt das erste Gebet für die Gläubigen (Epheser 1, 15 – 22). An dieses Gebet schließt sich eine Belehrung über die Gnade Gottes und ihre Verwirklichung in Christus (Kapitel 2, 11 f.) sowie eine Belehrung über das Geheimnis und den unergründlichen Reichtum des Christus (Epheser 3, 2 – 11) an. Ab Epheser 3, 14 folgt das zweite Gebet. Abgeschlossen wird Teil 1 mit dem Hinweis auf die Liebe des Christus und einem Lobpreis des Erlösers.
Teil 2 (Epheser 4, 1 – Epheser 6, 24) befasst sich mit dem Leib des Christus, d.h. dem universalen Aspekt der Versammlung (= Gemeinde), seiner Versorgung und Auferbauung durch Christus (Epheser 4, 1 – 16). Danach beleuchtet der Apostel das alte und das neue Leben, d.h. das Leben des Ungläubigen und das durch Christus erneuerte Leben des Gläubigen (Epheser 4, 17 – 24). Die praktischen Aspekte der christlichen Gemeinschaft im Alltagsleben sind das darauf folgende Thema (Epheser 4, 25 – Epheser 5, 21). Ehe, Familie und berufliche Verpflichtungen gehören zwar auch zu diesem Themenkomplex, werden aber von Paulus noch einmal besonders betrachtet (Epheser 5, 22 – Epheser 6, 9). Den letzten Abschnitt bildet eine Belehrung über den geistlichen Kampf, in den der Gläubige hineingestellt ist (Epheser 6, 10 – 24).
Schon diese grobe Einteilung macht deutlich, dass es der Schwerpunkt in Teil 1 auf den geistlichen Segnungen des Gläubigen, in Teil 2 auf den praktischen Belehrungen für das (Alltags-)Leben des Gläubigen in der Versammlung (= Gemeinde), Familie und Welt liegt.
In Christus gesegnet
Wie bereits erwähnt, erläutert der Apostel nach dem Lobpreis Gottes die geistlichen Segnungen des Gläubigen. Es geht hier nicht um die vielfältigen (auch materiellen) Segnungen, mit denen Gott uns im Alltag beschenkt. Es geht um Wichtigeres: die geistliche Segnungen. Diese geistlichen Segnungen sind, obwohl sie sich nicht in irdischen Dingen ausdrücken, nicht minder konkret. Es handelt sich dabei um: die Gotteskindschaft, die Sohnschaft, das ewige Leben und die Innewohnung des Heiligen Geistes. Diese Segnungen werden all jenen zuteil, die dem Evangelium glauben und das Erlösungswerk Christi annehmen (Epheser 1, 7). Wer dies getan hat, der ist “in Christus”. Dieser Begriff (”ἐν Χριστῷ”/ ”en Christo”) kommt 12mal im Epheserbrief vor, an 13 anderen Stellen finden wir die Begriffe “in ihm” o. ä., die sich ebenfalls auf Christus beziehen.² Daraus wird deutlich, dass diese Segnungen einzig und allein in Christus zu finden sind und nur durch Ihn zu uns kommen.
Fußnoten:
¹= vgl. (auch zu einer eingehenderen Beschäftigung mit der Frage der Autorenschaft) Daniel B. Wallace in seiner online zugänglichen Einleitung zum Epheserbrief: “Ephesians: Introduction, Argument, and Outline”, sowie Erich Mauerhofer: “Einleitung in die Schriften des Neuen Testaments”, Band I & II, Seite 122 ff. [Band II], Verlag für Theologie und Religionswissenschaft Nürnberg, 3. Auflage 2004, bei dem sich eine Auflistung der Zeugnisse der Kirchenväter sowie eine ausführliche Diskussion über die Autorenschaft des Paulus und die Echtheit des Epheserbriefes findet.
²= Siehe: Epheser 1, 1; 1, 3; 1, 10; 1, 20; 2, 6; 2, 7; 2, 10; 2, 13; 3, 6; 3, 11; 3, 21; 4, 32.












